Zeitschrift

Jüdisches Leben in Baden-Württemberg

Möglichkeiten der Begegnung

 

Einleitung


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Inhaltsverzeichnis


Unbekannt und fremd?

Mit der Erinnerung an die selbstverständliche Koexistenz von deutscher und jiddischer Kultur bei den kleinen Leuten, mit der Erinnerung an die deutsch-jüdische Kultur der Groß- und Bildungsbürger schwand auch das Wissen über das Judentum. Wer kennt heute in Deutschland etwa die Bedeutung der jüdischen Feiertage? Wer weiß, wie viele jüdische Bürgerinnen und Bürger in unserem Land leben? Wer hat einmal eine Synagoge besucht? Wieviele nichtjüdische Deutsche kennen eine jüdische Familie? Nicht so sehr der Tatbestand der verbreiteten Unkenntnis selbst scheint schrecklich, die historischen Gründe, die ihn herbeigeführt haben, sind furchtbar.

Was man nicht kennt, verunsichert, erscheint fremd, bedrohlich. Es muss ausgegrenzt und im schlimmsten Fall dämonisiert werden. Ich wünsche mir, dass die nichtjüdischen Deutschen wieder mehr über jüdische Kultur, jüdische Religion, jüdisches Leben erfahren, dass mehr nichtjüdische Deutsche in unsere Gemeindezentren und Synagogen kommen - einfach, um jüdisches Leben kennenzulernen.

Ignatz Bubis: Juden in Deutschland, Berlin: Aufbau, 1996, S. 38


Dieses Heft will dazu beitragen, den Mangel zu lindern, den Ignatz Bubis in seinem Text beschreibt. Die Beiträge informieren an ausgewählten Beispielen über jüdisches Leben in Deutschland. Wie wenig Deutsche im allgemeinen über das Judentum wissen, ist durch Umfragen belegt. Unsicherheit, Vorurteile und Fehlverhalten können ihre Ursache im Nichtwissen haben. Und wenn schon die Kenntnisse der Erwachsenen zu wünschen übrig lassen, - das Vorwissen von Schülerinnen und Schülern über dieses Thema ist noch viel geringer.

Wenn man Schüler nach Juden fragt, wissen fast alle, dass diese unter der Diktatur Hitlers verfolgt und in den Konzentrationslagern vernichtet wurden. Die zweite Assoziation zum Stichwort "Juden" ist der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern sowie die Terroranschläge radikaler Gruppen in Israel. Selten - abhängig vom Geschichts- oder Religionsunterricht, der in den befragten Klassen vorausgegangen ist - haben Schüler genauere Informationen über die Geschichte und die Religion der Juden oder über die Anlässe der Verfolgungen.

Vorurteile werden von Schülern im Zusammenhang mit dem Judentum nicht geäußert. Die typischen Ressentiments der Großvätergeneration sind Jugendlichen weitgehend unbekannt. Nur selten haben die Lehrenden einen Schüler im Unterricht, der persönlich einen Juden kennt oder in dessen Familie über Erfahrungen mit Juden gesprochen worden ist. Allerdings kann sich das durch den Zuzug osteuropäischer Juden auch wieder ändern.

In den Medien werden die Schüler kaum über das Judentum oder über deutsche Juden informiert. Dort überwiegen Nachrichten über die gleichen Bereiche, die auch die Schüler nennen: das Holocaust-Denkmal in Berlin, der Streit zwischen Bubis und Walser um das richtige Erinnern, Reden zum Jahrestag des 9. November oder zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar. Schlagzeilen machen auch die Entschädigungsforderungen von Juden an Firmen und Banken für geleistete Zwangsarbeit oder enteignetes Vermögen. Zwar gibt es immer wieder Meldungen, die betroffen machen, zum Nachdenken anregen und die Wichtigkeit unseres Themas betonen, so wenn über geschändete jüdische Friedhöfe, über antisemitische Schmierereien und Ausschreitungen berichtet wird. Bei den Auslandsnachrichten gibt es eine Fülle von Informationen über die Entwicklung der israelischen Innenpolitik sowie des israelisch-palästinensischen Friedensprozesses.

