Zeitschrift

Deutschland wächst zusammen

Baustein B

Gesellschaftlicher Wandel in Ostdeutschland

Das Ausmaß des Wandels


Heft 2/2000 , Hrsg.: LpB


Inhaltsverzeichnis


B 1: Alles änderte sich...

• die Krankenversicherung
• die Autokennzeichen
• die Währung
• das Parteiensystem
• die Regierung
• das Wahlsystem
• das Schulwesen
• das Zeitungsangebot
• die Uniformen der Soldaten
• viele Straßennamen
• das Mietrecht
• die Briefmarken
• die Feiertage
• die Autotypen
• die Prüfungsordnungen
• die Reiseziele
• die Arbeitszeiten
• das Gesundheitswesen
• die Pacht für Datschen
• das Warenangebot
• die Freizeiteinrichtungen
• die Jugendverbände
• die Eisenbahnverbindungen
• die Eigentumsverhältnisse
• der Staatsaufbau
• das Fernsehprogramm
• und, und, und...

B2: Fremd im eigenen Land

Warum fühlen sich heute sowohl einstige Gegner als auch einstige Befürworter der DDR fremd in der Bundesrepublik?

Der ehemalige DDR-Normalbürger

Alles in der DDR gruppierte sich um die Gretchenfrage: Wie stehst du zu diesem Staat? Die DDR forderte von jedem Bürger ständig Solidarität. Mehr oder weniger demagogisch befragt, sollte man dauernd Stellung nehmen, ob man auf der Seite der Arbeiterklasse, des Friedens und des Fortschritts stehe - oder etwa nicht. So fordernd und eng tritt die Bundesrepublik nicht an einen heran. Manche mögen dies als Lieblosigkeit dieses Staates ihnen gegenüber empfinden. Wenn man sich jahrzehntelang in einer engen Umklammerung befand, wird die Lockerung dieser Klammer vielleicht als Aufkündigung von Zuwendung und Wärme erlebt - als ausgrenzende Gleichgültigkeit und damit als fremd.

Der überzeugte Anhänger des Marxismus-Leninismus

Ein Lehrer, der sich vollkommen mit dem Marxismus-Leninismus identifizierte, war überzeugt auf der besseren deutschen Seite zu stehen, und seine Ideologie gab ihm Halt und Stütze für sein Leben. Die DDR war nach seiner Auffassung eine geschichtliche Epoche weiter als die BRD. Nach 1989 sagt er: Nun hat die andere Seite gesiegt. Sein Weltbild ist zusammengebrochen. Die Werte, für die er gelebt und die er vertreten hatte, zählen nicht mehr. Seine Fremdheit in der Bundesrepublik wird nur durch die PDS aufgefangen.

Der Oppositionelle und Teilnehmer an der friedlichen Revolution

Er hatte daran teil, dass die Entfremdung des DDR-Volkes von sich selbst durch die herrschende Kaste gebrochen wurde, und es ging ihm um die Rückeroberung von Öffentlichkeit und Identität. Leider war dieser Prozess zu kurz. Zu schnell wurden, bis ins Detail, alle Strukturen der Bundesrepublik übernommen. Das Eigene, das begonnen hatte, sich zu bilden, musste zwangsläufig zurückgenommen werden. Nach den Wahlen von 1990 war klar, dass die politische Macht hauptsächlich an Machtträger aus dem Westen gehen würde. Auch bei ihm setzt Entfremdung ein - eine überaus schwerwiegende: Die Entfremdung von einer Ordnung, die zwar selbst gewählt war, aber dann doch als von außen übergestülpt erlebt wurde. Welches symbolisch sichtbare Zeichen gab es für sein Dazukommen? Welche Anerkennung für die Leistung der Selbstbefreiung? In einem Dokumentarfilm berichtet eine Arbeiterin von ihrer Entlassung und wie ihr alter und zugleich neuer Chef zu ihr sagt: Ja, wärt ihr nicht auf die Straße gegangen...

Nach Annette Simon; in: Die Zeit vom 17. Juni 1999, S. 7. (Annette Simon lebte bis 1989 in der DDR und arbeitet heute als Psychoanalytikerin in Berlin.) Vgl. auch: Annette Simon/ Jan Faktor: Fremd im eigenen Land? Psychosozial Verlag Gießen, 2000

B 3: Alles neu

B 4: Verschwundene Tage

DDR-Fest- und Gedenktage, die keine mehr sind (eine Auswahl)

15.01. Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg
21.01. Todestag Lenins
11.02. Tag der Zivilverteidigung
01.03. Tag der Nationalen Volksarmee
14.03. Todestag von Karl Marx
10.04. Tag des Metallarbeiters
21.04. Gründungstag der SED (Vereinigungsparteitag)
08.05. Tag der Befreiung
20.05. Tag der Jugendbrigaden
12.06. Tag des Lehrers
19.06. Tag der Genossenschaftsbauern
26.06. Tag des Bauarbeiters
01.07. Tag der Volkspolizei
03.07. Tag des Bergmanns und des Energiearbeiters
05.08. Todestag von Friedrich Engels
01.09. Weltfriedenstag
07.10. Tag der Gründung der DDR
13.11. Tag des Chemiearbeiters
01.12. Tag der Grenztruppen der DDR
13.12. Tag der Pionierorganisation "Ernst Thälmann"

Nach Wolfgang Hardtwig/Heinrich August Winkler (Hg.): Deutsche Entfremdung, München (Beck) 1994, S. 118 f.

B 5: Schilderwechsel

Marx und Engels haben ausgedient
Bild: Erik-Jan Ouwerkerk

Rückkehr zum alten Namen Bild: dpa

B 6: Was bedeutete in der ehemaligen DDR:

Auflösung

B 7: Eine soziale Revolution

Der Beitritt zwang die Menschen in den neuen Bundesländern, jahrzehntelang gewachsene kommunistische Strukturen abzuschaffen, um wieder an ältere gemeinsame Muster anzuknüpfen. Der Zusammenschluss mit der Bundesrepublik machte es notwendig, den westdeutschen Modernisierungsprozess der Nachkriegszeit in wenigen Monaten nachzuholen. Eine Einparteiendiktatur musste sich in eine pluralistische, parlamentarische Demokratie verwandeln; eine Planwirtschaft war gezwungen, sich in eine soziale Marktwirtschaft umzuwandeln; ein korruptes Justizsystem hatte sich in einen Verteidiger der Menschenrechte zu verändern; ein weisungsgebundener Indoktrinationsapparat sollte sich zu einem freien Erziehungswesen mausern. Kurzum, fast alle Aspekte des Lebens mussten sich grundlegend wandeln.

Obgleich die Mehrheit einen Wandel herbeigesehnt hatte, brachte die rasche Veränderung für die Bevölkerung oft mehr Verunsicherung als Befreiung. Die Überstülpung des westlichen Systems auf den Osten erinnert daher in gewisser Weise an das klassische preußische Muster einer "Revolution von oben". Über Nacht hatten Neubürger sich andere Vorschriften für Krankenversicherung, Kindergeld oder Mietbeihilfe anzueignen. Begriffe und Bezeichnungen wie "Arbeitslose", "Kurzarbeiter", "Bezieher von Arbeitsübergangsgeld", "Arbeitsloser mit Hochschulabschluss" u.Ä. signalisierten eine für Ostdeutschland völlig neue soziale Wirklichkeit.

Nach Konrad H. Jarausch: Die unverhoffte Einheit, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1995, S. 303 f. und S. 306. (Konrad Jarausch ist Professor für Europäische Geschichte an der Universität von North Carolina/USA.)


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