Zeitschrift

Jüdisches Leben in Baden-Württemberg

Möglichkeiten der Begegnung


Baustein C
Jüdisches Leben in Deutschland heute

C2 - C7 Überlebende des Holocaust


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Inhaltsverzeichnis


C 2 Displaced persons

Daß Juden nach der Massenvernichtung noch oder wieder in Deutschland lebten, wurde und wird auch heute noch in Israel und großen Teilen der jüdischen Welt als Schandfleck betrachtet. Von den 150000 vor allem polnischen und russischen Juden, die unmittelbar nach Kriegsende, sei es, weil sie von den Nazis aus den östlichen Lagern ins Reichsinnere verschleppt worden, sei es, weil sie vor den Nachkriegspogromen in Polen in die westlichen Besatzungszonen Deutschlands geflüchtet waren - von diesen 150000 Menschen, die als "Displaced persons" bezeichnet wurden, hatten nach der Staatsgründung Israels mehr als 80 Prozent deutschen Boden verlassen und waren mehrheitlich nach Israel und zu einem geringeren Anteil in die USA ausgewandert. Der verbliebene Rest bestand aus Menschen, die physisch und psychisch zerstört, geschwächt und demoralisiert waren, Menschen, die im wörtlichen Sinne zu schwach waren, die Beschwerden des Neuanfangs in einem subtropischen Land auf sich zu nehmen...

"Die Mörder sind unter uns!" Wer 1961 als Jude Brötchen kaufen ging, mit der Straßenbahn fuhr oder auf einem Amt etwas erledigen mußte, hatte eine große Chance, im Bäcker, im Schaffner oder im Regierungsrat einen ehemaligen SS-Mann, einem an der "Partisanenbekämpfung" und Deportationen beteiligten Wehrmachtssoldaten oder einem ehemaligen Beamten, der Arisierungen legalisiert hatte, zu begegnen. Genaugenommen waren derlei Begegnungen sogar unausweichlich, ein Umstand, auf den sich im Bewußtsein der ermordeten Verwandten nur mit schlechtem Gewissen oder massiver Verdrängung reagieren ließ.

Micha Brumlik: Kein Weg als Deutscher und Jude.¸ 1996 Luchterhand Literaturverlag GmbH, München (Nachdruck in neuer Rechtschreibung nicht genehmigt)

 

C 3 Einer der hier blieb

Auszüge aus einem Gespräch mit Isak Wasserstein

Mit welcher Geschichte auf dem Rücken sind Sie nach Deutschland gekommen?

Ich bin 1921 in Warschau geboren. Bei der ersten Aussiedlung 1942 aus dem Warschauer Ghetto hat man mich in einen Waggon verfrachtet. Wir waren ungefähr tausend relativ junge Menschen. Man brachte uns nach Russland... Ich bin dort achtzehn Monate geblieben. Während dieser Zeit kamen noch weitere fünfhundert aus dem Warschauer Ghetto nach, also theoretisch waren wir fünfzehnhundert. Aber als der zweite Transport kam, waren von unserem ersten nur noch fünfhundert übrig geblieben. Und nach den achtzehn Monaten waren nur noch einundvierzig da...

Es gab nicht genügend zu essen, viele wurden erschlagen, einfach erschlagen. Es wurden junge Leute erschossen, es gab keinen Arzt, keine Medikamente und kein Lazarett, gar nichts. Wenn jemand krank geworden ist und nicht mehr zur Arbeit kommen konnte, selbst wenn der eigentlich gesund war, dann wurde ihm die Nummer abgenommen - wir hatten alle Nummern -, er blieb dann im Lager und war schon ein Todeskandidat...

... wir einundvierzig, sind wieder zurückgefahren, natürlich unter der Führung der Deutschen, der SS. ... dann sind wir nach Polen gekommen. Man hat uns auf verschiedene Lager verteilt. Ich bin von einem Lager ins nächste verlegt worden...

Schließlich ließ man uns mit einem Transport nach Deutschland. Und in Deutschland war ich dann bis 1945 in verschiedenen KZs, in Todeslagern. Und Ende des Krieges, Ende April 1945, als wir befreit wurden, waren wir dann in der Nähe von Schongau in einer Kaserne. Dann sind wir nach Garmisch-Partenkirchen gebracht worden. Es gab dort große Militärlager von der Wehrmacht, von der SS. Man hat uns dort untergebracht. Das war ein Sammelpunkt für viele ausländische Fremdarbeiter. Und von dort hat man die Leute verteilt ... ein kleiner Teil, ungefähr tausend Leute, ist erst mal in Garmisch geblieben.

