Zeitschrift 

Türken bei uns

Texte und Materialien 
für Schülerinnnen
und Schüler
 

Heft 3/2000 , Hrsg.: LpB

 

Inhaltsverzeichnis


 
B1-A30 Migration

B 1 Ausländeranteile 1998
 
Bild aus: The Republic of Turkey; Broschüre des türkischen Außenministeriums, S. 30

B 2 Türken in Deutschland

30. Oktober 1961 Vereinbarung über die Anwerbung türkischer Arbeitskräfte zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei (Abkommen mit anderen Staaten: 1955 Italien, 1960 Griechenland und Spanien, 1963 Marokko, 1964 Portugal, 1965 Tunesien, 1968 Jugoslawien).
30.4.1964 Deutsch-türkisches Abkommen über die soziale Absicherung türkischer Arbeitnehmer: Sozialrechtliche Gleichstellung mit den deutschen Arbeitnehmern.
27. November 1969 Ismail Babader wird als millionster türkischer Arbeitnehmer auf dem Münchener Hauptbahnhof feierlich begrüßt. Josef Stingl, Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, überreicht ihm einen Fernseher.
23. November 1973 Anwerbestopp für ausländische Arbeitnehmer, der alle Vertragsländer betrifft. Einwanderung in die Bundesrepublik fortan nur durch Eheschließung oder Familienzusammenführung.
12. September 1980 Militärputsch in der Türkei. Viele Regimegegner suchen in der Folgezeit Asyl in der Bundesrepublik Deutschland.
26. Mai 1982 Selbstverbrennung der jungen Türkin Semra Ertan auf einem Marktplatz in Hamburg aus Protest gegen die zunehmende Ausländerfeindlichkeit.
23. November 1992 Brandanschlag auf ein Haus in Mölln, bei dem drei Türkinnen ums Leben kommen. 1993 kommt es zu einem ähnlichen Anschlag in Solingen, bei dem fünf türkische Frauen und Kinder sterben.
Herbst und Winter 1992/93 Lichterketten gegen den Rassismus in zahlreichen bundesdeutschen Städten. Es beteiligen sich hunderttausende von Menschen.
14. Oktober 1998 SPD und Grüne beschließen in den Koalitionsverhandlungen, die Einbürgerung von Ausländern zu erleichtern.
1. Januar 2000 Das neue Einbürgerungsgesetz tritt in Kraft.

B 3 Einwanderer
1961 befanden sich ca. 8600 türkische Migranten in der Bundesrepublik Deutschland - Grafik: A. Mangler

B 4 Wie sie kamen

Berufliche Eignungsprüfung, Deutsche Verbindungsstelle, Istanbul 1973

Die angeworbenen Arbeitskräfte fuhren, meistens in Sonderzügen, in mehr als fünfzigstündiger Fahrt von Istanbul-Sikerci nach München. Vor der Abfahrt des Zuges bekamen die Reisenden ein Verpflegungspaket. Die meist völlig erschöpften Menschen kamen in München auf Gleis 11 an. Durch die Weiterleitungsstelle wurden sie mit einer Mahlzeit versorgt und später zu den Zügen gebracht, mit denen sie zu ihren Arbeitgebern in der gesamten Bundesrepublik weiterfuhren.


Montagefabrik Mühlacker 1973
Bilder aus: Fremde Heimat, a.a.O., S. 66, 127

B 5 Sprachhilfen

Aus einem Bildwörterbuch für türkische Stahlarbeiter im Ruhrgebiet Bild aus: Fremde Heimat, S. 36

B 6 Freizeit

Hauptbahnhof Stuttgart 1973
Aus: Fremde Heimat, S. 236

B 7 Hoffnungen
Ali Osman ging 1970 nach Deutschland, um das Geld für einen solchen Traktor zu verdienen. Hier sieht man ihn mit seinem neuen Mantel kurz vor der Abfahrt. Bekannte sagten zu ihm: "In Deutschland musst du dich warm anziehen."

