Zeitschrift 

Türken bei uns

Texte und Materialien 
für Schülerinnnen 
und Schüler 
 

Heft 3/2000 , Hrsg.: LpB

 

Inhaltsverzeichnis


 
C1-C28 Integration

C 1 Gemeinsamer Schulweg

Zusammen sind wir stark Bild: Archiv (StZ)
 

C 2 Stuttgarts Bevölkerung


 

A3 Ochsen am Scheibenradwagen

100 % = Gesamtzahl ausländischer Schüler

Schuljahr 1998/99: Anteil türkischer Kinder an den öffentlichen Schulen, in absoluten Zahlen und in Prozent aller ausländischen Schülerinnen und Schüler. Die übrigen ausländischen Kinder kommen aus Italien, dem ehemaligen Jugoslawien, Griechenland und einer Vielzahl anderer Staaten.

Quelle: Landtag von Baden-Württemberg, Drucksache 12/4207, Anlage 2
 

C 4 "Zu viele türkische Kinder"

Ludwigsburg. Im Kreuzäcker-Kindergarten im Stadtteil Eglosheim ist der Anteil der türkischen Kinder zu hoch. Das sagen nicht die deutschen Eltern, sondern die türkischen. Die Stadt weiß keinen Rat.
"In unserem Umfeld leben fast nur noch türkische Mitbürger", schreiben die türkischen Elternvertreter an die Stadtverwaltung. Mit 80 Unterschriften verleihen sie ihrer Sorge Nachdruck. Die Eltern befürchten, dass Teile Eglosheims zu Ghettos werden und ihre Kinder die Folgen mangelnder Integration in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt zu tragen haben.
Im Kreuzäcker-Kindergarten wuseln 13 deutsche und 29 türkische Kinder umher. Fünf Jungen und Mädchen sind anderer Nationalität. "Bei einem so hohen türkischen Anteil haben die Kinder keine Veranlassung, Deutsch zu sprechen, geschweige denn Deutsch zu lernen", so die Eltern. Und die anderen, nichttürkischen Zöglinge, würden zu Außenseitern.

Stuttgarter Nachrichten, 6.4.1999 (George Stavrakis)
 

C 5 Ehen werden im Urlaub gestiftet

Viele Türken, die hier aufgewachsen sind, suchen ihren Ehepartner in der Türkei. Die Eltern - Migranten der ersten Generation - und die Verwandtschaft in der Türkei wirken bei solchen Eheschließungen im Urlaub tatkräftig mit. 
Integrationsprobleme, die an die erste Generation von Zuwanderern erinnern, bleiben bei den nachgezogenen Ehepartnern allerdings nicht aus. Die Neuankömmlinge beherrschen die deutsche Sprache nicht. In der neuen Heimat wartet nur der Partner auf sie. Ein institutionalisiertes Integrationsangebot gibt es nicht. Die Folge ist häufig ein Leben in der Isolation. 
Da die Ehepartner oft in unterschiedlichen Lebenswelten aufgewachsen sind - hier die städtische Umwelt, dort die türkisch-dörfliche Tradition - müssen in solchen Ehen kulturelle Unterschiede bewältigt werden. Die alte Zerrissenheit taucht in neuer Form wieder auf. Wie einst die erste Generation können sich auch die Neuankömmlinge nicht vorstellen, die Bande zur Heimat zu kappen. Viele wollen wie die Alten wieder zurückkehren. Bei manchen Ehen ist auf Grund dieser Probleme das Scheitern programmiert. 
Man hat auch festgestellt, dass die sprachliche Integration der Kinder solcher Ehen schwieriger verläuft als bei Ehepartnern, die hier geboren sind, da die Bereitschaft zur Integration bei vielen nachgezogenen Ehepartnern geringer ist.
Zusammengefasst nach einem Artikel der Stuttgarter Zeitung vom 29.12.1998
 

C 6 Motive

Die 30-jährige türkische Bankkauffrau Hülya Kalan zu dem Problem, dass sich viele Türken ihre Frauen aus der Türkei holen:

"Die Schere geht immer weiter auseinander. Wir Moderneren kämpfen und kämpfen, und die Konservativen holen sich immer noch ihre Töchter aus der Heimat. Das ist doch ein Schritt zurück. Es gibt auch immer noch Türken, die hier studiert haben und erfolgsorientiert sind, sich aber auf Druck der Eltern eine Braut aussuchen lassen. Und der Mann ist dann zu Hause der Pascha."

