Zeitschrift 

 

Demokratie (er-)leben

Ein Prinzip in Gesellschaft und Politik

 

Heft 2/3-2006, 
Hrsg.: LpB



 

Inhaltsverzeichnis

B5-B7

Mitmachen in der Gemeinde


B5 Jugendgemeinderäte: Die kommunale Vertretung Jugendlicher

Um Jugendliche stärker an die Politik heranzuführen, demokratische Spielregeln erfahrbar zu machen und gleichzeitig ihre Interessen in kommunalpolitische Planungs- und Entscheidungsprozesse aufzunehmen, haben einige Kommunen regelmäßig tagende Gremien eingerichtet, in denen Jugendliche die Anliegen ihrer Altersgruppe vertreten. In diesen Jugendgemeinderäten und Jugendräten ist eine politische Beteiligung möglich, die in mehreren Bundesländern gesetzlich vorgesehen ist. Diese kommunalen Einrichtungen haben das Recht, zu Entscheidungen des Gemeinderats und der Verwaltung angehört zu werden oder auch selbst Anträge einzubringen. Inzwischen gibt es bundesweit annähernd 300 Jugendgemeinderäte, davon 90 allein in Baden-Württemberg.

Ein großes Anliegen der rund 1.500 Jugendgemeinderatsmitglieder in Baden-Württemberg ist es, ihre Stadt für Jugendliche attraktiver zu machen. Hierzu gehören beispielsweise die Gestaltung und Einrichtung von Spiel- und Sportplätzen, die Planung von Rad- und Verkehrswegen, die Umgestaltung von Schulhöfen, Skateanlagen, der Nahverkehr - insbesondere Nachtbusse und Tarife -, die Gestaltung und Erhaltung von Jugendhäusern, politische und sonstige Veranstaltungen, Umweltaktionen, Bandcontests und vieles mehr.

Wie, wann und für wie lange ein Jugendgemeinderat gewählt wird, ist von Kommune zu Kommune unterschiedlich. Das aktive und passive Wahlrecht haben in der Regel alle Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren. Die Amtszeit beträgt meist zwei Jahre. Die Anzahl der Ratsmitglieder, die überparteilich arbeiten, ist von der Größe der Kommune abhängig. Alle Jugendgemeinderäte haben einen eigenen Etat für Öffentlichkeitsarbeit, Veranstaltungen und Projekte.

Weitere Informationen finden sich auf www.jugendgemeinderat.de , der Homepage des Dachverbandes der Jugendgemeinderäte Baden-Württemberg.

Wolfgang Berger, Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg.

 


B6 Politik für Einsteiger

Politik? Bloß nicht! Damit kann doch niemand was anfangen, oder etwa doch? Lioba Fluhr findet Politik interessant. So interessant, dass sie sich sogar im Jugendgemeinderat in Tettnang engagiert. Zugegeben, alltäglich ist das, was die 17-Jährige macht, nicht. Sie verbringt viel Zeit damit, sich für den Jugendgemeinderat in Tettnang zu engagieren ... Aber: Lioba findet es einfach interessant, sich mit Politik zu beschäftigen: "Ich denke mich gerne in die Probleme rein, überlege, was es für Möglichkeiten geben könnte und tausche mich gerne darüber aus."

Im Tettnanger Jugendgemeinderat engagiert sich Lioba seit Herbst 2004 und ist eine der Vorsitzenden. 15 Mitglieder zwischen 16 und 18 Jahren sind dabei. ... Bei ihren regelmäßigen Treffen sitzen die Schüler beisammen und überlegen, was sie für die Jugendlichen in Tettnang tun können. "Wir wollen was machen, das interessant für die jungen Leute hier ist." Konzerte, Motto-Partys oder andere Talentshows zum Beispiel.

Die größte Leistung des Tettnanger Jugendgemeinderats ist wohl der Partybus. Der fährt seit rund drei Jahren. Er sammelt die Jugendlichen aus Tettnang und Umgebung zu verschiedenen Uhrzeiten ein, um sie auf Veranstaltungen nach Ravensburg oder Friedrichshafen zu bringen. "Der Bus fährt mindestens ein Mal im Monat. Je nachdem, was los ist", sagt Lioba. Die Resonanz ist gut: 100 bis 200 Leute pro Veranstaltung werden so bequem und sicher durch die Gegend kutschiert. Für drei Euro ist man dabei. Und noch dazu gibt es eine Kartengarantie. Heißt: Wer mit dem Partybus fährt, bleibt nicht vor der Tür stehen. Ein besseres Beispiel dafür, was rauskommen kann, wenn sich Jugendliche engagieren, kann es wohl kaum geben. Auch wenn "viel Arbeit dahinter steckt", wie Lioba sagt. Telefonieren, Absprachen treffen, Plakate machen. ...

Schwäbische Zeitung vom 14. März 2006 (Nora Schmitt-Sausen).

