Zeitschrift 

 

Fußball und Politik

Zur Faszination eines globalen Phänomens

 

Heft 1-2006, 
Hrsg.: LpB



 

Inhaltsverzeichnis

Fußball und Politik

Zur Faszination eines globalen Phänomens


EINLEITUNG


Die Fußballweltmeisterschaft 2006 wird die aufwändigste Massenveranstaltung sein, die je in Deutschland stattgefunden hat – und ein Medienereignis ohnegleichen. Mit ihrem Vorläufer von 1974 oder den Olympischen Spielen in München von 1972 ist sie nicht vergleichbar. Milliarden Menschen auf allen Kontinenten werden die Spiele und ihre positiven wie negativen Begleiterscheinungen über die Massenmedien verfolgen. Eine stattliche Zahl von Fans und Journalisten reist im Sommer 2006 nach Deutschland. Die Besucher werden in und abseits der Stadien ihre Eindrücke sammeln, die sie wieder mit in ihre Heimatländer nehmen werden. Der offizielle Slogan des Turniers – »Die Welt zu Gast bei Freunden« – greift dies auf.

 

Fußball als globales Phänomen

Fußball ist ein globales Phänomen. Ausgehend vom englischen Mutterland feierte der Sport seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts seine Erfolgsgeschichte. Der Weltfußballverband FIFA ist mit gegenwärtig mehr als 200 Mitgliedern größer als die Vereinten Nationen. Fußball ist auch ein Milliardengeschäft, von dem ganze Volkswirtschaften, internationale Konzerne, aber auch kleinere und mittlere Unternehmen in den unterschiedlichsten Formen profitieren.

Berühmte Mannschaften, insbesondere die Nationalteams, werden zu Spiegelbildern gesellschaftlicher Erwartungen und zu Projektionsflächen nationaler Identitäten. Nicht zuletzt die im Jahr 2004 zu beobachtende Flut von Publikationen und großangelegten Fernsehdokumentationen zum 50-jährigen Jubiläum des ersten deutschen WM-Titels 1954 verdeutlichte, dass Fußball in der Bundesrepublik Deutschland mehr ist als nur »die schönste Nebensache der Welt«: Fußball ist ein Stück Sozialgeschichte und ein gesellschaftliches Phänomen einzigartigen Ausmaßes. Fußballern und ihren medialen Multiplikatoren werden prägende gesamtgesellschaftliche Kräfte zugesprochen. In einem SPIEGEL-Interview zur Lage der Nation bemerkte der Philosoph Peter Sloterdijk: »Zurzeit ist das höchste Amt geteilt, die eine Hälfte besetzt Günter Netzer, die andere der Bundespräsident. Letzterer hat das Vorrecht zu sagen, dass wir es dennoch schaffen können.«

Für Millionen ist dieser Sport zu einer Art (Ersatz-)Religion in unserer weitgehend säkularen Gesellschaft geworden: Die Stars sind die Heiligen, der Spielplan ist das Kirchenjahr, die Stadien sind die Kathedralen, die Gesänge der Fans sind die Choräle und die Trikots die Gewänder, die, wenn sie gar von einem der Protagonisten getragen wurden (neudeutsch: »matchworn«), zu »verschwitzten Reliquien« werden. Der Tübinger Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger bezeichnet den Fußball als »Fest«: »Ein Gegenbegriff zu Alltag ist Fest. Fest – das ist ein Heraustreten aus dem Alltag, eine Phase, in der die Zeit nicht nur totgeschlagen, in der sie nicht nur verbraucht wird, sondern die herausgehoben ist aus dem alltäglichen Routineablauf. ... Fußball ist ein kleines Fest, herausgehoben von den alltäglichen Verrichtungen und Zumutungen, abgesetzt von jeder Pflichtmonotonie.«

