
Heft 1/97 Europäische Währungsunion
BAUSTEIN D
Starker Euro ?
Funktion und Anlage des Bausteins
Die Frage nach der zukünftigen Stabilität des neuen Geldes steht im Mittelpunkt dieses Bausteins. Dabei konfrontiert man die Bedenken und Befürchtungen, dass die Währungsunion zur Inflation führe, mit den Argumenten, die für eine hohe Stabilität des Euro sprechen. Es ist zweckmäßig, die Unterschiede zwischen dem Europäischen Währungssystem und der Europäischen Gemeinschaftswährung anhand eines Vergleichs von ECU und Euro herauszuarbeiten, weil auf diese Weise der qualitative Fortschritt einer Gemeinschaftswährung gegenüber der Korbwährung, die von den Währungsschwankungen in den Einzelstaaten abhängig ist, transparent wird (vgl. D 8). Die Verantwortung für die Stabilität der Korbwährung lag bei den einzelnen Mitgliedstaaten; die Verantwortung für den Euro liegt bei der unabhängigen Europäischen Zentralbank.
Da die Schülerinnen und Schüler erfahrungsgemäß großes Interesse am Aussehen und an den technischen Einzelheiten des neuen Geldes haben (z. B. Stückelung, Parallelwährung, Kosten der Einführung und Modalitäten des Umtausches), werden auch zu diesen Aspekten geeignete Materialien in diesem Baustein angeboten (D 3 bis D 7). Unbegründete Ängste und überzogene Vorbehalte gegenüber dem Projekt der Währungsunion lassen sich durch die Antizipation des Tages X und durch Konkretisierungen am ehesten abbauen.
Die Notwendigkeit verbindlicher Regelungen für eine disziplinierte Haushalts- und eine restriktive Verschuldungspolitik machen sich die Schülerinnen und Schüler in einem kurzen Rollenspiel klar (vgl. S. 17).

Ein gelbes E auf blauem Grund ist das Logo der künftigen Euro-Währung. Bild: dpa
Notwendigkeit der finanzpolitischen Koordinierung und der politischen Integration
Während die Kompetenzen für die Geld- und Währungspolitik mit Beginn der Endstufe der Wirtscharts- und Währungsunion auf die Gemeinschaftsebene übergehen, verbleibt die Finanzpolitik in der Zuständigkeit der Mitgliedstaaten. Die Währungsunion kann aber auf Dauer nur dann befriedigend funktionieren, wenn auch die Finanzpolitik aller Mitgliedsländer eine stabilitätsorientierte Linie verfolgt. Dabei kommt es auf die Einbindung jedes Mitgliedstaates an, weil das Fehlverhalten eines einzelnen, insbesondere größeren Landes Nachteile für den Kapitalmarkt sowie für die außenwirtschaftliche Position der gesamten Gemeinschaft mit sich brächte und letztlich auch den Außenwert des Euro gefährden könnte.
Da eine Währungsunion eine dauerhafte Bindung dar stellt, die in den Kernbereich nationalstaatlicher Souveränität hineinreicht, müssen die Teilnehmer überdies bereit sein, in Richtung einer umfassenden Politischen Union weiter voranzuschreiten.
Deutsche Bundesbank: Geschäftsbericht 1995, Frank furtlM. 1996, S. 108.
Unterrichtspraktische Hinweise
Auch in diesem Unterrichtsabschnitt sind Vereinfachungen und die Beschränkung auf Basisinformationen notwendig und zulässig. Anhand der Materialien D 1 bis D 6 machen sich die Schülerinnen und Schüler erneut klar, dass mit der Währungsunion die D-Mark durch neue Euro-Geldscheine und -Münzen abgelöst wird. Um das Ausmaß dieser Umstellung zu verdeutlichen, erarbeiten sie aus D 7 die enormen Kosten, welche dabei entstehen.
Die grundsätzlichen Unterschiede zwischen dem Euro und der ECU werden in einem Schaubild demonstriert.
Bei einem Vergleich der Europäischen Zentralbank (D 9 und D 10) mit der Deutschen Bundesbank empfiehlt es sich, die Schülerinnen und Schüler selbständig ihre Beobachtungen in ein Rasterschema eintragen zu lassen, das folgende Bestand teile enthält:
- beteiligte Staaten
- Organe
- Einsetzung des Direktoriums
- Funktionen/Zuständigkeiten
- Kontrolle.
Die Notwendigkeit einer strikten Konsolidierungs- und Sparpolitik aller Mitgliedstaaten der Währungsunion auch nach der Gründung derselben wird aus dem nachstehend skizzierten Spiel deutlich; die gewonnenen Einsichten können anhand von D 11 vertieft werden.
