BAUSTEIN A

Ideal und Wirklichkeit


Widersprüche zwischen Idealen und der davon abweichenden Wirklichkeit gehören zur alltäglichen menschlichen Erfahrung. Wer aufmerksam und sensibel die kleinen und großen Ereignisse des Alltags betrachtet, wird oft deutliche Gegensätze zwischen positiven Wunschbildern auf der einen und der tatsächlichen Realität auf der anderen Seite erleben. Gut informiert und so umfassend wie noch nie in der Geschichte der Menschheit gebildet, zur Kritikfähigkeit und Mitbestimmung ermuntert, wissen wir heute bei vielen Themen und Anlässen, was eigentlich sein sollte, was im Idealfall sein müßte, damit es dem Betrachter selbst, aber ebenso auch einer größtmöglichen Zahl von Mitbürgerinnen und Mitbürgern gut ginge. Das Erleben der Diskrepanz zwischen Ist und Soll führt zu ganz unterschiedlichen Reaktionen.

Menschen reagieren aggressiv, manchmal aber auch deprimiert auf den Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit, der dann häufig zum Anlaß dafür genommen wird, an der als paradiesfern erlebten Wirklichkeit zu leiden, freudlos und sogar unglücklich zu sein.

Wer sozialverträglich und verantwortungsbewußt für Staat und Gesellschaft handeln will, wird sich nicht zu unkontrollierten Reaktionen hinreißen oder gar in seinem Streben entmutigen zu lassen, wenn die Verwirklichung der Ideale nicht oder nicht in vollem Umfang gelingt. Wir benötigen andere Denk- und Verhaltensweisen, um unsere Zukunft verantwortlich und nachhaltig zu gestalten: Frustrationstoleranz, um nicht gleich enttäuscht zu sein, wenn ein Ideal nicht beim ersten Anlauf erreicht wird; Energie, um auch gegen Widerstände im Streben nach dem Ideal nicht nachzulassen; Gelassenheit und Lebensweisheit, um zu wissen, daß menschlicher Alltag - wenn überhaupt - ganz selten an ein philosophisch formuliertes Ideal herankommt.

Das darf aber nicht dazu führen, aus Angst vor Enttäuschung oder Frustration etwa ganz auf Ideale zu verzichten. Zentrale Aufgabe der Schule ist es daher, gerade auch junge Menschen immer wieder dahingehend zu ermutigen, Ideale, positive Vorstellungen und Ziele als Leitlinien für das eigene oder auch für das gesellschaftliche Leben zu formulieren und sich an ihnen zu orientieren - auch dann, wenn sie nicht zu erreichen sind. Das kann in verschiedenen Fächern und bei ganz unterschiedlichen Themen geschehen.


1. Ein Ideal - was ist das? (A 1 bis A 4)

A 1 (die Freiheitsstatue) und A 2 (das am Sockel der Statue eingemeißelte Gedicht) dienen als Impulse, sich näher mit dem Thema "Ideal und Wirklichkeit" zu beschäftigen. Der Arbeitsauftrag zielt darauf, zunächst optische Wirkung und inhaltliche Botschaft der Statue zu beschreiben. Dabei sind Antworten zu erwarten, die eine erste Annäherung an den Begriff "Ideal" ermöglichen: richtungsweisend, verheißungsvoll, strahlend, Mut machend, sendungsbewußt, demonstrativ, etc. ... Die anschließende Lektüre und Interpretation des Gedichts (A 2) verstärken den Eindruck: die Statue ist ein Symbol für das Ideal der Freiheit.

Inschrift auf dem Sockel der Freiheitsstatue
Von Emma Lazarus, 1883

Give me your tired, your poor,
Your huddled masses yearning to breathe free,
The wretched refuse of your teeming shore.
Send these, the homeless, tempest-tossed to me.
I lift my lamp beside the golden door.

Deutsche Übersetzung
Gib mir deine müden, deine armen,
Deine niedergedrückten Massen, die sich danach sehnen, frei zu atmen,
Das armselige Strandgut deiner überfüllten Küsten.
Sende sie, die Heimatlosen, die vom Sturm Gestoßenen, zu mir.
Ich erhebe meine Fackel neben dem goldenen Tor.

Bild: Comstock

Deutlich werden hier die Verheißungen der Freiheit formuliert. In Stein gehauen, bleiben sie für immer ein erstrebenswertes Ziel, an dem die jeweilige Realität gemessen und damit auch bewertet werden kann. Daran anschließend kann durch Hinzuziehung verschiedener Lexika für definitorische Klarheit des Begriffs gesorgt werden. Eine weitere Aufgabe müßte darin bestehen, neben Freiheit andere Ideale der Menschheit zu nennen und deren Verwirklichung zu diskutieren.

