Zeitschrift

Jüdisches Leben in Baden-Württemberg

Möglichkeiten der Begegnung


Baustein B
Spurensuche am Heimatort

 


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Inhaltsverzeichnis


Zur Einführung

Spurensuche an einem Ort mit jüdischer Geschichte begleitet und unterstützt einen Lernprozess, der sensibel machen möchte für historische und politische Prozesse, die gekennzeichnet sind von Kontinuität und Wandel, Umbrüchen und Gewalt. Gleichzeitig soll Sensibilität für die Geschichte und das Schicksal von Menschen geweckt werden. Spurensuche beabsichtigt, zur Erinnerung zu motivieren und auf anderen Erfahrungsebenen vermittelbares Wissen zu veranschaulichen.

Ehemalige Synagogen, Gedenkstätten und Museen zur Geschichte der Juden in Baden-Württemberg

Zusätzliche Informationen in "Gedenkstätten in Baden-Württemberg" bzw. über http://www.gedenkstaetten-bw.de


Museum Synagoge und Friedhof Affaltrach Dorfbergstr. 15 74182 Obersulm-Affaltrach (07130) 6478

Ehemalige Synagoge und Friedhof Baisingen Postfach 29 72101 Rottenburg a.N. (07472) 165351 (07472) 165286

Museum und Friedhof Buttenhausen Bachwiesenstraße 7 72525 Münsingen (07381) 182115 (07381) 182101

Mikwe "Jordanbad" - Stadtmuseum und Friedhof Eppingen Rathausstraße 14 75031 Eppingen (07262) 920115 (07262) 920177

PSd.-Kulturelles Centrum - Ehemalige Synagoge Freudental Strombergstraße 19 74392 Freudental (07143) 24151 (07143) 28196

Ehem. jüdisches Schulhaus - Bürgerhaus und Friedhof Gailingen Postfach 1117 78260 Gailingen (07734) 930320 (07734) 930350

Jüdisches Museum und Friedhof Göppingen-Jebenhausen, Schlossstraße 14 73033 Gsppingen (07161) 979-522 (07161) 979-521

Wohnviertel, ehemalige Synagoge und Friedhof Haigerloch Weildorfer Kreuz 22 72401 Haigerloch (07474) 2737 (07474) 8007

Alte Synagoge und Friedhof Hechingen Goldschmiedstraße 22 72379 Hechingen (07471) 621031

Ehemalige Synagoge und Friedhof Hemsbach Schlossgasse 41 69502 Hemsbach (06201) 67181

Ehem. Beetsaal (im Keckenburg- Museum) Schwäbisch Hall Ob. Herrengasse 6-10 74523 Schwäbisch Hall (0791) 751289

Ehemalige Synagoge und Friedhof Kippenheim Schmieheimer Str. 112 77971 Kippenheim (07821) 67820

Gedenkstätte ehemalige Synagoge und Friedhof Michelbach a. d. Lücke Rathaus 74599 Wallhausen (07955) 2155

Ehemalige Synagoge und Friedhof Oberdorf-Bopfingen Spitalplatz 1 73441 Bopfingen (07362) 3855

Ehemalige Synagoge und Friedhof Rexingen Priorbergstraße 7 72160 Horb (07482) 91163

Ehemalige Synagoge Rottweil Krummer Weg 54 78628 Rottweil (0741) 4345 (0741) 4345

Museum zur Geschichte v. Christen u. Juden und Friedhof Schloß Großlaupheim Kirchberg 11 88741 Laupheim (07392) 912610 (07392) 912612

Ehemalige Synagoge und Friedhof Sennfeld Untere Eckenbergstr. 26 74740 Adelsheim (06291) 1408

Ehemalige Synagoge und Friedhof Sulzburg Hauptstraße 60 79295 Sulzburg (07634) 5600-35 (07634) 5600-50

Ehemalige Synagoge und Friedhsfe Wenkheim Kapellenstraße 2 97941 Tauberbischofsheim (09341) 12190

An zahlreichen anderen Orten befinden sich jüdische Friedhöfe, insgesamt 144 (vgl. Karte S. 12). Auch dort können in Einzelfällen sachkundige Führungen erfragt werden. Sie wenden sich wegen Auskünften dazu am besten an die Gemeindeverwaltungen.

Spurensuche ist in starkem Maße von der zur Verfügung stehenden Zeit abhängig. Aus diesem Grund wird dieser Baustein verschiedene Schritte eröffnen - Schritte, die einzeln gangbar sind (verknüpft mit dem jeweiligen Schwerpunkt der Klasse), die aber auch aufeinander aufbauend eine intensive Beschäftigung mit den Spuren jüdischer Geschichte ermöglichen.

