Zeitschrift 

 

Demokratie (er-)leben

Ein Prinzip in Gesellschaft und Politik

 

Heft 2/3-2006, 
Hrsg.: LpB



 

Inhaltsverzeichnis


Baustein B

Misch Dich ein! Mitmachen in der Demokratie


Unterrichtspraktische Hinweise

Nach der Erarbeitung demokratischer Werte im unmittelbaren Lebensumfeld der Schülerinnen und Schüler gilt es nun, den Aktionsradius in den gesellschaftlichen Raum hinein zu erweitern. In einem ersten Schritt erhalten die Schüler einen Einblick in die Mitwirkungsmöglichkeiten der Schülermitverantwortung, insbesondere der Schulsprecherfunktion (B1).

Das Beispiel der Nürtinger Schülerzeitung "Spongo" eröffnet den Schülern Möglichkeiten, im medialen Bereich Erfahrungen zu sammeln und somit die Bedeutung der Medien und ihre meinungsbildende Funktion in demokratischen Gesellschaften zu erleben (B2-B3). Als Schnittpunkt zwischen Individuum und Gesellschaft fungiert der Text "Schulkleidung für alle?" in B4.

Das Hinaustreten der Schülerinnen und Schüler in den gesellschaftlichen Raum schafft für sie neue Mitwirkungsperspektiven im Rahmen ihrer Gemeinde. Anhand des Textes B5 lernen die Schüler ihre Mitwirkungsmöglichkeiten auf kommunaler Ebene kennen. In B6 wird ein Beispiel dargestellt, was Jugendliche in ihrer Gemeinde erreichen können. Die Wertschätzung ihrer Anliegen können die Schülerinnen und Schüler im Zuge des eigens dafür konzipierten "Planspiel Jugendgemeinderat" durch Entscheidungs- und Kompromissfindungsprozesse erfahren (vgl. S. 7-8). Tanja Fallers Einsatz für das "Jugendhaus Z" in Freiburg zeigt, welche Freude auch in gemeinnütziger Arbeit von und mit Jugendlichen stecken kann (B7).

Jugendliche lernen vor allem auch im Kreis Gleichaltriger und junger Menschen. In den Jugendverbänden der etablierten Parteien können sich junge Menschen als mündige Bürger auf Augenhöhe mit ihresgleichen auseinandersetzen und die werteorientierte Diskussions- und Streitkultur verinnerlichen, die das Fundament unserer demokratischen Grundordnung bildet (B8)

Der um sich greifenden Politikverdrossenheit, gerade bei den unter Dreißigjährigen, soll mit statistischem Anschauungsmaterial entgegengewirkt werden (B9). Junge Menschen verlieren aufgrund ihres schwindenden Bevölkerungsanteils gegenüber älteren Mitbürgern an Einfluss. Um ein Bewusstsein für diese Problematik zu schaffen, wurde der fiktive, bisweilen auch provokante Diskurs "Kinder an die Wahlurnen!" verfasst (B10)

Planspiel Jugendgemeinderat

Planspiele gewinnen im Kontext der Bildungspläne vermehrt an Bedeutung. Ganzheitliches Lernen statt Generieren von trägem Wissen und die Bereitschaft zur Unterrichtsöffnung seitens der Lehrenden bilden den Grundstein für ein erfahrendes, im Sinne des Schülers selbsttätiges Lernen. "Learning by doing" heißt derweil die Zauberformel, die ein thematisch tieferes Involviertsein seitens der Schüler zulässt und zu einem Mehr an Verstehen und damit zu besseren Lernerfolgen führt.

Im Zusammenhang mit der Durchführung von Planspielen wird immer wieder die Frage nach dem Lebensweltbezug gestellt. Schüler erleben im Kontext von Planspielen ein Höchstmaß an Realitätsnähe. Der Lernerfolg entsteht dabei nicht zuletzt durch das sinnhafte Verknüpfen des angeeigneten Wissens mit spielerischen Elementen, etwa mit Rollen-, Plan- und Simulationsspielen, die letztlich ein schnelleres und weniger problembehaftetes Einsteigen in komplexe Zusammenhänge ermöglichen.

Voraussetzungen

Voraussetzung für dieses Planspiel ist, dass die Lernenden die Aufgaben und Tätigkeitsfelder eines Jugendgemeinderats kennengelernt haben (vgl. B5-B6).