Auf den Lokalseiten der Zeitungen findet man immer öfter auch Berichte, die Mut machen; zum Beispiel, wenn Realschülerinnen in Rottenburg nach jüdischen Spuren in ihrer Stadt suchen oder wenn eine Geschichtswerkstatt in Tübingen einen Geschichtspfad quer durch die Stadt entwirft, um die Erinnerung an jüdisches Leben wieder in Erinnerung zu rufen. Aktionen dieser Art gibt es fast überall in unserem Bundesland. Die Beispiele, die in diesem Heft dokumentiert sind, sollen dazu anregen, dass Lehrer und Schüler jeweils an ihrem Ort geeignete Projekte entdecken und verwirklichen.

Diese Ausgabe erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit in irgendeiner Richtung. Es will keinen Querschnitt durch die aktuellen politischen Probleme Israels oder einen Längsschnitt durch die jüdische Geschichte bieten. Auch eine Aufarbeitung des Holocaust und eine systematische Darstellung der jüdischen Religion und Kultur sind hier nicht möglich. Über diese Bereiche gibt es zahlreiche und vielfältige Veröffentlichungen aus allen möglichen Perspektiven - so viele, dass hier sogar auf eine ausführliche Literaturliste verzichtet wird. Bei jedem Baustein ist nur die dort direkt verwendete Literatur genannt.

Auch wenn so viele Fragen und Probleme ausgeklammert sind, ist ein Heft über Juden in Deutschland immer ein schwieriges Unterfangen. Immer wieder werden wir durch Zeitungsmeldungen darauf hingewiesen, wie leicht Missverständnisse entstehen, wie schwer sie wieder aus der Welt zu schaffen sind, wie groß die Empfindlichkeiten sind und wie mühsam das "normale" Zusammenleben und Miteinandersprechen ist. Feingefühl ist auf beiden Seiten auch deshalb nötig, weil auch die jüdischen Gemeinden in Deutschland unterschiedliche Positionen zu jüdisch-christlichen Begegnungen vertreten: viele sind offen für Dialoge, manche sind eher zurückhaltend.

Lernen durch Begegnung

Die vier Bausteine regen dazu an, sich mit dem Thema nicht in der traditionellen Weise (Schulbücher, Lehrervortrag, Referate) zu beschäftigen, sondern einen Zugang über Begegnungen zu versuchen. Bei der Konzeption des Heftes stand die Überlegung im Mittelpunkt, wo Schüler heute in ihrem Umfeld dem Judentum begegnen können - und das ist im Wesentlichen nur außerhalb der Schule möglich.

In allen Bausteinen steht die Gegenwart im Vordergrund. Die Zugangsfragen sollten immer sein: Was ist heute da, was sehe ich, wen kann ich treffen, mit wem kann ich sprechen, welche Fragen kann er mir beantworten, wie ist es dazu gekommen? Ebenso ist in allen Bausteinen aber Vergangenheit auch immer gegenwärtig. Die Schüler merken, dass der heutige Zustand das Ergebnis aus vielen Jahren und Jahrhunderten gemeinsamer Geschichte ist. In dieser Geschichte gibt es Beispiele für ein gutes Miteinander zwischen Juden und Nichtjuden, aber auch für Diskriminierung und Verfolgung.

Lebendig ist jüdisches Leben zuerst einmal in der Synagoge. Deshalb steht im Mittelpunkt des Bausteins A die Vorbereitung auf den Besuch in einer Synagoge. Die meisten Informationen und Materialien in diesem Heft beziehen sich auf die Stuttgarter Synagoge, doch finden sich auch Hinweise auf die Synagogen in Karlsruhe und Mannheim. Wenn der Besucher beispielsweise vor der Stuttgarter Synagoge steht, so fällt ihm nicht nur ein Gedenkstein auf, sondern auch der stark gesicherte Eingang. Der heutige Besucher wird also nicht nur sofort mit der Vergangenheit konfrontiert, er erfährt schon vor dem Eintreten, dass auch heute Synagogen gegen rechtsextreme wie terroristische Anschläge gesichert werden müssen.