Bei der Suche nach steinernen Zeugnissen und Spuren ist es wichtig zu berücksichtigen, dass solche Spuren ein Außen (die Hausfassade, der Grabstein) und ein sich dahinter verbergendes, manchmal auch verborgenes Innen haben. Diese innere Qualität zu erkennen, zum Beispiel durch die Verknüpfung mit Lebenserinnerungen (z. B. Inge Auerbacher: Ich bin ein Stern), ist Ziel der Spurensuche.

Die Anregungen sind hier so dargestellt, dass sie als Unterrichtsmaterial wie auch als Grundlage für eine Exkursion herangezogen werden können. Exemplarischer Ort der ausgearbeiteten Vorlagen ist Haigerloch. Die einzelnen Schritte können auf andere Orte übertragen werden. Für die Vorbereitung wichtige Informationen finden sich in der Broschüre "Gedenkstätten in Baden-Württemberg", dem Buch "Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg", der Reihe "Orte jüdischer Kultur" können die für die Vorbereitung wichtigen Informationen entnommen werden sowie im Internet (über: http://www.gedenkstaetten-bw.de.

Diese Schritte sind für die Spurensuche in kleinen und mittleren Orten formuliert - also für die Orte, in denen jüdische Landgemeinden bestanden. Die Bezeichnung "Jüdische Landgemeinden" steht für Orte früherer jüdischer Gemeinden in Dörfern und Kleinstädten, die im 15. und 16. Jahrhundert Juden nach ihrer Vertreibung aus den größeren Städten aufnahmen. Gegen Schutzgeld und unter harten Auflagen konnten sich die Familien ansiedeln. Wer für einen solchen Ort eine Kontaktadresse sucht, kann die Broschüre "Gedenkstätten in Baden-Württemberg" heranziehen.

Jüdische Friedhöfe in Baden-Württemberg

Abb. aus Joachim Hahn: Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Stuttgart 1988, S.108

Erkundungsaufgaben, kombiniert mit spielerischen Elementen zu einem Suchspiel oder Quiz erweitert, können für die Schülerinnen und Schüler ein Zugang zum jeweiligen Ort sein. Es kann nach einer der folgenden Varianten vorgegangen werden:

  • Zu vielen Orten früherer jüdischer Gemeinden liegen Publikationen mit reichhaltigen Abbildungen vor: Die Schülerinnen und Schüler erhalten die Aufgabe, ein Motiv (als Kopie ausgehändigt) im Ort zu finden und zu beschreiben.
  • Jüdisches Leben lässt sich an verschiedenen Gebäuden und Plätzen erkennen: Die Gruppe soll diese Gebäude und Plätze anhand eines (überarbeiteten) Ortsplans ohne Straßen- und Gebäudebezeichnungen finden und im Plan eintragen.
  • Spuren jüdischen Lebens sind auch die Erinnerungen der Bevölkerung am jeweiligen Ort: Gut vorbereitete Gruppen können Einwohnerinnen und Einwohner befragen - nach Gebäuden und Plätzen, aber auch nach eigenen Erinnerungen und Erfahrungen.

In Großstädten ist es gut möglich, eine Exkursion von einer sachkundigen Person begleiten und führen zu lassen. Kontaktadressen hierfür sind die Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (Freiburg, Heidelberg, Karlsruhe, Mannheim, Ravensburg, Stuttgart), die deutsch-israelischen Gesellschaften (Baden-Baden, Freiburg i.Br., Heidenheim, Konstanz, Stuttgart, Ulm) und die jüdischen Gemeinden (Baden-Baden, Emmendingen, Freiburg i.Br., Heidelberg, Karlsruhe, Konstanz, Lörrach, Mannheim, Pforzheim, Stuttgart).