Vorbereitung

Bevor das Planspiel beginnen kann, sollten die Schüler über die Methode und das geplante Vorgehen informiert werden, denn sie finden sich mit Beginn der Sitzung in der Rolle der Jugendgemeinderäte wieder. Sie lernen dabei geschicktes Argumentieren, das Einhalten von klaren Gesprächsregeln, problemorientiertes Vorgehen und das Finden von Kompromissen. Dabei sollen sie nicht nur ihre eigene Meinung zu einzelnen förderungswürdigen Vorhaben vertreten, sondern immer auch die Auffassungen der Jugendlichen, mit deren Vertretung sie nun beauftragt sind, berücksichtigen. Bevor die Jugendgemeinderatssitzung starten kann, gilt es, den Raum möglichst realitätsnah umzugestalten - aus dem früheren Klassenzimmer wird jetzt ein Sitzungssaal.

Durchführungsphase

Der Lehrer informiert die Schüler über den Zeitrahmen und den Ablauf der Sitzung. Etwa drei Schulstunden sollten eingeplant werden. Er weist sie darauf hin, dass sie sich jetzt mit der Rolle der Jugendgemeinderäte identifizieren sollen. Die Lehrperson übernimmt die Rolle des anwesenden Bürgermeisters und eröffnet die Sitzung.

Aufträge an die Arbeitskreise

Im Jugendgemeinderat werden Arbeitskreise gegründet. Jeder Arbeitskreis nimmt sich eine der förderungswürdigen Maßnahmen vor. Es folgen:

Aufzählung

eine kurze Vorstellung des Projekts

Aufzählung

eine ausführliche Begründung des Vorhabens (warum sollte gerade dieses Projekt gefördert werden?)

Aufzählung

und die Darstellung möglicher Kompromiss- bzw. Teillösungen aufgrund des begrenzten Budgets.

Reflexion

In der anschließenden Reflektionsphase sollten die Schüler - sie haben ihre Rolle mit der Beendigung der Sitzung wieder verlassen - ihre Erfahrungen gemeinsam diskutieren. Dabei ist es wichtig, ihnen plausibel zu machen, dass vermeintlich schnelle Lösungen zu Fehlentscheidungen und zu einseitiger Klientelpolitik führen können.

Ablauf

Eröffnung der Sitzung und Begrüßung durch den Bürgermeister, Erläuterung des Sitzungsablaufs, Vorstellung der Tagesordnung und Abstimmung per Handzeichen. Die Jugendgemeinderäte erhalten nun die Tagesordnung und können Anträge zur Aufnahme bzw. Veränderung einzelner Punkte stellen. Ein Jugendgemeinderat übernimmt die Protokollierung der Ergebnisse. Nach einer kurzen Aussprache steht dieser Vorschlag zur Abstimmung (Handzeichen oder drei verschiedenfarbige Kärtchen: rot = nein, weiß = Enthaltung, grün = Zustimmung).

Tagesordnung

  1. Vorstellung des Finanzbudgets (30.000 EUR) für jugendfördernde Maßnahmen (fünf förderungswürdige Projekte):

Aufzählung

Entwicklung eines Spielplatzkonzepts (8.000 EUR) 

Aufzählung

Bau eines Skateparks (18.000 EUR)

Aufzählung

Freizeitzuschüsse für Kinder und Jugendliche sozial schwacher Familien (6.000 EUR)

Aufzählung

Integratives Sportkonzept (Sportplatzsanierung inklusive neuer Basketballanlage (10.000 EUR).

Aufzählung

Hochseilgarten mit Kletterwänden (20.000 EUR).

  1. Ermittlung des gesamten Finanzierungsbedarfs (= 62.000 EUR).

  2. Bildung der Arbeitskreise zur Entwicklung eines Kompromisspapiers (nach Interessenlage der Jugendgemeinderäte) mit Zeitvereinbarung.

  3. Vorstellung und Begründung des Vorhabens im Plenum.

  4. Kompromissfindungsphase (evtl. nochmalige Bildung von Arbeitskreisen).

  5. Abstimmung über den erzielten Kompromiss (sonst Abstimmung über die Einzelbereiche).

  6. Wünsche und Anträge, Ausblick.

Vorstellung der Projekte

Der Bürgermeister trägt jetzt die einzelnen förderungswürdigen Projekte vor und erläutert die Problematik der Budgetknappheit. Die Jugendgemeinderäte müssen also vor allem alternative Überlegungen anstellen und kreative Ideen entwickeln.