Baustein B gibt Anregungen für eine Begegnung der Schüler mit jüdischem Leben an ihrem Heimatort, wie es vor der Zeit des Nationalsozialismus dort existiert hat. Auch diese Spuren sind lebendig, wenn man sie sieht und deuten kann. Hinter den gegenwärtigen Zustand geht der Blick zurück in die Geschichte des Judentums in Deutschland.

Im Baustein C erfahren die Schüler etwas über Begegnungen mit Juden, die in Deutschland leben: Zeitzeugen, die die Vernichtung überlebt haben, deren Kinder, Enkel und jüdische Einwanderer aus Osteuropa. Die Reaktionen der Umwelt, von denen die Texte berichten, erklären sich auch hier durch Vorurteile oder Wissen aus der Vergangenheit.

Ein Projektbericht über den Schüleraustausch zwischen deutschen und israelischen Gymnasiasten ist im Baustein D abgedruckt. Die Begegnungen fanden in Deutschland, in Israel und in Polen statt. Dabei erweist sich, dass Beziehungen auch zwischen jungen Menschen nur gelingen können, wenn die Vergangenheit nicht verschwiegen oder zugedeckt wird.

Ziele

So soll dieses Heft durch Information und durch Begegnungen mit jüdischem Leben in Deutschland außerhalb und innerhalb der Schule beitragen

3/4 zu etwas mehr Toleranz gegenüber Minderheiten,

3/4 zu einem friedlichen Umgang zwischen unterschiedlichen Religionen,

3/4 auch zum Abbau von Unsicherheit, Ängsten und Vorurteilen

3/4 und zur Verhinderung von aggressiven Handlungen.

Das Heft will helfen, die in Deutschland nach wie vor vorhandenen Schwierigkeiten im Umgang mit jüdischen Menschen zu klären und - aller Vergangenheit zum Trotz - Begegnung heute möglich zu machen. Sabine Rosenbladt hat die Aufgabe so formuliert: Wir, die multikulturellen Deutschen, könnten in der Zwischenzeit üben, die Frage "Sind Sie Jude?" nicht mehr anders klingen zu lassen als "Sind Sie Katholik?" oder "Sind Sie Vegetarier?"

Inhalte und Methoden

Diese Zielrichtung ist in allen Bausteinen gleich. Die Unterrichtsvorschläge unterscheiden sich aber nicht nur durch die Inhalte, sondern auch wegen der differierenden methodischen Möglichkeiten, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

In Baustein A steht als Einführung in jüdische Religion und Lebensweise ein Synagogenbesuch im Mittelpunkt. Die Benutzer werden zu einem Gang durch die Stuttgarter Synagoge eingeladen. Weitere Hinweise erleichtern die Übertragung auf andere Synagogen in Baden-Württemberg und öffnen den Blick auf jüdische Feste, Speisegesetze und auf die Geschichte. Als methodisches Vorgehen zur Erschließung wird hier ein Lernzirkel vorgeschlagen.

Baustein B soll motivieren, in der Heimat nach Spuren jüdischen Lebens zu forschen, Blicke in die Vergangenheit der eigenen Umgebung zu werfen und sie dadurch besser kennenzulernen. Dazu werden die Schüler am Beispiel Haigerlochs auf Spurensuche geschickt. Als Vorgehensweise ist dafür Gruppenarbeit geeignet. Die gesammelten Materialien und Informationen sollen zu einer Broschüre, einem "neuen" Stadtplan oder einer Ausstellung zusammengestellt werden.

In Baustein C lernen die Schüler in Deutschland lebende Juden kennen. Diese erzählen, warum sie in Deutschland leben, wie sie sich fühlen, welche Probleme ihnen begegnen. Natürlich ersetzen diese Texte nicht die direkte Begegnung mit Juden, aber sie sind eine gute - viele Aspekte umfassende - Alternative oder Ergänzung. Als methodisches Vorgehen empfiehlt sich hier Freiarbeit. Da diese Texte Emotionen wecken, liest sie jeder still für sich und kann nach Interesse und Gefühl bei einzelnen länger verweilen. Gespräche in der Klasse ergeben sich nach der Lektüre von selbst, sicher auch Wünsche, von manchem noch mehr zu erfahren oder einzelne Aspekte genauer zu hinterfragen.

