Zeitschrift

Deutschland wächst zusammen

Baustein D

Einheit braucht Zeit


Heft 2/2000 , Hrsg.: LpB


Inhaltsverzeichnis


Ein Staat - zwei Nationen?

"Unübersehbar ist ..., dass unter dem gemeinsamen staatlichen Dach zwei sehr verschiedene Gesellschaften leben."

Werner J. Patzelt; in: Robert Hettlage/Karl Lenz (Hg.) (1995), S. 85

"Obwohl sich die Ostdeutschen nicht durch ... Sprache oder Religion unterscheiden, bilden sie in der Bundesrepublik Deutschland eine separate Gruppe ... mit emotionalen Bindungen an eine gemeinsame Vergangenheit, gemeinsamen Werten ... und im Gegensatz zu einem gemeinsamen "Anderen"."

Marc Alan Howard; in: Der Spiegel vom 14. September 1998, S. 56

Unterschiedliche Mentalitäten

Während in den Bausteinen B und C Verlauf und Folgen des gesellschaftlichen und des wirtschaftlichen Wandels nach der Wende in der DDR im Mittelpunkt stehen, werden hier in erster Linie Materialien zum Stand der mentalen Vereinigung angeboten. Analysen der ostdeutschen Gesellschaft zeigen, dass dort seit langem eine Rückbesinnung auf die Lebenssituation in der gescheiterten DDR stattfindet, wobei nicht das politische System, wohl aber die sozialen Bedingungen und das gesellschaftliche Leben in der ehemaligen DDR mitunter kritiklos verklärt werden. Zweifellos werden dabei die damaligen Zustände massiv geschönt; andererseits wirft aber diese Wiederentdeckung früherer Lebensformen die Frage auf, ob es richtig war, alle Einrichtungen der ehemaligen DDR-Gesellschaft zu diskriminieren und in Bausch und Bogen zu verwerfen. Die Forderung nach geradezu bedingungsloser Integration in das westliche System und das westliche gesellschaftliche Leben hat bei vielen Ostdeutschen gegenteilige Einstellungen hervorgerufen.

Befragungen in Ostdeutschland haben ergeben, dass vor allem die Unzufriedenheit über die wirtschaftlichen Verhältnisse nach zehn Jahren Vereinigung (vgl. Baustein C), insbesondere über die hohe Arbeitslosigkeit und die Unsicherheit der Arbeitsplätze zur Abkehr von den zuvor so nachdrücklich gewünschten bundesrepublikanischen Werten geführt hat. Daneben spielt aber auch die Enttäuschung über die repräsentative Demokratie eine wesentliche Rolle, weil die Ostdeutschen offenbar allzu große Erwartungen auf die Möglichkeiten demokratischer Mitgestaltung gesetzt hatten. Schließlich muss hier auch die fehlende Bereitschaft vieler Westdeutscher, die Menschen in der DDR ernst zu nehmen, als Ursache für die eher trotzige Verteidigung der alten Werte genannt werden (D 19). "Es gibt eine breite Übereinstimmung in der Bevölkerung der ehemaligen DDR, dass nur ehemalige DDR-Bürger das Leben in der DDR, die Weichenstellungen und deren Gründe beurteilen können..."1.

Hinzu kommen fortwirkende Prägungen der Menschen durch das vierzig Jahre lang ertragene Leben in der DDR, welche durch die Vereinigung nicht einfach verschwunden sind; dazu gehören die Bereitschaft zur Ein- und Unterordnung, das Verlangen nach einer konfliktfreien Gesellschaft und das immer wieder zu konstatierende Fehlen von Eigenverantwortung und Risikofreude.

Ein Fazit

Die wirtschaftlichen Leistungen der ostdeutschen Länder liegen im Vergleich mit Westdeutschland nach wie vor deutlich zurück, und die Arbeitslosigkeit im Osten Deutschlands wird auch in den nächsten Jahren höher sein als im Westen. Es ist deshalb verständlich, wenn die Ostdeutschen immer wieder zu Missmut und Unzufriedenheit neigen. Dennoch sind die Ergebnisse des bisherigen Transformationsprozesses vorzeigbar. In dem kurzen Zeitraum von zehn Jahren ist die Lebensqualität der Menschen in Ostdeutschland beträchtlich gestiegen, die Ausstattung der Haushalte hat inzwischen westliches Niveau erreicht (vgl. B 15 bis B 17). "Zehn Jahre nach dem Fall der Mauer ist die Zustimmung zur Deutschen Einheit ungebrochen."2

