Zeitschrift

Jüdisches Leben in Baden-Württemberg

Möglichkeiten der Begegnung


Baustein A
Besuch in einer Synagoge

 


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Inhaltsverzeichnis


Zur Einführung

Sechzig Jahre nach der Pogromnacht des 9. November 1938, der Zerstörung fast aller Synagogenbauten und dem beginnenden Ende der jüdischen Gemeinden im nationalsozialistischen Deutschland, belebt und erneuert sich - unter veränderten Vorzeichen - das jüdische Leben in der Bundesrepublik.

Die Mitgliederzahl der achtzig jüdischen Gemeinden hat sich in den vergangenen zehn Jahren durch die Zuwanderung aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion bis August 1998 auf 67 500 verdoppelt. Durch diesen Mitgliederzuwachs und viele Neugründungen ist die jüdische Gemeinschaft in Deutschland zur Zeit in einer Phase des Umbruchs und der Neubesinnung. Als einen neuen "Anfang nach dem Ende"1 bezeichnete ein Kölner Symposion 1996 diese Zäsur in der Geschichte der Neugründung der jüdischen Gemeinden in Deutschland seit 1945. Und die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb anlässlich der Einweihung der neuen Aachener Synagoge im Mai 1995, dass die Zeit für den Bau jüdischer Gotteshäuser im Augenblick so günstig sei "wie zuletzt Mitte des vorigen Jahrhunderts"2. Stellvertretend für die zahlreichen sich in Entwicklung befindlichen Bauprojekte sei die neue Synagoge Dresdens genannt, für die bei den Elbterrassen - ihrem historischen Ort - am 9. November 1998 der erste Spatenstich erfolgte.

Ein spezifischer Neubeginn geschieht also, der auch die Schulen dazu auffordert, sich neu mit den jüdischen Gemeinden und ihren Synagogen zu befassen und die aktuellen Entwicklungen in die gängigen Unterrichtsreihen zu integrieren. Dies gilt umso mehr, weil die zugehörigen Themen, wie beispielsweise "Weltreligionen", "Judentum", "Nationalsozialismus" und "Holocaust", heute zwar ihren festen Platz im Unterricht haben, eine Anbindung an die Alltagswirklichkeit der Schüler aber häufig fehlt. Die Gefahr, dass "nur" Lehrbuchwissen ohne einen Lebensbezug vermittelt wird, dass nur "über", aber nicht "mit" Juden gesprochen wird, deutet sich an. Motivationsprobleme in diesen Themenbereichen sind außerdem nur zu bekannt. Ein weiteres Problem ist die Kompetenz der Lehrer, die zwar jüdische Religion und jüdische Lebensweise aus "Expertensicht" vermitteln sollen, aber als Nichtjuden dabei häufig an Grenzen geraten.


1 Kurt Reumann: Die Zahl der Juden hat sich verdoppelt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.4.1996, S. 43.

2 Sebastian Klusak: In welchem Stil sollen wir bauen? Geweihte Monumente im Stadtgefüge: Neue Synagogen in Aachen und anderswo, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.5.1995, S. 36.


Ein Synagogenbesuch in der eigenen Stadt oder in der näheren Umgebung kann dazu positive Impulse und Ergänzungen bieten. Dabei geht es nicht nur um die Besichtigung eines Gebäudes (noch dazu außerhalb seiner eigentlichen Nutzungszeiten), sondern vielmehr um die Begegnung mit einem Menschen. Für die Schüler bietet sich die seltene Gelegenheit, an einem authentischen Ort mit einem jüdischen Gesprächspartner über das Judentum (und häufig auch sich selbst) sprechen zu können. Hier können sie sich an Ort und Stelle informieren und sich ein eigenes Urteil bilden. Fremdheit und fehlendes Verständnis werden abgebaut, indem die Schüler merken, dass der "Typ da vorn" - wie sie sagen - "ganz normal" ist. In der Offenheit, in der diese Gespräche erfahrungsgemäß stattfinden, kann das gesamte Themenspektrum jüdischen Lebens angesprochen werden. Die Stärke vieler Gesprächspartner aus den jüdischen Gemeinden ist es, "Religion gelebt und erlebt" zu haben. Dies spricht Schüler besonders an, wie sich schon bei vielen derartigen Veranstaltungen gezeigt hat. Hinzu kommt die Motivation, aus der Schule hinausgehen zu dürfen und einen neuen Ort kennenzulernen, an dem besondere Spielregeln gelten (angefangen bei der Kopfbedeckung bis hin zu den Sicherheitskontrollen). Die Besichtigung des Synagogenraums und die Fragerunde können in einigen Gemeinden (wie z.B. Stuttgart) durch ein gemeinsames Essen im koscheren Restaurant ergänzt werden. Die Speisegesetze können dabei praktisch erfahren werden; der mehr kognitiv-argumentative Zugang zum Judentum kann um einen kulinarischen erweitert werden.

