Zeitschrift 

Wasser

Wasser im Alltag
Fernwasserversorgung in
Baden-Württemberg
Wasser in der Landwirtschaft
und Industrie
Konflikte ums Wasser weltweit

 



 

Inhaltsverzeichnis

 

D1 - D25    Konflikte ums Wasser weltweit

 

D1

Globale Wasserprobleme

Wer schätzt gut?

1. Wieviel Prozent der Krankheiten in den Entwicklungsländern werden durch verschmutztes Trinkwasser verursacht?

a) 20 Prozent 

b) 40 Prozent

c) 60 Prozent 

d) 80 Prozent

2. Wieviel Prozent der Süßfischarten sind durch Wasserverschmutzung vom Aussterben bedroht?

a) 10 Prozent 

b) 20 Prozent 

c) 30 Prozent

d) 40 Prozent

3. Die weltweite Nachfrage nach Wasser wächst heute ................ schnell wie die Bevölkerung.

a) halb so 

b) gleich 

c) doppelt so

d) dreimal so

4. In welchem Zeitabstand stirbt irgendwo auf der Welt ein Kind an einer Krankheit, die mit unzureichender Wasserversorgung zusammenhängt?

Alle

a) acht Sekunden c) acht Minuten

b) achtzig Sekunden

d) acht Stunden

5. Ihr habt alle Bad und Toilette zu Hause. Wieviel Prozent der Menschheit haben keinen Zugang zu angemessenen sanitären Anlagen?

a) 10 Prozent 

b) 25 Prozent 

c) 50 Prozent

d) 75 Prozent

6. Wieviel Prozent der Menschen in den Entwicklungsländern leiden an einer oder mehreren Krankheiten, die durch unzureichende Wasserversorgung hervorgerufen wurden?

a) 10 Prozent 

b) 30 Prozent 

c) 50 Prozent

d) 70 Prozent

Daten aus Fischer Weltalmanach 2000, S.1289
Lösungen siehe Seite 18

D2

Wasser in Bangladesch

Bei einer durch starke Monsun-Niederschläge verursachten Flutkatastrophe kommen im August und September 1998 in Bangladesch fast 1500 Menschen ums Leben. Während der langen Trockenzeit bringen die großen Flüsse Indiens, Ganges und Brahmaputra (Jamuna), allerdings nicht genug Wasser in den 126 Millionen Einwohner zählenden Staat. Eine seit den siebziger Jahren bestehende Vereinbarung, in der Indien Bangladesch eine Mindestzuflussmenge während der Trockenzeit garantierte, wurde nach 1988 zunächst nicht mehr verlängert. Indien fand sich erst 1996 zu einer befristeten neuen Garantie bereit, nachdem immer mehr Bewohner Bangladeschs wegen Wassermangel ins Nachbarland geflüchtet waren.

Private Wasserhändler, die wie anderswo in Asien, Afrika und Lateinamerika sauberes Trinkwasser liefern, dessen Qualität trotzdem nicht garantiert werden kann, verlangen in der Hauptstadt Dhaka zwölf- bis 25-mal so viel dafür wie die öffentliche Wasserversorgung, deren Wasser oft verkeimt, verschmutzt oder von natürlichen Arsenvorkommen belastet ist. Die Kindersterblichkeit liegt 1998 in Bangladesch bei 10,6 Prozent (Deutschland 0,5 Prozent), die Lebenserwartung bei 58 Jahren (Deutschland 77 Jahre).

Rainer Scheckel; nach Fischer Weltalmanach 1998, S. 1209 und Fischer Weltalmanach 2001, S. 109

D3

Wasserholen am Brunnen

Während der Trockenzeit werden in den ausgetrockneten Flussbetten Bangladeschs oft metertiefe Brunnen angelegt.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Walter Keller

 

D4

Trinkwassertransport im Überschwemmungsgebiet

Kampf ums Überleben im September 1998: Durch die schmutzigbraune Flut transportiert dieses Kind in Bangladesch Trinkwasser. Die Lage in der Hauptstadt Dhaka spitzt sich zu, Vorbereitungen für die Rettung von 600 000 Menschen wurden bereits getroffen. Die Hauptstadt ist zur Hälfte überschwemmt.

