Zeitschrift 

Der Seminarkurs
 

Ein Weg zur Methodenkompetenz

Methodentraining als Vorbereitung
Ein Erfahrungsbericht: Neue Armut
Die Präsentation und ihre Bewertung

Heft 3/2002 , Hrsg.: LpB

 



 

Inhaltsverzeichnis


Der Seminarkurs - Ein Weg zur Methodenkompetenz


Einleitung

Von Bemerkungen wie "Irre gut, hätten wir öfter machen sollen" über "Ja schon, aber..." bis zu "Würde ich mir nie wieder antun" reicht die Palette von Schülerantworten auf die Frage nach den Erfahrungen mit dem Seminarkurs. So skeptisch manche Zweifler zu Beginn der Versuchsphase 1998/99 noch waren, mittlerweile steht fest: Der Seminarkurs hat sich erfolgreich durchgesetzt. Das zeigt sich nicht zuletzt in der neu geordneten gymnasialen Oberstufe, die mit dem Schuljahr 2001/2002 begonnen hat und erstmals 2002 mit dem Abitur abschließen wird. Zur Information über die Neuordnung der gymnasialen Oberstufe liegen die vom Ministerium für Kultus, Jugend und Sport herausgegebenen "Leitfäden" vor.

Mehr noch als bisher verlangen die neu erstellten Bildungspläne Arbeits- und Lernformen, Fähigkeiten und Kompetenzen, die erwachsenengerecht, hochschul- und berufsnah ausgerichtet sind. Sie sollen den jungen Menschen gute Startmöglichkeiten für Ausbildung und Studium geben. Durch projektorientiertes Arbeiten, das fächerverbindend und damit vielseitig ist, wird selbstständiges und selbst organisiertes Lernen sowohl individuell als auch im Team eingeübt.

Der so genannten Einführungsphase in die gymnasiale Oberstufe in Klasse 11 des neunjährigen Bildungsgangs (G 9) - oder in Klasse 10 des achtjährigen Bildungsgangs (G 8) - kommt jetzt eine größere Bedeutung als bisher zu. So müssen bereits während dieser Phase die für die Qualifikationsphase oder Kursstufe in den beiden letzten Jahrgangsstufen zu belegenden Kurse gewählt werden. Das führt dazu, dass bereits hier Vorarbeiten und Weichenstellungen im Erreichen von Methodenkompetenz erfüllt werden.

Im Rahmen des Wahlbereichs bietet die Besonder Lernleistung attraktive Profilierungsmöglichkeiten. Die Teilnahme an einem (in der Regel dreistündigen) Seminarkurs über zwei Semester kann mit maximal 60 Punkten in die Gesamtqualifikation für die Abiturprüfung eingebracht werden. Der Seminarkurs kann eine solche "Besondere Lernleistung" sein, alternativ auch die Teilnahme an einem von den Ländern oder vom Bund geförderten Wettbewerb. Die letztgenannte Möglichkeit gibt es derzeit allerdings nur für die allgemein bildenden Gymnasien, für die beruflichen Gymnasien voraussichtlich später.

Der Seminarkurs als "Besondere Lernleistung"

Der Seminarkurs dient der individuellen Schwerpunktsetzung und ist grundsätzlich eine frei wählbare Zusatzleistung, die aber nur dann ins Abiturzeugnis eingebracht werden kann, wenn sie noch nicht anderweitig im Rahmen der Schule angerechnet wurde. Die Arbeit muss schriftlich dokumentiert werden, die individuelle Leistung muss bewertbar sein und die Schülerin oder der Schüler muss die Ergebnisse in einer Präsentation vor Publikum vorstellen und sich in einem abschließenden Kolloquium einer Befragung stellen.

Bei der Bewertung der Leistungen im Seminarkurs des Gymnasiums sind höchstens 60 Punkte zu erzielen. In den einzelnen Teilleistungen können maximal die folgenden Punktzahlen erreicht werden:

Leistungen aus zwei Halbjahren der Kursstufe 

Schriftliche Dokumentation

Kolloquium

30 Punkte

15 Punkte

15 Punkte

Summe 60 Punkte

Bei höchstens 300 im Prüfungsblock des Abiturs erreichbaren Punkten ist das eine respektable Anzahl von Punkten. Allein das kann eine Teilnahme am Seminarkurs interessant machen, da schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt Teilleistungen für die Abiturprüfung erbracht werden können und damit der Arbeitsaufwand in der Abiturphase selbst stressärmer wird. Die besondere Lernleistung kann beispielsweise ein mündliches Prüfungsfach ersetzen.

Für die allgemein bildenden Gymnasien gilt, dass der Seminarkurs in den beiden ersten Kurshalbjahren zu absolvieren ist; die beruflichen Gymnasien können den Seminarkurs auch in die Kursstufen 12.2 und 13.1 legen.

Zur Konzeption des Heftes

Sowohl im allgemein bildenden als auch im beruflichen Gymnasium kommt der Methodik geistigen Arbeitens heute gesteigerte Aufmerksamkeit zu. Daneben werden in den Bereichen Teamfindung und Teamarbeit sowie Präsentationsfähigkeit wichtige Schwerpunkte gesetzt.