Daß Ideale zu allen Zeiten - oft in unterschiedlichen Formen und durch unterschiedliche Medien - vorgetragen und verkündet werden, soll A 3 (Cover mit Joan Baez) zeigen, wobei hier ebenfalls die bei der Freiheitsstatue herausgearbeiteten charakteristischen Merkmale (richtungsweisend, verheißungsvoll, strahlend, Mut machend, sendungsbewußt, demonstrativ) auffallen und auch (als assoziativ gewollte Parallele?) erkannt werden sollten.

 

A 4 ("We shall overcome") wurde als ein zeitloses und geradezu klassisches Freiheits- und Hoffnungslied (besonders bei der schwarzen Bevölkerung der USA - Martin Luther King!) von Joan Baez gesungen. Die Sängerin avancierte mit diesem und ähnlichen Liedern für viele Jugendliche quasi zu einer lebendigen Freiheitsstatue des 20. Jahrhunderts, zu einer modernen Hoffnungsträgerin. Der Auftrag an die Schülerinnen und Schüler könnte lauten, andere Personen, Bauwerke, u. a. m. zu nennen, die ebenfalls Ideale "transportieren". Deren Aussage und Wirkung ist jeweils zu diskutieren.


2. Verfassung und Verfassungwirklichkeit (A5, A6)

Mit A 5, einem Auszug aus den Grundrechten des Grundgesetzes, wird die Diskussion über das Leitbild einer Verfassung (Ideal) und die Verfassungswirklichkeit eingeleitet. Nach einem Versuch der Bewertung (z. B.: "Die Verfassung sagt, was als Ideal anzustreben ist") sammeln die Schülerinnen und Schüler aus den Medien prägnante Beispiele dafür, wo der Idealzustand in der tatsächlichen Wirklichkeit nicht erreicht oder sogar weit verfehlt wird. Diese Vergleiche machen deutlich, daß häufig ein Gegensatz zwischen Verfassungsnorm und Verfassungswirklichkeit besteht.

Die entscheidende Herausforderung besteht darin, darüber nicht in Lethargie ("Ich kann ja doch nichts machen") oder Resignation ("Die Wirklichkeit erdrückt mich. Ich ziehe mich zurück") zu verfallen. Vielmehr sollte die Formulierung des Ideals ein dauernder Ansporn zur Gestaltung des politischen und gesellschaftlichen Lebens im Sinn der Verfassung sein
(A 6).

Mahnung

Von Carlo Schmid (1896 - 1979)

Wir sollten diesen Staat als unseren Staat betrach-
ten, allerdings nicht nur im Sinne einer hübschen
und netten Redensart zur Erbauung, sondern in
dem Sinne, daß wir in diesem Staat für das verant-
wortlich sind, was geschieht.

Eine Verfassung mag noch so schön sein - sie ist
immer nur ein Angebot, von ihren Möglichkeiten Ge-
brauch zu machen. Daß aus Verfassung Staat wird,
liegt in unserer Hand. Das haben wir zu bewirken.


3. Strategien (A 7 bis A 9)

Die Bildergeschichte (A 8) zeigt humorvoll und exemplarisch, daß es bei Diskrepanzen zwischen Idealvorstellung und erlebter Wirklichkeit nicht immer nur um große und grundsätzliche Themen geht.

 

Gerade auch bei im Grunde unwichtigen Ereignissen des Alltags erleben heute viele Menschen einen Unterschied zwischen ihren Wünschen, ihren Ansprüchen und der Realität. Und das führt häufig zu Streß, Streit und Frust. Im Anschluß an A 8 kann auch diskutiert werden, wer (nämlich jeder selbst) oder was (hohe, verwöhnte Erwartungshaltung) für dieses Unzufriedensein verantwortlich sind. Die Frage, wie wir mit diesen nüchternen Erkenntnissen umgehen, was wir in unserem Alltagshandeln im Hinblick auf Enttäuschungen verbessern können, leitet zum nächsten Lernschritt über.

Hier soll es darum gehen, Strategien aufzuzeigen und zu diskutieren, die geeignet sind, mit der Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit leben zu können. Eine - meist jedoch erfolglose - Methode ist die ständige Beschäftigung mit sich selbst, das ständige Reden über die Kommunikation, über Fehler und Defizite. Dabei wird häufig die eigentliche Aufgabe aus den Augen verloren und die dafür notwendige Konzentration der Kräfte geht verloren. Es gilt also, über andere - erfolgreichere - Strategien nachzudenken.

