Zeitschrift

Deutschland wächst zusammen

Baustein A

Vereint und doch nicht eins

Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört


Heft 2/2000 , Hrsg.: LpB


Inhaltsverzeichnis

 

A 1: 9. November 1989

Menschen aus Ost und West "besetzen" die Berliner Mauer

 

A 2: Der Fall der Mauer

 

Trabbi-Karawane über den Grenzübergang Herleshausen
Bild: dpa

... wahrgenommen aus Ostberlin

Am 9. November 1989 saß ich mit Freunden in einer Pankower Wohnung über dem Programmentwurf des Neuen Forum. Nebenbei lief der Fernsehapparat... Ständig war mit Überraschungen zu rechnen. Als solche schlug die Pressekonferenz von Günter Schabowski kurz vor 19 Uhr ein. Fast beiläufig kramte er einen Zettel aus der Tasche und verkündete stockend, dass ab sofort und ohne weiteres die Ausreise über die innerdeutsche Grenze möglich sei. Auf Nachfrage eines Journalisten bestätigte er, dass dies auch für Westberlin gelte. Wir waren baff und diskutierten, was das bedeuten könne...

Später kam ein Freund und fragte ganz aufgebracht, ob wir denn nichts mitbekommen, die Grenze sei offen, die Leute strömten nach Westberlin. Daraufhin ließ ich alles liegen, lief nach Hause und weckte meine Frau und fuhr mit ihr zur Bornholmer Brücke. Was wir sahen, sprengte jede Vorstellung: Dort wo sonst nur wenige Autos und Fußgänger mit Passierschein durchkamen, wälzte sich eine unüberschaubare Menge in den Westen. Ein Glückstaumel der Freiheit! Das Wort "Waaahnsinn" machte die Runde. Wo sonst nur Westwagen fuhren, kroch ein Trabbi über die Brücke ... und wurde wie ein lieber, lang vermisster Abkömmling des Käfers begrüßt. Der Pappkarton war auf freier Fahrt in die große VW-Gesellschaft, erst- und letztmalig mit Sekt begossen. Wir liefen wie in Trance die Osloer Straße entlang...

Werner Schulz; in: Das Parlament vom 22./29. Oktober 1999, S. 7 (Werner Schulz ist Mitglied des Deutschen Bundestages und war Mitarbeiter in der Oppositionsgruppe Neues Forum.)

... wahrgenommen aus Westberlin

Es war gegen 20.00 Uhr am 9. November 1989, als uns auf dem Kudamm die ersten Menschen auffielen, die sich schneller und hektischer bewegten als gewöhnlich... Bei näherem Hinsehen ... fiel mir auf: Sie wirkten glücklich und begeistert, in einigen Mienen erkannte ich den Ausdruck ungläubiger Euphorie... Ich nahm Jubelrufe wahr: Die Grenze ist auf! Die Mauer ist gefallen! ... Ich glaube, wir brauchten einen gewissen Moment, um das soeben Erfahrene zu realisieren und zu verdauen. Die 28 Jahre kaum überwindbare Grenzbefestigung an der innerdeutschen Grenze, das Wahrzeichen des Ost-West-Konflikts, sollte plötzlich seine grausame Funktion verloren haben...

Natürlich habe ich die Geschehnisse, die diesem historischen Ereignis vorausgingen, im Fernsehen verfolgt: die Bilder der Flüchtlinge im Osten Europas, die Demonstrationen in der DDR und ... Gorbatschow. Das alles konnte aber mein festgefahrenes Deutschlandbild nicht aus den Fugen bringen; es gab zwei deutsche Staaten, und die diese Staaten trennende Grenze mit der durch Berlin laufenden Mauer gehörten zu eben diesem Bild wie etwa das Münchner Oktoberfest oder der Kölner Dom.

Jens Paulus; in: Das Parlament vom 22./29. Oktober 1999, 
S. 7 (Jens Paulus ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Politische Wissenschaften der Universität Köln.)

A3: Zitate zur Maueröffnung

Wolf Biermann (Liedermacher):
"Ich muss weinen vor Freude, dass es so schnell und einfach ging. Und ich muss weinen vor Zorn, dass es so elend lange dauerte."
George Bush (als US-Präsident):
"Ein dramatisches Ereignis für Ostdeutschland und selbstverständlich für die Freiheit."
Helmut Kohl (als Bundeskanzler):
"Es eröffnen sich Chancen für die Überwindung der Teilung Europas und damit unseres Vaterlandes."
Willy Brandt (Bundeskanzler 1969-1974)
"Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört."
Walter Momper (als Regierender Bürgermeister von Berlin):
"Das war der Moment, auf den wir so lange gewartet haben... Wir Deutschen sind jetzt das glücklichste Volk auf der Welt."

Nach: Berliner Illustrierte. Sonderausgabe Dezember 1989 und Hermann Glaser (Hg.): Die Mauer fiel, die Mauer steht, München (dtv) 1999

A 4: Demonstration für die Einheit

A 5: "Das Volk" wird "ein Volk"

 

A 6: Der Beitritt

Beschluss der Volkskammer der Deutschen Demokratischen Republik vom 23. August 1990

Die Volkskammer erklärt den Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes mit Wirkung vom 3. Oktober 1990.

A 7: Die Präambel des Grundgesetzes

Fassung vom 23. September 1990

Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.
Die Deutschen in den Ländern Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen haben in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands vollendet. Damit gilt dieses Grundgesetz für das gesamte Deutsche Volk.

Ursprüngliche Fassung vom 23. Mai 1949

Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, seine nationale und staatliche Einheit zu wahren und als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat das Deutsche Volk in den Ländern Baden, Bayern, Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern, um dem staatlichen Leben für eine Übergangszeit eine neue Ordnung zu geben, kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland beschlossen. Es hat auch für jene Deutschen gehandelt, denen mitzuwirken versagt war. Das gesamte Deutsche Volk bleibt aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden.


Copyright ©   2000  LpB Baden-Württemberg   HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de