Zeitschrift Deutschland wächst zusammen Eine Zwichenbilanz nach zehn Jahren
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Einleitung Zehn Jahre vereinigtes Deutschland Wie selbstverständlich nehmen wir Deutsche es inzwischen hin, dass die Fernseh-Wetterkarte beide Teile Deutschlands umfasst, dass von der unmenschlichen Mauer in Berlin nur noch einige Erinnerungsstücke stehen geblieben sind und dass wir ohne jegliche Grenzkontrolle nach Leipzig, Magdeburg und Rostock reisen können. Und doch liegt das "Wunder der Einheit", das noch am Anfang des Jahres 1989 nur ganz wenige für möglich hielten, erst zehn Jahre zurück. Heute ist es an der Zeit, sich erneut der Tragweite dieses Ereignisses zu vergewissern, den glücklichen Abschluss der "Deutschen Frage" zu würdigen und eine nüchterne, aber aufs Ganze gesehen positive Bilanz des bisherigen Transformationsprozesses zu ziehen. "Dass der Übergang in den Alltag des vereinten Deutschland unweigerlich den Überschuss an Hoffnungen vernichten würde, ist nicht verwunderlich. Niemand konnte im Ernst erwarten, dass sich die Verhältnisse, die zum Bankrott des politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Systems der DDR geführt hatten, durch den Beitritt zum Westen schlagartig verbessern ließen"1. Trotzdem sollten die bisher vollbrachten Um- und Aufbauleistungen in Ostdeutschland und die vielfältigen Annäherungen zwischen den Deutschen in den alten und den neuen Ländern nicht geschmälert werden. Dabei darf man freilich fortbestehende Unterschiede in den Einstellungen und in den Lebensumständen nicht verharmlosen; sie sind vielmehr aus der Tatsache zu erklären, dass die Deutschen über vier Jahrzehnte getrennt waren und sehr verschiedene "Geschichten" haben. Zum besseren Verständnis fortdauernder Disparitäten und unterschiedlicher Befindlichkeiten in Ost und West müssen aber auch die Folgen des Wandels in den neuen Bundesländern und die Nichterfüllung überzogener Hoffnungen beleuchtet werden. Der Wandel der Rahmenbedingungen Schließlich darf man nicht übersehen, dass sich die Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich der Einigungsprozess vollzieht, in den letzten zehn Jahren dramatisch geändert haben:
Die Vereinigungsprobleme sind also nur ein - relativ kleiner - Teil der Herausforderungen und Unsicherheitsfaktoren, mit denen die Menschen während der letzten zehn Jahre konfrontiert worden sind.
Blockausgabe der Deutschen Bundespost zum ersten Jahrestag der Öffnung der innerdeutschen Grenze und der Berliner Mauer "Als 1989 die Mauer in Berlin fiel, sahen wenige die Schwierigkeiten voraus, die die
Neuvereinigung so unterschiedlicher politischer Kulturen bringen würde. Das große Problem
lag darin, dass zwei Gesellschaften zusammenfinden müssen, die sich beide in rascher
Entwicklung befinden, freiwillig oder unfreiwillig. Alle Versuche, gegenseitige Rechnungen Für Deutschland hat mit dem Vollzug der Einheit eine neue Zeit begonnen. Obwohl die meisten
Westdeutschen wollten, dass nach der Vereinigung möglichst alles so bleiben sollte, wie es
zuvor gewesen ist, und die Ostdeutschen nichts sehnlicher wünschten, als dass es auch bei 1993 bis 1998: Enttäuschung über den langsamen Aufholprozess bei den Ostdeutschen und Unzufriedenheit über die hohen Transferleistungen in Westdeutschland, Zunahme der Insolvenzen, hohe Arbeitslosigkeit, depressive Stimmungslage im Osten 1999 bis heute: Stabilisierung des wirtschaftlichen Aufschwungs in den neuen Bundesländern,
zunehmende Akzeptanz der längeren Dauer des Aufholprozesses, wachsendes Selbstwertgefühl der
Ostdeutschen, Angleichung der Einschätzung von Zukunftsaussichten in beiden Teilen
Bleibende Herausforderungen Dieses Heft informiert über die Situation, in welcher sich Deutschland zehn Jahre nach der