                

                                                                                                     Bild: Reuters

D5

Ziele der deutschen Entwicklungspolitik

Die Entwicklungspolitik will den besonders benachteiligten Bevölkerungsgruppen in unseren Partnerländern helfen, sich mit sauberem Wasser zu versorgen. Gleichzeitig verfolgen wir damit Ziele, die in der deutschen Entwicklungspolitik hohe Priorität genießen:

Armutsbekämpfung: Sauberes Wasser brauchen vor allem die 1,5 Milliarden Menschen, die in absoluter Armut leben...

Gleichberechtigung: Wasserbeschaffung ist zumeist Aufgabe der Frauen und Mädchen. In manchen Regionen müssen sie bis zu sechs Stunden am Tag dafür aufbringen. Bei effizienterer Versorgung könnten sie diese Zeit für Bildung und andere produktive Tätigkeiten verwenden.

Vorbeugung von Konflikten: Im Kampf um das knappe Wasser entstehen in den wasserarmen Regionen Spannungen und Konflikte, auch zwischen Staaten. Die Entwicklungspolitik will dazu beitragen, das friedliche Zusammenleben an gemeinsamen Gewässern zu sichern.

Umweltschutz: Eine verbesserte Abwasserversorgung und -behandlung mindert die Verschmutzung des Grundwassers, der Fließgewässer und Seen sowie der küstennahen Meere.

Heidemarie Wieczorek-Zeul: Vorwort. In: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit: Materialien Wasser - Konflikte lösen, Zukunft gestalten, 1999, S. 3

D6

Das Drei-Schluchten-Projekt am Jangtse

Daten zu einem Projekt in China

A. Länge des Jangtse: 6300 km (drittlängster Fluss der Erde)
B. Durchschnittliche Wasserführung bei Yichang (Ort der Staumauer          450 Milliarden Kubikmeter im Jahr
C. Geplante Bauzeit: 17 Jahre (1993 bis 2010)
D. Höhe der Staumauer: etwa 185 Meter
E.
Länge der Staumauer: 2300 Meter
F.
Länge des Stausees: etwa 600 Kilometer
G.
Geplante Wassermasse des Stausees: 40 Milliarden Kubikmeter
H.
Leistung des Kraftwerks in der Staumauer im Jahr: 18 000 Megawatt
I.
Umzusiedelnde Personen: 1,1 Millionen

Vergleichsgrößen zum Zuordnen

Welche Größenordnungen entsprechen sich ungefähr?

1) Stuttgart 580000 Einwohner
2)
Rhein 1320 km
3)
Bodensee 40 Milliarden Kubikmeter
4)
Königstraße in Stuttgart 1,5 km
5)
Ulmer Münster 161 m
6)
Rhein bei Köln: 60 Milliarden Kubikmeter/Jahr
7)
Strecke Mannheim - Berlin (Autobahn): 631 km
8)
Leistung von zwölf großen Atomkraftwerken im Jahr: 18000 Megawatt

Lösungen

D7

Karte des Stausees und der Dammbaustelle

Der Spiegel 46, 10.11.1997

D8

Computerbild des Drei-Schluchten-Staudamms

Rechts ist eine zweistraßige, fünfstufige Schleusenanlage zu erkennen, die auch größere Schiffe auf das Niveau des Flusses / Stausees senken oder heben soll.