Aus: Fremde Heimat, S. 209

B 8 Erwartungen

"Wir sind benötigt, aber nicht erwünscht"
"Bize ihtiyaçlan var, ama istenmiyoruz"

Was die Deutschen wollten, steht im krassen Gegensatz zum Wesen des modernen Menschen. Als die Deutschen aus dem Ausland "ausländische Arbeitskräfte" anforderten, dürften sie nicht daran gedacht haben, dass es dabei um Menschen geht... 
Das heißt, die Arbeitskräfte sollten kommen, für sich allein existieren, die Straßen fegen, Häuser bauen, Maschinen bedienen, Beton aufbrechen, Elektroschweißen, dabei aber völlig unsichtbar bleiben... Sie sollten nicht in Häusern leben, nicht in die Parkanlagen gehen, nichts essen, unbekannt bleiben, sich nicht lieben... 
Man zahlte ihnen ihr Geld aus und hatte damit alles Nötige getan. Am liebsten hätte man die Ausländer jeden Abend um fünf in ihre Heimatländer zurückgeschickt und sie morgens zurückgeholt...
Aus: Fremde Heimat, S. 39, S. 68 (Nevzat Üstün)

B 9 "Gastarbeiter sind begehrt"
Aus einer deutschen Tageszeitung von 1968

Besonders begehrt sind von der deutschen Industrie wieder die Gastarbeiter. Türken werden nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung am meisten angefordert. Deshalb sind sie auch am schwersten zu haben. Zehn Wochen müssen die Firmen allein auf Hilfsarbeiter warten. Türkinnen sind schon eher zu bekommen, vor allem die Analphabetinnen. Insgesamt stehen die Gastarbeiter in diesem Spätsommer hoch im Kurs. Weitgehend ausverkauft sind auch die Italiener, bis auf eine kleine Zahl von Handwerkern, wie Schneider, Maler und Elektromechaniker oder verwandte Berufe.

Aus: Svenja Falk: Dimensionen kurdischer Ethinizität und Politisierung, 1998, S. 148

B 10 Empfang 1969
Begrüßung von  Ismail Babader am 27. November 1969 auf dem Hauptbahnhof München (vgl. B 2)

Aus: Fremde Heimat, S. 166

B 11 Begründungen
Die Deutschen wollten auch noch aus einem anderen Grund lieber ausländische Arbeiterinnen. Als ich zuerst davon hörte, wollte ich es nicht glauben. Die Hände der türkischen und griechischen Frauen, so heißt es, seien für feine Arbeiten besser geeignet. Ihre Hände seien kleiner und geschickter, als die der westeuropäischen Frauen. Beim Bau von Modellen, beim Bedienen und Zusammensetzen von elektrischen Geräten und Apparaten seien diese kleinen und weichen Hände sehr nützlich.
Aus: Fremde Heimat, S. 62 (Nevzat Üstün)

B 12 Ausländer in Westdeutschland

Ausländische Wohnbevölkerung und ausländische Arbeitnehmer in Westdeutschland 1973-1990
Türkische Beschäftigte und türkische Wohnbevölkerung in Baden-Württemberg 1998
 

Türkische Beschäftigte und türkische Wohnbevölkerung in Baden-Württemberg 1998

Nach: Statistik von Baden-Württemberg Bd. 548, S. 60 und S. 141

B 13 Aufenthaltsdauer türkischer Migranten

Statistik von Baden-Württemberg Bd. 548, S. 60 f.

B 14 Vom Arzt bis zum Lehrer

Insbesondere in den letzten zehn Jahren hat sich auch ein türkischer Mittelstand etabliert, der sich außer aus selbstständigen Unternehmern auch aus einer wachsenden Zahl von Ärzten, Lehrern, Sozialberatern etc. zusammensetzt. Eine besondere Rolle nehmen die türkischen Sozialberater ein. Seit 1961 liegt die Zuständigkeit für die Betreuung türkischer Einwohner bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO). ... Mit dem Heranwachsen der zweiten und dritten Ausländergeneration ist auch die Zahl der Sozialberater türkischer Herkunft kontinuierlich gestiegen. Mittlerweile gibt es allein bei der AWO bundesweit 327 Sozialberater. ...
Steigende Tendenz zeigt auch die Zahl türkischer Lehrer. In Nordrhein-Westfalen sind beispielsweise mehr als 1 000 hauptberufliche Lehrer türkischer Herkunft an den allgemein- und berufsbildenden Schulen tätig. Zu erwähnen sind außerdem die zahlreichen türkischen Ärzte sowie die Vertreter der türkischen Selbstorganisationen und Vereine.