Haben Sie daran gedacht, nach Polen zurückzugehen?

Nein. Das habe ich nicht ein Minute gedacht!

Warum nicht?

Ich hatte verstanden, dass niemand von meiner Familie lebt. Als ich aus dem Warschauer Ghetto deportiert wurde, war meine Familie noch zu Hause. Ich habe aber keine Spuren mehr von ihr gefunden, habe nie wieder etwas gehört und habe angenommen, dass niemand mehr lebt. Somit hatte ich dort nichts mehr zu suchen...

Ich bin, mit anderen Worten, als Fünfundzwanzigjähriger, allein, 1945, in Garmisch-Partenkirchen stehengeblieben. Ich konnte die Sprache nicht richtig, es gab keine Zukunft, es gab keine Verwandtschaft, es gab überhaupt keine Bindungen. Es gab nur den Schrecken vor dem Morgen, wie geht es weiter? Und die Angst, dass es nicht mehr weitergehen würde. Ich bewundere die Leute, die ich aus dem Lager kannte, die den Mut hatten auszuwandern, vorwiegend nach Israel. Ich muss ehrlich gestehen: den Mut habe ich nicht gehabt.

Als Sie also damals in dem DP-Lager waren, haben Sie auch nicht mit dem Gedanken gespielt, nach England oder Amerika zu gehen?

Nach Amerika wollte ich eigentlich gehen. Ich habe alles versucht, habe auch später eine Gelegenheit gehabt, nach Amerika auszuwandern. Aber ich bin dann vom amerikanischen Konsulat zurückgewiesen worden, weil ich damals - was ich nicht wusste - Flecken auf der Lunge hatte...

Sie wissen ja sicher, dass nach der Schoah, Ende des Zweiten Weltkrieges, Juden in aller Welt davon ausgingen, dass sich kein Jude mehr in Deutschland niederlassen würde. Haben Sie das damals gewusst?

Ja. Ich muss Ihnen sagen, dass ich selber ein Gegner der Leute war, die in Deutschland geblieben sind. Ich hätte mir auch nicht vorstellen können, dass ich selber in Deutschland bleiben würde. Aber manchmal gibt es so Schicksale, die einen Menschen dazu bewegen. Meine Frau ist deutsche Jüdin, hat alles mitgemacht, KZ usw. Wir haben å46 geheiratet. Da sie die deutsche Sprache beherrschte und gefühlsmäßig mehr an Deutschland gebunden war, haben wir es verschoben. Wir wollten quasi die Letzten sein. Es hat sich natürlich anders ergeben. Aber ich darf Ihnen dazu sagen, Sie haben vollkommen recht, das ist auch unsere Schande heute, die meiner Frau und die meinige, dass uns aus verschiedenen Gründen nicht gelungen ist, aus Deutschland herauszukommen. Wir sind bis heute hiergeblieben.

Susann Heenen-Wolff (Hrsg): Im Haus des Henkers. Gespräch in Deutschland. Frankfurt/M.: Dvorah 1992, S. 180-185

 

C 4 "Es gab kein Heim mehr"

Josef Warscher wurde 1908 im damals österreichisch-ungarischen Krosno geboren und wuchs in Stuttgart auf. Nach seiner Verhaftung 1939 verbrachte er fünfeinhalb Jahre im KZ Buchenwald. Er kehrte im Mai 1945 nach Stuttgart zurück. Josef Warscher war maßgeblich am Wiederaufbau der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs beteiligt und war Mitbegründer der Stuttgarter Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Also von wegen Empfangskomitee und so - null. Es gab Städte, da ist der Oberbürgermeister selber gekommen, um seine Häftlinge abzuholen. Der Bus hat uns im Osten der Stadt abgesetzt - und da war ich eben. Es ist schon komisch, Sie steigen in irgendeinem Stadtteil aus, stehen mitten auf der Straße und fragen sich, was jetzt? Ich kam heim und es gab kein Heim mehr...

In der Reinsburgstraße haben die Amerikaner ein Haus für die jüdische Gemeinde beschlagnahmt. Die alte Synagoge war ja zerstört. Erhalten waren nur noch die Gesetzestafeln und eine große Wandtafel mit den Namen der Gefallenen des Ersten Weltkriegs...

