Zeitschrift

Jüdisches Leben in Baden-Württemberg

Möglichkeiten der Begegnung


Baustein C
Jüdisches Leben in Deutschland heute

 


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Inhaltsverzeichnis


Zur Einführung

Ist nach Auschwitz ein Leben im Land der Täter überhaupt denkbar? Spätestens nachdem die Weltöffentlichkeit mit den Menschheitsverbrechen an den europäischen Juden konfrontiert worden war, herrschte bei Juden aller Länder die Erwartung, dass kein Jude wieder deutschen Boden betreten werde. Deutschland werde - wie Spanien nach der gewaltsamen Vertreibung der Juden im Jahre 1492 - für eine sehr lange Zeit ein gebanntes Land sein. Leo Baeck, die führende Persönlichkeit des deutschen Judentums, kam 1945 zu dem traurigen Resümee: "Unser Glaube war es, dass deutscher und jüdischer Geist auf deutschem Boden sich treffen und durch ihre Vermählung zum Segen werden können. Dies war eine Illusion - die Epoche der Juden in Deutschland ist ein für allemal vorbei."1 Robert Weltsch sprach 1946 aus, was viele dachten: "Wir können nicht annehmen, dass es Juden gibt, die sich nach Deutschland hingezogen fühlen. Hier riecht es nach Leichen, nach Gaskammern und nach Folterzellen."2 Und doch ließen sich nach dem Ende der NS-Herrschaft Juden in Deutschland nieder. Wie war das möglich?

Vor dem Beginn der nationalsozialistischen Judenverfolgung lebten in Deutschland rund eine halbe Million Juden, davon konnten bis 1939 etwa die Hälfte rechtzeitig auswandern. Über 200 000 deutsche Juden wurden von den Nazis in den Osten deportiert. 165 000 fielen der Vernichtungsmaschinerie zum Opfer. Außerhalb der Konzentrationslager überlebten lediglich 12 000 bis 15 000 Juden, die meisten weil sie mit Nichtjuden verheiratet waren und erst gegen Kriegsende deportiert wurden. Eine verschwindend geringe Anzahl, etwa 2 000, hatte sich dank der Unterstützung durch nichtjüdische Deutsche im Untergrund verbergen können. Die meisten deutschen Juden, die die Vernichtungslager und Todesmärsche überlebt hatten, wollten Deutschland so schnell wie möglich verlassen. In den Lagern für "Displaced Persons", die von den Westalliierten, hauptsächlich von den Amerikanern, in Deutschland und Österreich errichtet wurden, lebten in den ersten Nachkriegsjahren etwa eine Viertel Million Juden, die überwiegend aus Osteuropa stammten. Der "Rest, der entkommen ist" (so nannten sich die Übriggebliebenen selbst nach einem Jesaja-Wort), wurde in diesen militärisch bewachten Lagern mit Stacheldraht häufig sogar zusammen mit ihren Verfolgern untergebracht. Für Menschen, die einen jahrelangen Leidensweg hinter sich und eben erst ihre Befreiung erlebt hatten, eine schier unerträgliche Situation.


1 zit. nach: Die Zeit vom 21.11.19997

2 zit. nach: Micha Brumlik u.a. (Hrsg.), Jüdisches Leben in Deutschland seit 1945, Frankfurt/M. 1988, S. 14

3 zit. nach: Fritz Bauer Institut (Hrsg.), Überlebt und unterwegs, Jüdische Displaced Persons im Nachkriegsdeutschland, Frankfurt/M. 1997, S. 35

