Zeitschrift Deutschland wächst zusammen Baustein B
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B 1: Alles änderte sich... • die Krankenversicherung B2: Fremd im eigenen Land Warum fühlen sich heute sowohl einstige Gegner als auch einstige Befürworter der DDR fremd in der Bundesrepublik? Der ehemalige DDR-Normalbürger Alles in der DDR gruppierte sich um die Gretchenfrage: Wie stehst du zu diesem Staat? Die DDR forderte von jedem Bürger ständig Solidarität. Mehr oder weniger demagogisch befragt, sollte man dauernd Stellung nehmen, ob man auf der Seite der Arbeiterklasse, des Friedens und des Fortschritts stehe - oder etwa nicht. So fordernd und eng tritt die Bundesrepublik nicht an einen heran. Manche mögen dies als Lieblosigkeit dieses Staates ihnen gegenüber empfinden. Wenn man sich jahrzehntelang in einer engen Umklammerung befand, wird die Lockerung dieser Klammer vielleicht als Aufkündigung von Zuwendung und Wärme erlebt - als ausgrenzende Gleichgültigkeit und damit als fremd. Der überzeugte Anhänger des Marxismus-Leninismus Ein Lehrer, der sich vollkommen mit dem Marxismus-Leninismus identifizierte, war überzeugt auf der besseren deutschen Seite zu stehen, und seine Ideologie gab ihm Halt und Stütze für sein Leben. Die DDR war nach seiner Auffassung eine geschichtliche Epoche weiter als die BRD. Nach 1989 sagt er: Nun hat die andere Seite gesiegt. Sein Weltbild ist zusammengebrochen. Die Werte, für die er gelebt und die er vertreten hatte, zählen nicht mehr. Seine Fremdheit in der Bundesrepublik wird nur durch die PDS aufgefangen. Der Oppositionelle und Teilnehmer an der friedlichen Revolution Er hatte daran teil, dass die Entfremdung des DDR-Volkes von sich selbst durch die herrschende Kaste gebrochen wurde, und es ging ihm um die Rückeroberung von Öffentlichkeit und Identität. Leider war dieser Prozess zu kurz. Zu schnell wurden, bis ins Detail, alle Strukturen der Bundesrepublik übernommen. Das Eigene, das begonnen hatte, sich zu bilden, musste zwangsläufig zurückgenommen werden. Nach den Wahlen von 1990 war klar, dass die politische Macht hauptsächlich an Machtträger aus dem Westen gehen würde. Auch bei ihm setzt Entfremdung ein - eine überaus schwerwiegende: Die Entfremdung von einer Ordnung, die zwar selbst gewählt war, aber dann doch als von außen übergestülpt erlebt wurde. Welches symbolisch sichtbare Zeichen gab es für sein Dazukommen? Welche Anerkennung für die Leistung der Selbstbefreiung? In einem Dokumentarfilm berichtet eine Arbeiterin von ihrer Entlassung und wie ihr alter und zugleich neuer Chef zu ihr sagt: Ja, wärt ihr nicht auf die Straße gegangen... Nach Annette Simon; in: Die Zeit vom 17. Juni 1999, S. 7. (Annette Simon lebte bis 1989 in der DDR und arbeitet heute als Psychoanalytikerin in Berlin.) Vgl. auch: Annette Simon/ Jan Faktor: Fremd im eigenen Land? Psychosozial Verlag Gießen, 2000 B 3: Alles neu
B 4: Verschwundene Tage DDR-Fest- und Gedenktage, die keine mehr sind (eine Auswahl) 15.01. Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg Nach Wolfgang Hardtwig/Heinrich August Winkler (Hg.): Deutsche Entfremdung, München (Beck) 1994, S. 118 f.
Marx und Engels haben ausgedient
Rückkehr zum alten Namen Bild: dpa B 6: Was bedeutete in der ehemaligen DDR:
B 7: Eine soziale Revolution Der Beitritt zwang die Menschen in den neuen Bundesländern, jahrzehntelang gewachsene kommunistische Strukturen abzuschaffen, um wieder an ältere gemeinsame Muster anzuknüpfen. Der Zusammenschluss mit der Bundesrepublik machte es notwendig, den westdeutschen Modernisierungsprozess der Nachkriegszeit in wenigen Monaten nachzuholen. Eine Einparteiendiktatur musste sich in eine pluralistische, parlamentarische Demokratie verwandeln; eine Planwirtschaft war gezwungen, sich in eine soziale Marktwirtschaft umzuwandeln; ein korruptes Justizsystem hatte sich in einen Verteidiger der Menschenrechte zu verändern; ein weisungsgebundener Indoktrinationsapparat sollte sich zu einem freien Erziehungswesen mausern. Kurzum, fast alle Aspekte des Lebens mussten sich grundlegend wandeln. Obgleich die Mehrheit einen Wandel herbeigesehnt hatte, brachte die rasche Veränderung für die Bevölkerung oft mehr Verunsicherung als Befreiung. Die Überstülpung des westlichen Systems auf den Osten erinnert daher in gewisser Weise an das klassische preußische Muster einer "Revolution von oben". Über Nacht hatten Neubürger sich andere Vorschriften für Krankenversicherung, Kindergeld oder Mietbeihilfe anzueignen. Begriffe und Bezeichnungen wie "Arbeitslose", "Kurzarbeiter", "Bezieher von Arbeitsübergangsgeld", "Arbeitsloser mit Hochschulabschluss" u.Ä. signalisierten eine für Ostdeutschland völlig neue soziale Wirklichkeit. Nach Konrad H. Jarausch: Die unverhoffte Einheit, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1995, S. 303 f. und S. 306. (Konrad Jarausch ist Professor für Europäische Geschichte an der Universität von North Carolina/USA.) |
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