Zeitschrift 

Türken bei uns
 
 

Einleitung 
 

Heft 3/2000 , Hrsg.: LpB

 

Inhaltsverzeichnis


Die Zusammensetzung der Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland hat sich in den letzten fünfzig Jahren grundsätzlich gewandelt. War Deutschland im 19. Jahrhundert noch ein Auswanderungsland, so ist es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts - ob man dies wahrhaben möchte oder nicht - zu einem Einwanderungsland geworden, das multi-ethnischen Charakter aufweist. Vor dem Ersten Weltkrieg lag die Ausländerquote bei knapp zwei Prozent, 1950 gar noch niedriger: bei etwas mehr als einem Prozent. Heute ist sie mehr als achtmal so hoch. Ende 1999 lebten 7,34 Millionen Ausländer in der Bundesrepublik, das entspricht einem Anteil von fast neun Prozent an der Gesamtbevölkerung. Mit fast zweieinhalb Millionen stellen die türkischen Immigranten die größte Ausländergruppe; das heißt, etwa jeder dritte Einwanderer kommt aus der Türkei. 

Die Fakten

Besonders hoch ist der Anteil der ausländischen Bevölkerung in Großstädten wie Frankfurt am Main (29 Prozent). Stuttgart (24) und München (22 Prozent). Nach Feststellung der "Zukunftskommission Gesellschaft 2000" werden in etwa dreißig Jahren  die Deutschen in Frankfurt am Main gegenüber den dort lebenden Ausländern in der Minderheit sein. In Stuttgart und München ist dann mit einem Ausländeranteil von fünfzig Prozent zu rechnen. 
In Baden-Württemberg leben heute 360 000 Türken (jeder sechste Nichtdeutsche ist Türke); allein in Stuttgart sind es 26 000 Personen. Jeder dritte Schüler in Stuttgart hat keinen deutschen Pass. In einem Stuttgarter Kindergarten waren im Jahr 1999 fünfzehn von sechzehn Kindern Muslime; bei den Stuttgarter Kindertagesstätten beträgt der Ausländeranteil zwischen 70 und 90 Prozent; in zwei Kindertagesstätten sind ausländische Kinder heute schon unter sich. Rund ein Drittel der Stuttgarter Familien mit Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren sind nicht deutscher Herkunft. Unter den ausländischen Schülern in Baden-Württemberg stammen vierzig Prozent aus türkischen Familien.

Die Herausforderung

Die Zuwanderung und die Integration der ausländischen Bürger in unsere Gesellschaft bilden heute eine der größten Herausforderungen unserer Gesellschaft. Viele Beispiele belegen, dass wir von einer Akzeptanz einer multi-ethnischen Gesellschaft weit entfernt sind. Ereignisse wie die in Mölln, Solingen oder Hoyerswerda, neuerdings in Dessau und Düsseldorf, erinnern an eine nicht nur latent vorhandene ausländerfeindliche Gewalt.
Innerhalb der türkischen Bevölkerung der Bundesrepublik ist die Arbeitslosigkeit mit 25 Prozent mehr als doppelt so hoch wie der Durchschnittswert. Neben anderen Faktoren erschwert diese Tatsache die Akzeptanz der Türken in Deutschland. Eine Ghettoisierung, insbesondere der türkischen Bevölkerung, ist vielfach zu beobachten; so in Berlin-Kreuzberg oder in Baden-Württemberg im Mannheimer Stadtteil Jungbusch und im Stuttgarter Nordbahnhofviertel. Viele Anzeichen deuten auf die Entstehung einer Parallelgesellschaft.
Die Ursachen für das Nebeneinander statt eines Miteinander, für Ablehnung statt Toleranz liegen auch in der mangelnden Kenntnis und der fehlenden Beschäftigung mit dem Anderen. Die Heimat des Anderen ist uns oft völlig fremd, auch die Gründe für die Immigration sind vielfach unbekannt. Demnächst werden es bereits vierzig Jahre her sein, dass der Zuzug türkischer "Gastarbeiter" begonnen hat. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts lebten 1955 in der Bundesrepublik Deutschland gerade einmal sechs Türken! In der Zwischenzeit wächst bei den Türken in Deutschland die dritte Generation heran. Es sind die Enkel der Einwanderer der sechziger und siebziger Jahre. Seit Anfang der siebziger Jahre trifft der Begriff "Gastarbeiter" für die türkischen Arbeitnehmer nicht mehr zu; er sollte deshalb auch keine Verwendung mehr finden.