Bild: Süddeutscher Zeitungsdienst Aalen, in: Wirtschaft regional 1/97

D9

Der Beschluss

Die Idee, den Jangtse durch einen gigantischen Staudamm zu bändigen, wurde schon vom Gründer der ersten chinesischen Republik, Sun Yat-sen, in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts aufgegriffen. Später begeisterte sich Mao Zedong für den Plan, verwarf ihn dann aber aus der Sorge heraus, ein Ziel für Militärschläge zu schaffen. Deng Xiao Ping, der China nach Maos Tod wirtschaftlich öffnete und in Richtung Marktwirtschaft führte, ließ sich vom Drei-Schluchten-Projekt überzeugen und gab, da es in der chinesischen Öffentlichkeit äußerst umstritten war, Studien zur Klärung in Auftrag. Nach dem Massaker an Studenten auf dem Pekinger "Platz des Himmlischen Friedens" (1989) wurden nicht nur die Regimegegner, sondern auch die Staudammkritiker mundtot gemacht, die meisten inhaftiert. In der Öffentlichkeit wurde jede Kritik an dem Projekt verboten, wichtige Bücher der Gegner verbrannt. 1992 beantragte die Zentralregierung das Projekt im Nationalen Volkskongress und erhielt die Genehmigung - allerdings mit dem sensationellen Abstimmungsergebnis von 1767 ja, 177 nein und 664 Enthaltungen. Damit hatten zum ersten Mal in der Geschichte des Nationalen Volkskongresses rund ein Drittel der Stimmberechtigten nicht zugestimmt.

Rainer Scheckel; nach Eckart Freiwald: Der Drei-Schluchten-Damm in China. Das größte Staudammprojekt der Welt. Hamburg: Toro 1997, S.4

D10

Der Nutzen des Drei-Schluchten-Projekts

Während der heftigen Sommerregen (ostasiatischer Monsun) kam es am Jangtse immer wieder zu verheerenden Hochwassern. An den Engstellen innerhalb der Drei Schluchten kann der Wasserspiegel dann in kurzer Zeit um 50 Meter ansteigen. Obwohl China seit 1949 die Deiche im Mittel- und Unterlauf mit großem Aufwand ausgebessert und erhöht hat, lassen sich bei einem höheren Hochwasser Deichbrüche kaum vermeiden. Die alten Polder (= Land, das ständig oder bei Hochwasser unter dem Wasserspiegel des Flusses liegt), die früher einen Großteil der Fluten zurückgehalten haben, sind heute dicht bevölkert, Hunderttausende müssten im Gefahrenfall evakuiert werden.

Mit Hilfe des Drei-Schluchten-Damms sollen auch noch Jahrhunderthochwasser abgeführt werden können, ohne dass die Polder geflutet werden müssten. Die Kontrolle des Hochwassers und die Verhinderung von Überschwemmungen wird von der chinesischen Regierung als erstes Hauptziel des Dammbaus angegeben.
Zweites Hauptziel ist die Energiegewinnung. Bisher werden drei Viertel des Stroms in China mit Kohle erzeugt. Wegen der starken industriellen Entwicklung des Landes ist ein weiterer Energiebedarf absehbar. Die 26 Turbinen des dann weltgrößten Kraftwerks könnten ab 2009 umweltfreundlich und aus erneuerbaren Energiequellen so viel Energie erzeugen wie zwölf große Atomkraftwerke oder 16 Kohlekraftwerke, die dazu 50 Millionen Tonnen Kohle verbrennen müssten.

Die Schifffahrt auf dem Jangtse ist bislang im Bereich der Drei Schluchten zeitweise gefährlich. Der Stausee verbessert die Schiffahrt und bindet das wichtige, aber isolierte Rote Becken (Provinz Sichuan) besser an den Rest des Landes an.

Rainer Scheckel; nach Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung: Welt im Wandel: Wege zu einem nachhaltigen Umgang mit Süßwasser. Jahresgutachten 1997. Berlin: Springer 1997, S. 185 ff; und Freiwald 1997, S. 5 f.