Erfolgversprechend scheint hierbei ein fächerübergreifender Ansatz zu sein. Denkbar ist, dass Religion, Ethik, Geschichte, Deutsch, Erdkunde und Bildende Kunst zusammenarbeiten und festlegen, an welchem Schnittpunkt der Unterrichtsreihen (Judentum, Stadtgeographie, Jugendbuch oder NS-Zeit) der Synagogenbesuch sinnvoll ist, und welche Vor- und Nachbereitung die einzelnen Fächer leisten können. Außerdem bleibt zu überlegen, ob es auch außerschulische Gelegenheiten gibt, bei denen man die Schüler zu einem Besuch in Synagoge und Gemeindezentrum ermuntern kann, z.B. zur Gedenkfeier anlässlich des 9. Novembers oder zu öffentlichen Veranstaltungen wie Konzerten, dem WIZO-Basar oder der Woche der Brüderlichkeit (im März). Der Jüdischen Gemeinde Mannheim ist es beispielsweise ein großes Anliegen, in die Stadt hineinzuwirken und Kulturadresse für alle Mannheimer zu sein.

Wie im Baustein B erläutert, bringt es die historische Entwicklung mit sich, dass heute in den meisten Fällen die "Synagoge", der Gebetsraum im engeren Sinn, in ein multifunktionales Gemeindezentrum integriert ist. Beide Aspekte sollen im Folgenden deshalb berücksichtigt, gleichwohl aber begrifflich voneinander getrennt werden. Gleiches gilt für die Konzeption der "Einheitssynagoge", die orthodoxes und liberales Judentum in einer Gemeinde bzw. Synagoge vereint.

Ziele

Aus den dargelegten Überlegungen ergibt sich ein Zielspektrum, das sich in zwei Bereiche gliedern lässt. Ein erster Teil kann durch den Einsatz der vorgelegten Materialien (in Verbindung mit den vorhandenen Lehrbüchern) erreicht werden. Die Schülerinnen und Schüler sollen

  • wesentliche Merkmale einer Synagoge (evtl. in Gegenüberstellung zum Jerusalemer Tempel) aufzeigen können,
  • die Funktionen und die Einrichtung einer Synagoge in wesentlichen Punkten kennen und dies konkret auf eine Synagoge in ihrer Nähe (etwa Karlsruhe, Mannheim, Stuttgart) übertragen können,
  • die Stellung der Synagoge innerhalb des religiösen jüdischen Lebens erkennen und die gegenseitige Ergänzung häuslicher und synagogaler Traditionselemente an einem Festtag (Rosch Haschana, Pessach, Schabbat) erläutern können,
  • die unterschiedlichen jüdischen Lebensweisen (orthodox, liberal) am Beispiel des Umgangs mit den Speisegesetzen und den Sabbatgeboten erläutern und ihre Auswirkungen auf die Synagogengemeinde aufzeigen können,
  • Stationen der historisch-politischen und architektonischen Entwicklung am Beispiel der Stuttgarter Synagoge nachzeichnen können und die "gebrochene Tradition" der deutschen jüdischen Gemeinden wahrnehmen.