Das Thema im Unterricht

Unkenntnis über die Immigranten führt zu Vorurteilen, Feindbildern und schließlich zu Hass. Dem entgegenzuwirken ist Aufgabe von Staat und Gesellschaft, in besonderer Weise ist hier die Schule und die in ihr heranwachsende Generation gefordert. Das vorliegende Heft möchte vorhandene Wissenslücken über die Türken bei uns beseitigen sowie Hilfen und Anregungen geben für eine Erörterung des Themas in den Schulen. An zahlreichen Stellen fordern auch unsere Lehrpläne die Behandlung dieser Thematik.
Vor allem positive Beispiele eines gelungenen Miteinander und einer erfolgreichen Integration der türkischen Immigranten in unsere Gesellschaft mögen zu einer ausführlichen Behandlung des Themas im Unterricht ermutigen. Es ist ganz offensichtlich, dass der Schule und der beruflichen Bildung für eine erfolgreiche Integration der Zuwanderer eine entscheidende Rolle zufällt. Die Kluft zwischen dem Ausbildungsniveau junger Türken und dem ihrer deutschen Altersgenossen ist nach wie vor ein entscheidendes Hindernis für die angestrebte Integration.
 
 
Lehrplanbezug des Themas

Das Mittelmeer, Herkunftsgebiet ausländischer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Ursachen und Probleme der Bevölkerungswanderung, Problematik der nachziehenden und zurückbleibenden Familien:  LPE 3 Gymnasium, Kl. 6 Erdkunde 

Fremde Menschen - andere Menschen? 
Hauptschule, evangelische Religion, Kl. 6, LPE 6.7 W 
Hauptschule, katholische Religion, Kl. 6, LPE 5

Mit Muslimen leben: der Islam,
Hauptschule, katholische Religion, Kl. 6, LPE 6;
Realschule, Kl. 7, katholische Religion LPE 7.10.1 P;
Realschule, Kl. 7, katholische Religion, PLPE 8; 
Gymnasium, Kl. 8, evangelische Religion, LPE 8.10 P;
Gymnasium, Kl. 8, katholische Religion, LPE 3.4

Die Welt des Islam
Gymnasium, Kl. 8, fächerverbindendes Thema

Die Lebenswelt der jugendlichen Ausländer
Hauptschule, Kl. 7., Gemeinschaftskunde, LPE 1
Grenzen des Wachstums: Bevölkerung
Menschen verlassen ihre Heimat
Realschule, Kl. 10, Erdkunde, LPE 1
 
Gesellschaft und Staat in der Bundesrepublik
Integration von Zuwanderern
Gymnasium, Kl. 11, Gemeinschaftskunde, LPE 1

Allerdings lässt sich die Akzeptanz einer multi-ethnischen Gesellschaft nicht von heute auf morgen herbeiführen. Vielmehr wird dies ein langer, mitunter auch durch schmerzliche Rückschläge gekennzeichneter Prozess sein. Zum Konzept einer multi-ethnischen Gesellschaft gibt es freilich keine realistische Alternative. Die Chancen und der Gewinn für Deutschland durch eine mutig betriebene Politik der Integration gerade der großen Gruppe der türkischen Immigranten sind heute schon erkennbar.
Vor einem sollte man sich bei der Behandlung des Themas "Türken bei uns" hüten: Es gibt in unserer Gesellschaft nicht  den Türken und die türkische Familie, die pauschal charakterisiert werden können. Vielmehr sind die Türken bereits Teil unserer pluralistischen Gesellschaft; sie lassen sich weder pauschal beschreiben noch einordnen.

Die Bausteine des Heftes

Baustein A (Ihre Heimat) will keine kleine Landeskunde der Türkei bieten, vielmehr soll er - vor allem den nichttürkischen Schülerinnen und Schülern - einen ersten Eindruck von der Heimat ihrer Mitschüler (oder deren Eltern) vermitteln. Im Mittelpunkt stehen die wirtschaftliche Lage in der Türkei und die Faktoren, welche die Auswanderung begünstigten. Wer sich ausführlich für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik der Türkei interessiert, der sei auf die von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg herausgegebene Zeitschrift "Der Bürger im Staat" verwiesen; Heft 1/2000 behandelt "Die Türkei vor den Toren Europas".
Baustein B (Migration)  schildert die verschiedenen Phasen der Zuwanderung in die Bundesrepublik und die sich daraus ergebenden Herausforderungen für Gesellschaft und Politik. 
Baustein C (Integration) schließlich beschäftigt sich mit den Bemühungen um Dialog und Integration. Die Leistungen der Migranten in Wirtschaft und Kultur werden gewürdigt. Städte, Schulen, Stiftungen, Institutionen und Namen werden genannt, die mit dem deutsch-türkischen Dialog verbunden sind. Den Hintergrund dafür bilden subjektive Erfahrungen und Begegnungen des Autors. Die Lehrenden in den Schulen sollen dadurch ermutigt werden, vor Ort selbst deutsch-türkische Austauschprogramme und Begegnungen zu realisieren als Grundlage für eine konkrete interkulturelle Arbeit an der eigenen Schule.


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