Informationen über Kontaktadressen

Deutscher Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit

Postfach 1445 61214 Bad Nauheim

Tel. 06032/91110 Fax: 06032/911125

E-Mail: DKR@aranea-de

DIG-Bundesgeschäftsstelle: Martin-Buber-Straße 12,

14163 Berlin, Tel. 030/80907028 Fax 030/80907031

 

Spurensuche am eigenen Wohn- oder Schulort

  • Eine Übersicht über ehemalige Synagogen, Gedenkstätten und Museen zur Geschichte der Juden in Baden-Württemberg ist hier abgedruckt (S. 11). Diese Stätten sind auf Besucher eingerichtet und bieten Führungen sowie pädagogische Handreichungen. Sie werden oft ehrenamtlich betreut. Daher wird um frühzeitige Kontaktaufnahme gebeten.
  • Anhand von Karten und einem Stadtplan Bezeichnungen suchen, die für eine frühere jüdische Ansiedlung sprechen. Beispiele sind: Judenwinkel (Flurnamen); Judengasse, Schulstraße (Straßennamen).
  • Kontaktaufnahme mit dem Zuständigen des Ortsarchivs (Frage nach jüdischen Familien, Betrieben jüdischer Gründung) und zu eventuell bestehenden Initiativen (Gedenkstättenverein, Geschichtswerkstatt o.ä.).
  • Eigene Recherche anhand von Hinweisen in der Literatur (vgl. Literaturhinweise zu diesem Baustein), besonders: Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg.
  • Kontaktaufnahme zu älteren Bewohnern des Ortes, die in ihrer Kindheit und Jugend jüdische Familien kannten.
  • Wo es möglich ist, auch Kontaktaufnahme zu früheren jüdischen Familien und deren Nachkommen.

Jüdisches Wohnviertel

Das kulturelle und religiöse Leben früherer jüdischer Gemeinden ist an den Einrichtungen oder Plätzen einer Gemeinde ablesbar: Synagoge, Badhaus, Schulhaus, Rabbinat, Mazzenbäckerei können aufgesucht, eventuell besichtigt und beschrieben werden. Moderne Gemeindezentren heutiger jüdischer Gemeinden fassen diese Funktionen in einem Gebäude zusammen. Die Bezeichnungen der Einrichtungen jüdischer Gemeinden können in einer vorbereitenden Einheit besprochen und erklärt werden.

Der Plan B 1 zeigt beispielhaft das Ergebnis eines Rundgangs durch Haigerloch. Das Arbeitsblatt für die Schüler enthält zunächst nur die Ziffern 1 bis 11; die Namen und Funktionen der Gebäude sollen die Schüler erst erfragen und dann eintragen.

Frühere Synagogen

In vielen Orten, in denen früher jüdische Gemeinden beheimatet waren, sind die Gebäude der ehemaligen Synagogen erhalten, zum Teil restauriert, manchmal auch umgebaut, umgenutzt und nicht mehr als Synagoge erkennbar. Die überwiegende Zahl der früheren Synagogen wurde in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 zerstört, in den folgenden Jahren "arisiert" und für andere Nutzungszwecke umgebaut. (In Haigerloch wollte die Hitlerjugend eine Turnhalle einrichten.) Diese dem ursprünglichen Sinn und Wert des Gebäudes widersprechende Nutzung besteht zum Teil bis heute (auch in Haigerloch). An manchen Orten (Baisingen, Freudental, Hechingen, Sulzburg und andere) wurden die Gebäude restauriert und wieder zugänglich gemacht.

Am Beispiel Haigerloch kann der Prozess, den ein solches Gebäude im Lauf der Jahrzehnte durchgemacht hat, nachgezeichnet werden (B 2). Der Umgang mit der jüdischen Geschichte kann aufgezeigt werden, auch als Impuls, um über zeitgemäße Formen der Erinnerung ins Gespräch zu kommen. Die Bedeutung, die eine Synagoge für die jüdische Gemeinde hatte, wird in dem Bericht Inge Auerbachers ("Ich bin ein Stern", 1992, S. 13-15) anschaulich beschrieben. Bei der Besichtigung der früheren Synagoge Haigerlochs kann zunächst das Gebäude genau betrachtet werden; dabei können die "Spuren" der Geschichte aufgezeigt werden.

Das Schicksal der Synagoge Haigerloch seit 1930

1930 Synagoge der jüdischen Gemeinde

1938 Schändung in der Reichspogromnacht

1939 Umbau zur Turnhalle, dann Lagerraum der Deutschen Lufthansa

1950 Umbau

1955 Das Gebäude wird als Kino genutzt

1998 Erneuter Umbau: Supermarkt, dann Lagerhaus

An Orten, an denen die Synagoge nicht erhalten ist, kann beispielsweise die Spur der "Mesusa" (B 3) an den rechten Türrahmen früherer jüdischer Wohnhäuser gesucht werden. Die Mesusa ist bis heute ein Merkmal jüdischer Häuser: Am rechten Türrahmen wird eine Kapsel befestigt, die auf einem Pergament das jüdische Glaubensbekenntnis (Schåma Israel) enthält. Diese Kapsel wird beim Betreten des Hauses mit dem Finger berührt. Auch andere - nicht ausschließlich religiöse - Bräuche im Zusammenhang mit der Haustür können Schülerinnen und Schülern in Erinnerung gerufen werden (Beispiel: Weihwasserbecken, Türkränze, Segenssprüche).