4 a.a.O., S. 36


Umso erstaunlicher, dass sich die Camps zu autonomen Zentren jüdischer Kultur und Religiösität entwickelten. Voller Idealismus blickten die dem Tode Entronnenen in die Zukunft; die Schaffung des alten und neuen Eretz Israel sollte zu einem Leben ohne Rassismus und Gewalt führen: "Wer unter uns überlebt hat, blutet noch immer. Manche sagen, für Erlösung sei es zu spät, die Toten ließen sich nicht zurückholen. Aber die letzten Reste unseres Volkes müssen noch einmal hoffen... auf die Wiedererstehung der moralischen, ethischen und kulturellen Werte, die uns so lieb sind und ohne die die Welt in die Barbarei stürzen würde. Wir müssen uns bemühen, uns wieder zu erheben. Wir schulden das unseren innig geliebten Toten, die dieselbe Sehnsucht hatten." So wurde die jüdische Identität nach der Shoah in einem Übergangslager bei Stuttgart vom Leiter des lokalen DP-Komitees beschrieben.3 Der Gedanke an Rache war mit den moralischen Grundsätzen der Überlebenden nicht vereinbar: "Hitler hat den Krieg gegen die europäischen Juden gewonnen. Sollten wir uns rächen, dann würden wir uns in die tiefsten Tiefen der Ethik und Moral begeben, zu der die deutsche Nation in den letzten zehn Jahren hinabgesunken ist. Wir sind nicht dazu fähig, Frauen und Kinder abzuschlachten. Wir sind nicht dazu fähig, Millionen von Menschen zu verbrennen. Wir sind nicht dazu fähig, Hunderttausende verhungern zu lassen." (Zalman Grinberg, Juni 1945)4

Weshalb sollten die Juden in ihre osteuropäischen Herkunftsländer zurückkehren, wo sie doch durch den Rassenterror fast alle Angehörigen verloren hatten und ihre Gemeinden zerstört worden waren? In den kommunistisch regierten Ländern sahen diese Menschen keine Zukunft, zumal es vor allem in Polen bereits 1946 wieder zu antisemitischen Pogromen kam. Für die Mehrzahl der Entwurzelten und Heimatlosen sollten die Auffanglager nur eine Durchgangsstation auf dem Weg nach Palästina oder in die USA sein. Doch die restriktive Mandatspolitik Großbritanniens und die strengen Einwanderungsbedingungen der USA verhinderten eine schnelle Ausreise. Erst die Gründung des Staates Israel 1948 und eine großzügige Immigrationsquote der Amerikaner führte zu einer Auswanderungswelle. 1952 lebten noch 12 000 Juden in der Bundesrepublik. Das letzte DP-Lager wurde 1957 geschlossen. (Die Dokumentationsstätte "Lager Weinsberg", Karl-Weinbrenner-Straße in 74189 Weinsberg ist eine der seltenen Stellen, die dieses Thema behandelt. Kontakt: Dr. Bernd Liebig, 07134/7104)

Jüdische Gemeinden in Baden und Württemberg, 1925

Karte aus Joachim Hahn: Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Stuttgart 1988, hinteres Umschlagblatt

Juden, die im Deutschtum stark verwurzelt waren, hatten den Vorsatz, aus dem Exil heimzukehren, sobald die Nazidiktatur beseitigt war. Nachdem ihnen jedoch das ganze Ausmaß des Holocaust bekannt wurde, konnten sich nur wenige zur Rückkehr in die alte Heimat entschließen. Die Zahl der Rückkehrer belief sich 1959 auf 12 500; d. h. nur jeder zwanzigste Emigrant entschloss sich zur Remigration.

Doch seit den siebziger Jahren haben viele Juden, die im Ausland ein neues Zuhause gefunden haben und nie wieder deutschen Boden betreten wollten, ihrer alten Heimat einen Besuch abgestattet. Oft wurden sie von ihren erwachsenen Kindern und Enkeln begleitet. Hilfreich waren hier die Einladungen ihrer früheren Wohnorte. In Schulen sprechen die betagten Menschen - die Klangfärbung verrät schnell ihre Herkunft - über ihre zerstörte Kindheit, die Vertreibung aus der geliebten Heimat und den schwierigen Anfang in der Fremde.