Die Arbeitskreise

Für die folgende Arbeitsphase in den Arbeitskreisen ist es wichtig, den Gruppen eine klare Zeitspanne (ca. 30 bis 45 Minuten) vorzugeben. Im nächsten Schritt werden im Klassenraum gleichmäßig an den Wänden die einzelnen Infoblätter zu den förderungswürdigen Projekten angepinnt. Die Jugendgemeinderäte sammeln sich jetzt nach Interessenlage und bilden zu jedem förderungswürdigen Projekt einen Arbeitskreis. Nach dieser Findungsphase sollen die Gruppen die Sitzordnung zu Gruppentischen umfunktionieren. Die AKs beginnen nun zu arbeiten.

Präsentation und Diskussion im Plenum

Im Anschluss an die Gruppensitzungen gilt es, die Ergebnisse im Plenum vorzustellen. Dafür wird die ursprüngliche Sitzordnung des Plenums wiederhergestellt. Die Schüler haben jetzt die Möglichkeit, in die Kompromissfindung einzusteigen. Der Bürgermeister hält die Lösungsvorschläge fest. Sollten sich noch keine Kompromisse abzeichnen, können die Jugendgemeinderäte per Mehrheitsentscheid erneut eine Unterbrechung und eine Fortsetzung der Arbeit in den AKs vorschlagen. Eine erfolgreiche Kompromissfindung hängt insbesondere davon ab, ob es den Jugendgemeinderäten gelingt, Aspekte des bürgerlichen Engagements, Spendenaktionen und Sponsoring zu integrieren. Wichtig ist, dass sie am Ende der Kompromissfindung gemeinsam über die Lösung abstimmen. Der Bürgermeister dankt den Jugendgemeinderäten für ihre engagierte Mitarbeit und beendet die Sitzung.

Arbeitskreise (AK)

Aufzählung

Arbeitskreis 1: Entwicklung eines Spielplatzkonzeptes (8.000 EUR). Die Bürgerinitiative für eine familienfreundliche Umgebung setzt sich seit längerer Zeit schon für den Bau eines Spielplatzes ein. Auf dem Sportplatz werden gerade kleinere Kinder immer wieder von Jugendlichen verdrängt. Es sei deshalb höchste Zeit, so die Bürgerinitiative, dass ein kindergerechter neuer Spielplatz gebaut werde.

Aufzählung

Arbeitskreis 2: Bau eines Skateparks (18.000 EUR). Der städtische Jugendclub möchte auf dem Gelände einer ehemaligen Parkanlage eine Skateranlage bauen lassen. Damit könnten in Zukunft Unfälle mit PKWs, Fahrradfahrern und Fußgängern vermieden und den Jugendlichen ein höheres Maß an Sicherheit gewährleistet werden.

Aufzählung

Arbeitskreis 3: Freizeitzuschüsse für Kinder und Jugendliche sozial schwacher Familien (6.000 EUR). Die Vereine und Veranstalter von Jugendfreizeiten (Stadtranderholung, Zeltlager usw.) brauchen dringend 6.000 EUR, um weiterhin sozial schwachen Familien einen Zuschuss gewähren zu können.

Aufzählung

Arbeitskreise 4: Integratives Sportkonzept (10.000 EUR). Nach mehreren Anfragen seitens Jugendlicher und einiger Sportvereine wird eine Sanierung des Sportplatzes inklusive einer Basketballanlage (Mehrzwecksportplatz) in Betracht gezogen. Die Kosten belaufen sich inklusive einer einfachen Basketballanlage auf 10.000 EUR.

Aufzählung

Arbeitskreis 5: Hochseilgarten mit Kletterwänden (20.000 EUR). Der Stadtkämmerer macht den Vorschlag, den Geldbetrag von 20.000 EUR für ein Jahr zurückzustellen und so zu sparen, um im kommenden Jahr auf einem freiwerdenden Grundstück am Waldrand die ersten Bauschritte einleiten zu können.


 

 

 

 


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