Jüdische Friedhöfe

Die etwa 140 jüdischen Friedhöfe Baden-Württembergs sind Lernorte in doppelter Hinsicht: Die Merkmale jüdischer Friedhöfe sind Zeugnisse jüdischer Religion (Ausrichtung nach Osten, schlichte Gestaltung, Symbole) und dokumentieren die Geschichte der jüdischen Gemeinde am Ort (zum Beispiel im Wandel der Schrift und der Inschriften).

  • Der Friedhof hat im Judentum besondere Bedeutung. Seine Bezeichnungen im Hebräischen sind: "Haus der Gräber", "Haus des ewigen Lebens", auch "Haus der Ewigkeit". Das Grab wird als persönlicher Besitz der verstorbenen Person betrachtet; hier erwartet sie die Ankunft des Messias. Die Totenruhe dauert bis zu diesem Zeitpunkt und darf nicht gestört, das Grab weder aufgelassen noch wieder belegt werden. Es gibt also (im Unterschied zur Synagoge) keinen "ehemaligen" oder "geschlossenen" Friedhof. Bei aller Schönheit der Grabsteine ist der Friedhof auch kein Museum. Daher erfolgen Pflege oder Restaurierungen nur in sehr eingeschränktem Maße.

Der jüdische Friedhof ist ein "guter", ein "heiliger Ort", dessen Besuch bestimmten Regeln unterliegt, die zu beachten sind:

1. Kein Besuch am Schabbat (Freitagnachmittag bis Samstagabend)!

2. Männliche Besucher tragen eine Kopfbedeckung.

3. Die Grabflächen sollen nicht betreten werden. Vorsicht! Die Gräber sind nicht so deutlich umrandet wie auf christlichen oder kommunalen Friedhöfen in Deutschland.

4. Die Grabsteine, häufig aus Sandstein, sind mittlerweile oft brüchig und nicht immer ganz standfest. Sie sollten daher nicht berührt werden.

Der Besuch eines jüdischen Friedhofs, vor allem ein ungeführter, sollte erst nach grundlegender Information der Schüler erfolgen. Lehrer und Schüler sollten sich vorher mit den wichtigsten Symbolen (B 4) und Inschriftselementen der Grabsteine vertraut machen. Eine erweiterte Anleitung und Übersicht findet sich bei Joachim Hahn: Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, S. 55ff. Auf den Grabsteinen der jüdischen Friedhöfe finden sich vielfältige Hinweise auf die Geschichte der jüdischen Gemeinde am jeweiligen Ort.

Mögliche Arbeitsaufträge für den Rundgang

  • Notiere die Unterschiede zu einem kommunalen oder christlichen Friedhof, die dir auffallen.
  • Ist in der Gestaltung des Friedhofs eine Gesetzmäßigkeit zu erkennen? Versuche, die Gräber einer Himmelsrichtung zuzuordnen.
  • Wie werden die Gräber geschmückt? Notiere deine Beobachtung?
  • Auf christlichen Friedhöfen findet man oft Familiengräber. Welche Beobachtung machst du hier?
  • Suche den Grabstein mit dem ältesten und dem jüngsten Sterbedatum.
  • Suche Gedenksteine oder Erinnerungstafeln. Welche Jahreszahl tragen sie? Aus welchen Gründen wurden sie errichtet?
  • Beschreibe oder zeichne einen Grabstein, der dich besonders interessiert. Notiere deine Fragen.
  • Erstelle eine Liste häufiger Familiennamen. Überprüfe im Telefonbuch, ob es diese Familiennamen heute noch im Ort gibt.
  • Betrachte einige Grabsteine genauer. Zeichne je ein Symbol oder Zeichen, das du auf einem Grabstein findest.

Davidstern

Altes Ornament, das erst in der Neuzeit zu einem zentralen Symbol des Judentums wurde, und deshalb auf jüngeren Grabsteinen zu finden ist. Die beiden Dreiecke können als symbolische Darstellung der Begegnung von Himmel und Erde verstanden werden.

Levitenkännchen

Die Leviten verrichteten im Tempel den rituellen Reinigungsdienst. Das Symbol des Kännchen steht also für die Nachkommen dieser Leviten, die Familien Levi.