Durch stetige Zuwanderung wuchs in der Bundesrepublik die Zahl der jüdischen Gemeindemitglieder in den achtziger Jahren auf knapp 30 000. Als die DDR gegründet wurde, zählten die jüdischen Gemeinden noch rund 3000 Mitglieder. Prominente Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler (u.a. Ernst Bloch, Hanns Eisler, Arnold Zweig, Anna Seghers, Stefan Heym), die sich bewusst für die Sowjetisch Besetzte Zone (SBZ) entschieden, um am Aufbau eines antifaschistischen und sozialistischen Staates mitzuwirken, traten meist nicht den jüdischen Gemeinden bei, weil sie sich allenfalls der "Schicksalsgemeinschaft" der Juden zugehörig fühlten. Aufgrund der staatlich gelenkten Antisemitismuskampagnen in der Spätphase der stalinistischen Herrschaft verließ 1952/53 ein Großteil der Juden die DDR. Bei der Auflssung der DDR waren in den acht Gemeinden nur noch 350 Mitglieder registriert.

Heute leben etwa 75 000 Juden in Deutschland. Infolge der Einwanderung aus den GUS-Staaten hat sich die Zahl der Juden seit der Vereinigung mehr als verdoppelt. Weitere Anträge auf Einreise als "Kontingentflüchtlinge" liegen den Botschaften vor. Der rasante Zuwachs führt einerseits zu der erwünschten Revitalisierung der überalterten jüdischen Gemeinden; die Integration der Neuanksmmlinge, die - aufgewachsen in einem atheistischen Staat - nur noch wenig vom Glauben der Väter wissen, stellt andererseits für die nach dem Krieg neu entstandenen Gemeinden eine große soziale, kulturelle und religiöse Herausforderung dar.

Vorschläge für den Unterricht

In den Texten kommen Juden zu Wort, die heute in Deutschland leben. Die Erfahrungsberichte sollen ein Gespräch in Gang bringen und damit Verständnis und Bereitschaft wecken, sich in die Situation der Juden in Deutschland zu versetzen. So begreift man vielleicht - um nur einen wichtigen Aspekt herauszugreifen -, dass auch und gerade Angehörige der zweiten und dritten Generation traumatisiert sein können und in einem "Angst- und Schuldghetto" (Rafael Seligmann) leben. Die Schüler sollten erkennen, dass der wachsende zeitliche Abstand für die Juden als Opfer keine Rolle spielt; die von vielen Nichtjuden gewünschte "Normalität" der Beziehungen daher nicht so einfach möglich ist.

Wir wissen sehr wenig über das Judentum und das heutige jüdische Leben in Deutschland. Wie ist es möglich, dass selbst akademisch Gebildete beim Stichwort "Juden" ausschließlich an die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen oder an die Bürger des Staates Israel denken?

Ignatz Bubis nennt einige Gründe: "Es ist eine jüdische Erfahrung, dass sich nichts so lange hält wie Vorurteile. Urteile kann man vergessen. Man kann sie auch revidieren. Vorurteile sind lebensfähiger, halten länger, und das zeigt uns die Geschichte der Jahrhunderte. Weil es heute so wenige Juden gibt, ist es schwer, einander kennenzulernen... Wie sollte man überhaupt einen Juden treffen? Sicher, es gab drei größere Gemeinden, Berlin, Frankfurt, München. Aber nehmen wir mal eine Stadt wie Essen, mit über 600 000 Einwohnern, Dort lebten bis 1989 80 Juden. Wie sollte der Durchschnittsbürger überhaupt einen Juden kennenlernen? Woher sollte er wissen, was Judentum ist? Und wenn er aus der Schule etwas über das Judentum behalten hat, dann war/ist es der Holocaust. Mehr nicht! Über

1600 Jahre jüdischer Geschichte in Deutschland hat er nichts erfahren. Über Holocaust in ausreichendem Maße. Ich zähle nicht zu denjenigen, die sagen, über diese Zeit der Schoah werde zu wenig unterrichtet. Das stimmt nicht, das trifft nicht zu. Aber, die Vergleichsmöglichkeiten für den durchschnittlichen Nichtjuden sind ausschließlich Judentum und Holocaust. Und das erleichtert nicht das Zusammenleben, das Kennenlernen, das Miteinander."5 Die hier vorgestellten Materialien können natürlich keine persönliche Begegnung ersetzen, sie können aber sehr wohl ein Anstoß sein, das Gespräch zu suchen mit Juden, die in Deutschland leben.

