Zeitschrift 

 

Fußball und Politik

Zur Faszination eines globalen Phänomens

 

Heft 1-2006, 
Hrsg.: LpB



 

Inhaltsverzeichnis

BAUSTEIN B

VIER WELTMEISTERSCHAFTEN UND EIN MYTHOS


In vier Besatzungszonen geteilt, dem Alliierten Kontrollrat unterworfen und seiner Souveränität entzogen – nach dem Zweiten Weltkrieg war das Verlangen der Welt, die Dribblings einstiger »Herren- und Übermenschen« bei sportlichen Großveranstaltungen zu bestaunen, durchaus gering. Die Einladung an das aus dem Kreis souveräner Staaten ausgeschlossene Deutschland zur Fußballweltmeisterschaft in der Schweiz markierte 1954 einen weiteren Schritt in die Normalisierung der deutschen (Sport-)Nachkriegsgeschichte. Diese hatte sich bereits 1952 in Helsinki angebahnt, als erstmals nach dem Krieg eine deutsche Mannschaft – ferner noch das autonome, unter französischem Protektorat stehende Saarland – an einem weltumspannenden Sportereignis teilnehmen durfte. Während die deutschen Olympioniken mit Platz 28 im Medaillenspiegel in aller edelmetallenen Bescheidenheit in die internationale Sportgemeinschaft zurückkehrten, endete der Fußballwettkampf aufsehenerregend.

Als wenige Minuten nach dem unvergessenen Torschrei des Kommentators Herbert Zimmermann (»Tor, Tor, Tor«) das Spiel am 4. Juli 1954 im Berner Wankdorf-Stadion abgepfiffen wurde (»Aus, Aus, Aus«) und der Spielführer Fritz Walter sich etwas unsicher der Welt mit dem Pokal präsentierte, wurde dieser Anlass in das kollektive Gedächtnis von Generationen eingeschlossen: Dieser Sieg war für die Zeitgenossen im Nachkriegsdeutschland und im Ausland weit mehr als der Gewinn der Fußball-WM. Es ist verständlich, dass in diesen Sieg ein diffuses Konglomerat negativer und defizitärer Erfahrungen der nationalsozialistischen Vergangenheit und der Nachkriegszeit »eingebacken« wurde. Auch ist es nachvollziehbar, dass sich Männer und Frauen gleichermaßen an diesem Nachmittag erfreuten und den nachkommenden Generationen darüber berichteten. Erstaunlich ist es indessen, dass Zeitzeugen und Nachkommen dieses Ereignis zu einem Bedeutungsmoloch vom »Wunder von Bern« werden ließen, der es sogar in den Olymp der »deutschen Erinnerungsorte« schaffte und sich ständig im Umfeld von Ausstellungen, Jubiläen und bestimmten Anlässen neu aktualisieren darf.

Schlägt man dagegen Standardwerke zur Gründung der Bundesrepublik auf, wird der Mentalitätskitt Fußball verschwiegen. Wie liest es sich dort? Nach der Zeit des Hungers und der Besatzungszeit wird die Bizone gebildet: Dank Marshall-Plan und einsetzender Währungsreform geht es wirtschaftlich bergauf und politisch wird auf der einen Seite die West- und auf der anderen Seite die Ostintegration betrieben, die schließlich in den beiden deutschen Staatsgründungen kulminierte. Zwar prägten um 1950 immer noch Schuttberge und Flüchtlinge die deutschen Städte, aber die Arbeitslosigkeit sank und das Bruttosozialprodukt stieg zwischen 1950 und 1955 um durchschnittlich neun Prozent per annum. Das Projekt Soziale Marktwirtschaft funktionierte.