Faruk S¸en/Andreas Goldberg: Türken in Deutschland, 1994, S. 41

B 15 Türkische Studierende
An den Hochschulen in Baden-Württemberg im WS 1998/99


Statistik von Baden-Württemberg, Bd. 548, S. 128

B 16 Die Heimat - memleket

Fremde Heimat, S. 389

B 17 
 

Drei Generationen von Türken leben in Deutschland
Bild: epd

 

B 19 Erziehungsprobleme türkischer Eltern
Der Text ergibt sich aus einem Gespräch des Autors mit türkischen Eltern über die Erziehung ihrer Kinder in Deutschland. Die Gesprächspartner sind Asiz, 
Yasar und Fatma.

Asiz Subayoglu würde im Zweifelsfall der Vorbereitung auf die Gesellschaft eine größere Bedeutung beimessen als dem Schutz vor ihr. "Mein Sohn soll mit mir überall hingehen, soll alles sehen und machen. Damit er dann später, wenn er allein sein wird, nicht ins Unglück gerät ... Lass mich so sagen: Wenn wir draußen was gesehen haben, was wir der Mutter nicht sagen können, dann ... wir müssen alles sehen, aber er muss lernen, dass er damit nicht sofort kommen und es der Mutter erzählen kann. Also zum Beispiel ich ... ach es ist nicht nötig alles zu erzählen." Ich weiß nicht genau, an was Azis hier denkt und assoziiere Peepshow oder Nachtklub - jedenfalls ist es sein Plan, seinen Sohn geradezu in die Gesellschaft zu initiieren, um ihn dadurch zu schützen ...


Disco alle turca
Foto: Sedat Mehder/Photo Magic

Yasar und Fatma würden dagegen bei einem Zielkonflikt dem Schutz vor der Gesellschaft größere Bedeutung beimessen als der Vorbereitung auf sie. Beide halten die Gefahren, die von ihr ausgehen, für bedrohlicher als andere Migranten: "In Deutschland ist alles frei. Vor allem die Sexualität, also beieinander zu sitzen, sich miteinander zu vergnügen, zu lachen, zu spielen. Alles das ist hier sehr frei. Unsere Bräuche und Sitten erlauben das nicht. Wir sind Muslime. Nun bekommen unsere Kinder Lust, wie Deutsche zu leben. Beispielsweise ist es im Islam verboten, Schweinefleisch zu essen. Jetzt sehen unsere Kinder, dass die deutschen, die italienischen, die griechischen Kinder Schweinefleisch essen. Sie sehen es und werden neugierig. Sie essen selbst Schweinefleisch."

Werner Schiffauer: Die Migranten aus Subay, S. 241 ff.

B 20 Islamunterricht

Im Koranunterricht lernen die Kinder alles, was ein frommer Muslim wissen muss. Arabische Schriftzeichen, die wichtigsten Gebete und Regeln. Welches Fleisch sie essen dürfen und welche Getränke sie besser meiden. Wie sich ein Junge zu verhalten hat, wenn er "feuchte Träume" hat und "wie ein Mädchen sich waschen muss, in den Tagen der Regelblutung". Auf die islamische Sittenlehre legen die Lehrer besonderen Wert, versichert Mustafa Yoldas, Sprecher der Hamburger Moschee. Wer zu uns kommt, nimmt keine Drogen, ist nicht kriminell, hängt nirgendwo herum. Kurze Zeit später erklingt der Ruf zum Nachmittagsgebet. Junge Männer gehen durch die Reihen und richten die Kinder gen Mekka aus. Der Große Gebetsraum nebenan ist bereits gut gefüllt. Der letzte Junge nimmt den Kaugummi aus dem Mund. Dann werfen sich die Gläubigen zu Boden.

