Zeitschrift

Jüdisches Leben in Baden-Württemberg

Möglichkeiten der Begegnung


Baustein C
Jüdisches Leben in Deutschland heute

C8 - C11 Die zweite Generation


titjued.gif (14009 Byte)

Inhaltsverzeichnis


C 8 Brücken über den Abgrund

Michael Wolffsohn, geboren 1947 in Tel Aviv als Sohn deutsch-jüdischer Emigranten, lebt seit 1954 in der Bundesrepublik

Obwohl in Israel geboren, habe auch ich mich entschieden, in Deutschland zu leben. Ich identifiziere mich mit dieser bundesdeutschen Demokratie und nenne mich deshalb einen "deutsch-jüdischen Patrioten". Jüdisches Leben an sich ist heute politisch fast überall in der Diaspora möglich, auch und erst recht in Deutschland ...

Ohne Erinnerung kein moralischer Alltag. Der Abgrund, der Holocaust, wird zwischen Deutschen und Juden immer bleiben. Doch über diesen Abgrund kann man viele Brücken bauen. Brücken bedeuten Kommunikation miteinander, Verständnis füreinander. Wenn es viele Brücken gibt, wird der Abgrund vielleicht einer Tages sogar unsichtbar sein, aber er bleibt trotzdem.

Michael Wolffsohn: Meine Juden, eure Juden, München: Piper 1997, S. 208 f, S. 226

 

C 9 "Wie kannst du hier leben?"

Jutta Oesterle-Schwerin, 1941 in Jerusalem geboren, lebt seit 1962 in Deutschland.

Es passiert öfter, dass jemand zu mir sagt: "Wie kannst du hier leben, nach all dem, was man euch angetan hat." Ich spüre dabei den Hintergedanken: Warum seid ihr überhaupt zurückgekommen. Auch die große Israel-Freundlichkeit, die zeitweise in Deutschland geherrscht hat, hatte den Tenor: "Die Juden gehören in ihr Land." Mensch, denke ich dann, das hätte euch gerade so gepasst, dass von uns keiner mehr zurückkommt, und ich sage dann: "Wie könnt ihr hier leben - habt ihr denn den Nazis ihre Verbrechen verziehen?"

Für die Kinder mit jüdischen Vorfahren ist die Situation besonders problematisch. Als mein Sohn etwa acht Jahre alt war, habe ich zum ersten Mal versucht, ihm davon zu erzählen, dass es Juden gab in Deutschland und was mit ihnen passiert ist. Auf einmal schaut er mich ganz ernst an und sagt: "Aber wir sind doch keine Juden, oder?"

Er wusste natürlich genau, dass sein Großvater Jude war und dass ich aus Israel bin, dass insofern auch er etwas damit zu tun hat. Da wurde mir klar, dass es für Kinder schrecklich ist, sich mit den Opfern zu identifizieren.

Jessica Jacoby u.a. (Hrsg.): Nach der Shoa geboren, Jüdische Frauen in Deutschland, Berlin: Elefanten Press 1994, S. 111 f.

  

C 11 "Sonderbehandlung"

Von Richard Chaim Schneider

Ich hatte am Gymnasium einen Musikreferendar zum Lehrer, der mich ganz offensichtlich bevorzugte. Nachdem die Klasse anfing, mich deswegen zu hänseln, stellte ich ihn zur Rede. Er bat mich, mit ihm ins Café zu gehen. Dort erzählte er mir mit hochrotem Kopf und Schweißperlen auf der Stirn, dass sein Vater ein Nazi war und Hunderte von Juden umgebracht hatte. Er wollte dies nun an mir wiedergutmachen. Schockiert schrie ich ihn an, er sei genauso wie sein Vater, da er mir auch eine "Sonderbehandlung" zuteil werden lasse, und lief davon.

"Die Zeit" vom 20. Februar 1987

 


Copyright ©   1999  LpB Baden-Württemberg   HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de