Segnende Hände

Die segnenden Hände sind ebenfalls ein Namenssymbol: Kahn, Cohn, Cohen, Familien, die diesen Namen tragen, stammen von den Priesterfamilien Kohen (hebräisch), die den Segen spenden, ab.

Buch

Ein Symbol der Weisheit, des Wissens und der Frömmigkeit, das den Lebenswandel und den Glauben des Bestatteten würdigt.

Beschneidungsmesser

Die Beschneidung (das Zeichen des Bundes) der neugeborenen Jungen ist ein ehrenvolles Amt in der jüdischen Gemeinde, das vom Beschneider, dem "Mohel" ausgeübt wird. Das Messer als Grabsteinsymbol erinnert an dieses Amt.

Literaturhinweise

Ehmann, Annegret u.a. (Hrsg.): Praxis der Gedenkstättenpädagogik, Opladen: Leske+Budrich, 1995

Gedenkstätten in Baden-Württemberg. Hrsg. von der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen in Baden-Württemberg, Stuttgart, 1998. Bezug: Landeszentrale für politische Bildung, Gedenkstättenarbeit, Sophienstraße 28-30, 70178 Stuttgart (gegen Einsendung eines mit DM 1,50 frankierten Rückumschlags, möglichst DIN lang)

Hahn, Joachim: Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Stuttgart: Theiss, 1988

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Bd. 5: Baden-Württemberg I (Regierungsbezirke Karlsruhe und Stuttgart); Bd. 5/2: Baden-Württemberg II (Regierungsbezirke Freiburg und Tübingen). Frankfurt/Main: Verlag für Akademische Schriften, 1991 und 1997

Orte jüdischer Kultur, Broschürenreihe, bisher erschienene Titel: Haigerloch, Kippenheim, Laupheim, Rottweil, Ulm (weitere Hefte in Vorbereitung). Bezug: Verlag Medien und Dialog, Klaus Schubert, Postfach 1, 72394 Haigerloch; Telefon: 07474 / 2737, Telefax: 07474 / 8007

Sauer, Paul: Die Schicksale der jüdischen Bürger Baden-Württembergs während der nationalsozialistischen Verfolgungszeit 1933-1945, Stuttgart: Kohlhammer, 1969

Toury, Jacob: Jüdische Textilunternehmer in Baden-Württemberg 1683-1938, Tübingen: Mohr, 1984

 

Sichtbare Zeugnisse jüdischen Lebens

Von Dr. Uri Kaufmann

An über 250 Orten lebten Juden im 19. Jahrhundert auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Baden-Württemberg (in Baden 1825: 17 577 Juden in 173 Gemeinden, in Württemberg 1818: 8 256 Juden an 79 Orten, in Hohenzollern an drei Orten). Gerade die kleinen und armen jüdischen Gemeinden auf dem Lande - die große Mehrheit vom 16. bis 19. Jahrhundert - hatten nicht die Mittel, eine eigene Synagoge zu bauen. So richteten sie in einem Wohnhaus einen Betsaal ein. Weiter gehörte ein Tauchbad ("Mikiwa") zur Einrichtung, das sich im Haus des Betsaals oder der Synagoge, manchmal auch bei Privatleuten befinden konnte.

Der Erwerb von Grundstücken war Juden bis ins 18. Jahrhundert meist nicht gestattet und so taten sich auch weit zerstreut lebende Familienvorstände zusammen und richteten vom 16. bis 18. Jahrhundert Verbandsfriedhöfe ein: Oft liegen diese abgelegen in Wäldern, wie etwa in Untergrombach, Hemsbach, auf der Gemarkung Weildorf bei Haigerloch, in Heinsheim-Bad Rappenau etc. (s. die Karte von Joachim Hahn). Weitere große Verbandsfriedhöfe gibt es in Kuppenheim (bei Baden-Baden), Schmieheim (bei Freiburg), Wiesloch (bei Heidelberg), Waibstadt (Kr. Sinsheim), Bödigheim (bei Buchen), Berlichingen, Neckarsulm, Unterbalbach (bei Bad Mergentheim) Mühringen (Kreis Horb).