D11

Nachteile und Risiken

Eine Flussfahrt auf dem Jangtse durch das Naturwunder der engen Schluchten ist heute noch ein Höhepunkt jeder Chinareise. Nicht nur Touristen befürchten, dass der Zauber dieser Landschaft mit ihren historischen Orten und Kulturdenkmälern durch den Stausee verloren geht. Stärker sind allerdings die Bewohner dieser Städte und Dörfer betroffen: Mehr als 1,1 Millionen Menschen müssen aus dem Tal in höher gelegenes bergiges Gelände umziehen, das in stärkerem Maße Bergrutschen und Erosion ausgesetzt ist; Anbauflächen müssen erst durch Terrassierung der Hänge hergestellt werden; die Böden dort liefern schlechtere Erträge als die Schwemmlandböden im Tal.

Eines der Hauptprobleme beim Betrieb von Staudämmen ist die Sedimentation (Ablagerung) im Stausee. Der Jangtse führt jährlich über 500 Millionen Tonnen Sediment, von dem sich ein großer Teil aufgrund der verringerten Fließgeschwindigkeit im See absetzen wird. Unterhalb der Staumauer könnte der mit weniger Schwebstoffen ausgestattete Fluss durch vermehrten Abtrag die Flussdeiche gefährden. Die Wasserqualität im Stausee wird durch Altlasten der noch bestehenden Industriebetriebe gefährdet, die durch die Überflutung gelöst werden.

Ein Bruch des Drei-Schluchten-Damms würde allerdings als größte durch den Menschen verursachte Katastrophe in die Geschichte eingehen. Die Ursache für eine solche Katastrophe könnte ein verheerendes Erdbeben sein; der Damm soll allerdings so konstruiert sein, dass er einem Beben mit Stärke sieben standhält. In einem Krieg wäre die Staumauer möglicherweise ein militärisches Ziel.

Rainer Scheckel; nach Wissenschaftlicher Beirat 1997, S. 187 (vgl. D 10)

D12

Hermes-Bürgschaften für das Drei-Schluchten-Projekt?

Vorschlag für eine Internet-Recherche

1996 erklärte sich die Bundesregierung Deutschland bereit, deutsche Firmen, die Turbinen und andere Ausrüstungsgegenstände für dieses Großprojekt liefern wollen, mit Exportbürgschaften zu unterstützen. (Das heißt: falls China als Schuldner zahlungsunfähig sein sollte, muss der deutsche Staat die Rechnungen der Firmen begleichen.) Mit einer solchen Exportbürgschaft (in Deutschland Hermes-Bürgschaft genannt) sind aber nicht alle gesellschaftlichen Gruppen einverstanden.

Forsche mit Hilfe der Suchbegriffe "Drei-Schluchten-Staudamm" und "Hermes-Bürgschaft" im Internet nach, welche Gruppen dazu eine Stellungnahme abgeben. Welche Gründe geben verschiedene Gruppen für ihre Haltung an? Mit welchen Argumenten würdest du deine Meinung ins Internet stellen? (Rainer Scheckel)

D13

Trocknet der Gelbe Fluss aus?

Den schlechten Zustand der Flüsse dokumentiert der Ende November 1999 vorgelegte Bericht der Weltwasserkommission. Demnach sind weltweit mehr als die Hälfte der großen Flüsse stark verschmutzt oder von Austrocknung bedroht. Zu den am stärksten gefährdeten Flüssen gehört der Gelbe Fluss (Hoang-he, 5460 Kilometer lang) in China, der zusammen mit zwei weiteren Flüssen 400 Millionen Menschen in der nordchinesischen Ebene versorgt. 1997 versickerte er an 226 Tagen vor Erreichen der Mündung.

Nach: Fischer Weltalmanach 2001, S. 1285

D14

Maos Träume werden wahr

Megabauten wie der gigantische Drei-Schluchten-Staudamm am Jangtse-Fluss dienten der Kommunistischen Partei Chinas schon in der Vergangenheit dazu, der Bevölkerung ihre visionäre Kraft zu demonstrieren. Jetzt plant die Pekinger Führung, vier teilweise schon vom Großen Vorsitzenden Mao erdachte Mammutprojekte zu verwirklichen. Unter anderem sollen jährlich rund 40 Milliarden Kubikmeter Wasser aus dem Jangtse und dem Han-Fluss über mehr als 1000 Kilometer in den Gelben Fluss und in den trockenen Norden umgeleitet werden. Umweltschützer befürchten, dass nach ersten Schätzungen 220 000 Menschen ihre Heimat verlieren werden, weil bei der Süd-Nord-Umleitung der Jangtse-Fluten Stauseen erweitert werden müssen.