Neue Heimat Islam. 
Zeitpunkte No. 2/1999´ Türken in Deutschland, 1999, S. 14

B 21 Moscheen sind Orte der Begegnung

Moscheen sind nicht nur Orte des Gebetes - in dieser Hinsicht also mit Kirchen vergleichbar - sondern auch der Begegnung und Lehre sowie Ruheplätze für Reisende. In Deutschland sind Moscheen oftmals in ehemaligen Fabriken oder anderen Gebäuden, manchmal nur im Raum einer Wohnung untergebracht, von außen also nicht ohne weiteres zu erkennen. In Deutschland gibt es derzeit über 2000 Moscheen, in denen am Freitag der Muezzin die Gläubigen zum Gebet ruft. Repräsentative Moscheen mit Kuppelbau und Minarett, die auch von außen als Gotteshäuser erkennbar sind, gibt es z.Zt. in Deutschland dreißig. Der Bau einer solchen Moschee wird in den Gemeinden nicht vorbehaltslos genehmigt. Probleme um die Höhe des Minaretts im Vergleich zu den höchsten Kirchtürmen der Stadt tauchen regelmäßig auf. Manche Deutsche befürchten eine Gefahr für das Christentum, da sie in solchen Moscheenbauten ein Zeichen für die Ausbreitung des Islam sehen. Ohne Zweifel sind solche Moscheenbauten, die sehr kostspielig sind, ein klares Zeichen, dass die Verbleibabsicht der Mehrheit der Türken zugenommen hat. 
In Deutschland befinden sich im Moscheebereich auch Büchereien mit religiöser Literatur, Videotheken mit religiös orientierten Filmen, Lebensmittelgeschäfte, wo rituell reine Lebensmittel verkauft werden. (Rituell rein heißt z.B., dass sie ohne Schweinefleisch oder wirbellose Meerestiere und ohne Alkohol hergestellt wurden und dass das Fleisch von Tieren stammt, die nach islamischen Schächtervorschriften getötet wurden.) Darüber hinaus haben die Moscheen auch soziale Funktion: Sie dienen als Treffpunkte, insbesondere der älteren Männer, die gerne die angegliederten Teestuben besuchen. Häufig werden die Räumlichkeiten der Moschee auch für Hochzeits- oder Beschneidungsfeste zur Verfügung gestellt. Inzwischen haben viele Moscheen ein breites Spektrum an Aktivitäten in ihrem Angebot, so bieten sie u.a. auch Alphabetisierungskurse für Frauen, Deutsch- und Nähkurse, Sozialberatung und diverse Gesprächskreise an. Für die Jugendlichen gibt es neben den Korankursen, Hausaufgabenhilfen, EDV-Kurse und an einigen Moscheen die beliebten Kampfsportarten (z.B. Judo, Karate).

B 22 Feste der türkischen Bevölkerung

Das Opferfest
Das viertägige Opferfest ist das wichtigste islamische Fest. Es erinnert an die Bereitschaft Abrahams, auf Gottes Willen hin seinen Sohn Ismael zu opfern. Zum Opferfest, in seiner besonderen Bedeutung für die Familie vergleichbar mit Weihnachten, werden symbolisch für diese Opferbereitschaft ein Huhn, ein Schaf oder ein Ochse geschlachtet, je nach eigenem Vermögen. Nach dem Koran soll das Opferschlachttier jeweils zu einem Drittel an arme Leute und an Verwandte/Bekannte verteilt werden, das verbleibende Drittel ist für den eigenen Verzehr gedacht. Das Opferfest wird siebzig Tage nach dem Ramadanfest begangen, welches den Fastenmonat abschließt.

Fastenmonat (Ramazan)
Der Fastenmonat (türkisch Ramazan) stellt eine bedeutende islamische Tradition dar. Das Fasten im neunten islamischen Monat, dem Ramadan (arab. Schreibweise), ist für Muslime neben dem täglichen Gebet, das wichtigste Zeugnis für ihre Verbundenheit mit dem Islam. Die Fastenzeit dauert 27 Tage. Fasten heißt, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Essen, Trinken, Rauchen und Geschlechtsverkehr zu verzichten. Durch das Fasten, so glaubt der Muslim, kann er bei Gott eine Vergebung seiner Sünden erwirken. Auch Versöhnung, Barmherzigkeit, Vergebung sind mit diesem Fest verbunden. Da sich der islamische Kalender nach dem Mond richtet und 13 Monate hat (Mondjahr), bewegt sich nach der bei uns geltenden gregorianischen Zeitrechnung der Fastenmonat zyklisch durch das Jahr.