Die Frage, welche Grundstimmung und -einstellung gegenüber der Alltagswelt an die Schüler weitgegeben werden soll, erhält durch den Gegensatz zwischen Idealen und Wirklichkeit ihre zentrale Bedeutung: Der Mensch kann an diesem Gegensatz letztlich zerbrechen; er kann diesen Gegensatz aber auch positiv erleben und in ihm einen Motivationsschub für seine Aktivitäten sehen.

Mit Tucholskys Gedicht (A 7) kann die lebenserfahrene Erkenntnis vermittelt werden, daß kaum ein Mensch alle seine Wünsche erfüllt bekommt: "Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten. Daß einer alles hat: das ist selten." Die anschließende Diskussion sollte nach den Konsequenzen dieser Lebensweisheit fragen: Gelassenheit auf der einen Seite, die Kraft zu schrittweisen Verbesserungen der Wirklichkeit in Richtung des Ideals andererseits, aber nicht Resignation.

Im Redemodell (A 9) wird ein Beispiel eines solch pragmatischen Denkschrittes vorgestellt. Die Schülerinnen und Schüler erhalten die Aufgabe, anhand des Modells in Stillarbeit eigene kurze Redebeiträge zu entwerfen, die alle einen realen Zustand (ein freies Thema aus der persönlichen Erfahrung des Schülers) aufgreifen und beschreiben. An der Wunschvorstellung (Was soll sein?) orientiert - folgen der konkrete Anderungsvorschlag und der Handlungsaufruf, wie der geschilderte Ist-Zustand (in kleinen Schritten) geändert werden kann. An diesem oft vorgestellten und in vielen Rhetorik-Lehrbüchern publizierten Redemodell kann deutlich werden, daß die Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit ein dynamisches und damit befruchtendes Moment zur Gestaltung des persönlichen und des gesellschaftlichen Lebens sein kann. Das ist auch das zentrale Anliegen dieses Bausteins: An dem Gegensatz zwischen Ideal und Wirklichkeit sollte der Mensch nicht zerbrechen, an ihm soll er wachsen und mit Energie versuchen, die Lücke zwischen Realität und positiver Vision zu schließen. Bei den Schülerinnen und Schülern prägt sich durch ihren kurzen Redebeitrag auch ein, daß nach einer Beschreibung der Abweichung der Realität vom Ideal konsequenterweise auch ein Änderungsvorschlag und ein Handlungsaufruf folgen.

Gutes und Schlechtes

Wir leben hier im Westen - ich weiß, daß es auch eine
Dritte Welt gibt, wo es anders ist - wir leben hier im We-
sten in der verhältnismäßig besten, gerechtesten, fürsorg-
lichsten Welt, die es je in der Geschichte gegeben hat: in
der freien Welt, in der Welt, wo wir die größten Möglichkei-
ten haben, in einer Welt, wo wir frei sprechen können. Das
ist eine Welt, wie sie es nie vorher gegeben hat ...

Aber viele Intellektuelle glauben heute, daß wir in einer
elenden Welt leben. Und das wird den jungen Leuten dau-
ernd nicht nur erzählt, sondern eingerieben, eingeimpft.
Nun ist es selbstverständlich, daß es in unserer Welt Gutes
und Schlechtes gibt. Es wäre unsinnig zu sagen, daß man
unsere Welt nicht mehr verbessern kann. Es ist unsere
Aufgabe und die Aufgabe junger Menschen, unsere Welt
weiter zu verbessern - aber wirklich zu verbessern und
nicht zu verschlechtern. Wenn die Jungen unsere Welt mit
der Einstellung ansehen, daß das eine elende Welt ist, eine
abscheuliche Welt, so werden sie auf diese Weise selber
unglücklich gemacht.

Karl R. Popper: in: Popper/Lorenz: Die Zukunft ist offen,
München 1985, S. 106


4. Was ist zu tun? (A 10, A 11 )

A 10 (Nichts als Sprüche?) soll die Abschlußdiskussion über Ideale und Wirklichkeit einleiten. Dabei werden verschiedene Facetten des Themas sehr plakativ angestoßen: A 10a zeigt nochmals den wegweisenden Charakter von Idealen, von denen man schon vorher weiß, daß man sie nicht erreichen wird.