Die Passantenbefragung (C 1) zeigt, dass Ignatz Bubis mit seiner Einschätzung recht hat. Zu Beginn der Unterrichtssequenz kann der Lehrer/die Lehrerin einen Fragebogen erstellen, um das Vorwissen und die Meinungen der Schüler kennenzulernen. Die Schüler können aber auch selbst eine Umfrage in der Schule oder in der Gemeinde durchführen. (Eine Arbeitsgruppe wertet die Ergebnisse aus: Spielt das Alter oder der Bildungsstand der Befragten eine Rolle? Gibt es Aussagen, die als antisemitisch einzustufen sind?

Micha Brumlik, 1947 in der Schweiz geboren, gehört zur zweiten Generation. In C 2 nennt er Gründe, warum ein Teil der DPs in Deutschland "hängenblieb". Bezeichnend, dass in vielen Texten die Schuldgefühle und der Rechtfertigungsdruck, unter dem die hier lebenden Juden leiden, thematisiert wird. Wie ein roter Faden zieht sich die Identitätsfrage durch die Äußerungen. Die Antworten fallen - abhängig von der Herkunft und dem Alter der Autoren - sehr unterschiedlich aus.

Dass Juden im Nachkriegsdeutschland geblieben sind, war nicht immer Folge einer bewussten Entscheidung. Der aus Polen stammende Isak Wasserstein baute sich - von Selbstvorwürfen geplagt - in der Bundesrepublik eine Existenz auf (C 3). Josef Warscher und Harry Kahn kehrten sofort nach der Befreiung in ihre schwäbische Heimat zurück, um sich am Wiederaufbau des Gemeindelebens zu beteiligen (C 4, C 5). Ignatz Bubis, der als Jugendlicher von den Nazis in Arbeitslager gesteckt wurde, gehört ebenfalls der Gründergeneration an, die sich stark der deutsch-jüdischen Kultur verbunden fühlt (C 6). Nach vielen Exilstationen kehrte Egon M. Kornblum in das "neue" Deutschland zurück (C 7).


5 Ignatz Bubis: Jüdisches Leben in Deutschland 1945 - 1995, in: Günther B. Ginzel (Hrsg.): Der Anfang nach dem Ende, Düsseldorf: Droste 1996, S. 45 f.


Bei der in der Nachkriegszeit aufgewachsenen zweiten Generation setzte einerseits eine stärkere Bejahung des Lebens in Deutschland ein, das schlechte Gewissen, im "Haus des Henkers" zu leben, führte andererseits vielfach zu einer starken Identifizierung mit Israel (C 8, C 9). Nicht selten waren die "Kinder des Holocaust" einem hohen Erwartungsdruck ausgesetzt: "Wir, die Generation eins nach Auschwitz, sind mit den Alpträumen der Eltern aufgewachsen, in dieser Gemeinschaft der Überlebenden. Wir waren die Stellvertreterkinder. In uns sahen die Erwachsenen stets all die Kinder, die Opfer der Schoah wurden." (Günther B. Ginzel).6 Und immer wieder werden sie mit dem alltäglichen Antisemitismus konfrontiert; die "gedankenlosen" Äußerungen der Gutmeinenden treffen besonders tief.

(C 10, C 11).

Die dritte Generation (C 12 bis C 15) lebt nicht mehr auf "gepackten Koffern", sie bringt sich selbstbewusst in die Gesellschaft ein; wenngleich - das muss betont werden - Jude sein in Deutschland auch für die Jüngeren keine Selbstverständlichkeit ist. Der neuerwachte Neonazismus, fremdenfeindliche Gewaltakte und antisemitische Übergriffe gegen jüdische Einrichtungen in den neunziger Jahren (so der Brandanschlag auf die Lübecker Synagoge) führten dazu, dass sich viele junge Juden fragten, ob das vereinigte Deutschland der richtige Ort zum Leben sei.