Das Schaubild 1 gibt einen Überblick über wichtige Schritte für das Vorgehen. Die Bausteine dieses Heftes greifen die hier dargestellten Schwerpunkte auf. So soll der Umgang mit den Anforderungen trainiert werden, die beim Seminarkurs von den Lehrenden wie von den Schülerinnen und Schülern zu erbringen sind. Die in der Praxis erprobten Beispiele können eine Anregung sein für diejenigen, die bisher noch keinen Seminarkurs geleitet haben. Die anderen können sich bestätigt finden, eigene Erfahrungen hier wieder entdecken oder korrigieren.


Schaubild 1: Methoden geistigen Arbeitens

Sammeln und Ordnen Informationen filtern Informationen strukturieren Zeitplan aufstellen Hilfsmittel anwenden
Brainstorming Ziele festlegen Oberbegriffe finden Arbeitsschritte festlegen Karteikasten / Dateien anlegen
Recherchieren Hypothesen / Modelle bilden Strukturschema zeichnen Arbeitstempo einschätzen Wörterbücher Lexika
"W-Fragen" stellen Experimente durchführen Kategorien festlegen Zwischenziele festlegen Suchdienste finden und nutzen
Interviews
durchführen
Argumente anpassen Gliederung anfertigen Zeitplan neu gestalten Bibliografien auswerten
  Themenzentrierte Fragen stellen   Methoden des Projektmanagements Neue Medien (PC) einsetzen
  Mindmaps anfertigen      

Landesinstitut für Erziehung und Unterricht (Hrsg.): Leitfaden für die gymnasiale Oberstufe, Stuttgart 1998, S: 10


Anregungen, nicht nur für die Kursstufe

Ähnliche Arbeitsweisen, wie sie im Seminarkurs verlangt werden, sind auch für die vier zusätzlichen Lernleistungen relevant, die im Lauf der Kursstufe in jeweils verschiedenen selbst gewählten Fächern verpflichtend erbracht werden müssen: in Form von schriftlichen Hausarbeiten, Projekten, Referaten oder Präsentationen.

Aber nicht nur im gymnasialen Bereich sind neben den Inhalten die Arbeitsweisen und Methoden immer mehr ins Blickfeld der Pädagogen gerückt. Im Rahmen der inneren Schulentwicklung wird auch an Hauptschulen und an Realschulen den veränderten Anforderungen an die Schülerinnen und Schüler in unserer Gesellschaft und Arbeitswelt verstärkt Rechnung getragen. Das geschieht durch die Ausbildung überfachlicher Kompetenzen.

Neben der fachlichen Kompetenz sollen die Hauptschulabgänger soziale Kompetenz, Methodenkompetenz und personale Kompetenz kennen und ein-üben lernen. In den Hauptschulen ist im Rahmen der Abschlussprüfung die themenorientierte Projektprüfung verbindlich eingeführt worden. Diese Prüfung soll Qualifikationen wie Leistungsbereitschaft, Selbstständigkeit, Teamfähigkeit und die Übernahme von Verantwortung bewerten.

In den Realschulen wird der Vermittlung von Grundlagenwissen, der vermehrten Projektorientierung und der praktischen Anwendbarkeit des Gelernten eine stärkere Bedeutung als bisher zugemessen. Was bisher noch auf freiwilliger Basis geschah, wird ab dem Schuljahr 2004 für alle Realschulen als neues Konzept verpflichtend. So werden beispielsweise "Wirtschaft, Verwalten, Recht" (WVR) oder "Naturwissenschaftliches Arbeiten in Biologie, Chemie, Physik" (NWA) als Fächerverbünde neu geschaffen. Sie sollen ein intensives themenorientiertes Arbeiten ermöglichen, parallel dazu werden Bildungsstandards (Kerncurricula) für die Klassenstufen 6, 8 und 10 erarbeitet, die eine verlässliche Evaluation ermöglichen sollen.

Unter solchen, die Schularten übergreifenden Aspekten versteht sich unser Heft als Beitrag, um neue Arbeitsformen kennenzulernen, sie nicht nur zu erproben, sondern auch zu bewerten. Wir sehen das als einen Weg zur Ausbildung von Methodenkompetenz - in vielen Schularten, nicht nur auf der Oberstufe des Gymnasiums.

Die Bausteine

A: Methodentraining als Vorbereitung

Die Überlegung, wichtige Arbeitsformen und Methoden bereits vor Beginn der Kursstufe in Klasse 11 gezielt zu trainieren, um dann während der Zeit des Seminarkurses umso intensiver an inhaltlichen Aspekten arbeiten zu können, steht hier im Mittelpunkt. Die Humpis-Schule in Ravensburg, ein Wirtschaftsgymnasium, entwickelte als eine der ersten Schulen in Baden-Württemberg ein Konzept, das inzwischen zum festen Bestandteil innerhalb der Schule geworden ist und auch an anderen Schularten (Berufsschule und Berufsfachschule) erfolgreich praktiziert wird.