Ein zweite Gruppe von Lernzielen kann nur durch einen Synagogen- oder Gemeindebesuch "vor Ort" erreicht werden. Die Schülerinnen und Schüler sollen

  • eine jüdische Gemeinde und ihre Synagoge beispielhaft kennenlernen und sich an diesem authentischen Ort mit einem jüdischen Gesprächspartner über das Judentum austauschen,
  • in Erfahrung bringen, in welcher aktuellen Situation sich die jüdische Gemeinde befindet und welche Veränderung die Öffnung der osteuropäischen Grenzen für das Gemeindeleben gebracht hat,
  • als Gast bei öffentlichen Veranstaltungen oder im Restaurant das gelebte Judentum als Teil des gesellschaftlichen Lebens der Bundesrepublik Deutschland erfahren.

Organisation

Allgemein gilt: Voranmeldung; eventuell kurzes Vorgespräch mit demjenigen, der die Synagogenführung durchführt; Kopfbedeckung für die männlichen Teilnehmer (wird in Mannheim gestellt): gezielte Vorbereitung der Schüler durch Integration des Synagogenbesuchs in eine Unterrichtseinheit; offene Fragen und Interessengebiete aus dem Unterricht zusammenstellen, schriftlich fixieren und mitnehmen.


Anschriften

Heidelberg
Jüdische Kultusgemeinde
Häusserstr. 10-12
69115 Heidelberg
Tel. 06221/90 52 40; Fax 16 30 08

Selbstkostenbeitrag bei einer Gruppe bis sieben Personen 30,- DM, bei einer Gruppe ab sieben Personen 60,- DM; schriftliche Voranmeldung


Karlsruhe
Jüdische Gemeinde
Knielinger Allee 11
76135 Karlsruhe
Tel. 0721/7 20 35 (Büro)

Mannheim
Jüdische Gemeinde
F 3, 4
68159 Mannheim
Telefon 0621/153974
Nur Gruppen aus dem Mannheimer Einzugsgebiet, Gruppengröße: mindestens 15, maximal 35 Teilnehmer; schriftliche Voranmeldung

Stuttgart
Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs
Hospitalstr. 36
70174 Stuttgart
Tel. 0711/22836-0 (Büro)
Tel. 0711/22836-45 (Restaurant "Schalom")
Schülerliste mit Namen und Adresse, Lehrer mit Personalausweis. Wegen eventuellem Essen ist separate Voranmeldung im Restaurant Schalom notwendig.

Weitere Gemeinden gibt es in Baden-Baden, Emmendingen, Freiburg, Konstanz, Lörrach und Pforzheim.

Zusammen mit den jüdischen Gemeinden in Heidelberg, Karlsruhe und Mannheim sind diese Gemeinden zusammengeschlossen in der Israelitischen Religionsgemeinschaft Badens, Postfach 48 06, 76013 Karlsruhe


Informationen für Lehrende

Zu den Themen "Synagoge" und "jüdische Religion" liegt eine Fülle von Materialien vor, die eine schnelle und umfassende Information für den Lehrer ermöglichen. Vergleichbar ist die Situation bei den Lehrbüchern der Fächer Ethik, Religion und Geschichte. Dieser Baustein soll daher nur spezielle Ergänzungen bieten. Grundinformationen zur Synagoge bietet u.a. die (nicht-jüdische) Autorin Monika Grübel (siehe Literaturhinweise). Für ältere Schüler könnte der folgende Text in den Lernzirkel integriert werden:

Das Wort Synagoge stammt aus dem Griechischen. Es bezeichnet die Gemeinde ebenso wie den Versammlungsort der Gemeinde und entspricht so dem hebräischen Bet ha-Knesset (Haus der Versammlung). Die Anfänge der Synagoge liegen bis heute im Dunkeln; doch bezeugen literarische Quellen und archäologische Funde die Existenz von Synagogen nicht nur in der Diaspora, sondern auch in Palästina und sogar in Jerusalem schon zur Zeit des Zweiten Tempels [ca. 6. Jahrhundert v. Chr.]. Die Synagoge war also kein Ersatz für den Tempel, sondern existierte neben ihm. Im Gegensatz zum Tempel gab es in der Synagoge nie einen Opferkult mit Räucher-, Brand- und Tieropfern. Dieser war ausdrücklich dem Tempel vorbehalten. Deshalb besaß eine Synagoge auch keinen Altar. Vielmehr war von Anfang an der Wortgottesdienst charakteristisch für sie: die Lesung aus der Thora und den Propheten, die Schriftdeutung [...] und die Gebete. Während der Tempel als Zentralheiligtum dem ganzen Volk Israel diente, war und ist die Synagoge Versammlungsstätte einer Gemeinde, gewöhnlich der Bevölkerung eines Ortes. Sie ist bis heute ein Mehrzweckbau: Sie dient zum Gebet, Studium und Unterricht [s. jiddische Bezeichnung Schul], zuweilen als Gerichtsgebäude sowie als gesellschaftliches und kulturelles Zentrum. Die Synagoge ist kein Sakralbau, kein geheiligter Ort wie etwa eine katholische Kirche. Sie erhält ihre Bedeutung durch die Tora, die in ihr gelesen wird und die den Gottesnamen trägt. Während der Kult im Tempel von einer erblichen Priesterkaste, den Kohanim, versehen wurde, wird der Wortgottesdienst in der Synagoge von Laien gestaltet. Ein Rabbiner ist für die Leitung des Gottesdienstes nicht notwendig. Zehn männliche Juden über 13 Jahren bilden den Minjan, die Mitgliederzahl, die notwendig ist, um ...einen vollständigen Gottesdienst abzuhalten. Zwischen Tempelkult und synagogaler Liturgie bestehen aber auch wechselseitige Beziehungen. So sind die Gebetszeiten vom Tempelkult her abgeleitet, und die Gebete werden seit ältesten Zeiten nach Jerusalem gewandt gesprochen. Dies prägt die synagogale Architektur von der Antike bis heute.

Monika Grübel: Judentum, a.a.O. S. 47f.

Kohanim: (hebr.) Priester des Jerusalemer Tempels, Plural von Cohen

Diaspora: (griech.) Gebiet, in dem die Anhänger einer Religion in der Minderheit sind

Kaste: Gruppe, sich streng abschließende Gesellschaftsschicht

Kult: (lat.) Form der Religionsausübung

Liturgie: (griech.) Form des Gottesdienstes

Sakralbau: (lat.) heiliges Gebäude, Gegenteil: Profanbau: unheiliges, alltägliches Gebäude

synagogal: zur Synagoge gehörig

 

Vorschläge für den Unterricht

Für die Erarbeitung bietet sich die Form des Lernzirkels an (s. S. 9). Für jüngere Schüler könnten die Fotos in ihren Gemeinsamkeiten und Unterschieden zum Ausgangspunkt gewählt werden. Die Materialien A 1 bis A 3 geben Grundinformation über die Synagoge und ermöglichen die Betrachtung eines Grundrisses der noch zu besuchenden oder bereits besuchten Synagoge. Durch Entfernen der "Lösungen" aus A 2 und A 3 kann ein Arbeitsblatt erstellt werden. (Zusätzliche Informationen zur historischen Entwicklung bietet u.a. Monika Grübel, S. 5 und 47f.). Weitere Einrichtungsgegenstände und Funktionsräume können bei der Führung erfragt werden. (Selbstverständlich sind nicht alle Räumlichkeiten des Gemeindezentrums für eine Besichtigung geöffnet. Ausnahmen bilden etwa der WIZO-Basar oder Festveranstaltungen.)

Konkretes jüdisches Leben kann durch die folgenden Texte (A 4 bis A 8) kennengelernt werden, die einer intensiveren Erschließung durch Arbeitsanweisungen (etwa als Teil eines Lernzirkels) oder ein gelenktes Unterrichtsgespräch bedürfen. Entscheidend ist, dass die gegenseitige Ergänzung von häuslicher und synagogaler Liturgie erkannt wird. Eine ergänzende, anschauliche Form von Unterricht wäre ein "Schnellkurs" in koscherer Küche, der sich, wie die Erfahrung zeigt, ohne großen Aufwand verwirklichen lässt, wenn man z.B. Mazzeknödel (ein Pessach-Gericht) zubereitet (vgl. Noemi Berger, S. 53; weitere Rezepte: A 5). Dadurch werden die Speisegesetze und die symbolischen Festtagsgerichte den Schülern "greifbar" näher gebracht.