Schaubild 4: Die ECU und der Euro
| ECU | Euro | |
| Definition | Korbwährung: 1) Kunstwährung, kein Zahlungsmittel im eigentlichen Sinn, keine Scheine und Münzen | "Ordentliches" Zahlungsmittel: neue Währung, die an die Stelle der Währungen derjenigen EU-Mitgliedstaaten tritt, welche an der Währungsunion teil nehmen |
| Funktionen | Die ECU steht zwar im Zentrum des EWS (ECU-Leitkurse), praktisch
dominieren jedoch die bilateralen Wechselkurse (± 15 % Schwankungsbreite) Rechengröße für alle finanziellen Aktionen der EU sowie für den
EU-Haushalt, Zahlungsmittel und Reserve Instrument unter den EWI-Zentralbanken; dazu
so genannte private ECU als Bankeinlagen und Anleihewährung Abweichungsindikator für die einzelnen Währungen (Wertmaßstab für die EU-Währungen), Verminderung der Wechselkursschwankungen zwischen den Währungen der EU-Mitgliedstaaten |
Übernahme aller Aufgaben eines ordentlichen Zahlungsmittels (vergleichbar der D-Mark) innerhalb der EWU; nach Ausgabe der Scheine: gesetzliches
Zahlungsmittel Bezugsgröße für die Abweichungen der Währungen derjenigen EU-Mitgliedstaaten, die nicht der Währungsunion beitreten, inner halb festgelegter Band breiten (keine bilateralen Leitkurse) Aufhebung der Wechselkursschwankungen zwischen den Währungen der Mitgliedstaaten der EWU und Verminderung der Wechselkursschwankungen zwischen den Euro-Staaten und den übrigen EU Mitgliedstaaten |
| Verhältnis zu Drittwährungen | Feststellung des Wechselkurses (gegenüber dem Dollar) durch die Kommission (tgl. 14.30 Uhr) aufgrund der Marktkurse der im ECU-Währungskorb enthaltenen Währungen | Feststellung des Wechselkurses (z. B. gegen über dem Dollar) durch Angebot und Nachfrage an den Devisenbörsen, Entscheidung über etwaige Auf- und Abwertungen gegenüber an deren Währungen durch den EU-Ministerrat |
| Sicherung der Stabilität | Abhängigkeit von der Währungsdisziplin aller EU-Mitgliedstaaten, in einigen Mitgliedstaaten der EU Abhängigkeit der Zentralbank von politischen Vorgaben. | Abhängigkeit primär von der Politik der Europäischen Zentralbank. Sie muss flankiert sein von solider Finanzpolitik in den Ländern, die an der EWU beteiligt sind. Sanktionen gegenüber Verletzungen der Haushaltsdisziplin der Einzelstaaten, völlige Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank 2) |
Schaubild: tierhart Maier l vo l hö
1) Der Wert des ECU wird täglich aus festgelegten Anteilen der 15 Währungen der EU-Mitgliedstaaten errechnet (Anteil der D-Mark am ECU 33,2 %, des französischen Franc 20,7 %, des englischen Pfund 7 0,3 °ree;i°ree; usw.)
2) "Alle Regierungen sind zwar in der Lage, eine Inflation zu reduzieren, doch kann dieses Ziel erst von einer unabhängigen Zentralbank, die satzungsgemäß zur Sicherung der Preisstabilität verpflichtet ist, mit größerer Wahrscheinlichkeit und mit geringeren Kosten erreicht wer den. Eine unabhängige Zentralbank wäre ausschließlich von dem Interesse geleitet, ihre Ziele zu erreichen. Regierungen verfolgen zusätzlich das Ziel, wiedergewählt zu werden, ein Ziel, das nicht unbedingt im Einklang damit steht, eine niedrige Inflation beizubehalten." (Michael Emerson l Christopher Huhne (1991, S. 15)
Ein Rollenspiel zur Geldentwertung
Vorausinformation: Ein Geldanleger aus Übersee will 1
Million US-Dollar in europäischen Währungen an legen. Zwei Staaten erscheinen ihm dafür
geeignet. Er möchte einen jährlichen Zinsertrag von 10 % er zielen.
Die Währung des Landes A ist stabil und wird es voraussichtlich auch in den nächsten
Jahren bleiben. Land B hat eine voraussichtliche Inflationsrate von 10 % im Jahr.
Gruppe 1: Welche Entscheidung trifft der Anleger?
Gruppen 2 und 3: Wie reagieren die beiden Länder?
Das Spiel wird in zwei Phasen gespielt - einmal vor der Eröffnung der Währungsunion und ein zweites Mal, nachdem die beiden Länder sich zu einer Währungsunion zusammengefunden haben. Selbstverständlich wird man auf den fiktiven Charakter des Rollenspiels hinweisen. An der Tafel wird am Ende jeder Runde das Ergebnis festgehalten.
Einschätzungsaufgabe
In D 15 sind einige Vorschläge zusammengestellt, mittels derer alle Mitgliedstaaten der Währungsunion zur Währungs- und Haushaltsdisziplin gezwungen werden sollen. Indem die Schülerinnen und Schüler sich in Einzel- oder Partnerarbeit mit diesen Maßnahmen beschäftigen, machen sie sich die Notwendigkeit, aber auch die Problematik solcher Sanktionen bewusst (vgl. D 11 ).
Schaubild 5: Szenario für eine Geldanlage
1. Vor der Währungsunion

Schaubild: tierhart Maier l vo
Folgen: Land B erhält infolge der höheren Stabilität des Euro (gegenüber der
bisherigen Landeswährung) zinsgünstigere Kredite; Land A muss die Entwertung des Euro
durch höhere Zinsen mittragen. ("Die gemeinsame Geldpolitik wäre in ihrem Bemühen
um Geldwertstabilität schnell überfordert, wenn Teilnehmerstaaten sich
stabilitätswidrig verschulden. Die Kosten exzessiver Haushaltsdefizite tragen nämlich
alle." (Hans Tietmeyer, Europäische Zeitung 1996/6, S. 2)
Anmerkung 1 zur Lage v o r der Währungsunion:
Den Geldanleger aus Übersee berührt die Inflation im Land B dann nicht, wenn er damit rechnen
kann, dass ihm der Inflationsausgleich gewährt wird und die Währung des
inflationierenden Landes entsprechend abgewertet wird.
Anmerkung 2 zur Lage n a c h der Währungsunion: Es gibt eine neue Währung mit einer einheitlichen Geldpolitik; je nach deren Orientierung könnte die Inflationsrate auch bei Null liegen. Die ECU hat eine Inflationsrate, die den gewichteten Raten der einzelnen Länder entspricht, nicht so der Euro. Seine Stabilität ist von der Politik der Europäischen Zentralbank abhängig.