Stuttgarter Zeitung, 19.2.2000
 

C 7 Hilfestellung

Deutschkurs für türkische Frauen in der Schillerschule Esslingen

Seit 17. November 1999 lernen türkische Frauen unter der Leitung von Selma Öneren die deutsche Sprache im Sprachzentrum der Schillerschule Esslingen. Damit werden folgende Ziele verfolgt: bessere Integration, bessere Kommunikation im Alltagsleben wie für Arztbesuch, Einkauf und Schulsituationen, Förderung der Selbstständigkeit, Informationen über Ämter, Behörden, das Schul- und Ausbildungssystem sowie über Rechte und Pflichten des Bürgers, Abbau von Vorurteilen. Veranstalter ist das Ausländerbüro der Stadt Esslingen.

Kursthemen sind

• Datum
• Sich begrüßen und vorstellen
• Adresse und Telefonnummer
• Zahlen von 1-100
• Das Buchstabieren
• Angaben zur Person
• Uhrzeiten
• Ortsangaben
• Richtungsangaben
• Zeitangaben
• Arztbezeichnungen
• Einige Krankheiten (Kinderkrankheiten)
• Bezeichnung der Organe
• Terminvereinbarung
• Untersuchungsmethoden (Blutabnahme, Röntgen, Einatmen-Ausatmen)
• Wortschatzerweiterung (was man beim Arzt braucht)
• Beipackzettel (Dosierung, Verfallsdatum)
• Interesse/Desinteresse ausdrücken
• Meinungen ausdrücken
• Etwas berichten/beschreiben
• Vorschläge machen
• Bestätigen/verneinen/widersprechen
• Vermuten 
• Wunschvorstellungen ausdrücken
• Vergleichen
• Informationen erfragen
In der Grammatik
• Aussage
• W-Fragen
• Ja-Nein-Fragen
• Artikel: der, die, das
• Berufsbezeichnungen auf -in
• Namen mit Artikel lernen
• Übungen im Nominativ
• Das Verb "sein"
• Konjugation der Verben im Präsens
• Akkusativ (unbestimmter und negativer Artikel)
• Verbenliste, die Akkusativ verlangen
• Modalverben
• Trennbare Verben
• Dativergänzung
• Personalpronomen im Nominativ, Akkusativ, Dativ
• Possessivpronomen im Nominativ, Akkusativ, Dativ
• Perfekt

Kontaktadresse: Schillerschule Esslingen, Rektor Ulrich Manz, Blumenstr. 10, 73728 Esslingen. Tel.: 3512-2319
 

C 8 Ein Tipp

Plakat: Christine Peter, 27. Schülerwettbewerb des Landtags, 1984
 

C 10 Moscheen im Land

Grafik: Stuttgarter Nachrichten, 4.3.2000

C 11 Mannheimer Kontraste
 
Yavus-Sultan-Selim-Moschee und Liebfrauenkirche
Bild: dpa

A 12 Stufen des Wohlstandes
 
Frau mit Kopftuch vor einem Werbeplakat, auf dem die türkische Boxerin Fikriye Selen für ein Haarwaschmittel wirbt
Bild: dpa

C 13 Von Bad Wurzach nach Cankiri
Hauptschüler lernen die Heimat ihrer türkischen Klassenkameraden kennen