Ramadanfest
Das "Ramadanfest" oder "Zuckerfest" wird am Ende der Fastenzeit gefeiert und dauert drei Tage. Der Name "Zuckerfest" geht auf den Brauch zurück, im Zuge der Festvorbereitungen viele Süßspeisen für die erwarteten Festtagsbesucher herzustellen und die Kinder mit Süßigkeiten zu beschenken. Diese Sitte ist heute größtenteils - einem allgemeinen, auch in Deutschland zu beobachtenden Trend folgend - der Verteilung von Geld- und Sachgeschenken gewichen.

Jost Cramer
B 23 Namaz

Ein gläubiger und praktizierender Muslim betet fünfmal am Tag zu festgelegten, aber u.U. flexibel zu handhabenden Tageszeiten (namaz beten). Das Gebet wird in Richtung der Stadt Mekka verrichtet, die das größte Heiligtum des Islam, die Kaaba (ein würfelartiger Bau, der von einer Moscheeanlage umgeben ist), beherbergt und auch Geburtsstadt des Propheten Mohammed ist. Das Gebet kann überall verrichtet werden, vorausgesetzt der Ort ist sauber, was durch die Verrichtung des Gebets auf einem Teppich, Tuch oder eben im Notfall einer Zeitung gewährleistet ist. Die Verrichtung des Gebets, das in wenigen Minuten und an jedem Ort stattfinden kann, wird in Deutschland in vielen Betrieben nach wie vor als Störung des Betriebsablaufs empfunden, auch wenn dies auf Grund der relativ flexiblen Gebetszeiten (Spielraum von jeweils zwei Stunden) kein Problem darstellen müsste.
 
Betende Moslems auf dem Maimarktgelände in Mannheim 
Bild: dpa
 

Ein Kalenderblatt für den 4. Juli (Temmuz) 2000 aus dem islamischen Kalender zeigt die Gebetszeiten in verschiedenen Städten Westdeutschlands an. Ein solcher islamischer Kalender, der auch die religiösen Feste enthält, hängt in jeder Moschee. Nach ihm richtet sich das religiöse Leben der Muslime. Für den praktischen Gebrauch wird er an den gregorianischen Kalender angepasst, der, wie bei uns, auch in der Türkei offiziell gilt.


 

B 24 Reizthema Kopftuch

Ein Reizthema, das in Deutschland immer wieder im Zusammenhang mit dem Islam und der Stellung der Frau diskutiert wird, ist das Tragen von Kopftüchern der türkischen bzw. muslimischen Frauen. Dabei erhitzen sich die Gemüter derart, dass je nach Standpunkt das Kopftuch den Stellenwert eines Instruments des Zwangs bzw. des Schutzes erhält. Ein Kopftuchzwang oder direktes Schleiergebot wird im Koran weder ausgesprochen, noch wird es im Gesetz allgemein gefordert. In der Türkei ist Mädchen und Frauen das Tragen von Kopftüchern an Schulen und Universitäten sogar untersagt.
Wenn man Bilder von türkischen Arbeitsmigrantinnen der 60er und frühen 70er Jahre betrachtet, hat man den Eindruck, dass das Kopftuch keine besondere Rolle oder eher die eines modischen Accessoires spielte. Die Arbeitsmigrantinnen waren mehr oder weniger westlich gekleidet. Eine Änderung trat wahrscheinlich mit dem Familiennachzug seit dem Anwerbeverbot 1973 ein. Das Kopftuchtragen wurde nun als Tradition vor allem ländlicher Regionen, aus denen viele Türkinnen stammen, mitgebracht. Inzwischen signalisieren aber auch weibliche Mitglieder verschiedener religiöser Vereine durch eine spezifische Art, das Kopftuch zu binden und zu tragen, ihre Zugehörigkeit zu dem jeweiligen Verein. Das Kopftuchtragen hat nun eine religiöse Motivation und bedeutet Bekenntnis zum Islam. Das gilt gerade auch für jugendliche Türkinnen. Manche Türkinnen haben erst in Deutschland eine stärkere Bindung an den Islam erfahren. Darüber hinaus kann der Schleier auch Ausdruck des Protestes sein.