Die "Kontingentflüchtlinge" aus den GUS-Staaten leben sich nur schwer in Deutschland ein; die Jüngeren verkraften den Wechsel in der Regel besser, sie finden sich schneller in der fremden Umgebung zurecht (C 16, C 17). Die jüdischen Gemeinden tun schon sehr viel für ihre Neumitglieder. Doch die ganze Gesellschaft ist gefordert, um die Zuwanderer aus ihrer Isolation zu holen und die Integration zu erleichtern. So können Initiativen (z.B. Hausaufgabenhilfe, Spielkreise, sportliche Aktivitäten) auch von Schulklassen ausgehen.

Glossar

Aschkenasim: (Einz.: Aschkenas; seit dem MA übliches hebräisches Wort für Deutschland). Bezeichnung für die mittel- und osteuropäischen Juden, deren Umgangssprache Jiddisch ist. Ggs.: R Sephardim.

Bar-Mizwa: (hebr. Sohn der Pflicht). Bezeichnung für einen Jungen mit Vollendung des 13. Lebensjahres. An einem der Tage nach seinem 13. Geburtstag übernimmt er in der Synagoge die Pflichten des religionsmündigen Mannes. Mädchen werden bereits mit Vollendung des 12. Lebensjahres religiös volljährig. Eine entsprechende Feier (Bat Mizwa / "Tochter der Pflicht") ist erst im 19. Jh. entstanden und wird vor allem im Reformjudentum begangen.

Beschneidung: (Berit Mila). Entfernung der Vorhaut des männlichen Glieds. Grundlegendes Gebot des Judentums zum Zeichen des Bundes mit Abraham. Die Beschneidung muss bei einem jüdischen Jungen am achten Tag nach der Geburt vollzogen werden.

Beth ha-Knesset: (hebr. Versammlungshaus). Knesset ist auch die Bezeichnung des in allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlen auf vier Jahre gewählten israelischen Parlaments mit Sitz seit 1949 in Jerusalem.

Beth ha-Midrasch: (hebr. Haus der Lehre). Midrasch (Pl. Midraschim) ist die Bezeichnung für die rabbinische Auslegung der Bibel.

Beth ha-Tefilla: (hebr. Haus des Gebets). Tefilla ist die allgemeine Bezeichnung für den Hauptteil des jüdischen Synagogengebets.

Chamez: Gesäuertes (= mit Sauerteig hergestellt), das sich zu Pessach nicht im Haus befinden darf. Deshalb wird am Abend zuvor das Gesäuerte im ganzen Haus gesammelt und am darauffolgenden Tag zur Mittagszeit in einem speziellen Ritus verbrannt.

Genisa: (urspr. pers./hebr. Aufbewahrung). Unbrauchbar gewordene heilige Bücher und Kultgegenstände dürfen nicht weggeworfen werden. Sie werden in eigens dafür bestimmten Räumen, den Genisa, aufbewahrt. Da aus Raumnot oft tote Winkel von Häusern dafür verwendet wurden, haben manche dort die Naziherrschaft überdauert.

Hep-hep: Antisemitischer Spottruf, der wohl zu Beginn des 19. Jahrhunderts auftauchte. Neben lautmalerischen Erklärungsansätzen wird auch die Verwendung der Anfangsbuchstaben des Satzes "Hierosolyma est perdita" (Jerusalem ist verloren) vermutet.

Judeneid: Ein aus dem Mittelalter stammender Brauch, die Juden zu einer sie besonders entehrenden Art des Eides zu zwingen, um so, wie Christen behaupteten, der Gefahr vorzubeugen, dass sie meineidig würden.