Die anderen WM-Titel der deutscher Mannschaften von 1974, 1990 und 2003 fanden erstaunlicherweise den Weg in das kollektive Gedächtnis (noch) nicht. Warum wurde denn nicht 1974 zu einem Fixpunkt, als eine neue Kickergeneration das wirtschaftliche und politische Erfolgsmodell Bundesrepublik verkörperte? Geboren wurde diese Generation während des Krieges oder in der Zeit des Mangels, sozialisiert mit der Sozialen Marktwirtschaft im geteilten Wirtschaftswunderland und unter dem Vorzeichen des Kalten Krieges, erwachsen geworden im Projekt »Mehr Demokratie wagen«, das der erste sozialdemokratische Bundeskanzler Willy Brandt fünf Jahre zuvor in seinem Reformprogramm angestoßen hatte.

 

 

»Aus, Aus, Aus! Deutschland ist Weltmeister!« Fritz Walter (mit Pokal) und Horst Eckel, zwei der »Helden von Bern«, werden am 4. Juli 1954 im Berner Wankdorf-Stadion von Fans frenetisch gefeiert.

picture-alliance/dpa

 

In der 1974er-Truppe waren ganz andere Kerle vertreten als in der 1954er-Mannschaft. Waisenkinder mit Übervätern (Berti Vogts), bescheidene Spieler wie »Katsche« Schwarzenbeck oder der »Bomber der Nation«, Gerd Müller, schon damals weltgewandte Diven wie Günter Netzer oder Kaiser Franz, die – anders als Fritz Walter – den Dollars nach Madrid und New York folgen sollten. Nicht zu vergessen die so wahrgenommenen »aufmüpfigen Abiturienten« und »68er« im Stile eines Uli Hoeneß oder eines Paul Breitner. Die fußballerisch beste Weltmeistermannschaft ging nicht als Symbol für die neue und offenere Gesellschaft ein. Von 1974 blieb »nur« die Rebellion mündiger Männer gegen überkommene Autoritäten von »Malente«, das eigentlich selbstverständliche Prämiengeschachere im rheinischen Kapitalismus, der Cohiba rauchende Breitner beim Bankett, der sich durchsetzende »Verrätertyp« des Fußballlegionärs und – nicht zuletzt – die »Schande von Hamburg«, als überhebliche westdeutsche Individualisten gegen die Mannschaft der »sogenannten DDR« mit 0:1 den Kürzeren gezogen hatten.

Wegen 1954 konnte sich keine Mannschaft mehr weder in die Herzen noch in das kollektive Bewusstsein der Nation spielen. Jugendlichen von heute sind die Weltmeister von 1974 und 1954 oft vertrauter als diejenigen der Jahre 1990 und 2003. Nach dem Sieg in Rom (1990) wagte lediglich die Lichtgestalt des deutschen Fußballs, Franz Beckenbauer, dieses Ereignis in den zeitgeschichtlichen Kontext zu stellen: Auf Jahre hinaus werde die deutsche Mannschaft nach der Wiedervereinigung unschlagbar bleiben, so der Kaiser. Dieser Titel und diese Elf hinterließen trotz des unmittelbaren Bezugs zur Wiedervereinigung bisher im Gedächtnis der Deutschen keine nachhaltigen Spuren, sieht man vom ohne DFB-Lizenz über den Rasen schlendernden Teamchef und dem ewig bedeutungsschwangeren Spiel gegen den niederländischen Nachbarn einmal ab. Doch dafür beginnt mit diesem Datum die starke Präsenz der Politik in den Umkleidekabinen, die besonders das »Duo« Helmut Kohl und Berti Vogts pflegte. Sportereignisse werden also zu Fixpunkten individueller wie kollektiver Erinnerung und sind deshalb zweifelsohne eine Bereicherung der historischen Forschung. Bei der systematischen Beschäftigung kann nicht nur der zeitgenössische politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche, mentale und kulturelle Rahmen rekonstruiert, sondern auch die Art und Weise des Erinnerns an solche Ereignisse in den anschließenden Zeitausschnitten freigelegt werden.