Diese Einführung ins Judentum "durch die Küchentür", wie sie u.a. Kantor Frank Barth praktiziert, hat aber im nichtjüdischen Bereich ihre eindeutigen und unüberschreitbaren Grenzen. Ein vereinnahmender Nachvollzug oder gar ein "Imitieren" der jüdischen Gebete und Symbolhandlungen, ein "Feiern" im engeren religissen Sinne wäre verfehlt und würde das angestrebte gegenseitige Verständnis nicht fördern, sondern gefährden.

Als Variation zu der vorgelegten Textauswahl könnten auch längere Abschnitte aus den betreffenden Jugendbüchern (Auerbacher, Baer, alternativ auch Richter) in Kooperation mit dem Deutschunterricht gelesen werden. Eine weitere thematische Differenzierung bieten die Texte A 7 und A 8, durch die sich Unterschiede und Gemeinsamkeiten jüdischer Lebensweisen innerhalb der Einheitsgemeinden - vereinfacht gesprochen: der orthodoxen oder liberalen Position - erarbeiten lassen. Wegen der gebotenen Kürze fehlt die gleichwohl bedeutende konservative Richtung.

Von hier aus können im Rückblick auf die Grundrisse (A 2 und A 3) die Auswirkungen dieser Grundpositionen auf den Synagogenbau gezeigt werden: Sie "müssen meist als ,Einheitssynagogen´ errichtet werden, das heißt den unterschiedlichen liturgischen Bedürfnissen von orthodoxen und liberalen Juden entsprechen. Die Trennung zwischen Männerbänken und Frauenempore, die Stellung des Thoraschreins gen Jerusalem muss exakt eingehalten werden, eine Mikwe (rituelles Bad) in den Komplex mit eingeplant werden" (Klusak, S. 36).

Diese eher systematische Gesichtspunkte berücksichtigenden, auf die Gegenwart bezogenen Materialien finden ihre Fortsetzung ab A 13. Eingeschoben wird am Beispiel der Stuttgarter Synagoge ein kurzer historischer Rückblick (A 9 bis A 12, weitere Materialien bei Hahn). Die Geschichte der alten und neuen Stuttgarter Synagoge fasst die deutsch-jüdische Geschichte wie in einem Brennglas zusammen. Durch A 10 kann ein weiteres Thema, die Bauweise der alten Stuttgarter Synagoge, ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt werden. Der Aspekt Synagogenarchitektur setzt eine ansatzweise Beschäftigung mit Kirchenbau voraus, die entweder der Religions-, Ethik- oder der Kunstunterricht übernehmen kann. Querverbindungen, etwa nach Berlin und Nürnberg oder in Stuttgart zur damaligen Modearchitektur der "Wilhelma" und ihrem Vorbild, der spanischen Alhambra, lassen sich herstellen. Der künstlerische Aspekt soll aber kein Selbstzweck sein, sondern über das liberale, assimilierte Selbstverständnis der jüdischen Gemeinde Stuttgarts in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Auskunft geben. Die nächste Station (A 12) zeigt das Ende dieser Hoffnung auf Integration und Gleichberechtigung durch die Pogromnacht am 9. November 1938. Durch Fotos aus der Gegenwart (A 13 bis A 15) wird abschließend ein kurzer Einblick in heutiges jüdisches Leben in Baden-Württemberg gegeben, der Impulse für weitere Exkursionen und Projekte liefern kann.