Wir hatten in den ersten Jahren in ganz Württemberg etwa 700 Mitglieder in der jüdischen Gemeinde, davon ca. 500 in Stuttgart. Von denen machten Alteingesessene oder auch nur in Deutschland Geborene höchstens 5 % aus.

Im KZ hatte ich mir gedacht, du gehst erst einmal nach Stuttgart und siehst, was dort los ist. Einmal, es war glaube ich 1947, habe ich mir ernsthaft überlegt, nach Amerika auszuwandern. Es wäre kein Problem gewesen, ein Visum nach Amerika zu bekommen. Doch ich betrachtete es immer als meine Pflicht, die jüdische Gemeinde in Stuttgart wieder aufzubauen, und diese Arbeit war so interessant, hat mich so gefesselt, dass ich dann doch geblieben bin...

Ich habe ungefähr zwei Jahre gebraucht, bis ich fähig war, wieder in ein Café oder Restaurant hineinzugehen. Es gab da eine unsichtbare Wand. Es hat lange gedauert, bis ich wieder Kontakt mit der nichtjüdischen Bevölkerung aufnehmen konnte. Das war nicht aus Absicht, nein, ich konnte es einfach nicht. Es waren natürlich auch nicht viele Juden da, mit denen man Kontakt hatte. Dafür hat man viel Zeit für die Arbeit gehabt. Vor allem die Wiedergutmachungsangelegenheiten haben viel Zeit in Anspruch genommen. Auch auf den Friedhöfen hatten wir viel zu tun - die Nazis hatten ja sogar die Bronzeplatten von den Grabsteinen geraubt.

Michael Brenner: Nach dem Holocaust, Juden in Deutschland 1945-1950 München: Beck´sche Reihe Nr. 1139,

C.H. Beck´sche Verlagsbuchhandlung, München

 

C 5 Seit zehn Generationen im Schwarzwald

Als der österreichische Kaiser Leopold I. in der Mitte des 17. Jahrhunderts den Wiener Stadtbezirk II von "Judenstadt" in "Leopoldstadt" umbenannte, vertrieb er die jüdischen Einwohner in alle Welt. Moses Hakohen, einer von ihnen, kam in das schwäbische Dorf Baisingen bei Nagold und siedelte sich dort als Viehhändler an. Aus dem Namen Hakohen wurde im Laufe der Jahre Kahn, und inzwischen ist der 13 Jahre alte Samuel die zehnte Generation der Familie, die in dieser Gegend verwurzelt ist.

"Wissen Sie, was das für Nüsse sind?" Fredy Kahn, 1947 geboren, praktischer Arzt in Nagold und Vater von Samuel, schaut seinen alten Patienten ratlos an. "Die Nüsse von diesem Baum habe ich schon Ihrem Urgroßvater geschenkt, jeden Herbst!"

Vor dem Nazi-Regime fand in dem wenige hundert Einwohner zählenden Dörflein Baisingen ein intaktes jüdisches Leben statt. Die rund 100 Juden dort hatten eine eigene Volksschule, seit 1778 einen eigenen Friedhof und seit 1782 sogar ihren eigenen Versammlungsort, eine Synagoge. Als am 10. November 1938, einen Tag nach den Prognomen dann die Nazihorden auch in die Baisinger Landidylle einbrachen, zerstörten sie neben den Wohnungen der Juden auch die Inneneinrichtung der Synagoge und verbrannten die Thorarollen, Gebetsbücher und alles andere Tragbare auf dem Feld hinter dem Versammlungshaus.

Die Baisinger Synagoge wurde nur deshalb nicht in Brand gesteckt, weil mehrere Wohnhäuser, auf die das Feuer hätte übergreifen können, kaum einen halben Meter entfernt von dem Versammlungshaus standen. Manchen der Juden gelang noch die Flucht aus dem Dorf, so auch Siegfried Kahn, dem Onkel von Fredy, der 1939 mit einem Kindertransport nach England emigrierte. Seinem Bruder Harry, dem Vater Fredy Kahns, gelang die Flucht aus Baisingen nicht mehr; 1941 wurde er aus dem schwäbischen Dorf deportiert. Dass Harry Kahn die insgesamt 11 Konzentrationslager, darunter Riga und Theresienstadt, überlebt hat, verdankte er allein seiner guten Konstitution, die er als dreißig Jahre alter Mann gehabt hat, schildert sein Sohn Fredy heute. Als Harry Kahn dann im Juni 1945 zum Skelett abgemagert nach Baisingen zurückkehrte, war er einer von fünf Juden aus diesem Ort, die die Vernichtungslager überlebten, indes der einzige, der in seiner schwäbischen Heimat blieb ...