Fußball wird so zum gesellschaftlichen Kommunikationsanlass, der Schichten, Milieus und Generationen verbindet. Die meisten Männer, aber – empirisch belegt – auch immer mehr Frauen lassen sich vom Fußball in den Bann ziehen, beim aktiven Spielen in einer der über 170.000 Mannschaften der mehr als 25.000 Mitgliedsvereine des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) mit seinen mehr als 6,3 Millionen Mitgliedern, im Schulsport, auf dem Pausenhof, in der Freizeit oder als Zuschauer und Zuhörer an den Fernseh- und Radiogeräten, in den großen Stadien oder auf den ungezählten Stadtteil- oder Dorfplätzen. Eine der Ursachen für den Zauber des Spiels bringt Norbert Elias auf den Punkt: »Es ist ganz außerordentlich schwer, Kampfspiele zu entwickeln, die im Rahmen ein und desselben Regelwerkes jeweils so viele Variationen erlauben, dass immer wieder etwas Neues, immer wieder unerwartete Figurationen der Menschen auf dem Spielfeld ... möglich sind, dass das Spiel sich im Grunde nie erschöpft.«

 

Fußball und Politik

Auch die Verbindung von Fußball und Politik ist enger, als sie auf den ersten Blick zu sein scheint. Spielen und (Miss-)Erfolgen der Nationalmannschaften wird häufig auch eine symbolische gesellschaftliche Bedeutung beigemessen. Spiele und Spieler der Weltmeisterschaften bilden gemeinsame »Erinnerungsorte«. Das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 2002 haben weltweit mehr als zwei Milliarden Menschen über die Massenmedien verfolgt. Vom 4. Juli 1954, dem Tag des WM-Finales in Bern, als Ungarn gegen Deutschland spielte, heißt es mitunter, er sei das »eigentliche Gründungsdatum der Bundesrepublik«. Politischen Symbolwert besaß auch das einzige Aufeinandertreffen zweier deutscher Auswahlteams anlässlich der Weltmeisterschaft von 1974, welches die DDR mit 1:0 gegen den späteren Titelträger Bundesrepublik gewann. Der gesellschaftliche Wandel der späten 60er- und frühen 70er-Jahre zeigte sich in den Prämienforderungen, im Auftreten der Nationalspieler und in den Frisuren. Durch den dritten Weltmeisterschaftsgewinn und die Wiedervereinigung 1990 wurde nicht zuletzt im Ausland vom »Jahr der Deutschen« gesprochen. Der gesellschaftliche Erinnerungswert des ersten Titeltriumphes einer deutschen Damennationalmannschaft 2003 ist dagegen marginal.

Der Soziologe und Journalist Norbert Seitz spricht gar von einer Fußball-Politik-Analogie und sieht Ähnlichkeiten bezüglich der Charaktere und Handlungsweisen der jeweils amtierenden deutschen Bundeskanzler und Bundestrainer, wie etwa Konrad Adenauer und Sepp Herberger, Willy Brandt und Helmut Schön oder Helmut Kohl und Berti Vogts. International sind beim Doppelpass zwischen Fußball und Politik etwa die Partie England gegen Argentinien im Jahre des Falklandkrieges 1982, das harmonisch und fair verlaufene WM-Spiel der beiden »Erzfeinde« USA und Iran 1998 oder das brasilianische Trauma der verlorenen Heimweltmeisterschaft von 1950 zu nennen.

Unbestreitbar ist jedenfalls, dass in der Politik oft die Popularität des Fußballs genutzt wird. Politiker bekennen sich öffentlich als Fußballfans und setzen sich mediengerecht mit Fanutensilien oder beim Torwand- bzw. Elfmeterschießen in Szene. Gerne übernehmen sie auch Ehrenämter in den Gremien größerer und kleinerer Vereine. Die millionenfach reproduzierten Bilder eines prominenten Politikers beim Besuch eines Spitzenspiels verfehlen ihre beabsichtigte Wirkung in der Mediendemokratie nicht. Auch die Sprache der Politik ist mittlerweile stark mit Fußballfachbegriffen gespickt. Über die Parteigrenzen hinweg hört man immer wieder von einem »Mannschaftskapitän«, vom »Teamspieler«, von »Verlängerung«, von einer »Steilvorlage« oder von »Eigentoren«.