War die Gemeinde etwas grsßer, konnte sie sich ein eigenes Schlachthaus leisten. Hohe Bedeutung hatte die Fürsorge: Arme durchziehende Juden wurden in einer "Schlafstätte", in kleinen Gemeinden auch durch Übernachtung in privaten Häusern versorgt. Oft gruppierten sich die jüdischen Familien um die Gemeindeeinrichtungen, auf dem Lande gab es keine Ghettos mit Mauern und Toren wie in Venedig oder Frankfurt. In Mannheim wurden ihnen vom Kurfürsten im 17. Jahrhundert zum Wohnen bestimmte Planquadrate angewiesen. Nach 1815 bauten die Juden nach Vorschrift der Regierungen ein "israelitisches Volksschulwesen" auf. Vereinzelt haben sich diese Schulgebäude ebenfalls erhalten (so in Buttenhausen oder Gailingen). Oft befand sich die Rabbiner- oder Lehrerwohnung im selben Gebäude. Jetzt konnten sich viele Landgemeinden einen eigenen Friedhof einrichten, sie machen die Mehrzahl der erhaltenen Grabstätten aus.

Die jüdischen Händler und Hausierer waren ein Bindeglied zwischen Stadt und Land. Als im 19. Jahrhundert die Diskriminierungen für Juden abgeschafft wurden, konnten sich einige Häuser bauen, die sie nach städtischen Vorbildern errichten ließen. Oft findet man deshalb in einem "Judendorf" städtisch wirkende Bauten, beispielsweise im südbadischen Gailingen. Mit der Erteilung des Rechts zur freien Niederlassung für Juden wanderten in den 1860er Jahren viele in die großen Städte aus. Einige Landgemeinden lösten sich daher vor 1933 auf. In südbadischen Städten wie Freiburg und Konstanz sowie in Stuttgart wurden sie erst von den 1860er Jahren an zugelassen. Die städtischen Gemeinden wiesen oft mehrere Betsäle und sogar Synagogen auf; Spitäler und Gemeindehäuser, oft auch neue Friedhöfe wurden errichtet. Das gesellschaftliche Leben spielte sich in vielen Vereinen, jüdischen, wie allgemeinen, ab. Die Verfolgungen der Nazizeit zerstörten das jüdische Leben in Südwestdeutschland.

Tipps zum Weiterforschen

Alle Synagogen Baden-Württembergs sind am 9./10. November 1938 entweder verbrannt und abgebrochen oder zumindest innen zerstört worden. Friedhöfe wurden geschändet, meist aber nicht abgeräumt, weil die Nazis mittels der Grabsteininschriften Rassenforschung betreiben wollten.

Wo Juden lebten, könnt Ihr in den beiden Büchern von Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey, "Die jüdischen Gemeinden in Baden" (Stuttgart 1968) und Paul Sauer, "Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern" (Stuttgart 1966), nachlesen. (Geht auch den dort angegebenen älteren Büchern nach: Wie hat man vor 1945 über Juden berichtet?). Die Bildteile geben einen Eindruck von Synagogen und Friedhöfen vor ihrer Zerstörung und Schändung. Jüngst wurden neue Photos badischer Synagogen durch das Generallandesarchiv in Karlsruhe entdeckt (Franz-Josef Ziwes, "Badische Synagogen", Karlsruhe 1997). Gute kleine Pläne und Hinweise auf neuere Literatur enthält das Buch "Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg" von Joachim Hahn (Stuttgart 1987).

An Orten mit großer jüdischer Bevölkerung gibt es meist Straßen, die von älteren Leuten "Judengassen" genannt werden (Sulzburg i.Br.). In Haigerloch vertrieb der Fürst zu Hohenzollern-Sigmaringen die Juden 1780 aus der Stadt und wies ihnen einen Platz "im Haag" zu. Dieser Platz gibt wohl am besten die Atmosphäre einer jüdischen Landgemeinde wieder. (Leider fristet die Synagoge dort immer noch ein Dasein als Textillager). Joachim Hahn hat dokumentiert, dass man in den 1980er Jahren begann, ein paar nicht abgebrochene Synagogen als Denkmale jüdischer Kultur zu schätzen, s. sein kleines Buch "Synagogen in Baden-Württemberg", Stuttgart 1987.

Über jüdisches Leben kann man viel in Memoiren erfahren; Beispiele für die Zeit von 1780 bis 1933 für Karlsruhe, Eppingen, Rust, Tauberbischofsheim bei Monika Richarz, Jüdisches Leben in Deutschland. Selbstzeugnisse zur Sozialgeschichte, 3 Bde., 1780-1945, Stuttgart 1979-82 (auch Kompaktausgabe). Den ausführlichsten Bericht vom Leben auf dem Lande, hier für die Stadt Niederstetten, gibt Bruno Stern. So war es (Sigmaringen 1985). Zu empfehlen sind die kurzen Erzählungen von Jacob Picard über das ländliche jüdische Leben in Südbaden (Werkausgabe, Fauthe-Verlag Konstanz). Volker Keller hat die beste Photo-Dokumentation städtisch-jüdischen Lebens herausgegeben (Mannheim.). Besonders gut gelungen ist die Spurensuche von Elisabeth Kallfass, Breisach Judengasse. Ein Lesebuch (Breisach 1993).