Judengasse: Seit Ende des 13. Jahrhunderts von christlicher Seite erzwungenes Zusammenwohnen der Juden in einer ihnen zugewiesenen Straße, die durch verschließbare Tore eine willkürliche räumliche Trennung von der übrigen Bevölkerung ermöglichte (z.B. an christlichen Feiertagen).

Kaddisch: (hebr. geheiligt). Jüdisches Gebet, das seit dem Mittelalter im Trauerjahr für das Seelenheil des Verstorbenen gesprochen wird.

Kaftan: Mantelartiger, langer und eng geknöpfter schwarzer Rock der orthodoxen Juden

Kalender: Der heutige jüdische Kalender ist lunisolar. Die Monate werden nach dem Mond, die Jahre nach der Sonne berechnet. Die jüdische Zeitrechnung bezieht sich auf den Zeitpunkt der Weltschöpfung. Rechnet man zu der bei uns aktuellen Jahreszahl des Gregorianischen Kalenders 3760 hinzu, erhält man die Jahreszahl des Jüdischen Kalenders.

Kibbuz: (Pl.: Kibbuzim). Gemeinschaftssiedlungen in Israel seit 1905 zur Erreichung gemeinsamer Ziele. Die Mitglieder bekommen gegen Arbeitsleistung unter Verzicht auf Privateigentum die zum Leben notwendigen Dinge und nutzen die Gemeinschaftseinrichtungen wie Kindergärten und Gemeinschaftsküche.

Kiddusch: (hebr. Heiligung). Segensspruch über einem Becher Wein unter Beachtung vorgeschriebener Formen

Kippa: (Pl. Kippot). Hebräischer Ausdruck für eine kleine Kopfbedeckung, die von gläubigen Juden im Alltag, zumindest aber bei besonderen Anlässen getragen wird (Friedhof, Synagoge, Gebet, Studium, Mahlzeiten)

Magen David: (hebr. Schild Davids). Es handelt sich um zwei Dreiecke, die ein Hexagramm oder einen sechszackigen Stern bilden. 1527 erstmals für die Judengemeinde in Prag benutzt, breitete sich das M.D. langsam als Symbol jüdischer Identität aus und wurde durch den Zionismus zum Symbol der jüdischen Nationalbewegung.1949 nahm die Knesset das M.D. in die Fahne Israels auf. Häufig findet man die Bezeichnung "Davidstern" für das Magen David.

Mazza: (hebr. ungesäuertes Brot), wird nach bestimmten Vorschriften hergestellt und muss am Pessachfest gegessen werden, darf jedoch auch das ganze Jahr über gegessen werden.

Mesusa: (hebr. Türpfosten). Eine kleine längliche Metallkapsel, die am rechten Türpfosten des Eingangs einer jüdischen Wohnung oder eines Hauses spätestens 30 Tage nach dem Einzug angebracht werden muss.

Mikwe: (hebr. Becken od. Brunnen, wo es fließendes Wasser gibt), im heutigen Sprachgebrauch Ritualbad (Tauchbad). Rituelle Reinigungen sind in der Bibel vorgeschrieben (3. Mose 14, 15).

Peies: (jiddisch, Schläfenlocken). Bezeichnung genau festgelegter Teile des Kopfhaares, die (gem. Lev. 19, 27= 3. Mose, 19,27) bei Knaben nicht abgeschnitten werden dürfen.

Rabbinat: Für die Verwaltung einer jüdischen Gemeinde unerlässliche Einrichtung zur Klärung religiöser Probleme und ritueller Belange. Der Rabbiner ist nicht für die Leitung des Gottesdienstes verantwortlich.

Schächten: (Schechita) Aufgrund biblischer Vorschrift im Judentum einzig erlaubte Art, Tiere zu töten

Schofar: Ausgehöhltes Horn eines Widders oder einer Antilope, in biblischer Zeit als Signalhorn, heute für bestimmte Feiertage verwandt. In Israel wird es auch zur Einsetzung eines neuen Staatspräsidenten geblasen.

