Kommunikation im Alltag
A22- A30 Einander wahrnehmen und verstehen


 

A22 Sprechen und Zuhören bestimmen unser Leben

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Waltraud u. Dieter-W. Allhoff: Rhetorik und Kommunikation. Regensburg: Bayrischer Verlag für Sprechwissenschaft, 1996, S. 14

 

A 23 Wie hört man zu?

Gutes Zuhören verringert Mißverständnisse und trägt damit wesentlich zu einer gelungenen Kommunikation bei. Gerade das Gespräch besteht ja aus einem Wechsel von Sprechen und Zuhören. Vor allem bei Überzeugungsgesprächen glauben viele, ihre Chancen stiegen proportional mit der Sprechdauer, und vergessen dabei völlig, daß der Partner sich ebenfalls äußern möchte. Zuhören ist ebenso wichtig wie sprechen - und ebenso trainierbar! Wer sich selber allerdings als den Nabel der Welt betrachtet, dem wird das Akzeptieren dieser Erkenntnis schwerfallen. Beim Zuhören steht der Partner im Mittelpunkt.

»Der Mensch hat zwei Ohren und nur eine Zunge, damit er doppelt soviel hören kann, wie er spricht« (Epiktet).

Zuhören erfolgt in folgenden Schritten

1.wahrnehmen

2.zuordnen

3.werten und urteilen

4.antworten

 

1. Wahrnehmen. Es geht darum, die Botschaft des Sprechers möglichst vollständig aufzunehmen und zu behalten. Oft stehen dem Störfaktoren wie Lärm, undeutliche Aussprache, Fremdsprache, geringe eigene Konzentration, Angst vor dem Vergessen entgegen.

Richtiges Wahrnehmen heißt:

- den Sprecher nicht unterbrechen

- nachfragen, wenn Sie etwas (akustisch) nicht verstanden haben

- sich voll auf den Sprecher konzentrieren. Also nicht: mit dem Schreibzeug spielen, Blick zum Fenster hinauswerfen usw.

- Signale aussenden, die zur Fortsetzung des Gespräches ermuntern.

Übung: Versuchen Sie, im nächsten Gespräch zwei Sekunden zu schweigen, bevor Sie antworten.

2. Zuordnen. Das heißt, eine Botschaft so verstehen, wie sie der Sprechende verstanden haben will. Der gute Zuhörer fragt nach, wenn er den Inhalt nicht verstanden hat. Dabei gilt es auch, die Botschaft den vier Sprachebenen zuzuordnen. Steht Information, Appell, Selbstdarstellung oder Kontaktvergewisserung im Vordergrund? So vermeiden Sie voreilige Interpretationen.

3. Werten und urteilen. Erst jetzt darf die Botschaft, die wertneutral empfangen wurde, gewertet und beurteilt werden.

4. Antworten. Erst jetzt dürfen Sie reagieren. Sie antworten, schweigen, handeln.

Marcel Riesen, Jürg Studer: Rhetorik ... (vgl. A 21), S. 27 f.

 

A 24 Mißverständnisse

Knifflig auch der Umgang mit Komplimenten. In den USA, so der Trend laut Forschung, würden ständig Komplimente gemacht. Man braucht nur einen Laden zu betreten und schon schwärmt die Verkäuferin hemmungslos von dem Pullover, den man anhat. Dann gehöre es sich, das Kompliment herunterzuspielen ("Der ist ja schon ganz alt") oder es zurückzugeben ("Ihr Rock ist aber auch nicht ohne"). Ganz anders in Australien. Da nehme man ... ein Kompliment, so wie es kommt. Und läßt man nun einen Australier nach Amerika, und der erwidert auf eine  der üblichen Schmeicheleien einfach nichts, steht der sofort als ungehobelt und schlecht erzogen da. Mißverständnisse kann es auch bei einer allzu wörtlichen Übersetzung von Grußformeln geben. Statt "Guten Tag" sagt man in Vietnam "Haben Sie Ihre tägliche Portion Reis schon gegessen?". Wer dies irrtümlich als Einladung zum Abendessen auffaßt, hat schon verloren, Und ist der Ruf erst ruiniert ... Frankfurter Rundschau, 28.12.1995 (Gertraud Schön)

 

A 25 Küssen verboten?

Unter den während des Krieges in England stationierten amerikanischen Soldaten war die Ansicht weit verbreitet, die englischen Mädchen seien sexuell überaus leicht zugänglich. Merkwürdigerweise behaupteten die Mädchen ihrerseits, die amerikanischen Soldaten seien übertrieben stürmisch. Eine Untersuchung, an der u. a. Margaret Mead teilnahm, führte zu einer interessanten Lösung dieses Widerspruchs, Es stellte sich heraus, daß das Paarungsverhalten - vom Kennenlernen der Partner bis zum Geschlechtsverkehr- in England wie in Amerika ungefähr dreißig verschiedene Verhaltensformen durchläuft, daß aber die Reihenfolge dieser Verhaltensformen in den beiden Kulturbereichen verschieden ist. Während z. B. das Küssen in Amerika relativ früh kommt, etwa auf Stufe 5, tritt es im typischen Paarungsverhalten der Engländer relativ spät auf, etwa auf Stufe 25. Praktisch bedeutet dies, daß eine Engländerin, die von ihrem Soldaten geküßt wurde, sich nicht nur um einen Großteil des für sie intuitiv »richtigen" Paarungsverhaltens (Stufe 5-24) betrogen fühlte, sondern zu entscheiden hatte, ob sie die Beziehung an diesem Punkt abbrechen oder sich dem Partner sexuell hingeben sollte. Entschied sie sich für die letztere Alternative, so fand sich der Amerikaner einem Verhalten gegenüber, das für ihn durchaus nicht in dieses Frühstadium der Beziehung paßte und nur als schamlos zu bezeichnen war. Die Lösung eines solchen Beziehungskonflikts durch die beiden Partner selbst ist natürlich deswegen praktisch unmöglich, weil derartige kulturbedingte Verhaltensformen und -abläufe meist völlig außerbewußt sind. Ins Bewußtsein dringt nur das undeutliche Gefühl: der andere benimmt sich falsch.