Vereinigung befindet. Fortbestehende Disparitäten und Missverständnisse zwischen Ost- und
Westdeutschen werden aufgezeigt, die großen wirtschaftlichen Probleme beim "Aufbau Ost" sind
in einem eigenen Baustein dokumentiert, die nachträgliche Verklärung der desolaten In allen vier Bausteinen werden deshalb zwar die fortbestehenden Unterschiede und die
Probleme der Deutschen Einheit, die zum Teil erst nach der Wende und während des
zehnjährigen Vereinigungsprozesses deutlich geworden sind, dokumentiert, andererseits werden
aber auch die Erfolge und Möglichkeiten zur Bewältigung noch bestehender Aufgaben In seiner Rede zum Stand der Deutschen Einheit sagte Bundeskanzler Gerhard Schröder im April
1999: "Machen wir uns keine Illusionen: Die Unterschiede in der Befindlichkeit, auch im
Geschichtsbewusstsein, die gegenseitigen Ressentiments werden wohl noch eine ganze Weile Die Umwandlung der geschlossenen sozialistischen Gesellschaft in der ehemaligen DDR in eine
offene demokratische Gesellschaft und die Überführung der staatlich gelenkten
Zentralverwaltungs- oder Kommandowirtschaft in eine Marktwirtschaft sind Vorhaben ohne Das Thema im Unterricht Allein die Absicht, Ziele, Methoden, Erfolge und Rückschläge dieses gewaltigen Transformationsprozesses aufzuzeigen, rechtfertigt schon dessen ausführliche Thematisierung im Politik- und Geschichtsunterricht der Schulen. Dabei geht es vor allem darum, das Ausmaß und die Bedeutung dieses Vorganges zu vermitteln, aber auch Perspektiven zu erörtern. Zwischen den Ost- und den Westdeutschen bestehen sowohl in den Lebensumständen als auch in
den Mentalitäten erhebliche Unterschiede. "Bis heute ticken die Uhren im Osten anders...
Schlechte Aussichten? Zeichnung: Henniger, 1994 Es ist die deutsche Wirklichkeit, die wir aufzeigen, wenn wir im Unterricht die häufig befremdlichen Ergebnisse der Vereinigung beschreiben. "Wenn wir über das Thema "Mauer in unseren Köpfen" reden, wird diese Mauer schon kleiner. Denn das Baumaterial, aus dem diese Mauer besteht, ist hauptsächlich die Unkenntnis voneinander"7. Die Geschichte der Menschen in der ehemaligen DDR ist seit der Vereinigung zu einem Bestandteil der gesamtdeutschen Geschichte geworden, wenngleich sie 40 Jahre lang völlig anders verlaufen ist als die Geschichte der alten Bundesrepublik. Aus der intensiven Beschäftigung mit den Zuständen im SED-Staat, aber auch aus der Geschichte des zehnjährigen Transformationsgeschehens können die westdeutschen Jugendlichen zu einer angemessenen Einstellung gegenüber der heutigen Situation in Ostdeutschland gelangen. Der Beitrag des Faches Geschichte zum Thema "Zehn Jahre vereinigtes Deutschland" kann daher
gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Eine Betrachtung, die lediglich den Ist-Zustand
analysiert, ist notgedrungen zum Scheitern verurteilt. "Die Westdeutschen müssen, wenn ihnen Nur aus der Geschichte erklären sich Einstellungen, Ressentiments und Rückbindungen an die
vergangene DDR-Gesellschaft. Nur aus der Geschichte wird aber auch die ungeheure
Herausforderung erkennbar, vor welcher die Ostdeutschen standen, als sie sich - geradezu
schlagartig - in einem gänzlich anderen politischen und wirtschaftlichen System
wiederfanden (vgl. B 1 bis B 7). Überlegungen zu den Methoden Gruppenarbeit. Es wird empfohlen, die Bausteine B, C und D jeweils einer Gruppe zur
Auswertung zuzuweisen und diese Gruppen aufzufordern, die Arbeitsergebnisse für das Plenum
zusammenzufassen. Die gemeinsame Aufgabenstellung, die für die Integration der
Einzelergebnisse unerlässlich ist, kann für alle Arbeitsgruppen folgendermaßen lauten: Fächerverbindung. Die Bedeutung des Themas "Deutschland wächst zusammen" legt eine Hervorhebung aus dem Unterrichtsalltag nahe; dafür ist ein fächerverbindendes Projekt besonders geeignet.