Schutzbrief: Von einem Territorialherren häufig gegen Bezahlung ausgestellte Urkunde, mit der einer Person oder einer Gruppe ein bestimmtes Schutzrecht zugesichert wurde. Für Juden wurde meist das Recht zur Niederlassung und Religionsausübung verbrieft.

Schutzjuden: Ursprünglich unterstanden die Juden dem Schutz des Kaisers. Von der Mitte des 14. Jahrhunderts an wurden diese Rechte immer häufiger an die Landesherrschaften abgetreten, die dann einzelnen Juden, ihren Familien, oder auch kleinen Gemeinden gegen Zahlung bestimmter Steuern ein persönliches Aufenthaltsrecht zustanden.

Sederabend: Der Seder ist die religiöse Feier am ersten Pessach-Abend, sie schließt ein festliches Mal ein, das von einer besonderen Ordnung (Seder) feierlicher Handlungen begleitet wird.

Sephardim: (Sing. Sephard, hebr. Bezeichnung für Spanien), Bezeichnung für die Juden, die vor ihrer Vertreibung 1492 in Spanien und Portugal lebten, sich anschließend in Südosteuropa, Nordafrika und Asien niederließen. Heute werden mit Sephardim oft Juden aus orientalischen Ländern bezeichnet, die vom Holocaust nicht betroffen waren und nach 1948 nach Isreal eingewandert sind. Ggs.: R Aschkenasim.

Synagoge: siehe Baustein A

Tallit: (hebr. Gebetsmantel). Es handelt sich um ein viereckiges Tuch mit schwarzen oder blauen Streifen, an dessen vier Ecken nach biblischer Vorschrift Schaufäden angebracht sind, die an die vorgeschriebenen Gebete erinnern sollen. Der Tallit wird von erwachsenen Männern während des Gottesdienstes über der normalen Kleidung getragen.

Talmud: (hebr. Lernen, Lehre, Studium), Sammlung von Lehrsätzen (Mischna) verbunden mit den Kommentaren der großen Rabbis.

Tefillin: (hebr. Gebetsriemen), zwei schwarze Lederkapseln, die bestimmte Segenssprüche enthalten und mittels Lederriemen in vorgeschriebener Weise von erwachsenen Juden an Stirn und Oberarm angelegt werden

Thora: (hebr. Lehre, Unterweisung), bezeichnet Lehre im Allgemeinen, auch Gesetzessammlung. Im engeren Sinne bezeichnet Thora die Mose am Berg Sinai gegebene Offenbarung und die fünf Bücher Mose. Die Thora wird traditionsgemäß von Hand auf eine Pergamentrolle geschrieben und in einem Schrein aufbewahrt. Sie wird im Lauf des Jahres abschnittsweise in der Synagoge ganz vorgelesen.

WIZO: Women´s International Zionist Organisation, 1920 gegründet, 250 000 Mitglieder in 50 Ländern. Engagiert in der Frauen- und Kinderarbeit, betreibt Krippen und Kindergärten, Jugend- und Seniorenclubs. Altersheime und Fahrbibliotheken zugunsten aller Bevölkerungsgruppen in Israel. WIZO Gruppe Württemberg e.V., Hospitalstr. 36, 70174 Stuttgart, Fax (0711) 2 28 36 18.

Yad Vashem: (hebr. Denkmal und Gedächtnisstätte), eine umfassende Erinnerungsstätte an die Shoa in Jerusalem. Diese Aufgabe leistet sie durch beeindruckende Denkmalanlagen (z.B. für die ermordeten Kinder, für die versunkenen Gemeinden), Museum, Bibliothek, Archiv und Forschungs- und Weiterbildungseinrichtungen. Internet-Adresse:
http://www.yad-vashem.org.il/

Zentralrat der Juden in Deutschland: Gegr. 1950 als überregionaler Dachverband der Jüdischen Gemeinden in Westdeutschland und West-Berlin. Der Geschäftssitz ist Berlin, der Vorsitzende seit 1992 Ignatz Bubis.

Zusammenstellung: Erika Dürr

 


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