Paul Watzlawick l Janet N. Beavin l Don D. Jackson: Menschliche Kommunikation. Bern, Göttingen, Toronto, Seattle: Verlag Hans Huber, 9. unveränderte Aufl. 1996, S. 20

 

A 26 Verhalten in Sprechsituationen

Die Menge der möglichen Umstände (Faktoren), die eine Situation bestimmen, sind manchmal verwirrend. Wichtig ist für die Sprecher vor allem, daß sie sich darüber im klaren sind, mit welcher Art von Sprechsituation sie es zu tun haben. Jeder Schüler weiß, daß die Situation "Pause" andere Handlungen und Verhaltensweisen erlaubt als die Situation "Schulstunde". In beiden Situationen hat jede Schülerin und jeder Schüler unterschiedliche Rechte und Pflichten.

Nicht alle Situationen sind so klar umschrieben. Manchmal kommt man in Situationen, die man noch nicht kennt; dann muß man wohl oder übel neue Erfahrungen machen (z, B. mein erster Kuß, das erste Vorstellungsgespräch etc.). Bestimmte Situationen verlangen Muster von Verhaltensweisen, die unter anderem auch von den Erwartungen der Anwesenden bestimmt sind. Werden diese Erwartungen nicht erfüllt, so entstehen Probleme in der Kommunikation (Verständigung), und zwar teilweise recht heikle, weil die Erwartungen und Regeln, denen man folgen sollte, häufig unbewußt sind oder stillschweigend eingehalten werden. Wer "dazugehören" will, muß eben wissen, daß man in einer bestimmten Situation dies oder jenes sagt oder nicht sagt, tut oder nicht tut.

Besonders deutlich zeigt sich dies in kleinen Ritualen des Alltags: Wie macht man Komplimente, wie führt man ein Telefongespräch, wie begrüße ich einen Freund und wie den Leiter einer Schule. Rituale sind Handlungen, die einen symbolischen Wert haben und von den Gesprächsteilnehmern unbedingt erwartet werden. Dazu gehören auch Begrüßungen: Wenn ich einen Bekannten auf der Straße treffe, dann grüße ich ihn; wenn wir gut befreundet sind, so bleibe ich stehen, gebe ihm eventuell die Hand, frage nach seinem Wohlbefinden etc. Diese Hand4ungen dienen dazu, die bestehende Beziehung aufrechtzuerhalten. Unterläßt man die Begrüßung und verstößt damit gegen die erwarteten Verhaltensweisen (Regeln), so kann die Beziehung belastet oder gar gefährdet werden. ("Der hat es wohl auch nicht mehr nötig zu grüßen.")

!n Anlehnung an Martin FennerJlwar Werlen: Sprache und Politik in der Schweiz. Zürich: Sabe Verlag 1987, S. 9 f.

 

A 27 Wer spricht, tut etwas

Sprechen ist eine Form des Handelns. Die folgenden Beispiele zeigen, daß die Schilder Handlungen ausdrücken. Um das zu verstehen, ist es notwendig, sich in die Situationen und Personen hineinzuversetzen.

Jugendliche
unter
18 Jahren
kein Zutritt

Betteln und
Hausieren
verboten

Bissiger
Hund

Keine
Werbung

Nicht hinauslehnen
Do not lean out the window
Ne pas se pencher au dehors

Eltern haften für ihre Kinder

Plakate ankleben verboten

Privatparkplatz
Falschparker
werden kostenpflichtig
abgeschleppt

 

A 28 Äußerungen verstehen

 

Ordne die Äußerungen den Handlungsbedeutungen zu:

1. Sei gegrüßt a) Aufforderung
z. Bleib gesund! b) Rat
3. Komm doch wieder vorbei! c) Gruß
4. Langen Sie ruhig zu! d) Bitte
5. Sei nicht traurig! e) Fluch
6. Weine dich ruhig mal aus! f) Trost
7. Geh zum Teufel! g) Wunsch
B. Der Hund ist bissig! h) Vorwurf
9. Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? i) Drohung

Zusammenstellung nach Harro Gross: Einführung ... (vgl. A 15J, S. 148

 

A 29 Diplomatie

Ein Diplomat, der ja sagt, meint vielleicht.

Ein Diplomat, der vielleicht sagt, meint nein,

und einer, der nein sagt, ist kein Diplomat.

 

A 30 Der Löwe

Von Günther Anders (1966)

Als die Mücke zum ersten Male den

Löwen brüllen hörte, da sprach sie zur Henne:

"Der summt aber komisch." "Summen ist gut", fand die Henne. "Sorldern?" fragte die Mücke.

"Er gackert", antwortete die Henne. "Aber das tut er allerdings komisch."

Die Zeit, 4. März 1966