Da sehr unterschiedliche Aspekte zu berücksichtigen sind, sollten mindestens folgende Fächer an einem derartigen Projekt beteiligt werden: Geschichte (Leben in der DDR, Der SED-Staat) Geografie (Das Wirtschaftssystem der DDR im Vergleich mit der Sozialen Marktwirtschaft, Wirtschaftliche und ökologische Erblasten, Wohlstandsinseln und industrielle Brache in den neuen Bundesländern) Deutsch (Literatur zur Wende in der DDR, Die Situation ostdeutscher Schriftsteller vor und nach dem Umbruch). Zusammenarbeit mit einer ostdeutschen Schule Das natürliche Interesse an persönlichen Schicksalen, Lebensformen und Einstellungen
Gleichaltriger kann als produktiver Zugang zu unserem Thema aufgegriffen werden. Dabei
bearbeitet die Klasse Ergebnisse und Herausforderungen der Vereinigung zusammen mit einer
ostdeutschen Schulklasse in einem gemeinsamen Projekt. Der Austausch der Fragen, Ein solches Gemeinschaftsprojekt wird in drei Phasen durchgeführt. Zunächst befragen sich die beiden Schulklassen in West- und Ostdeutschland gegenseitig über aktuelle Einstellungen und Verhaltensweisen, dazu wird gemeinsam ein Fragebogen entworfen, der etwa folgende Aspekte berücksichtigt: - Situation an der Schule (Schulorganisation, Fächer, Stundenpläne) In einer zweiten Phase befragen sich die Klassen nach ihren jeweiligen Erfahrungen mit dem
Vereinigungsprozess. Dabei ist es unerlässlich, dass sich auch die westdeutschen
Schülerinnen und Schüler über die Auswirkungen der Vereinigung auf ihre eigene Situation
Klarheit verschaffen. In diesem Arbeitsschritt wird deutlich werden, dass die Ostdeutschen
viel stärker von der Vereinigung betroffen sind als die Westdeutschen. Es können auch kurze
biografische Skizzen über die letzten zehn Jahre zwischen den Schülerinnen und Schülern aus In der letzten Phase wird das gemeinsame Projekt erweitert: Die Schülerinnen und Schüler
erforschen jetzt die allgemeine Stimmungslage in Ost und West nach zehn Jahren Vereinigung.
Dazu muss ein knapper Fragebogen entworfen werden, der sowohl in den Schulgemeinden der Weitere Projekte Als Vorschläge zur Handlungsorientierung9 bieten sich an:
Gerhart Maier Literaturhinweise Bertram, Hans u.a. (Hg.): Sozialer und demografischer Wandel in den neuen Bundesländern, Opladen (Leske+Budrich) 1995 Böttiger, Helmut: Ostzeit/Westzeit, München (Luchterhand) 1996 Bundesministerium für Wirtschaft (Hg.): Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit 1999, Berlin 1999 Dahn, Daniela: Westwärts und nicht vergessen. Vom Unbehagen in der Einheit, Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 1997 Dieckmann, Christoph: Das wahre Leben im falschen. Geschichten von ostdeutscher Identität, Berlin (Ch. Links) 1999 Dieckmann, Friedrich: Der Irrtum des Verschwindens, Leipzig (G. Kiepenheuer) 1996 Diewald, Martin/Mayer Karl Ulrich (Hg.): Zwischenbilanz der Wiedervereinigung. Strukturwandel und Mentalität im Transformationsprozess, Opladen (Leske+Budrich) 1996 Eckart, Karl u.a. (Hg.): Wiedervereinigung Deutschlands, Berlin (Duncker & Humblot) 1998 Fischer, Wolfram u.a. (Hg.): Treuhandanstalt. Das Unmögliche wagen, Berlin (Akademie) 1993 Fritze, Lothar: Die Gegenwart des Vergangenen, Weimar u.a. (Böhlau) 1997 Fuchs, Hans-Werner: Bildung und Wissenschaft seit der Wende. Transformation des ostdeutschen