Rainer Scheckel; nach Der Spiegel 17/2001, S. 134

D15

Melonen kühlen

"Wenn man die beiden Zähler vergleicht, ist es immer noch billiger, mit Wasser zu kühlen."

Xu Jin, Jingji Ribao 12. Juni 1988; nach Thomas Hoffmann (Hrsg.): Wasser in Asien. Herausgegeben für das Asienhaus Essen, Osnabrück: Secolo 1997, S. 189

 

 

 

D16

Wassermangel und -verschwendung

Nach Angaben des Ministers für Wasserressourcen, Wang Shucheng, vom März 2000 leiden heute 670 Städte in China unter Wassermangel. Am kritischsten ist die Lage in Beijing [Peking], wo der Grundwasserspiegel seit Ende der sechziger Jahre um 60 Meter gefallen ist. Außerdem ist das Wasser stark verschmutzt, da nur 40 Prozent der Abwässer geklärt werden. Als Hauptursache nannte der Minister die unverantwortliche Verschwendung: In der Landwirtschaft werden nur 40 Prozent gegenüber 70 bis 80 Prozent in anderen Ländern effizient genutzt; in der Industrie wird das Zehn- bis Zwanzigfache der in Industrieländern üblichen Menge verbraucht. Lang anhaltende Dürren, die rasche Industrialisierung und die schwere Verschmutzung der Seen und Flüsse tragen das ihrige zur drohenden Versorgungskrise bei.

Fischer Weltalmanach 2001, S. 169

D17

Staudämme im Südosten der Türke

i

Die neuesten Staudämme sind eingerahmt. Die antike Stadt Zeugma geht in den Fluten des Birecik-Stausees unter.

 

 

 Karte: Fischer-Weltalmanach 2001, S. 807/808

D18

Umsiedlung aus Bilkis

Vor der Überflutung durch den Birecik-Stausee im Jahr 2000 siedeln die Bewohner mit ihrem Hab und Gut um.

Bild: Kai Wiedenhöfer

D19

Das Südostanatolien-Projekt

1977 beschloss die türkische Regierung das GAP (Güneydogu Anadolu Projesi: Südostanatolien-Projekt). Es umfasst den Bau von 22 Staudämmen an Euphrat und Tigris, die von den Stauseen ausgehenden Kanäle von 1000 Kilometer Länge sollen 1,7 Millionen Hektar Bewässerungsland erschließen, die Südostanatolien zur Kornkammer und zum Gemüsegarten des Nahen Ostens machen sollen. Der Bewässerungsfeldbau ermöglicht intensivere Bewirtschaftung und höhere Erträge als der bisher vorherrschende Regenfeldbau. In der Landwirtschaft sollen so zwei Millionen zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden.

Es ist geplant, in die meisten der Staumauern Kraftwerke einzubauen, die für die Entwicklung Südostanatoliens und der gesamten Türkei zuverlässig saubere Energie liefern. Herzstück der Staudamm- treppe am Euphrat ist der 1992 fertig gestellte Atatürk-Stausee, der das anderthalbfache Volumen des Bodensees speichern kann. Die Türkei hofft, später in von einem Schiff gezogenen "Wassertaschen" aus Kunststoff oder durch Pipelines Wasser in trockenere Staaten des Nahen Ostens verkaufen zu können. Die GAP-Region ist weitgehend Siedlungsgebiet der Kurden, die sich zum Teil in Bezug auf ihre Kultur und die Menschenrechte in der Türkei nicht genug respektiert fühlen.