 

Arbeitsaufträge zu B5-B6

Aufzählung Welcher Jugendgemeinderat in Deiner näheren Umgebung hat einen eigenen Internetauftritt? Informiert Euch über seine Arbeit und berichtet in der Klasse.
Aufzählung Welche Rechte haben die Jugendgemeinderäte?
Aufzählung Wie ist das Verhältnis von Jungen und Mädchen in diesem Jugendgemeinderat?
Aufzählung Beratet in Kleingruppen, für welche Aufgaben sich der Jugendgemeinderat einsetzen sollte: für die Klasse, für Eure Schule, für den Orts- oder Stadtteil?
Aufzählung Würdest Du Dich für den Jugendgemeinderat zur Wahl stellen? Was spräche dafür und was dagegen?
Aufzählung Überlege, warum sich Jugendliche nicht in (Partei-)Listen zusammenschließen, um zur Jugendgemeinderatswahl gegeneinander anzutreten.

 


B7 Jugendhaus Z: Für Dich - für andere!

Jugendhaus Z, Freiburg

Das Jugendzentrum, an dessen Entstehung Tanja Faller beteiligt war, heißt heute "Das Z" und wird von der Stadt Freiburg gefördert. Hier haben Jugendliche die Möglichkeit, sich zu treffen und ihre Freizeit zu gestalten. Sie organisieren Partys, Konzerte, Ausstellungen, Theateraufführungen und vieles mehr ( www.das-z.de ). Tanja Faller, die heute Internationale Beziehungen in Bologna studiert, berichtet von ihren Erfahrungen:

Als ich in Freiburg in die elfte Klasse ging, begann ich mich mit einer Gruppe Gleichgesinnter für ein von Jugendlichen selbstverwaltetes Jugendzentrum in zentraler Lage zu engagieren. Anfangs bestand die Gruppe aus sechs Personen - bei einigen Treffen waren wir gar nur zu dritt. Ein geeigneter Ort war schnell gefunden: Eine Fußgängerunterführung in der Innenstadt war durch Ampeln abgelöst worden, sodass die Unterführung nicht mehr benötigt wurde. Unsere Gruppe wuchs rasch auf über zwanzig Personen an. Schon bald trafen sich die unterschiedlichsten Leute auf unseren wöchentlichen Zusammenkünften: Studenten, Mitglieder traditioneller Jugendverbände wie den Pfadfindern und Leute, die sich schon in anderen Jugendzentren engagierten, insgesamt also eine alles andere als einheitliche Gruppe.

Wir waren in dieser Anfangszeit kaum organisiert - so gab es keine Ämter oder formale Regeln. Manche Treffen waren ziemlich chaotisch, doch die Gleichberechtigung untereinander war uns das wert. Wir trafen uns in einem Raum in der Uni, der uns von der unabhängigen Studentenvertretung zur Verfügung gestellt wurde. Die Studenten waren neben den im Stadtjugendring organisierten Gruppen die einzigen, die uns unterstützten. Bei unseren Treffen wurde heiß darüber diskutiert, wie die von uns geforderte Selbstverwaltung auszusehen habe und mit welchen Mitteln wir auf uns und unser Ziel aufmerksam machen könnten.

Auch wenn es bei uns keine Ämter gab, so kristallisierte sich nach einiger Zeit doch eine Arbeitsteilung heraus: Es gab einen Wortführer, eine Person, die Plakate aufhängte, einige Leute, die für das Schriftliche zuständig waren - und dann gab es noch jemanden, mit dem ich mich wöchentlich auf die Haupteinkaufsstraße stellte, um mit einem Stand Passanten auf unser Vorhaben aufmerksam zu machen. Wir Aktiven waren so etwas wie ein fester Kern mit wechselnder Besetzung. Machtansprüche gab es nicht - so etwas hätte auch niemand geduldet.

Mehrfach trugen wir unser Anliegen dem Jugendamt vor, bis ein Stadtrat auf uns aufmerksam wurde und sich für uns einsetzte. Nachdem ich mehr als zwei Jahre an dem Projekt mitgearbeitet hatte, verließ ich die Gruppe, da ich mich nach meinem Abitur 1997 entschlossen hatte, für einige Zeit nach Peru zu gehen, um dort mit Kindern zu arbeiten. So erlebte ich auch nicht mehr, wie das Projekt zu einem Verein wurde und es dann doch irgendwann Ämter gab. Mit den meisten Leuten aus der Anfangszeit habe ich auch heute noch Kontakt; nach meinem Wissen ist keiner mehr mit dem Projekt verbunden. Auch mich verbindet heute wenig mit dem Jugendhaus. Es war uns schon früh klar, dass wir den Erfolg unserer Arbeit nicht mehr miterleben würden. Doch da wir selbst von den Erfolgen profitiert haben, die die Jugendlichen vor uns erkämpft haben, betrachte ich das als eine Art Generationenvertrag.

Arbeitsaufträge zu B7

Aufzählung Was erfahrt Ihr in dem Text von Tanja Faller über die Schwierigkeiten bei der Gründung des Jugendhauses Z in Freiburg. Wie haben die Jugendlichen damals diese Schwierigkeiten überwunden?
Aufzählung Informiere Dich über die Jugendzentren in Deiner Gemeinde oder in Deiner näheren Umgebung. Wie sind sie entstanden? Von wem wurden oder werden sie gefördert?

 

 

 

 


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