Dabei ragt zweifellos das »Faktum 54« heraus. Die Bescheidenheit der deutschen Kicker, die Zurückgezogenheit im idyllischen Quartier Spiez, wo ein bestimmter Geist geboren worden sein soll und der »Chef« und vormalige »Reichstrainer« Sepp Herberger seine Männer patriarchalisch führte und öffentlichkeitswirksam Heimatlieder am Thuner See oder im Mannschaftsbus singen ließ, zeigen Parallelen zum Auftreten dieser Nation auf politischer Ebene, zur »Vaterfigur« Adenauer und zum kleinräumig-heimatlichen Kulturkonsum, der sich im ersten und erfolgreichsten deutschen Farbfilm, dem »Schwarzwaldmädel«, entlud. Der Kapitän Fritz Walter blieb der Heimat treu. Er widerstand den Verlockungen von Inter Mailand und Atletico Madrid, blieb für 320 Deutsche Mark monatlich dem Vaterland treu und freute sich aufrichtig an der Prämie von 2.500 Mark plus einer Polstergarnitur. Die Unsicherheit des Kapitäns und der gesamten Mannschaft bei der Siegerehrung war augenscheinlich. Und beim Singen des Deutschlandliedes, als die 25.000 Schlachtenbummler mit den nicht in schwarz-rot-goldenem Spalier angetretenen Helden ihre Stimmen mit der ersten Strophe erhoben, offenbarte sich, dass die Deutschen noch nicht in der neuen Republik angekommen waren. Voraussehenderweise hatte der Schweizer Rundfunk den Ton abgedreht. Eine Peinlichkeit und Geschmacklosigkeit ersten Ranges hatte sich ereignet, die jedoch selbst der Neffe des Kommentators, Hans-Christian Ströbele (Bündnis 90/Die Grünen), entschuldigte: »Doch was hätten sie singen sollen. Die haben den neuen Text doch gar nicht gekannt.« Bei der anschließenden Rückkehr der Helden wurde die alte Fußballweisheit – »Ein Spiel dauert 90 Minuten« – außer Kraft gesetzt. Während sich die Begeisterung der deutschen Bevölkerung in der »dritten Halbzeit« in ehrlichem Jubel entlud, offenbarten sich bei der offiziellen Ehrung durch die Verbandsspitzen weitere Peinlichkeiten, die auch vom Ausland aufmerksam wahrgenommen wurden. Selbst die politische Elite mit Theodor Heuss an der Spitze sah sich zum Handeln veranlasst.

Die westdeutsche Bevölkerung empfing ihre Helden an den Haltestationen des Sonderzuges am 5./6. Juli. Die Empfänge waren zwar durch Reden der Stadthonoratioren, durch das nun einstudierte Deutschlandlied von Musikkapellen und Sängerkreisen sowie durch die Verteilung von Bahnsteigkarten bestens vorbereitet. Die Frauen und Männer an der Bahnstrecke zwischen Singen und München meinten jedoch, ihre deutsche Disziplin außer Kraft setzen zu müssen und führten damit die Organisation des Jubels ad absurdum: Reden blieben ungehört, statt schönen Weisen nun zünftige Marschmusik, die Begeisterung schreckte selbst vor der Übergabe von Pralinen, Allgäuer Käse und Kuhglocken nicht zurück. Am 6. Juli wurde dann mit der offiziellen Ehrung der Sportler durch den DFB in München eine andere Ebene beschritten. Nach dem Triumphzug in Mercedes-Luxuslimousinen und dem Eintrag in das Goldene Buch der Stadt zeigte sich bei der Rede von Peco Bauwens zu vorgerückter Stunde im Münchner Löwenbräukeller, dass der DFB und sein Präsident ebenfalls noch nicht in der neuen Republik angekommen waren. Bauwens brachte dort Dinge zur Sprache, »von denen wir hofften, dass es sie nicht mehr gebe«, so der Sportjournalist Harry Valérien. Diesmal drehte der bayerische Rundfunk die Übertragung ab. Am nächsten Tag stand es indes schwarz auf weiß in den deutschen Tageszeitungen: »Sieg-Heil-Rede« (Süddeutsche Zeitung) oder: »Dr. Bauwens hat schon viele schlechte Rede gehalten. Die Münchner war vielleicht nicht die schlechteste – bestimmt aber die taktloseste« (Der Tagesspiegel). Und selbst der DFB, ansonsten äußerst zurückhaltend im Umgang mit seiner Vergangenheit in der NS-Zeit und deren Wirkungsspuren im Nachkriegsdeutschland, räumte angesichts der von allen Seiten einfallenden Kritik ein: »Geben wir es ruhig zu: Es wurden da und dort Begriffe übersteigert oder verwechselt.«