Der Projektbericht Baustein D weckt die Lust an der weitestgehenden Aktivität, dem Schüleraustausch mit Israel. Näher kann man jüdisches Leben nicht kennenlernen als durch das Zusammensein mit gleichaltrigen Juden hier oder in einer Familie in Israel. Der Baustein zeigt den Weg zu einer solchen Partnerschaft auf, er informiert und dokumentiert einige gelungene Austausche, darunter sogar einen, bei dem deutsche und israelische Jugendliche gemeinsam eine Reise nach Polen durchführen und Auschwitz besuchen. Die Schüler erfahren, was gemeinsam möglich ist und wo Probleme gelöst werden müssen. Dieser Baustein soll die Neugier und die Lust wecken, sich selbst auf eine so intensive Begegnung einzulassen, einen Schüleraustausch zu initiieren und sich an Jugendreisen nach Israel, wie sie ja auch außerhalb der Schule, z. B. von Jugendgruppen der Kirchen oder der Gewerkschaften angeboten werden, zu beteiligen.

Jeder Baustein hat gleichzeitig zwei Aufgaben zu erfüllen: Er soll erstens anregen zu einer aktiven Begegnung mit dem jüdischen Leben - möglichst in der Nähe des Heimatortes. Er soll zugleich einen Leitfaden für diejenigen anbieten, die ein solches Projekt durchführen; mit Adressen, Fragestellungen und Arbeitsblättern.

Zum anderen soll jeder Baustein auch für jene nützlich sein, die keine Zeitzeugen einladen, keinen Synagogenbesuch durchführen können. Er enthält deshalb auch eine Menge Materialien, die ohne die dazugehörige Eigenaktivität den Schülern Informationen und eine lebendige Vorstellung von jüdischem Leben vermitteln.

Diese beiden Zielvorgaben der Materialien führen zuweilen zu Doppelungen. So sind zum Beispiel

Abbildungen und Informationen im Heft abgedruckt, die der Synagogenbesucher nicht unbedingt benötigt, da er sie ja selbst sieht oder hört; aber der, der im Klassenzimmer bleibt, braucht sie und weiß dann einiges über Funktion und Aussehen von Synagogen.

Einsatzmöglichkeiten

Das Heft ist hauptsächlich auf den Unterricht in der Sekundarstufe I ausgerichtet. Es kann folgendermaßen eingesetzt werden:

- alle Bausteine im Religions- und Ethikunterricht der Klassen 9 und 10 als Ergänzung zum Lehrbuch oder anstelle der dort vorgeschlagenen Texte

- Baustein B im Geschichtsunterricht der Klassen 7 bis 9 (Bevölkerung im Mittelalter, Judenemanzipation im 19. Jahrhundert, Judenvernichtung im Dritten Reich)

- Baustein C im Deutsch-, Gemeinschaftskunde- und Geschichtsunterricht der Klassen 9 und 10 (Lebensberichte, Selbstaussagen, Vorurteile, Minderheiten, Ergänzung zu verschiedenen Ganzschriften)

- Das gesamte Heft eignet sich besonders gut für den fächerübergreifenden Unterricht. Im Gymnasium ist das Thema "Juden in Deutschland" direkt als fächerverbindendes Unterrichtsthema im Lehrplan genannt.

- die Materialien des Heftes eignen sich zum Einsatz bei Projekttagen. Sie regen zur Selbsttätigkeit an und bieten den Schülern auch die notwendigen Hilfen zur Durchführung. Dabei kann in vier Gruppen gearbeitet werden. Die Ergebnisse können dann in einer Ausstellung oder Informationsveranstaltung öffentlich gemacht werden.

- Außerdem enthält das Heft mit der Geschichtstafel, dem Glossar jüdischer Fachbegriffe, dem Festkalender, den Adressen von Ansprechpartnern hilfreiche Informationen nicht nur für die Bearbeitung der Materialien selbst, sondern auch für verschiedene Unterrichtseinheiten des Religions-, Ethik-, Geschichts- und Politikunterrichtes.

Karin Schröer

 


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