Ideale sind wie Sterne: man kann sie nicht erreichen, aber man kann sich nach ihnen orientieren.
(Carl Schurz)

Daß solche Leitmotive aber nötig sind, um für sein Leben und für eine Entwicklung nicht die Richtung aus den Augen zu verlieren, sagen A 10b und ein für den Unterricht attraktiver Rundfunk-Werbespot der Volks- und Raiffeisenbanken
(A 10c).

Wer kein Ziel hat, kann auch kein's erreichen
(S-Bahn, Linie 6)
Ja, ja mein Vater! "Junge, das Entscheidende im Leben ist, daß man Ziele hat. Dann kommt man auch weiter." sagt er immer. Und recht hat er. Zum Ayers Rock mitten in Australien geht's jetzt. Und dann schreib' ich ihm 'ne Karte. Mit 'nem Känguruh drauf. Oder mit 'nem Koala.

Unser Zielsparplan bringt Sie schnell an alle Ziele. Mit sonnigen Zinsen, die stufenweise mit wachsendem Guthaben immer traumhafter werden. Den Zielsparplan gibt's bei allen Volksbanken und Raiffeisenbanken in Württemberg. Wir machen den Weg frei ...
(Werbespot im Rundfunk)

A 10d macht darauf aufmerksam, daß Idealvorstellungen häufig durch die realen Verhältnisse beschädigt und damit auch relativiert werden.

Auch unsere Ideale bekommen im Laufe der Zeit Runzeln, Krähenfüße und sehr viele Narben.
(André Maurois)

Um das Unterrichtsgespräch vorzubereiten, wird vorgeschlagen, die zum Teil recht bildhaften Sprüche durch Beispiele aus dem Alltag der Schülerinnen und Schüler zu verdeutlichen.

Der Text von Manfred Rommel (A 11 ) gibt der Diskussion nochmals eine überraschende - gleichwohl aber sehr bedeutsame - Wendung: Verträgt eine Demokratie überhaupt Helden, die einem Ideal nahekommen? Am Ende eines langen Politikerlebens, das immer wieder auch durch - zum Teil öffentliche - Reflexion über das eigene Tun geprägt war, ist der ehemalige Stuttgarter Oberbürgermeister der Meinung, daß Menschliches (eben auch Idealferne) durchaus zu einer demokratischen Staatsform gehört.

Manfred Rommel als Oberbürgermeister von Stuttgart in einem Interview in "Sonntag aktuell" vom 6. Oktober 1996

In der Demokratie gibt es keine Helden, weil die Demokratie keine Helden aushält. Sie macht vielleicht Helden, aber sie bleiben's nicht lange, denn die Demokratie organisiert eben die Kritik, und da gibt's keinen, der unkritisiert bleibt. Das ist ja der große Vorteil der Demokratie. Allerdings ist das emotional ein Problem, weil viele wegen dieser Kritik meinen, es gäbe keine idealen Menschen mehr. Es gibt aber Menschen, die dem Ideal nahekommen, und solche, die weit von ihm entfernt sind. Aber ganz das Ideal erreichen, das ist kaum möglich, zumindest nicht in der politischen Praxis ... Es wird viel kritisiert, und man muß sich jeden Tag zweimal sagen: "Gott sei Dank kann viel kritisiert werden"; deshalb verdient die Demokratie Vertrauen. Aber man darf sich nicht zu dem falschen Schluß verleiten lassen, weil viel kritisiert wird, sei auch viel falsch, und woanders sei es besser ...

In Zusammenhang mit A 10e wird sich hier eine spannende Diskussion über das Thema "(Strahlendes) Ideal und (graue) Wirklichkeit" anschließen.

Es gibt nichts Gefährlicheres auf der Welt als fanatische Idealisten.
(Charles Maurice de Talleyrand)

Dabei sollte Wert auf die Feststellung gelegt werden, daß die zivilisatorische und geistesgeschichtliche Errungenschaft der Demokratie zumindest keine solche "Helden" will, die mit einem Handstreich oder mit autoritärem Denken (oder verheißungsvollen Schriften) versuchen, die Wirklichkeit dem als Wahrheit ausgegebenen Ideal anzupassen. Demokratie lebt von Bürgerinnen und Bürgern, die als fehlerbehaftete und fehlbare Menschen versuchen, ihren Alltag und ihr Zusammenleben immer wieder neu zu gestalten. Das aber wiederum kann nur dort funktionieren, wo ein gewisses Maß an Fehlerfreundlichkeit vorhanden ist.


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