Zeitschrift Deutschland wächst zusammen Baustein B
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Der Transformationsschock Die Gesellschaft in der DDR unterschied sich in vielerlei Hinsicht von der Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland. Während die westdeutsche Gesellschaft bereits seit den späten fünfziger Jahren eine tiefgreifende Modernisierung durchlief, blieb dieser Wandel in Ostdeutschland in den Anfängen stecken oder wurde dort, wo er von einzelnen Gruppierungen gefordert wurde, durch die Staatsmacht nachhaltig unterdrückt. Das Leben in der Diktatur und die permanente Führung und Gängelung der Menschen durch Staat und Partei ließen Eigeninitiative und selbstbewuss-tes Handeln verkümmern. Die Bevölkerung der DDR arrangierte sich weitgehend mit dem System, ohne es mehrheitlich wirklich zu bejahen. Man nahm die vom Staat gewährte soziale Absicherung zustimmend hin und lebte im Übrigen in einer "Nischengesellschaft"1, in welcher das Arbeitskollektiv, die Familie und die Nachbarschaft eine zentrale Rolle spielten. Leben in der DDR "Wollte der Einzelne seine Interessen durchsetzen, sah er sich gezwungen, sich den politischen Maßgaben und Richtlinien weitgehend anzupassen. Nur dann hatte er eine Chance, mit Leistungen ... und Aufstiegschancen versorgt zu werden."2 "Erfolge des Systems gab es, vom Sport einmal abgesehen, in der DDR wenig... Aber die Lebensleistung der Menschen, die ... unter ungleich schwierigeren Bedingungen als im Westen ... ihre Heimat doch auch wieder aufgebaut haben, bleibt unberührt von der Erfolgslosigkeit und dem Zynismus des Systems, in dem sie leben mussten. Sie mussten unter der Kuratel eines repressiven und totalen Überwachungsstaats Mitmenschlichkeit, Nähe und Anstand leben, und sie haben es getan."3 "Er, sagt A, sei eine Art Mensch während der Arbeit in seinem Institut; eine andere Art Mensch in der Versammlung; und eine dritte Art Mensch "privat", abends, wenn er nach Hause kommt. Und er benutze auch in seinen drei Leben, die nicht miteinander zusammenhingen, verschiedene Arten von Wörtern: die wissenschaftlichen, die politischen, die privaten - die er für die eigentlich menschlichen halte."4 Die Vereinigung traf die Menschen völlig unerwartet; sie wurde, als sich die Möglichkeit zum Zusammenschluss der beiden deutschen Staaten abzeichnete, mit überwältigender Mehrheit begrüßt, aber zugleich auch maßlos mit Hoffnungen und utopischen Erwartungen überfrachtet, die teils von außen geweckt worden waren, teils immer in der DDR-Bevölkerung geschlummert hatten. Es konnte daher gar nicht ausbleiben, dass die Ostdeutschen von den Folgen der Einheit überwältigt und enttäuscht wurden. Nahezu alles änderte sich, vieles wurde besser, manches aber auch schlechter für die Menschen, die sich an eine umfassende staatliche Lenkung des sozialen Lebens gewöhnt hatten. Die erforderlichen Umstrukturierungen und die Anpassung zahlreicher Gesetze und Regelungen an die bundesrepublikanische politische und gesellschaftliche Ordnung brach wie "eine kalte Dusche" über die Menschen in den neuen Bundesländern herein. Die Notwendigkeit, sich von westdeutschen Fachleuten in die neuen Lebensbedingungen einführen zu lassen, führte unausweichlich zu einem Gefühl der Unterlegenheit, aber auch zum trotzigen Aufbegehren gegen die "Besser-Wessis". (vgl. B 1 bis B 7) Auch wenn es in diesem Baustein zunächst darum geht, den Schülerinnen und Schülern einen Einblick in die fortdauernden gesellschaftlichen Disparitäten zwischen den alten und den neuen Bundesländern zu ermöglichen, darf dennoch das bereits Erreichte nicht zu kurz kommen: "Die ehemalige DDR (ist) nicht das Armenhaus der Nation. Und sie entwickelt sich auch nicht rasant dorthin. Entgegen den Vorurteilen ist die Armut in Ostdeutschland nicht dramatisch gestiegen. Sie wächst seit der Wende, aber langsamer als erwartet... Zwar verdient der Ossi durchschnittlich noch erheblich weniger als der Wessi, aber die Kluft ist deutlich geschrumpft."5 Unterrichtspraktische Hinweise Zur Strukturierung und Veranschaulichung der in diesem Baustein angebotenen Materialien wird eine Gegenüberstellung der Lebenssituation in der DDR und in den heutigen neuen Bundesländern empfohlen, die man von den Schülerinnen und Schülern erarbeiten lässt; diese Übersicht wird u.a. folgende Angaben enthalten:
In einer zweiten Gegenüberstellung sammeln die Schülerinnen und Schüler die fortbestehenden Unterschiede (z.B. unterschiedliche Lebensstile, Fernsehkonsum, Religionszugehörigkeit, Parteiensystem, Arbeitslosenquote, Immobilienbesitz) und Gemeinsamkeiten (z.B. soziale Sicherungssysteme, Bildungseinrichtungen, politische Ordnung,
demokratische Prinzipien und Werte). Wenn es irgend möglich ist, wird man hier Erfahrungsberichte von Schülerinnen und Schülern, welche die neuen Bundesländer besucht haben oder von dort stammen, einbauen. Positive Erfahrungen konnten auch mit Befragungsaktionen bei Verwandten und Bekannten gesammelt werden.
In besonders leistungsfähigen Gruppen kann die Auswertung des unterschiedlichen Wählerverhaltens (B 26 bis B 28) durch eine intensive Wahlanalyse der letzten Volkskammerwahl (10. März 1990) und der Bundestagswahlen 1990 bis 1998 vertieft
werden.6
B 1 bis B 7: Stellen Sie die Veränderungen in Ostdeutschland seit 1990, die Ihnen besonders wichtig erscheinen, zusammen. Vergleichen Sie diese Veränderungen jeweils mit dem Zustand vor der Wende (B 18 bis B 20).
1 Vgl. Hans-Georg Wehling; in: Gerd Meyer/Jürgen Schröder (Hg.): DDR heute, Tübingen 1988, S. 63 f. |
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