Rainer Scheckel; nach Jörg Barandat: Die Türkei in der Wasserfalle. In: Jörg Barandat (Hrsg.): Wasser - Konfrontation oder Kooperation. Baden-Baden: Nomos 1997, S.158ff.

D20

Häuser in Neu-Bilkis

Für die aus Bilkis durch das Staudammprojekt Vertriebenen entstehen neue Häuser in Neu-Bilkis

Bild: Kai Wiedenhöfer

D21

Wem gehört das Wasser von Euphrat und Tigris?

Süleyman Demirel, 1992 als türkischer Ministerpräsident: "Wir haben das Recht, mit unserem Wasser zu tun oder zu lassen, was uns beliebt. Der Schnee, der auf unsere Berge fällt, gehört nicht den Arabern. Dieses Wasser ist unser Wasser. Das Öl gehört dem, der Öl hat, und das Wasser gehört dem, der Wasser hat."

Zitiert nach Barandat 1997 (vgl. D 19), S. 158

D22

Probleme ums Wasser in Syrien

Für Syrien, nur auf wenigen Kilometern Anlieger des Tigris, ist der Euphrat die zentrale Lebensader. Dessen Wasser wird aber zu fast 99 Prozent von der Türkei kontrolliert, nur zwei kleine Nebenflüsse fließen ihm in Syrien zu. Zwar existiert eine Erklärung der Türkei aus dem Jahre 1987, in der eine ständige Abgabe von 500 (vor 1989: 850) Kubikmetern Euphratwasser zugesagt wird. Aber 1990 staute die Türkei den Euphrat zum Auffüllen des Atatürk-Stausees einen ganzen Monat fast völlig ab, und im September 2000 halbierte sie den Zufluss unter dem Vorwand allgemeinen Regenmangels.

Der Assad-Stausee soll garantieren, dass kurzfristige Wasserkürzungen für Syrien ohne schwere Auswirkungen bleiben - und Großprojekte mit künstlicher Bewässerung im Euphrat-Tal ermöglichen. Bewässerungslandbau statt Regenfeld- und Trockenfeldbaus erzeugt aber das Problem der Versalzung, was Anbauflächen vernichtet. In diesem Zusammenhang ist auch die Wasserqualität des Euphrat wichtig: Der reichliche Gebrauch von Dünger und Pestiziden auf den türkischen Baumwollplantagen verschmutzt den Fluss und verringert den Nutzen des Wassers für die Syrer. Da die Konfliktpartner kaum miteinander sprechen, versuchte Syrien in der Vergangenheit, über befreundete arabische Staaten internationalen Druck auf die Türkei auszuüben und unterstützte kurdische Organisationen, die den türkischen Staat bekämpfen.

Rainer Scheckel; nach Barandat 1997 (vgl. D 19), S. 166 ff.

D23

"Notfalls führen wir Krieg"

Hochwasserschutz und Bewässerungsfeldbau erforderten in Mesopotamien seit jeher gemeinsames Handeln und spielten eine entscheidende Rolle für die Entwicklung der Hochkulturen des Zweistromlands, die zu den ältesten überhaupt gehören. Der Irak fordert von den anderen Anliegern 60 Prozent des Euphratwassers als sein in den letzten 5000 Jahren "wohlerworbenes Recht". Er nutzt jedoch oft noch alte Bewässerungssysteme, was ihm von Seiten der Türkei den Vorwurf der Verschwendung eintrug.

Versalzung droht von zwei Seiten: Intensiver Wassergebrauch der Türkei und Syriens erhöht den Salzgehalt des Euphratwassers; andererseits fördert eine verringerte Wasserführung des Schatt el Arab, zu dem sich Euphrat und Tigris vereinigen, im Mündungsbereich das Eindringen des Meerwassers ins Flusssystem und die angrenzenden Böden. 65 Prozent der Bewässerungsflächen sind heute schon von Versalzung betroffen.