Im Revolutionsjahr 1848 spitzte sich die Judenfeindschaft eines Teils der bäuerlichen Bevölkerung so zu, dass es zu Ausschreitungen kam (Stephan Rohrbacher, Gewalt im Biedermeier. Antijüdische Ausschreitungen in Vormärz und Revolution [1815-1848/49], Frankfurt 1993, S. 186-201, 207210). Die durch die Verfolgungen 1933-45 geprägten Lebensläufe hat Walter Strauss, Lebenszeichen, Juden aus Württemberg nach 1933, Gerlingen 1982, verfolgt.

Immer noch aktuell sind die älteren Überblicke von Berthold Rosenthal, Heimatgeschichte der badischen Juden, Bühl 1927 und Rabbiner Aron Tänzer, Geschichte der Juden in Württemberg, Frankfurt 1937.

Am besten könnt Ihr laufende Arbeiten durch die Bibliographie des Leo Baeck üear Books (Secker and Warburg Verlag, London) 1956 ff. verfolgen, aber auch die Landesbibliographie Baden-Württembergs weist das Stichwort "Judentum" auf.


Zur Geschichte der jüdischen Gemeinden im Südwesten

In Württemberg

1281

Juden erstmals in Calw nachweisbar

13./14. Jahrhundert

Drei Pogromwellen gegen Juden: durch die Banden des Ritters Rindfleisch aus Röttingen/Unterfranken (1298), "Judenschläger" unter "König Armleder", einem Ritter von Uissigheim/Külsheim (1335-37) und - unter dem Vorwand der Brunnenvergiftung - während der Pestjahre 1348/49 an fast allen Orten

1498

Ausweisung durch Graf Eberhard im Barte

18. Jahrhundert

Zu Anfang des Jh. leben einige Juden als Hofschutzjuden oder Hoffaktoren in Württemberg (z. B. Josef Süß Oppenheimer, genannt Jud Süß).

19. Jahrhundert

Am Anfang des Jh. leben 534 Juden in Württemberg

1806

Kurfürst Friedrich hebt das Ausschließungsgesetz auf

1810

7000 Juden im Königreich Württemberg (nach der Gebietserweiterung durch Napoleon)

1828

Gesetz, "mit dem die öffentlichen Verhältnisse der israelitischen Glaubens-Genossen im Königreich durch eine zeitgemäße Gesetzgebung mit der allgemeinen Wohlfahrt in Übereinstimmung zu bringen, und die Ausbildung und Befähigung dieser Staats-Angehörigen zum Genusse der bürgerlichen Rechte gegen Übernahme der bürgerlichen Pflichten möglichst zu befördern" sind

1861

Aktives und passives Wahlrecht zur Ständeversammlung

1864

Bürgerliche Rechtsgleichheit, Aufhebung des Judeneides*

1871

Übernahme des Bundesgesetzes, das auch Mischehen erlaubte; damit Emanzipationsgesetzgebung abgeschlossen

1933

1. April Judenboykott (im ganzen Deutschen Reich). Anfang Juni streicht das Staatsministerium den Staatsbeitrag für die Israelitische Religionsgemeinde Württemberg. Staatliche israelitische Konfessionsschulen werden in Privatschulen umgewandelt.

1934

Jüdischer Religionsunterricht an den höheren Schulen wird aufgehoben

1938

Israelitische Gemeinde verliert alle Rechte

1939/40

Ende 1940 wird begonnen, Städte und Dörfer "judenfrei" zu machen. Es kommt zu Zwangsumquartierung von Juden, z. B. nach Haigerloch

1941/42

Gründung sog. jüdischer Altersheime, z. B. in Tigerfeld, Landkreis Reutlingen, mit Zwangseinweisungen

1941

Am 1. Dezember Beginn der Deportationen nach Osten

 

In Baden

1806

12 000 Juden leben in Baden

1808

Juden dürfen sich am Geburtsort niederlassen. Sie gewinnen damit ein Recht auf Heimat (vorher war Niederlassung grundsätzlich von einem Schutzbrief* abhängig), sie dürfen Grundbesitz erwerben, Staatsämter in der Exekutive verwalten und genießen den Schutz des Staates.

