Zeitschrift

Jüdisches Leben in Baden-Württemberg

Möglichkeiten der Begegnung


Baustein C
Jüdisches Leben in Deutschland heute

C16 - C17 Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion


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Inhaltsverzeichnis


C 16 Der jüdischen Kultur entfremdet

Anna Vinogradova, geboren 1964 in Moskau, Sprachlehrerin, 1989 Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland

Hier habe ich viel über jüdisches Leben und jüdische Traditionen erfahren, wovon ich in der Sowjetunion überhaupt keine Ahnung hatte. Ich bin als Russin erzogen worden. Meine Mutter ist Jüdin, mein Vater Russe, und meine Großeltern, bei denen ich lange gelebt habe, sind Juden. Aber auch sie waren jüdischer Kultur sehr entfremdet. Wir haben keine jüdischen Feiertage gefeiert, und ich war nie in einer Synagoge. Jetzt genieße ich es, dass ich mit jüdischen Leuten reden und die Feiertage feiern kann. Ich fühle mich jüdischer Kultur sehr verbunden, zugleich aber auch der russischen. Ich würde nie behaupten, dass ich jetzt keine Russin mehr bin; Russland war meine Heimat...

Im Alter von sechzehn Jahren konnte man in der Sowjetunion seine Nationalität wählen. Da ich wusste, dass ich als Jüdin Schwierigkeiten mit den Behörden oder der Hochschule haben würde, habe ich natürlich "Russin" gewählt; so machten es alle Leute, die die Möglichkeit dazu hatten. Wenn man zwei jüdische Eltern hatte, war das nicht möglich. Dann stand "Jude" im Pass...

Die Ausreise nach Deutschland und dieses neue Leben hier war natürlich anfangs sehr schwer für mich. Bis heute fühle ich mich manchmal hilflos. Mir war klar, dass ich selbst etwas machen und unabhängig werden muss...

Inzwischen fühle ich mich hier nicht mehr so fremd. Das liegt natürlich auch daran, dass ich schnell eine Wohnung und eine Arbeit gefunden habe und schon ganz gut Deutsch spreche. Das ist das Wichtigste überhaupt, wenn man irgendwo einreist. Man muss die Sprache sprechen. Deutsch war die dritte Sprache, die ich gelernt habe, und ich hatte keine großen Schwierigkeiten damit. Es macht mir immer Spaß, eine neue Sprache zu lernen.

Jessica Jacoby u.a. (Hrsg.): Nach der Shoa geboren, Jüdische Frauen in Deutschland

Berlin: Elefanten Press 1994, S. 175-178

 

C 17 Es gefällt mir hier

Mitja, 5. Klasse

Guten Tag, liebe Freunde! Ich heiße Mitja. Ich bin aus Kiew gekommen. Wir hatten dort eine Vier-Zimmer-Wohnung. Ich besuchte eine russische Schule. In der Schule hatte ich einen sehr guten Freund. Einmal fand ich im Briefkasten einen Zettel. Auf dem Zettel stand geschrieben: "Juden! Fahrt weg nach Israel, oder wir bringen euch um." Einmal habe ich mit einem Jungen gestritten, und er hat mich mit einem beleidigenden Wort beschimpft ... Ich bin in Deutschland schon seit sieben Monaten. Es gefällt mir hier. Ich wohne im Hotel und gehe zur jüdischen Schule.

Alexa Brum u.a. (Hrsg.): Ich bin, was ich bin, ein Jude, Jüdische Kinder in Deutschland erzählen, Ksln: Kiepenheuer & Witsch 1995, S. 66f

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Jüdische Zuwanderer aus Russland stimmen sich in Schwäbisch Hall auf das Pessach-Fest ein
Bild : Golez

 


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