Aus einem Bericht
29 Schülerinnen und Schüler der Hauptschulen Bad Wurzach und Unterschwarzach sind mit ihren Lehrern für zwölf Tage in die Türkei geflogen. Das anfängliche Heimweh hielt der überwältigenden Gastfreundschaft nicht lange stand: Alle fühlten sich in den türkischen Familien wohl, so wohl, dass der Abschied von der Türkei bei vielen unter Tränen verlief.
In der Gemeinde Bad Wurzach, am Rande des Allgäus in Oberschwaben gelegen, wohnen 14.000 Menschen. 1000 davon sind türkischer Nationalität. Der Anteil der türkischen Schüler an der Hauptschule beträgt 35 %. Auch in Bad Wurzach stoßen die Integrationsbemühungen an Grenzen, weil es kulturelle und soziale Vorbehalte auf beiden Seiten gibt. Ein besonderes Problem stellen die oft unzureichenden Deutschkenntnisse vieler Türken dar, die auf verschiedene Ursachen zurückzuführen sind; vermutlich auch auf den Einfluss des Satellitenfernsehens, das den türkischen Familien Information und Unterhaltung in ihrer Muttersprache bietet. Das sprachliche Problem trägt sicherlich dazu bei, dass türkische Schülerinnen und Schüler im Gymnasium und in der Realschule im Vergleich zum Bevölkerungsanteil unterrepräsentiert, in der Hauptschule und in der Förderschule hingegen überproportional vertreten sind.

Die Vorbereitung
Der erste Kontakt lief über einen türkischen Kollegen, der früher an unserer Schule unterrichtet hat und dann in die Türkei zurückgekehrt ist. Er vermittelte die Verbindung zu einem Gymnasium in der zentralanatolischen Stadt Cankiri, die drei Autostunden von Ankara entfernt liegt, auf halbem Weg zum Schwarzen Meer. Von großem Nutzen für die Realisierung des Begegnungsprogramms waren auch die Gespräche, die Rektor Diemer im Vorfeld mit dem türkischen Kulturattaché geführt hat.

Als Gast des "Anadolu Lisesi" in Cankiri
Im Mai 1997 war es schließlich soweit: Die Reise konnte beginnen - und das anvisierte Austauschprojekt mit dem "Anadolu Lisesi" in Cankiri wurde Wirklichkeit. Es sollte ein voller Erfolg werden, nicht zuletzt dank der überwältigenden Gastfreundschaft, die die türkischen Gastgeber ihren Gästen aus Bad Wurzach entgegenbrachten. Bereits am ersten Tag des Aufenthaltes in Cankiri gab es einen Empfang beim Schulamtsdirektor, beim Bürgermeister und beim Gouverneur. Manche Schüler konnten es gar nicht recht fassen, dass dieser Aufwand ihnen gelten sollte. Beim Besuch in der Umgebung wurden sie mit Musik am Ortsrand empfangen, und die Leute standen zur Begrüßung am Straßenrand. Es gab Ausflüge mit den Gastfamilien zum Picknick, und sie konnten erleben, wie das traditionelle Fladenbrot am offenen Feuer in der Küche eines Bauernhauses gebacken wurde. Andere Familien unternahmen mehrstündige Autofahrten, um ihrem Gastschüler das Schwarze Meer zu zeigen. So viel spontane Herzlichkeit ist im kühleren Deutschland nicht selbstverständlich. Die deutschen Schüler wurden in den Familien wie Söhne und Töchter aufgenommen.

Schulalltag in der Türkei
Das Anadolu Lisesi zählt zu den Elitegymnasien. Wir erlebten dort einen ganz anderen Schulalltag als den, den wir von zu Hause gewöhnt sind. In der Frühe treten alle 750 Schüler zum Morgenappell an. Doch der befremdliche Drill ist nur die eine Seite. Zugleich lernten wir die türkischen Schülerinnen und Schüler als selbstbewusste junge Menschen kennen, die völlig ungezwungen Kontakte mit den Gästen aus Deutschland knüpften. Und für manchen unserer Schüler war sicherlich auch überraschend, dass die Mädchen absolut gleichberechtigt sind.

Sogar das Fernsehen war dabei
Der Besuch hatte für unsere türkischen Gastgeber offensichtlich einen sehr hohen Stellenwert. Das regionale Fernsehen berichtete mehrmals in den Abendnachrichten vom Verlauf des Aufenthaltes, ebenso die zweitgrößte türkische Zeitung. Ein Besuch am monumentalen Grabmal des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk gehörte ebenso zum Programm wie die Besichtigung einer ausgegrabenen Hethiter-Siedlung und der Besuch mehrerer Fabriken.
Während sich die Schüler abends zu lockeren Treffs verabredeten, waren die Lehrer jeden Abend eingeladen, und immer wieder gab es lebhafte politische Diskussionen.