Beispiel eines Lernzirkels

Der folgende Lernzirkel bietet einerseits mehr Stationen und Materialien als im Unterricht einsetzbar sind, andererseits weist er auch Lücken auf. Der abgedruckte "Laufzettel" orientiert über das Spektrum des Materials; er müsste für die Schüler neu erstellt werden, wenn die folgenden Entscheidungen durch den vorbereitenden Lehrer getroffen worden sind:

  • Schwerpunktsetzung: die hier vorgelegten Materialien ergänzen oder streichen; nach Bedarf Schulbücher hinzunehmen
  • Zeitrahmen klären (mindestens Doppelstunde; Zeit für die Auswertung reservieren)
  • Fixierung und Präsentation der Ergebnisse (Heft, Projektbuch, Plakat?)
  • Auswahl obligatorischer und fakultativer Stationen sowie der Arbeitsformen
  • Schwierigkeitsgrad
  • Formulieren von Arbeitsaufträgen für die ausgewählten Materialien.

 

Laufzettel für die Lernzirkel

Nr.   Stichwort                                            Raum                  erledigt?

 

Funktion und Einrichtung einer Synagoge

A 1 Aufgaben und Einrichtung

A 2 Innenraum der Synagoge Stuttgart

A 3 Innenraum der Synagoge Karlsruhe

 

Jüdische Feiertage und Feste

A 4 Schabbat feiern: zu Hause oder in
der Synagoge (Text aus Göppingen)

A 5 Menüvorschlag für Rosch Haschana

A 6 Rosch Haschana feiern,
in der Synagoge Stuttgart

 

Vielfalt in der Einheitsgemeinde

A 7 Sabbatruhe und Speisegesetze:
orthodoxe Position

A 8 Sabbatruhe und Speisegesetze:
liberalere Position

 

Die alte Stuttgarter Synagoge

A 9 Gedenktafel für die Gefallenen

A 10 Alte Stuttgarter Synagoge, außen

A 11 Alte Stuttgarter Synagoge, innen

 

Der 9. November 1938

A 12 Brand der Stuttgarter Synagoge

 

Neue, andere jüdische Gemeinden

A 13 Neue Stuttgarter Synagoge, innen

A 14 Überreste der Gesetzestafeln

A 15 Neue Karlsruher Synagoge, innen

 

Literaturhinweise

Auerbacher, Inge: Ich bin ein Stern. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg, 1992

Baer, Edith: Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht. Frankfurt/Main: Fischer-Taschenbuch, 1995

Berger, Dr. Joel [Landesrabbiner der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs]: In der Synagoge. In: Antisemitismus, Vorurteile und Mythen, hrsg. v. Julius H. Schoeps u. Joachim Schlör, Frankfurt/Main o.J. Zweitausendeins, S. 67-73

Berger, Noemi: Das koschere Kochbuch. Gelebte Tradition und deren Bedeutung für den jüdischen Alltag und

an den jüdischen Feiertagen, Stuttgart 1995. [über WIZO-Gruppe Württemberg e.V. zu beziehen; Tel. (0711) 2 26 49 01; Fax 2 28 36 18; Preis 29 DM]

Folberg, Neil/ üom Tov Assis: Dass ich mitten unter ihnen wohne. Historische Synagogen, Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 1996

Grübel, Monika: Judentum. Ksln: DuMont, 1996

Hagemann, Alfred: Jüdisches Alltagsleben und jüdische Kultur - heute und in der Verfolgungssituation der NS-Zeit. In: Ulrike und Bernhard Breunig (Hg.): Fächerübergreifender Unterricht. Kissing: Weka 1997, 12/2.2, S. 1-37

Hahn, Joachim: Synagogen in Baden-Württemberg. Stuttgart: Theiss, 1987

Hammer-Schenk, Harold: Synagogen in Deutschland. Geschichte einer Baugattung im 19. und 20. Jahrhundert, 2 Bde., Hamburg: Christians, 1981

Jüdisches Gemeindezentrum Mannheim F3: Festschrift zur Einweihung. Hrsg. vom Oberrat der Israeliten Badens, Karlsruhe, Mannheim: Verlagsbüro von Brandt, 21990

Krinsky, Carol Herselle: Europäische Synagogen. Architektur, Geschichte und Bedeutung, Wiesbaden: Fourier, 1988

Lau, Israel M.: Wie Juden leben. Glaube, Alltag, Feste, Gütersloh: Gütersloher Verlags-Haus Mohn, 1990

 

Internet-Auswahl (Stand: April 1999)

Gedenkstätten in Baden-Württemberg
http://www.gedenkstaetten-bw.de

Synagogen in Deutschland allgemein
http://hagalil.com/brd/synagogn.htm

Synagoge Augsburg
http://www.augsburg-online.de/sehens/synagoge.htm (?)

