
Heft 1/97 Europäische Währungsunion
BAUSTEIN A
Vom Binnenmarkt zur Währungsunion
Funktion und Anlage des Bausteins
Alle Erhebungen und Umfragen weisen darauf hin, daß große Informationsdefizite über die
Struktur und die Ziele der Europäischen Währungsunion bestehen. Mangelhafte Kenntnisse
über das Wie und das Wozu des Gemeinschaftsgeldes bilden aber einen günstigen Nährboden
für Ablehnung und Vorurteile gegenüber der Währungsunion.
Die hochgradige Komplexität von Währungsfragen erschwert nicht nur Jugendlichen den Zugang zu diesem Thema und führt zu Desinteresse und Distanz - eine Einstellung, welche durch eine plakative Werbung für den Euro kaum aufzubrechen ist. Deshalb soll der erste Baustein des Unterrichtsvorschlages zur Europäischen Währungsunion bei den Schülerinnen und Schülern vor allem die Bereitschaft wecken, sich mit diesem Thema zu beschäftigen und die Herausforderung, welche in einer einheitlichen Währungspolitik liegt, zu erkennen.
Die vielseitigen Materialien (Karikaturen, Graphiken, Zahlen und Statistiken) ermöglichen einen breiten Zugriff zum Thema und seinen Problemen. Sie sollen vor allem eine Frage- und Erwartungshaltung aufbauen und so die Beschäftigung mit den eher in formationsorientierten Bausteinen vorbereiten.
Es geht nicht darum, die Adressaten zu einer vorgegebenen Haltung zur Europäischen Währungsunion zu bewegen, sondern vielmehr darum, Problembewusstsein zu erzeugen, kontroverse Meinungen in den Texten zu identifizieren und die notwendige offene und sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema einzuleiten. Dabei muss deutlich werden, dass die Realisierung der Währungsunion sowohl Chancen als auch Probleme und Risiken enthält. Die Be denken gegen die gemeinsame Währung dürfen nicht ausgeklammert werden. "Die Information ist nur dann glaubwürdig, wenn nicht nur auf die Vor teile der Einführung der einheitlichen Währung ein gegangen wird, sondern auch auf damit verbundene Nachteile und Gefahren." (Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften (Hg.): Runder Tisch, Luxemburg 1996, S. 11)
Schaubild 1: Ein Widerspruch?

| ATS - | Österreichischer Schilling |
| BEF - | Belgischer Franc |
| DKK = | Dänische Krone |
| DM - | Deutsche Mark |
| ESP - | Spanische Peseta |
| FIM - | Finnmark |
| FRF - | Französischer Franc |
| GRD = | Griechische Drachme |
| GBP = | Britisches Pfund |
| IEP - | Irisches Pfund |
| ITL - | Italienische Lira |
| LUF - | Luxemburgischer Franc |
| NLG = | Niederländischer Gulden |
| PTE - | Portugiesischer Escudo |
| SEK - | Schwedische Krone |
Schaubild: tierhart Maier l hö
Wichtig ist es, dass in diesem Stadium des Unterrichts noch keine vorschnellen und abschließenden Beurteilungen vorgenommen werden, sondern alle Stellungnahmen einen vorläufigen Charakter haben. Die abschließende Urteilsbildung darf erst erfolgen, wenn die Informationen der übrigen Bausteine erarbeitet worden sind. Es empfiehlt sich aber, schon bei der Beschäftigung mit den Materialien des Bausteins A deutlich zu machen, dass es nicht nur um Konvergenzkriterien, Institutionen und Währungsfragen geht, sondern dass die Europäische Währungsunion im Zusammenhang mit den Zielen und Aufgaben der Europäischen Integration gesehen und bewertet werden muss.
Unterrichtspraktische Hinweise
Das Karikaturenpaar (A 1 und A 2) kann als Einführung in die Grundthese der unterrichtlichen Auseinandersetzung mit der Europäischen Währungsunion dienen: Die gemeinsame Währung ist für den weiteren Ausbau der Europäischen Union notwendig. Das Vertragswerk von Maastricht und dessen Konkretisierungen, welche inzwischen auf mehreren Nachfolgekonferenzen und durch die Arbeit des Europäischen Währungsinstituts erfolgt sind, machen deutlich, dass der Zug in Richtung Währungsunion abgefahren ist. Andererseits gibt es aber - berechtigte und weniger berechtigte - Vorbehalte bei den Bevölkerungen der EU-Mitgliedstaaten und eine Vielzahl von Ungewissheiten über die Zukunft der Währungsunion. Chancen und Risiken des Projekts Europäische Währungsunion sollen deshalb Gegen stand des Unterrichts sein.