Nachwirkungen
Eine Schülerin, Kathrin Glinka, fasst ihre Eindrücke so zusammen: "Bisher habe ich mit Türken nicht viel zu tun haben wollen, aber das hat sich jetzt schlagartig geändert."
In der Tat: Vieles hat sich seitdem an unserer Schule  zum Besseren gewandelt. Das gegenseitige Verständnis ist gewachsen. Zum Beispiel erlaubten erstmals türkische Familien ihren Töchtern, an mehrtägigen Schulfahrten teilzunehmen. Die Vorsteher der beiden türkischen Moscheen in Bad Wurzach besuchten unsere Schule, um anstehende Probleme zu erörtern. Auf kommunaler Ebene finden Gespräche statt, wie ausländische Jugendliche besser integriert werden können.
Und das Wertvollste: Die in der Türkei geknüpften Freundschaften zwischen deutschen und türkischen Schülern haben die Reise überdauert, was sich im Freizeitverhalten, beispielsweise in gemeinsamen Kinobesuchen, zeigt.

Kontakt:
HWRS Bad Wurzach, Breiteweg,
88410 Bad Wurzach, Tel. 07564/930130,
Fax 07564/930134
Internet-Adresse:
http://home.t-online.de/home/Franz-Daniel.Pfaff/

Nach: Eltern-Journal Baden-Württemberg, 3.9.1997
 

C 14 Realschüler in der Türkei

Sehr beeindruckt waren alle miteinander von der Gastfreundschaft: "Alle Leute kommen gleich auf einen zu und fangen an, ohne einen zu kennen, mit einem zu reden", schreibt zum Beispiel Regina Demantke. Oder Tina Veilandics: "Die Leute sind alle wahnsinnig nett und sehr gastfreundlich ... Man fühlt sich sehr wohl in den Familien, jeder behandelt dich so, als gehörtest du dazu und wärst nicht nur Gast dort."
Sie ist "mit einem ganz anderen Bild von der Türkei zurückgekommen, als mit dem Bild, mit dem ich dort angekommen bin". Dazu gehörte die Vorstellung, "die Türken seien alle religiös und alle Frauen würden verhüllt herumlaufen". Nicht erwartet hat Regina, "dass die Schüler kein Kopftuch tragen dürfen und der Religionsunterricht verboten ist". Erstaunen geweckt hat, dass die Schüler jeden Montag und Freitag die Nationalhymne singen müssen. Und: "Die Schüler stehen auf, wenn der Lehrer kommt." Aufgefallen ist den Waiblingern auch, dass es in der Schule "nicht so einen Konkurrenzkampf gibt wie hier".
Aber auch der Blick in das türkische Schulwesen, das Familienleben und auf die vielen Kulturschätze (Smyrna, Ephesos, Pergamon etc.) hätten den Horizont der Schüler beträchtlich erweitert, oder auch die Erkenntnis, dass "deutsche" Fernseher oder Computer (Schneider, Dual, Quelle u.a.) in Manissa bei Izmir hergestellt werden, wie auch ihre heißgeliebten Levi's-Jeans, deren Rohstoff, die Baumwolle (Pamuk), überall auf den Feldern glänzte (Fabrikbesichtigungen).

Waiblinger Kreiszeitung, 8.11.1997
 

C 15 Deutsche Ängste

Zeichnung: Hanel, 1999
 

C 16 Streit um doppelte Staatsbürgerschaft

Quellen: ANKA Ekonomi Bülteni vom 19. Juni 1997, S. 4; ANKA Ekonomi Bülteni vom 14. Juli 1997, S. 4 f.; T. C. Merkez Bankasi 1997, S. 179; Ekonomist, Nr. 33, 17.8.1997, S. 21. Zit. nach Länderbericht, S. 280

C 17 Das neue Recht
 
 