Auch in den Klassen 9, 10 und 11 der allgemein bildenden Gymnasien hat ein frühzeitiges Methodentraining nach dem Modell der Humpis-Schule den Vorteil, dass diese Arbeitstechniken allen Schülerinnen und Schülern vermittelt werden und nicht nur dem oft kleineren Kreis der Seminarkursteilnehmer. Voraussetzung für das Gelingen ist jedoch, dass die Schulorganisation, Schulleitung und das gesamte Kollegium in enger Kooperation ein solches Vorgehen unterstützen.

Der Baustein ist auch für Haupt- und Realschulen geeignet, wo moderne Lern- und Arbeitskompetenzen, Methodenlehre und Präsentationstechnik als Schlüsselqualifikationen für die berufliche Zukunft sehr viel früher als an den Gymnasien erprobt und eingeübt werden müssen, weil oft auch Ausbildungsbetriebe und die Industrie von ihren Auszubildenden darin Grundkenntnisse erwarten. Nicht zuletzt werden auch die beruflichen Schulen von dem hier und in den weiteren Bausteinen Vorgestellten profitieren.

B: Ein Erfahrungsbericht: Neue Armut

Dieser Baustein ist ein Erfahrungsbericht über Planung und Verlauf eines Seminarkurses am Evangelischen Heidehof-Gymnasium in Stuttgart. Dem Schulprofil entsprechend hatten zwei Lehrerinnen das Thema "Neuer Reichtum - neue Armut" für die ersten dort angebotenen Seminarkurse vorgeschlagen. Der Bericht in diesem Heft gibt Einblicke in Planungsphase, Durchführung und erreichbare Ergebnisse, verschweigt aber nicht die Schwierigkeiten, die auch entstehen können. Es zeigt sich, wie nützlich die in Baustein A vorgestellten Methoden sind. Die Arbeit im Seminarkurs wird erleichtert, wenn sie schon vorweg geübt wurde. Auch das Training der Arbeit im Team will gelernt sein. In den "Leitfäden" des Kultusministeriums wird auf diesen Aspekt besonders hingewiesen. Es muss akzeptiert werden, wenn die Vorstellungen der Lehrenden nicht immer mit den Erwartungen der Kursteilnehmer übereinstimmen. Am Ende eines erfolgreichen Seminarkurses steht nicht selten die Feststellung, dass ein Jahr doch sehr kurz ist.

C: Die Präsentation und ihre Bewertung

Das Profil der Johann-Philipp-Reis-Schule in Weinheim als Wirtschaftsgymnasium und die aktuellen Diskussionen zur Agenda 21 kennzeichnen die Themenstellung dieses Bausteins, der als Abschluss Beispiele für die Präsentation und Bewertung von Seminarkursen zeigt. Die in mühevoller Vorarbeit zusammengetragenen Ergebnisse müssen besonders aufbereitet werden, um sie vor Publikum überzeugend präsentieren zu können. Den Schülerinnen und Schülern fällt gerade dieser Teil oft schwer, da sie vor Zuhörerschaft unter besonderem Erfolgsdruck stehen. Der Einsatz von modernen Visualisierungsmöglichkeiten kann darüber hinweghelfen, wenn einige Grundregeln eingehalten werden. Der ausgezeichneten technischen Ausrüstung eines Wirtschaftsgymnasiums entsprechend steht für Schüler und Schülerinnen die Präsentation mit Hilfe von Beamer und Powerpoint im Vordergrund. Statistische Erhebungen lassen sich so nicht nur grafisch, sondern auch farblich hervorgehoben, nach und nach an die Wand projizieren. Dieser Teil gibt Einblicke in gelungene Visualisierungen mit Beispielen aus einem Seminarkurs zum Thema Weinheim - Stadt mit Zukunft?! Die Agenda 21. Die Bewertung von Präsentationen rundet diesen Baustein ab.

Ansprüche und Ertrag

Ob ein Seminarkurs für Schülerinnen und Schüler und damit auch für die betreuenden Lehrkräfte erfolgreich wird, hängt von vielen Faktoren ab, die oft im Vorfeld nicht zu überschauen sind. So gibt es Berichte über Seminarkurse, die gescheitert sind, weil die Teams diametral entgegengesetzte Interessen hatten, weil der Zeitaufwand und der Arbeitseinsatz falsch eingeschätzt wurden oder weil man an zu hoch gesteckten Zielen festhielt. Man kann es als Aufgabe der Lehrenden sehen, solches zu verhindern. Andererseits kann jedoch das Verfehlen eines Ziels oder das Stehenbleiben auf dem Weg dahin für junge Menschen auch eine wichtige Erfahrung sein, die Erkenntnisprozesse in Gang setzt.

Die hohen Ansprüche, die an die Schülerinnen und Schüler bei einer erwachsenengerechten und hochschulnahen Arbeitsweise gestellt werden, können oft nicht von heute auf morgen erfüllt werden. Der Erfolg wird sich für viele erst dann zeigen, wenn sie nach dem Schulabschluss ihre Ausbildung oder ihr Studium aufnehmen und feststellen, dass sie für ihre Arbeit von ihren Seminarkursen nachhaltig profitiert haben. 

Judith Ernst-Schmidt

 


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