Früher konnte der Irak als reicher, gut gerüsteter Ölförderstaat seine Wasserinteressen wirksam durchsetzen: Als Syrien 1975 beim Auffüllen des Assad-Stausees zu viel Wasser zurückhielt, zog der Irak an seiner Nordwestgrenze Truppen zusammen; Syrien und auch die Türkei waren gezwungen, die Abflussmenge wieder zu erhöhen. Später verstrickte sich der Irak aber in einen vernichtenden Krieg mit Iran. Die Besetzung Kuweits durch die Truppen des irakischen Herrschers Saddam Hussein 1990/91 zog den Kampf mit einer multinationalen Armee unter Führung der USA nach sich, der große Zerstörungen im Land mit sich brachte. Die seit mehr als zehn Jahren geltenden Strafbestimmungen verhindern eine wirtschaftliche und militärische Erholung des Irak, der heute als schwächster der drei Kontrahenten im Kampf ums Wasser erscheint. Trotzdem hat die Äußerung eines irakischen Regierungssprechers nach wie vor Gültigkeit: "Wir lassen uns das Wasser nicht abgraben. Notfalls führen wir darum Krieg."

Rainer Scheckel; nach Barandat 1997 (vgl. D 18),
S. 168 ff. und Victor Kocher: Nach der Sintflut; in: du 714/ 2001, S. 66

D24

Internationaler Widerstand gegen den Ilisu-Damm

Nahe der Ortschaft Ilisu am Tigris soll der Damm für den zweitgrößten Stausee des Südostanatolien-Projekts GAP [Güneydogu Anadolu Projesi] entstehen. Der Stausee soll 313 Quadratkilometer umfassen, mehr als 90 Orte und wertvolle Zeugnisse früher Kulturen werden darin untergehen. 78000 Menschen, meist Kurden, müssen umgesiedelt werden. Ein akzeptabler Umsiedlungsplan existiert nicht, und die Bedingungen in der Region rücken das Ziel einer angemessenen Neuansiedlung in fast unerreichbare Ferne. Für das Projekt wurde weder das Einverständnis der Betroffenen noch der flussabwärts liegenden Staaten eingeholt oder gesucht. Kurdische Menschenrechtler befürchten durch den Dammbau nicht wieder gut zu machende Schäden für die kurdische Kultur und lehnen ihn deshalb ab.

Da die Bauträger das Ilisu-Projekt nicht ohne ausländische Hilfe verwirklichen können, haben sie in sieben Staaten, darunter Deutschland, Großbritannien, Schweiz und USA, welche die Kraftwerksausstattung liefern sollen, um Exportkredite nachgesucht. Nichtstaatliche Organisationen, so genannte NGOs (Non-Government-Organisations) wie IRN (International Rivers Network) und WCD (World Commission on Dams) versuchen, die Entscheidungsträger in den Industrieländern über die Probleme des Damms aufzuklären und ihn zu stoppen. Eine schwedische Firma ist bereits aus dem Projekt ausgestiegen und die Weltbank wird keine Gelder dafür bereit stellen.

Nach IRN - Beyond Big Dams - an NGO Guide to the WCD: http://www.irn.org/wcd/ilisu.shtml

D25

Wasserbedarf aus dem Ausland

Ausgewählte Länder, deren sich erneuernde Wasservorräte zu mehr als der Hälfte von Zuflüssen aus anderen Ländern abhängen

Merkmal  Ägypten Niederlande Syrien Irak
Bevölkerung in
Millionen (1998) 
61,4 15,7 15,3 22,3
Verdoppelungszeit der Bevölkerung bei heutigen Wachstumsraten in Jahre 30 139 18 25
Prozentsatz des sich erneuernden Wassers von außerhalb der Grenzen 97  89 79 66

Zusammenstellung: Rainer Scheckel; nach Robert Engelman u.a.: Mensch, Wasser! Report über die Entwicklung der Weltbevölkerung und die Zukunft der Wasservorräte, Hrsg. Deutsche Stiftung Weltbevölkerung, Stuttgart: Balance 2000, S. 40; Fischer Weltalmanach 2001, S.55, 371, 573, 777

 


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