C 18 Deutsche Babys von A wie Abdülkadir bis Z wie Zerbu

Türkin Ebru mit deutschem Baby Zebru
Foto: Hörner

Lebt ein Elternteil mindestens acht Jahre in der Bundesrepublik, sind die Kinder jetzt von Geburt an Deutsche.
Die kleine Zerbu, die am 15. Januar das Licht der Welt erblickt hat, interessiert natürlich noch nicht, dass sie nach neuem Staatsbürgerschaftsrecht von Geburt an Deutsche ist. Sie schlummert friedlich in einem Bettchen bei ihrer türkischen Mama.
Erhält Zerbu die deutsche Staatsbürgerschaft, darf sie dennoch auch einen türkischen Pass besitzen. Zumindest bis zu ihrem 23. Lebensjahr. 
Spätestens dann muss sie sich für eine Staatsangehörigkeit entscheiden. "Ich würde heute wohl den türkischen Pass wählen, aber die Kinder werden sich für den deutschen entscheiden", sagt Mutter Ebru und blickt auf Zerbu. "Die sind in Deutschland geboren, wachsen hier auf und werden nicht in der Türkei leben wollen. Da können Sie fragen, wen Sie wollen", hat die 23-Jährige erfahren, die erst vor sechs Jahren nach Deutschland gekommen ist.
Mehmet Sungur, der am Bett seiner Frau im Marienhospital sitzt, hat nichts dagegen, dass sein kleiner Sohn den deutschen Pass erhält. Im Gegenteil. Sungur sieht "nur Vorteile" durch den deutschen Pass für Abdülkadir, der am 3. Januar durch Kaiserschnitt zur Welt kam: "Ich habe selbst schon manchmal darüber nachgedacht, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen", sagt der 28-jährige Metallarbeiter, der seit zwölf Jahren in Deutschland lebt. Und für welchen Pass wird sich sein Sohn einmal entscheiden? "Wahrscheinlich für den deutschen. Er wird seine Rechte hier nicht wieder verlieren wollen", vermutet Sungur. Mit einer Rückkehr der Familie in die Türkei rechnen er und seine Frau Yasemin ohnehin nicht.
Viele der neugeborenen türkischen Kinder in den Stuttgarter Krankenhäusern betrifft das neue Gesetz indes nicht. Denn ihre Mütter oder Väter sind bereits Deutsche.
Zerbus Vater Erdal sieht das auch so. Er hat deshalb schon vor einem Jahr die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt und hofft, in den nächsten Tagen seine Einbürgerungsurkunde in Händen halten zu können. Im Gegensatz zu vielen anderen Ausländern ist der Doppelpass für ihn kein Thema: "Ein Pass reicht mir."
Stuttgarter Nachrichten, 29.1.2000 (Utku Pazarkaya)
 

C 19 Einbürgerungen

Die Tendenz, die das Schaubild für die Bundesrepublik zeigt, gilt auch für Baden-Württemberg. Nach Angaben des Statistischen Landesamts bildeten 1999 die zuvor türkischen Staatsbürger die mit Abstand größte Gruppe unter den eingebürgerten Ausländern. Mit über 17000 Einbürgerungen stellten sie zwei Drittel aller Ausländereinbürgerungen.

C 20 Zwei Generationen
 
Die stolze, noch ganz traditionell gekleidete Mutter sitzt an der Seite ihrer Tochter, die im deutschen Polizeidienst ist. Die klassisch türkische Familie?

 Bild: Sedat Mehder/Photo Magic
C 21 Eine erfolgreiche Türkin

Die gelernte türkische Bankkauffrau Hülya Kalan (30) über ihren beruflichen Aufstieg:

Ich hab mir alles erkämpfen müssen. So wertvolle Energien musste ich nur deshalb verschwenden, weil ich in der Türkei geboren wurde. Im Nachhinein denke ich, dass so etwas formt. Man ist in jüngeren Jahren schon wahnsinnig reif. Ich muss da an einen Berufsschullehrer denken, der damals zu mir knallhart gesagt hat: "Du hast keine Chance als Ausländerin; die Banken sind total konservativ und stellen dich nicht ein." In dem Moment habe ich gedacht: Dem wirst du es zeigen. 
Also bin ich auf eigene Faust zu den Banken gegangen. Bei einer bekam ich gleich wieder die alte Leier zu hören, dass Türkinnen immer ein Kopftuch tragen, dass Türkinnen alle jung heiraten und dann massenweise Kinder bekommen und zu Hause hocken. Dass ich sehr gute Schulnoten hatte, interessierte kaum. Aber dann habe ich mir einen Platz erkämpft, ich hatte bei der Bewerbung - als Türkin! - den besten Deutschaufsatz geschrieben.
Auf die Frage, ob sich diese Klischees gehalten haben:
Das war 1986. In der Zwischenzeit hat sich einiges geändert. Jetzt wundert sich niemand mehr in Deutschland über eine selbstbewusste und erfolgreiche Türkin.
Stuttgarter Zeitung, 19.2.2000
 

C 22 Vural Öger

Vor dreißig Jahren fing es an, in einem Hamburger Kellerlokal in St. Georg. Der gerade siebenundzwanzigjährige Diplomingenieur Vural Öger gründete einen Reisedienst, die Öger Türk Tours GmbH. Seine Idee war so einfach wie genial. Er bot in Deutschland lebenden türkischen Gastarbeitern Charterflüge in ihre Heimat an. Am Anfang flog er mit, um seinen Landsleuten die Angst vorm Fliegen zu nehmen.
Als Mitte der siebziger Jahre die Deutschen die Türkei als Reiseland entdeckten, flogen sie mit Öger, dessen 1982 gegründete Öger Tours GmbH mittlerweile Marktführer ist für Türkeireisen. Auf 916 Millionen Mark hat das Unternehmen, zu dem auch Hotels und Ferienclubs gehören, seinen Umsatz gesteigert.
Jetzt hat Öger den karibischen Markt im Visier. Vor allem Kuba, das immer beliebter bei den deutschen Urlaubern wird. Der Flugzeugabsturz vor drei Jahren hat ihn schwer getroffen, manche Verdächtigung empfand er als kränkend. Aber das Unglück hat ihn auch bekannt gemacht.
Öger ist das Paradebeispiel für eine deutsch-türkische Erfolgsgeschichte. 1942 als Sohn eines Offiziers in Ankara geboren, besuchte er das Gymnasium in Istanbul, ging, dem Rat des Vaters folgend, nach Deutschland, studierte in Berlin Ingenieurwissenschaften und verdiente sich nebenher Geld als Dressman und Mitarbeiter des studentischen Reisedienstes.
Inzwischen hat der Befürworter der doppelten Staatsbürgerschaft einen deutschen Pass. 
Frankfurter Allgemeine - Magazin, 5.3.1999
 

C 24 Selbstständige
 
Die größte Dynamik weisen die türkischen Gründer auf; ihre Zahl stieg von 3000 im Jahre 1970 auf über 64 000 1997.
 

C 25 Cem Özdemir

Cem Özdemir sitzt seit 1994 für Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag. Der Diplom-Sozialpädagoge schaffte direkt nach dem Studium den Sprung in das Parlament. Er ist innenpolitischer Sprecher seiner Fraktion.
Die Ereignisse von Mölln und Solingen waren der Grund, warum Cem Özdemir für den Bundestag kandidierte. "Ich habe mir gedacht, dass es jetzt wichtig wäre, nicht bei dem Protest stehenzubleiben, sondern auch selber dazu beizutragen, damit gesellschaftliche Normalität ins Hohe Haus Einzug hält, sprich jemand, der nicht deutscher Herkunft ist", schildert Özdemir beim Blick zurück.
Cem Özdemir stammt aus einer Arbeiterfamilie, seine Eltern hatten immer vor, in die Heimat zurückzukehren. Bis zur vierten Klasse hatte er ein mangelhaft in Deutsch. Und bis zur fünften Klasse besuchte er die Hauptschule. Heute sitzt er im höchsten deutschen Verfassungsorgan. "Diese Gesellschaft ist schwer beweglich, aber sie ist beweglich. Und sie ermöglicht den Einstieg auch für Quereinsteiger wie mich, die von außen kommen", so Özdemir.
"Ich glaube, dass es künftigen Generationen viel leichter fallen wird, in die Politik zu gehen. Es wird viel leichter sein, als Abgeordneter nichtdeutscher Herkunft auch für die CDU ins Parlament zu gehen", so die Prognose des Grünen. Mit den Grünen sei das 1994 möglich gewesen. Es habe dem Parlament und der Demokratie nicht geschadet, sondern genutzt, so seine Überzeugung.
Das Parlament 12.3.1999
 