1809

"Judenedikt" schreibt vor: allgemeine Schulpflicht, Erlernung eines Berufes, auch Zugang zu akademischer Ausbildung, Annahme erblicher Familiennamen

1813

Aufhebung des Judeneids*

1819

Hep-hep-Sturm*

1828

Alle Sonderabgaben aufgehoben (steuerliche Gleichstellung)

1845

Nach Mißernten Hass und Gewalt gegen Juden besonders im Odenwald und im Kraichgau, Auswanderung von Juden nach Amerika

1849

Zulassung zum Staatsdienst und Wählbarkeit zu Abgeordneten

1852

23 699 Juden in Baden (1,7% der Gesamtbevölkerung)

1862

Gesetz, mit dem die völlige Emanzipation der Juden erreicht wird

1870/71

In den Jahren nach dem deutsch-französischen Krieg antisemitische Handlungen

1900

26 134 Juden in Baden (1,4 % der Bevölkerung), danach stetiger leichter Rückgang der jüdischen Bevölkerung

1933

1. April: Judenboykott

1934

Einrichtung jüdischer Klassen und Schulen mit staatlicher Unterstützung (In Baden gab es sonst nur Simultanschulen)

1940

22.-24. Oktober: Deportation 6 000 badischer Juden ins Internierungslager Gurs in Frankreich. Die meisten wurden später in die Vernichtungslager in den Osten deportiert.

* Vgl. Glossar auf den Seiten 21 und 22

 

In Hohenzollern

1346

Erste Erwähnung eines Juden in Haigerloch

15. und 16. Jahrhundert

Kontinuierliche Ansiedlung einiger Familien in Haigerloch und Hechingen. In der Folgezeit Ausweisung, Neuansiedlung und Ghettoisierung (z.B. 1745 in Hechingen)

1850

Übergang Hohenzollerns an Preußen bringt weitgehende bürgerliche Gleichstellung. Die Juden verlieren ihren Status als "Schutzjuden"* und werden dem Gesetz nach gleichberechtigte preußische Bürger und Untertanen.

1933

1. April: "Judenboykott"

1940-1942

Juden aus Stuttgart und anderen württembergischen Städten werden nach Haigerloch zwangsumgesiedelt

1941

27. November Beginn der Deportationen nach Osten, z. B. nach Riga

1944/1945

Nach dem Ende der Deportationen Einrichtung eines Außenkommandos des Konzentrationslagers Natzweiler/Elsaß in Bisingen mit einer durchschnittlichen Belegung von 1500 großenteils jüdischen Häftlingen

1946

Nach Auflösung der Massengräber Beisetzung der dort umgekommenen Personen auf dem Bisinger KZ-Friedhof

 

Die Situation der Gemeinden nach dem Holocaust

1945

Einzelne Überlebende und Heimkehrer gründen in Stuttgart die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg. Stuttgart ist die einzige jüdische Gemeinde in Württemberg und somit Rechtsnachfolgerin aller jüdischen Gemeinden in diesem Landesteil. Hauptaufgabe der jungen Gemeinde ist Schaffung einer Grundversorgung ihrer Mitglieder, denen es an den elementarsten Dingen fehlt. Außerdem leben in der amerikanischen Zone Hunderte von Displaced Persons (DPs) in Lagern ohne Kontakte zur Gemeinde mit dem Ziel der Auswanderung. In der französischen Zone leben praktisch keine DPs.

1948

14. Mai: Gründung des Staates Israel, dadurch Einwanderungsmöglichkeit nach Israel in größerem Maße; nach und nach Schließung der DP-Lager

1952

Wiederaufbau der Synagoge Stuttgart. Langsames Ansteigen der Zahl der Gemeindemitglieder. Ab Ende der fünfziger Jahre auch Rückwanderung aus Israel und Südamerika.

1990

hat die Gemeinde etwa 700 Mitglieder

1994

Durch Zuwanderung aus den GUS-Staaten bereits 1500 über Baden-Württemberg verteilt, dadurch große organisatorische und finanzielle Probleme, da häufig sogar eine Grundausbildung in den Inhalten des Judentums erforderlich ist

Jüdische Gemeinden in Baden-Württemberg gibt es heute in Baden-Baden, Emmendingen, Freiburg i.Br., Heidelberg, Karlsruhe, Konstanz, Lörrach, Mannheim, Pforzheim und Stuttgart.

Zusammenstellung: Erika Dürr

Gedenktafeln in Yad Vashem für die jüdischen Gemeinden in Baden und Württemberg

Bilder: Harald Roth

 


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