Für die Baisinger Bevölkerung begann nun eine lange Zeit der Spekulation, der Mutmaßungen und des Zurechtrückens ihrer eigenen Geschichte. Viele biedern sich bei Fredy Kahns Vater an, er solle bestätigen, dass sie "mit dem Ganzen" nichts zu tun gehabt hätten. Dass Harry Kahns Mutter, seine erste Frau sowie sein 92 Jahre alter Großvater von den Nazis ermordet worden sind, versuchen sie - teilweise bis zum heutigen Tage - zu verdrängen.

Warum ist Harry Kahn in ein Land, in ein Dorf zurückgekehrt, das ihm soviel Leid angetan hat? Sein Vater habe nicht viel über seine eigene Geschichte erzählt, sagt Fredy Kahn nachdenklich. "Er hat nur von morgens früh bis spät abends geschuftet, er wollte wohl die viereinhalb verlorenen KZ-Jahre wettmachen", vermutet sein Sohn. "Das war seine Art, seine Geschichte aufzuarbeiten." Die Antwort auf diese Frage gab Harry Kahn einmal selbst in einem Brief im Jahre 1948. "Nach reiflicher Überlegung blieb ich an dem Ort, an dem meine Familie seit Generationen ansässig war."

Die Tatsache, dass "einer zurückgekehrt ist", macht den Baisingern heute noch zu schaffen; kaum einer kann mit der Geschichte des Dorfes umgehen. Man scheint sich aufs Totschweigen und Verdrängen zu beschränken. Bis vor einigen Jahren erinnerte lediglich ein Mahnmal auf dem jüdischen Friedhof an die Ermordeten; bezeichnenderweise wurde dieses von Harry Kahn im Jahre 1953 gestiftet.

"Hier liegen alle meine Vorfahren begraben und auch ich werde vielleicht einmal hier liegen", sagt Fredy Kahn, als er Fotografien von den Grabstätten seiner Ahnen zeigt.

Matthias Schweizer, in: Allgemeine Jüdische Wochenzeitung vom 6. April 1995

 

C 6 Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens

Ignatz Bubis, geboren 1927 in Breslau, überlebte den Naziterror, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland

"Ich bin ein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", habe ich noch vor einigen Jahren geantwortet, wenn mir jemand die Frage nach meiner nationalen Identität stellte - eine Frage übrigens, die mir selbst nur von einigermaßen begrenzter Bedeutung zu sein scheint in einer Zeit, in der die Welt immer enger zusammenwächst, in der nationale Grenzen und nationale Begrenztheiten zum Glück immer unwichtiger werden. Ich lebe in Deutschland. Frankfurt am Main ist seit langen Jahren meine Heimatstadt, hier wohne und arbeite ich, hier mische ich mich ein ...

Wenn ich von meiner deutschen Identität spreche, so liegt sie vor allem hier, in der deutschen Sprache, in der deutschen Literatur, in der deutschen Kultur. Nation, das ist für mich Kulturnation. Nur in dieser Form ist für mich die nationale Identität von Bedeutung ...

Die Richter und Henker haben dann ja sehr gründlich versucht, diese Kultur zu zerstören. Aber trotz des Holocaust ist es auch und vor allem diese deutsche Kultur, präziser: diese deutsch-jüdische Kultur, die mir das Leben in der deutschen Sprache, das Leben in Deutschland lebenswert macht.

Ignatz Bubis: Juden in Deutschland, Berlin 1996: Aufbau, S. 13, S. 34 f

 

C 7 Kein deutscher Jude mehr

Egon M. Kornblum, 1918 in Rathenow/Brandenburg geboren, Auswanderung nach Shanghai; weitere Exilstationen: Seattle, Israel; 1958 Rückkehr in die Bundesrepublik

Ich betrachte mich heute nicht mehr als deutschen Juden, sondern als "Juden in Deutschland": Man kann nicht einem Menschen sagen: "Du bist kein Deutscher, du bist ein Dreckjude, du bist Ungeziefer!", und morgen heißt es: "Nun ja, das ist mal gesagt worden!"

Franz J. Jürgens: "Wir waren ja eigentlich Deutsche", Juden berichten von Emigration und Rückkehr, Berlin 1997: Aufbau, S. 169

 


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