Fußball ist gleichermaßen in der lokalen Öffentlichkeit präsent. Über welches Thema lässt sich sonst in der Schule so einfach mit englischen oder französischen Austauschschülern sprechen? In fast jeder Klasse werden die Trikots der Spitzenmannschaften getragen, in jedem Klassenzimmer – und wohl auch im Lehrerzimmer – findet nach den Spieltagen Kommunikation über Fußball statt. Bei weitem wird aber nicht nur über die »große« professionelle Fußballwelt gesprochen. An jeder Schule gibt es Jugendspieler, die in den zahlreichen Teams der kleinen Clubs ihrer Leidenschaft nachgehen und »ihre« Vereinsmannschaft in einer der vielen Amateurligen verfolgen.

 

Zur Konzeption dieses Heftes

Das ganze Land wird kurz vor und während der WM von der singulären Großveranstaltung geprägt sein, die Deutschland in den Fokus der Weltöffentlichkeit rückt. Dieser Stimmung wird sich auch die Schule nicht entziehen können. Der Fußball wiederum bietet unabhängig davon zahlreiche Verbindungslinien für die politische Bildung als Unterrichtsprinzip, weit über ihr Kernfach Gemeinschaftskunde hinaus. Die Kombination dieser beiden Fakten kann sowohl im Fachunterricht als auch in Vertretungsstunden vielfältig genutzt werden. Das Thema bietet fächerübergreifend zahlreiche Anknüpfungspunkte an bildungsplanrelevante Themen: Sport und Vereine in ihrer gesellschaftlichen Funktion, Jugendliche als Konsumenten, Migration, Globalisierung, Wirtschaft oder Innere Sicherheit, um nur wenige Ansätze zu nennen.

Das vorliegende Themenheft soll Lehrerinnen und Lehrer – ganz gleich, ob diese fußballbegeistert, fußballskeptisch oder fußballkritisch sind – die Möglichkeit geben, mit Schülerinnen und Schülern das aktuelle Geschehen im Unterricht aufzugreifen und an Unterrichtsthemen anzubinden. Didaktische Kategorien wie Schüler-, Alltags- oder Lebensweltorientierung können auf diese Weise direkt mit der praktischen politischen Bildung verknüpft werden. Dabei werden Mädchen wie Jungen in ihrer Fußballbegeisterung oder auch -ablehnung gleichermaßen angesprochen.

Das vorliegende Heft ist in drei Bausteine gegliedert. Da an dieser Stelle nur eine Auswahl an Unterrichtsideen vorgestellt werden kann, wird im Internet mit einer unter www.lpb-bw.de/puu/1_06/fussball.htm zu findenden kommentierten Link- und Literaturliste auf weitere Unterrichtsideen und -materialien verwiesen.

 

Baustein A spürt der Frage nach, was die Attraktivität des Fußballsports ausmacht und warum er praktisch alle gesellschaftlichen Schichten in seinen Bann zieht. Der Baustein zeigt aber auch auf, welche gesellschaftspolitischen Funktionen dem Fußball zugeschrieben werden und in welchem Maß er diesen gerecht wird. Dies geschieht exemplarisch an den Beispielen »Spieler als Vorbilder«, »Fußball als Fairplay-Schule« und »Fußball als Mittel gesellschaftlicher Integration«.

 

Baustein B zeigt den Stellenwert der deutschen WM-Titel zwischen 1954 und 2003. In diesem eher zeitgeschichtlich geprägten Teil des Heftes, bei dem auch der außerordentlich erfolgreiche deutsche Frauenfußball zu seinem Recht kommt, steht der »Mythos 1954« im Mittelpunkt, den die Schülerinnen und Schüler in den kulturellen, den wirtschaftlichen sowie in den innen- und außenpolitischen Kontext der jungen Bundesrepublik stellen sollen.

 

Baustein C vermittelt einen differenzierten Blick auf die Weltmeisterschaft als Großveranstaltung und stellt den Fußball als wirkungsmächtigen »Global Player« vor. Besondere Beachtung wird dabei jenen Aspekten gewidmet, die im Alltag nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit von Schülerinnen und Schülern liegen und Rückschlüsse auf Verflechtungen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erlauben.


 

 


Copyright ©   2006  LpB Baden-Württemberg HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de