Berlin, Neue Synagoge
http://www.snafu.de/~cjudaicum/

Essen
http://www.essen.de/kultur/synagoge

Karlsruhe (historisch)
http://www.archinform.de/projekte/6193.htm

Köln
http://www.sgk.de/
http://www.sgk.de/synagoge1.htm
http://www.sgk.de/gemeinderessourcen.htm

Jüdisches Leben allgemein (u.a. Festtage, koschere Küche)

http://www.hagalil.com (deutsch)

http://www.virtual.co.il (englisch)

 

Jüdische Feste und Feiertage

Auswahl und Zusammenstellung: Erika Dürr

Schabbat: (hebr. ruhen). Der siebte Tag der Woche und der Schöpfung. Er wird zur Erinnerung an das Ruhen Gottes nach der Schöpfung der Welt als absoluter Ruhetag gefeiert.

Rosch Haschana: Jüdisches Neujahrsfest, 1. und 2.

Tischri (September/Oktober). Es hat den Charakter eines Gerichtstages und ist gleichzeitig der Beginn von zehn Bußtagen, die mit dem Yom Kippur enden.

Sukkot: Laubhüttenfest, 15.-21. Tischri (September/Oktober), erinnert an die Zeit, als die Isrealiten auf dem Weg ins gelobte Land waren. Es folgt unmittelbar auf die zehn Bußtage, die mit dem Neujahrsfest beginnen. Das Fest dauert sieben Tage, die in einer nach genauen Vorschriften leicht gebauten Hütte (Sukka) verbracht werden. Sukkot ist zugleich Dankfest zum Abschluss der Ernte.

Simchat Tora: 23. Tischri (September/Oktober), ist der "Tag der Gesetzesfreude", der letzte Tag der Sukkotwoche. Es ist der Tag, an dem der Jahreszyklus der Thora-Lesung in der Synagoge abgeschlossen wird.

Chanukka: (hebr. Einweihung). Es handelt sich um ein achttägiges Fest, das zur Erinnerung an die Rückeroberung und Reinigung des Tempels in Jerusalem zur Zeit der Makkabäer 25. Kislew - 2. Tewet (November/Dezember) gefeiert wird. Es ist ein frohes Fest, bei dem in einer bestimmten Reihenfolge acht Kerzen des Chanukkaleuchters angezündet werden.

Purim: 14. Adar (Februar/März). Losfest, Freudenfest zur Erinnerung an die Errettung der persischen Juden vor der Verfolgung Hamans, Minister am Hofe Xerxes I. (519-465). Der Tag der Vernichtung war durch das Los bestimmt worden (Esther 3, 7).

Pessach: 15.-22. Nissan (März/April). Es ist ein Frühlingsfest und erinnert an den Auszug aus Ägypten. Es beginnt mit dem Sederabend.

Schawuot: 6. Siwan (Mai/Juni). Das "Wochenfest" erinnert daran, dass Gott dem Volk Israel sieben Wochen nach dem Auszug aus Ägypten die Gesetzestafeln (Zehn Gebote) gab. Es ist ein Fest großer Freude.

Yom ha Shoa: 27. Nissan (April) Gedenken an die Shoa.

Yom Kippur: Versöhnungstag, 10. Tischri (September/ Oktober). Er ist der ernsteste der jüdischen Feiertage, gekennzeichnet durch Buße und strenges Fasten. Aussöhnung mit den Mitmenschen machen die Versöhnung mit Gott möglich. Es ist der einzige Tag, an dem in Israel das öffentliche Leben zum Stillstand kommt.

 


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