Zeitschrift Deutschland wächst zusammen Baustein A Die Mauer fiel, die Mauer steht
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A 8: Klassenfahrt
A 9: Die Kehrseite der Freiheit Wenn jetzt 92 Prozent der Ostdeutschen in einer Umfrage ... angeben, in der DDR habe es mehr soziale Gerechtigkeit gegeben als heute in der Bundesrepublik, dann ist nicht wachsende Einheit, sondern zunehmende Distanz zwischen alten und neuen Bundesländern zu konstatieren... Das Bezugssystem der Ostdeutschen war und blieb immer die Bundesrepublik... Aber offensichtlich nahmen die Bewohner der DDR ... nur die Vorteile und Annehmlichkeiten des kapitalistischen Westens wahr, nicht aber die Anforderungen, die er an die Menschen stellt. Nun, da man auch im Osten den Risiken des freiheitlichen Systems ausgesetzt ist, reagiert man enttäuscht bis ablehnend auf die Kehrseite der Freiheit. Nicht zuletzt bestärkt durch Versprechen von westlicher Seite, hatte man sich vorgestellt, das Positive an der untergehenden DDR erhalten zu können, ergänzt durch Rechte wie Freizügigkeit und eine Anhebung des Lebensstandards auf westliches Niveau... Weil der SED-Staat fast nahtlos in die Bundesrepublik überging, wurde den Menschen in den neuen Bundesländern nicht bewusst, dass die DDR als Sozialstaat längst bankrott, dass sie schon 1985 bei der Bundesrepublik mit mehr als fünfzig Milliarden Mark verschuldet war... Wegen der raschen Vereinigung (ist) den Deutschen im Osten der Bankrott ihres Staatswesens nie so richtig deutlich geworden. Das erlaubt es offenkundig, die DDR heute positiver zu sehen, als sie war. Werner Birkenmaier; in: Stuttgarter Zeitung vom 3. August 1998, S. 1 Politisch können wir die Wiedervereinigung abhaken, politisch ist sie vollzogen. Bis aber die Gräben zwischen den Menschen von hier und dort geschlossen, bis die geistigen und kulturellen Mauern niedergerissen, die Unterschiede in den Denkweisen und Einstellungen beseitigt werden, wird es noch eine Generation brauchen. Die Vereinigung der beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften ist missglückt... Die Menschen in der DDR hatten den Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit der marxistischen Lehre und des Sozialismus in ihrem Land genau gekannt. Sie hatten damit gelebt. Nun mussten sie über Nacht lernen, die westlichen Abstufungen zwischen Ideal und Wirklichkeit zu erkennen. Wie viele Fehler aber auch nach der Wende unvermeidlich waren: Ebenso viele Fehler müssen der Mehrheit der Politiker Westdeutschlands als Schuld angelastet werden; diese Fehler entstanden vor allem aus Klischeevorstellungen von der Lebenswirklichkeit in der DDR und aus Blindheit für die verheerenden Wirkungen eines schier hemmungslosen freien Marktes im Anschlussgebiet. Nach: Konrad Weiss: Verlorene Hoffnung in der Einheit; in: Der Spiegel 1993/46, S. 41 (Konrad Weiss war Bürgerrechtler in der DDR und war 1990-1994 Mitglied der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen.)
A 12: Erfahrungen eines Ostdeutschen Wir erleben unsere Situation als Ostdeutsche sehr widersprüchlich: Noch nie war das Warenangebot so groß, aber noch nie hat das Geld so sehr unser Leben bestimmt. Noch nie haben wir uns so viel kaufen können, aber noch nie haben sich Menschen hierzulande so stark verschuldet. Noch nie zuvor ist so viel gebaut worden, aber wie nie zuvor wurde auch so viel abgebaut und stillgelegt. Noch nie hat man die Früchte menschlicher Arbeit so schnell ernten können, aber noch nie waren so viele Menschen arbeitslos, und das zum ersten Mal in ihrem Leben und völlig unvorbereitet... Noch nie war das Leben so abwechslungsreich und interessant, aber auch noch nie so unruhig, stressig und zerrissen. Noch nie gab es so viele Hoffnungen, aber auch noch nie so viele Ängste. In diesem Spannungsfeld, zu dem noch manches andere dazugehört, leben wir zurzeit hier in Ostdeutschland. Sicher: ich kenne niemanden, der ernsthaft zu den alten Verhältnissen zurückkehren möchte. Aber ich kenne viele, die der neuen Situation nicht gewachsen sind. Rundbrief eines evangelischen Pfarrers aus Ostdeutschland; nach: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt vom 18. Februar 1994, S. 19 Nicht wenige von denen, die angeben, es gehe ihnen heute finanziell besser als in der DDR, sind hochgradig unzufrieden. Das hängt zusammen mit den unverfüllten Hoffnungen auf Unabhängigkeit und Emanzipation. Der Anteil von Ostdeutschen an Führungskräften in der Bundesrepublik ist dramatisch niedrig: Wirtschaft: ein Prozent, Militär: null Prozent, Wissenschaft: drei Prozent, Gewerkschaften: drei Prozent. Ähnlich sieht es in den Medien und der Kultur aus... Die Ostdeutschen waren immer die armen Verwandten. Am stärksten zeigt sich dieses Ungleichgewicht darin, dass die Westdeutschen immer ganz zufrieden ohne die Ostdeutschen leben konnten, die Ostdeutschen aber auf die große, reiche und mächtige Bundesrepublik sahen, von der fast alles kommen musste, was sie erhofften... Die Westdeutschen brauchten die Vereinigung nicht, eine starke Mehrheit der Ostdeutschen aber wünschte sie, wie es sich 1990 zeigte. Nach: Daniela Dahn; in: Die Zeit vom 7. November 1997, S. 34 und Peter Bender; in: Das Parlament vom 17. Juni 1994, S. 1 (Daniela Dahn und Peter Bender leben als freie Publizisten in Berlin.)
A 15: Sichtweisen Peter Schneider (Publizist): Rainer Eppelmann (Vorsitzender der CDU-Sozialausschüsse): Manfred Stolpe (Ministerpräsident von Brandenburg): Jürgen Kocka (Historiker): PZ September 1997, S. 4 (a). Frankfurter Rundschau vom 22. Februar 1999, S. 5 (b). Aus Politik und Zeitgeschichte B 40-41/95 vom 25. September 1995, S. 9 (c). Sieben Jahre, sieben Brücken, Berlin 1997, S. 70 und S. 113 (d). Frankfurter Rundschau vom 22. Januar 1998, S. 17 (e). |
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