Unterrichtspraktische Hinweise

Zwei Gruppen können ein Bild des "typischen Ossi" und ein Bild des "typischen Wessi" entwerfen. Für diese Beschreibung können neben den Materialien des Bausteins D auch solche aus den vorausgehenden Bausteinen (Umfrageergebnisse und Bilder) herangezogen werden. Man kann die Gruppen zusätzlich auffordern, eine Karikatur des "Ossi" bzw. des "Wessi" zu zeichnen. Die Ergebnisse werden im Klassenzimmer aufgehängt und kritisch überprüft.

Bei der Erörterung der nostalgischen Verklärung der ehemaligen DDR (D 1 bis D 6) muss deutlich werden, dass es sich dabei nicht nur um eine - teilweise sogar scherzhafte - Provokation der Westdeutschen handelt, sondern vielmehr auch um die Äußerung eines tief verwurzelten Unbehagens über den Einigungsprozess und um den Versuch, aus der eigenen Vergangenheit zu retten, was noch zu retten ist. Die Schülerinnen und Schüler sollen dabei Verständnis für die Wiederentdeckung der eigenen Geschichte durch die Ostdeutschen entwickeln; allerdings muss die von dem Bürgerrechtler Konrad Weiss aufgezeigte Grenze ihre Gültigkeit behalten: "(Die) Besinnung auf das Eigene..., auf das, was im Eigentlichen Heimat war, ist heilsam... Krankhaft aber, geradezu pervers, ist der verklärte Rückblick auf den Staat DDR und seine Unmenschlichkeit, ist das schnelle Vergessen der tausendfachen Erniedrigung, der Unfreiheit, der Entwürdigung und Bespitzelung..., ist die Generalabsolution für den realen Sozialismus"3.

In einem Tafelbild (Schaubild 3) stellt man die Anzeichen für eine neue Bewertung des Lebens in der DDR den Beispielen der Realität in der DDR gegenüber; denn "es werden Dinge verklärt, die nicht verklärenswert sind"4.

Diese Gegenüberstellung führt zu der Frage nach den Ursachen für die Verklärung nicht verklärungswürdiger Zustände. Es ist wichtig, dass man hier die Jugendlichen zu Verständnis und Zurückhaltung bei der Beurteilung anhält.

Mehrere Zugänge bieten sich an, wenn es darum geht, die fortbestehenden Mentalitätsunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen als eine positive Herausforderung zu vermitteln (vgl. D 20): Man greift die eingangs formulierten Leitfragen als Impuls für eine Abschlussdiskussion auf (Seite 9).
Die Schülerinnen und Schüler nehmen anhand eines Meinungsspektrums "Wie soll es weitergehen?" Stellung zum Vereinigungsprozess (vgl. Schau-
bild 4). Die Klasse überprüft und ergänzt die in der Einführungsphase zusammengestellte Bilanz der Deutschen Einheit (vgl. Seite 9).

Mögliche Aufgaben

D 1 bis D 11: Stellen Sie Anzeichen für eine neue Sicht des Lebens in der ehemaligen DDR durch viele Ostdeutsche zusammen. Soll das Ampelmännchen auch in Westdeutschland eingeführt werden? (D 9 bis D 12)
D 12 bis D 19: Stellen Sie der Verklärung des Lebens in der ehemaligen DDR die Zustände im realen Sozialismus gegenüber. Erörtern Sie, weshalb diese Zustände heute von vielen Ostdeutschen verdrängt oder mit anderen Augen gesehen werden.
D 20 bis D 25: Stellen Sie fortbestehende Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschen nach ausgewählten Bereichen zusammen. Diskutieren Sie die These, dass es nicht möglich - aber auch nicht nötig - sei, diese Unterschiede völlig einzuebnen. Der 3. Oktober ist der nationale Feiertag der Deutschen. Erörtern Sie diese Entscheidung des Deutschen Bundestages; vergleiche dazu D 24 und D 25.


1 Alexander von Plato; in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Gemeinsam sind wir unterschiedlich, Bonn 1995, S. 13
2 Das Parlament vom 4. Februar 2000, S. 2
3 Konrad Weiss; in: Der Spiegel vom 15. November 1993, S. 41
4 Dagmar Schipanski; in: Frankfurter Rundschau vom 22. Februar 2000, S. 5


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