Bildungssys-tems, Opladen (Leske+Budrich) 1997 Gabriel, Oscar W. (Hg.): Politische Orientierungen und Verhaltensweisen im vereinigten Deutschland, Opladen (Leske+Budrich) 1997 Gaus, Günter: Kein einig Vaterland, Berlin (Edition Ost) 1998 Gensicke, Thomas: Die neuen Bundesbürger. Eine Transformation ohne Integration, Opladen (Leske+Budrich) 1998 Glaser, Hermann (Hg.): Die Mauer fiel, die Mauer steht. Ein deutsches Lesebuch 1989-1999, München (dtv) 1999 Grosser, Dieter: Das Wagnis der Währungs- und Sozialunion, Stuttgart (Deutsche Verlagsanstalt) 1998 Hardtwig, Wolfgang/Winkler, Heinrich August (Hg.): Deutsche Entfremdung. Zum Befinden in Ost
und West, München, (C.H. Beck) 1994 Hickel, Rudolf/Priewe, Jan: Nach dem Fehlstart. Ökonomische Perspektiven der deutschen Einigung, Frankfurt/M. (Fischer) 1994 Jarausch, Konrad H.: Die unverhoffte Einheit, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1995 Kleßmann, Christoph/Wagner, Georg (Hg.): Das gespaltene Land: Leben in Deutschland 1945 bis 1990. Texte und Dokumente, München (C.H. Beck) 1993 Kollmorgen, Raj u.a. (Hg.): Sozialer Wandel und Akteure in Ostdeutschland, Opladen (Leske+Budrich) 1996 Krüger, Heinz-Hermann u.a. (Hg.): Transformationsprobleme in Ostdeutschland, Opladen (Leske+Budrich) 1995 Lay, Conrad/Bürgel, Tanja (Hg.): Gemeinsam sind wir unterschiedlich, Bonn (Bundeszentrale für politische Bildung) 1995 Maier, Charles S.: Das Verschwinden der DDR und der Untergang des Kommunismus, Frankfurt/M. (Fischer) 1999 Merkel, Wolfgang: Systemtransformation, Opladen (Les-ke+Budrich) 1999 Opp, Karl-Dieter: Die enttäuschten Revolutionäre, Opladen (Leske+Budrich) 1997 Richter, Edelbert: Aus ostdeutscher Sicht, Weimar u.a. (Böhlau) 1998 Schröder, Richard: Probleme der inneren Einheit Deutschlands, Köln (Wirtschaftsverlag Bachem) 1996 Siebert, Horst: Das Wagnis der Einheit, Stuttgart (Deutsche Verlagsanstalt) 1993 Verträge zur Einheit Deutschlands, München (dtv) o.J. Weidenfeld, Werner/Korte, Karl-Rudolf (Hg.): Handbuch zur deutschen Einheit, Bonn (Bundeszentrale für politische Bildung) 1999 Westle, Bettina: Kollektive Identität im vereinten Deutschland, Opladen (Leske+Budrich) 1999 Wiesenthal, Helmut: Die Transformation der DDR. Verfahren und Resultate, Gütersloh (Bertelsmann Stiftung) 1999 Wolle, Stefan: Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971-1989, Berlin (Ch. Links) 1998. Bildbände Billhardt, Thomas/Hensel, Kerstin: Alles war so, alles war anders. Bilder aus der DDR, Leipzig (G. Kiepenheuer) 1999 Drommert, Günther (Hg.): 50 Jahre DDR. Der Alltag der DDR, Berlin (Schwarzkopf & Schwarzkopf) 1999 Handloik, Volker/Hauswald, Harald (Hg.): Die DDR wird 50. Texte und Fotografien, Berlin (Aufbau) 1998 Hölder, Egon (Hg.): Im Trabi durch die Zeit - 40 Jahre Leben in der DDR, Stuttgart (Metzler-Poeschel) 1992 Lindner, Bernd: Die demokratische Revolte in der DDR 1989/90, Bonn (Bundeszentrale für politische Bildung) 1998 Ostkreuz-Agentur der Fotografen (Hg.): Östlich von Eden. Von der DDR nach Deutschland 1974-1999, Wien (Chr. Brandstätter) 1999 Vorsteher, Dieter (Hg.): Parteiauftrag: Ein neues Deutschland. Bilder, Rituale und Symbole der frühen DDR, Berlin (Deutsches Historisches Museum) 1996. 1 Hans-J. Misselwitz (1996), S. 21 f. |
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