B 25 Zum Kopftuchstreit

Hülya Kalan, 30, Bankkauffrau; Melek Bani, 20, Philosophiestudentin; Ahmet Demircioglu, 23, Student der Wirtschaftswissenschaften

Was bedeutet Ihnen das Kopftuch?

Melek Bani: Ich habe kein Problem damit. Früher war das eher schwierig. Da habe ich meine Mutter natürlich gefragt, ob sie es trägt, weil es Pflicht ist. Sie ist streng gläubig, also sie betet fünfmal am Tag. Das was im Koran steht, stimmt für sie. Und das ist ihre innere Überzeugung, und das respektiere ich ...

Hülya Kalan: Ja, aber ich finde es erschreckend, wenn manche Eltern schon kleine Kinder dazu zwingen, mit Kopftüchern in die Schule zu gehen. Frag doch mal die Kinder, wie es ihnen damit geht. Damit unterscheiden sie sich. Dann fängt dieser Kampf, von dem wir geglaubt haben, dass wir ihn hinter uns gebracht haben, wieder von vorne an. Dabei hat unsere Generation doch schon so viele Wege geebnet. Ich kenne junge Mädchen, die mit dem Kopftuch zur Schule geschickt werden, wo sie es dann wieder abnehmen, weil sie ja dazugehören wollen. Das tut mir richtig weh.

Ahmet Demircioglu: Ist ja richtig, es dient der Integration nicht, es ist ein Hindernis.

Hülya Kalan: Es wird dann unschön, wenn wir uns als moderne Türken kritisieren lassen müssen. Wenn die Konservativen es so auslegen, dass, wenn du attraktiv sein willst, du dich angeblich gegen den Koran wendest.

Stuttgarter Zeitung, 19.2.2000 (Interview)

B 26 Offizielle Erklärungen

a - Kurde. Name einer Gemeinschaft, die großenteils aus Türken besteht, die ihre Sprache gewechselt haben; die ein verderbtes Persisch spricht und in der Türkei, im Irak und Iran lebt sowie jemand, der zu dieser Gemeinschaft gehört.
Türkce Sözlük, Ankara 1966
b - Kurdische Sprache. Die kurdische Sprache ist indogermanischen Ursprungs und sprachlich nicht verwandt mit dem Türkischen. Daher ist die Bezeichnung "Bergtürken", die bis 1990 für die kurdische Bevölkerung in den süd-östlichen Provinzen offiziell gebraucht wurde, irreführend und als Versuch zu bewerten, die ethnische Differenz zwischen Türken und Kurden zu leugnen.
S¸en, Türkei, S. 146
 

B 27 Daten zum türkisch-kurdischen Konflikt

Ende des 19. Jh. 
Zeitlich parallel zur türkischen Nationalbewegung entsteht eine kurdische Nationalbewegung. Träger sind vor allem Kurden, die in Istanbul leben.
1918
Das Osmanische Reich bricht am Ende des Ersten Weltkriegs auseinander.
1920
Friede von Sèvres: Für die Kurden wird eine Autonomie vorgesehen.
1923
Vertrag von Lausanne nach erfolgreicher Beendigung des "Befreiungskrieges" durch Mustafa Kemal: Festlegung der heutigen Grenzen der Türkei. Von einer Autonomie für die Kurden ist keine Rede mehr. Kurdistan wird auf vier Staaten verteilt: Türkei, Irak, Iran, Syrien.
29.10.1923
Gründung der Republik Türkei.
1923
Beginn einer Assimilierungspolitik gegenüber den Kurden: Kurdische Schulen, Organisationen, Publikationen und der öffentliche Gebrauch der kurdischen Sprache werden verboten.
1925-1938
Es kommt zu vier kurdischen Aufständen, die von der Armee niedergeschlagen werden.
1978
Abdullah Öcalan gründet die marxistisch ausgerichtete Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Ziel ist ein unabhängiger Kurdenstaat.
1984
Die PKK beginnt den bewaffneten Kampf in Südostanatolien; dort gilt ab 1987 der Ausnahmezustand.
26.11.1993
Innenminister Kanther verbietet die PKK und 35 kurdische Organisationen nach gewaltsamen Demonstrationen von Kurden gegen türkische Einrichtungen in Deutschland.
1999
Öcalan wird in Kenia gekidnappt und in die Türkei verschleppt.
29.6.1999
Öcalan wird zur Hinrichtung durch den Strang verurteilt.
August 1999
Die PKK beendet ihren Kampf in Südostanatolien und gibt das Ziel eines unabhängigen Kurdistan auf.
Januar 2000
Das türkische Kabinett verschiebt die Entscheidung des Parlaments über das Todesurteil gegen Öcalan, um einen Spruch des Europäischen Gerichtshofs in Straßburg abzuwarten.