Die Schülerinnen und Schüler kennen von Auslandsreisen die Nachteile und Behinderungen, welche aus dem Nebeneinander verschiedener Währungen erwachsen. Daran wird man anknüpfen und die viel weiter reichenden Probleme der Währungsvielfalt für die Wirtschaft erarbeiten (A 3 bis A 5). Die Höhe der Verluste durch die Transaktionskosten - etwa 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Gemeinschaft - sowie das aussage kräftige Beispiel einer Rundreise durch die Länder der Europäischen Union, bei welcher allein durch Kosten beim Geldwechsel etwa die Hälfte des mit geführten Kapitals aufgezehrt wird, machen den Luxus von 15 verschiedenen Währungen im EU Raum deutlich.
Aus den Materialien A 3 bis A 5 entnehmen die Schülerinnen und Schüler die fortdauernde Diskrepanz zwischen dem Binnenmarktprojekt und dem Fehlen einer einheitlichen Währung. Freilich gibt es bereits europaweites Geld - die Korbwährung ECU und den Euro in Form von kursgültigen Sammler münzen (A 6; vgl. A 7). Man kann ECU- und Euro-Münzen auf Abbildungen vorlegen; unmittelbarer und wirksamer ist es jedoch, wenn die Lehrerinder Lehrer echte Münzen in den Unterricht mitbringt. (Kursgültige Euro-Münzen kann man bei Sparkassen und Banken erwerben.)

Diese Umrechnungskurse hätten gegolten, wenn schon im November 1996 die 15 EU-Staaten auf Euro umgestellt hätten.
Die Schülerinnen und Schüler erkennen, dass es sich dabei
vorläufig noch um "Kunstgeld" handelt und dass komplizierte
Umrechnungsvorgänge erforderlich sind, solange die Währungen der EU-Mitgliedstaaten
Wechselkursschwankungen unterliegen. Aus diesen Überlegungen ergeben sich die für die
Fortsetzung des Unterrichts entscheidenden Fragen:
· Warum hat man nicht längst eine europäische Einheitswährung geschaffen? Und:
· Welche Widerstände und Probleme haben bisher die Einführung einer einheitlichen europäischen Währung verhindert?
Eine Sammlung der Pro- und Kontra-Argumente zur Währungsunion schließt sich an (vgl. A 10 und A 11 ). Es sei noch einmal betont, dass in dieser Unterrichtsphase noch keine abschließenden Bewertungen gefunden, sondern lediglich vorläufige (auch emotionale) Stellungnahmen formuliert werden können. Die prinzipielle Offenheit der Argumentation ist für die schrittweise Informationsverarbeitung in den folgenden Unterrichtsphasen unabdingbar.
Der Streit zwischen "Monetaristen" und "Ökonomisten"
Die "Monetaristen" plädieren dafür, eine Währungsunion auch dann möglichst schnell zu realisieren, wenn noch beträchtliche Entwicklungsunterschiede zwischen den Teilnehmerländern bestehen. Die Einführung einer gemeinsamen Währung wirke als enorme Schubkraft im wirtschaftspolitischen Abstimmungsprozeß und bei der Flexibilisierung an den Märkten, die notwendig ist, um die nationalen Entwicklungsunterschiede ohne Beschäftigungseinbußen in den peripheren Gebieten des neuen Währungsraumes zu verarbeiten ("Motortheorie"). (...)
In einer Welt, in der die Flexibilität an den Märkten viel fach gering ist und sich die Wirtschaftspolitik häufig im Netz der Partikularinteressen verfängt, halten die "Ökonomisten" die Chancen eines stabilitätskonformen Auffangens beträchtlicher nationaler Entwicklungsunterschiede für nicht allzu groß. Die "Ökonomisten" rechnen damit, daß diese Probleme dann mit einer inflationären Politik kaschiert werden sollen. Aus Furcht vor einer solchen Fehlentwicklung fordern sie, daß jedes Land zunächst seine Anpassung an die Bedingungen des künftigen Währungsraumes vorantreibt. Die gemeinsame Währung sollte lediglich der krönende Abschluß einer weitgehenden wirtschaftlichen Harmonisierung in den Teilnehmerstaaten sein ("Krönungstheorie"). Ernst-Moritz Lipp l Horst Reichert; in: Manfred Weber, (Hg.): Europa auf dem Weg zur Währungsunion, Darmstadt 1991, S. 40.