C 26 Zwischen den Kulturen

Selma Öneren meint, manche berufstätige türkische Frau werde im Haushalt und bei der Kindererziehung von ihrem Ehemann nicht unterstützt. "Ich mache den Männern dann klar, dass sie nicht als Pascha in der Familie sitzen können, sondern einfach im Alltag der Familie mehr Verantwortung übernehmen müssen." Nach den Beobachtungen Selma Önerens hat sich die Gesellschaft in der Türkei inzwischen gewandelt. "Viele Männer dort haben ihre Einstellung geändert. Aber hier verhalten sich die türkischen Männer oft noch wie damals in ihrem Dorf."
Ein Phänomen, das übrigens nicht nur für die Einwanderer aus der Türkei, sondern für Migranten im Allgemeinen zutrifft. So streiften auch viele Europäer, die in den vergangenen Jahrhunderten nach Amerika auswanderten, ihre kulturelle Identität nicht einfach beim Verlassen der Ozeandampfer ab. Unter den Normen und Regeln, die mit in die neue Heimat reisten, leiden auch viele in Deutschland aufgewachsene türkische Mädchen. Sie wollen so frei sein wie die deutschen Jugendlichen. Doch dann erleben sie, dass die Eltern ihren Brüdern viel mehr Freiheiten einräumen. In diesem Fall ist Selma Öneren Vermittlerin zwischen den Kulturen und Generationen, indem sie auf beiden Seiten für Toleranz wirbt. "Ich erkläre dem Vater und der Mutter, dass sie nicht mehr in ihrem Dorf leben und mache dem Mädchen klar, was es heißt, aus einer türkischen Familie zu kommen."
Eßlinger Zeitung, 15.2.2000. Selma Öneren ist Sozialberaterin beim Ausländerbüro der Stadt Esslingen.

C 27 Der Auswanderer

C 28 Heimatlos

Von Hasret Tuc

Ein Ausländer bin ich in Deutschland
Ein Fremder in der Heimat
Die soweit weg ist

Geboren bin ich in Deutschland.

Sehnsucht habe ich nach meiner Heimat
Ich liege wie ein Tourist am Strand
In der Stadt, aus der meine Eltern stammen
Bin doch ein Fremder in der Heimat.

Die Wellen singen meine Sehnsucht
Sonnen und Meer ziehen mich an wie ein Magnet
Meine Heimat, ich kenne sie nur aus den Ferien
Doch keine kann sich mit ihr messen.

In Deutschland nennt man mich Ausländer
In der Türkei, in Italien oder sonstwo
Nennt man mich Deutschländer
So bin ich weder ICH noch ein Deutscher

So bin ich ein Niemand, heimatloser Fremder.

32. Schülerwettbewerb des Landtags, 1989
 

C 29 Die Heimat am Kiosk

Türken müssen auch in Deutschland nicht auf Informationen aus ihrem Heimatland verzichten. Türkische Zeitungen und Magazine sind an jedem gut sortierten Zeitungsstand in der Bundesrepublik zu finden. 
Der abgebildete Kiosk am Stuttgarter Marienplatz bietet eine reichliche Auswahl an türkischen Printmedien an, von Boulevardmagazinen bis hin zu seriösen Blättern. Die auflagenstärkste türkische Tageszeitung Hürriyet beinhaltet sogar zwei bis drei "Lokalseiten" über Deutschland, die zwar in der Bundesrepublik recherchiert, aber in Istanbul redaktionell bearbeitet werden.
Bild: A. Mangler


 

Copyright ©   2000  LpB Baden-Württemberg   HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de