B 28 Die kurdischen Siedlungsgebiete

Die Kurden sind weltweit die größte ethnische Gruppe ohne eigenen Staat. Im kurdischen Siedlungsgebiet verteilen sich schätzungsweise 16 Millionen Kurden auf die Länder Syrien (800.000), Iran (5,4 Mio.), Irak (3,5 Mio.), Türkei (6,2 Mio.). Weitere 7 Mio. leben verstreut in den nichtkurdischen Gebieten der Türkei (5 Mio.), des Irak (ca. 900.000), des Irans (ca. 900.000), Syriens (ca. 200.000). Außerdem leben schätzungsweise 1,4 Mio. Kurden außerhalb dieser vier Länder in der Diaspora: Davon ca. 650.000 in Westeuropa, 350.000 in GUS-Staaten, 300.000 im übrigen Nahen Osten sowie ca. 100.000 in anderen Staaten. In der Bundesrepublik leben ca. 580.000 Kurden. Davon stammen ca. 550.000 aus der Türkei, 5.000 aus dem Irak, 4.000 aus dem Iran, 4.000 aus Syrien und 15.000 aus dem Libanon. (Da die Kurden statistisch nicht nach ihrer ethnischen Zugehörigkeit, sondern nach ihren Herkunftsländern erfasst werden, können die Angaben über die Anwesenheit von Kurden nur auf Schätzungen beruhen (Falk S. 70 und 179).

Sabine Skubsch: Der türkisch-kurdische Konflikt, S. 47

B 29 Kurdische Frauen

In traditioneller Tracht in Berlin (1994)
Bild
: R.Maro/version-foto.de

B 30 Sprachprobleme

Die 1959 geborene Kurdin Ayten, seit 1972 in Deutschland und Mutter zweier Kinder, spricht in einem Interview über Sprachprobleme ihrer Kinder:

Wie erziehen Sie Ihre Kinder?

Natürlich als Kurden. Unsere Schwierigkeit ist aber, dass wir den Kindern kein kurdisch beibringen können. In der Schule lernen sie kein kurdisch, sondern türkisch als "Muttersprache". Außerdem kann man den Kindern keine kurdischen Namen geben. Z.B. meine Tochter hat einen kurdischen Namen, sie heißt "Jinda". Das Standesamt war gegen diesen kurdischen Namen, und das türkische Konsulat akzeptierte diesen Namen absolut nicht. Wir mussten deshalb einen Namen aus der Liste wählen. Jetzt hat unsere Tochter zwei Namen, wobei der türkische Name bei Behörden und in der Schule gebraucht wird.

Stellt dies für Ihre Kinder keine Identitätskonflikte dar?

Natürlich stellt dies für unsere Kinder einen Identitätskonflikt dar. Unsere Kinder wachsen in drei Kulturen auf, also in der kurdischen, türkischen und deutschen. Meine Kinder sind zu Hause Kurden, auf der Straße Türken und in der Schule sind sie Ausländer. Dies ist für uns ein großes Problem.
Es ist auch unser Recht, genauso wie für die anderen, dass unsere Kinder in Kurdisch lernen und mit uns kurdisch sprechen können, oder etwa nicht?

Sengül Senol: Kurden in Deutschland, 1992, S. 144 f.



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