Bauwens’ Rede ist weitgehend verlorengegangen. Gut dokumentiert sind aber die Kommentare in der deutschen und internationalen Presse. Pierre Fabert etwa, französischer Schriftsteller und Zeitzeuge des Endspiels, rückte Taktik – hier spielte er auf die in Kauf genommene 3:8-Niederlage der zweiten deutschen Garnitur gegen Ungarn im Gruppenspiel an –, Spiel und Ehrung in den zeitgenössischen politischen Kontext der EVG-Diskussion. Wie Herberger und die deutsche Elf, so schrieb er in dem Leitartikel »Achtung!« am 8. Juli in Le Monde, seien auch Adenauer und die BRD-Gesellschaft aufrichtig, europäisch, frankophil und antirussisch. Doch wie bei dem deutschen Trainer könne man beim Bundeskanzler im entscheidenden Moment nicht sicher sein, ob er dann die wahre Mannschaft (die »neue Wehrmacht«, der »deutsche Militarismus«) aufzustellen gedenke und ob dann wieder 60.000 (!) Deutsche »Deutschland, Deutschland über alles« sängen. Diese internationalen Turbulenzen nach dem WM-Sieg waren sicher nicht die auslösenden Momente für die Ehrung der Weltmeister am 18. Juli durch Theodor Heuss im Berliner Olympiastadion. Geschickt nutzte der Bundespräsident den Anlass, um klar die Felder Politik und Fußball zu trennen und um verstreuten nationalistischen Tönen im In- und Ausland entgegenzutreten.

Das 3:2 von Bern stellt alle bisherigen deutschen Fußballsiege in den Schatten. Diese gesellschaftliche Konvention spiegelt gleichzeitig den hohen Stellenwert dieses Ereignisses im kollektiven Gedächtnis der Deutschen wider. Bedenkenswert ist jedoch, dass die Erfolge der Frauenmannschaften nur vereinzelt wahrgenommen wurden. Duldung, Nichtbeachtung und Verbote kennzeichnen die Geschichte des Frauenfußballs bis in die 70er-Jahre hinein. Erst seit knapp 30 Jahren dürfen Frauen überhaupt im DFB organisiert Fußball spielen. Trotz der großen Erfolgsgeschichte – sechsmal Europameister, je einmal Weltmeister und Vizeweltmeister – ist Frauenfußball auch heute noch für viele ein Randthema.

Zweifellos hat sich diese Wahrnehmung seit dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2003 verändert, doch weiterhin erreichen Frauen nicht die mediale und kulturelle Würdigung der männlichen Vergleichsgruppe. So reicht etwa die Popularität von Birgit Prinz, die wiederholt zur Weltfußballerin gewählt wurde, nicht im Entferntesten an einen Michael Ballack heran. Auch die im Zuge der Weltmeisterschaft in Deutschland erscheinenden Publikationen verschweigen diese phänomenale Bilanz, die bei der Diskussion über die sogenannte Krise des deutschen Fußballs um die fundamentale Erkenntnis bereichert werden könnte, dass wir lediglich über eine Krise des deutschen Männerfußballs lamentieren dürfen. Auch weiterhin können nur wenige Spielerinnen als Profis vom Sport leben, weiterhin bleiben einträgliche Werbeeinnahmen deutschen Spielerinnen verwehrt und weiterhin verfährt der Deutsche Fußball-Bund merkwürdig genderdifferenziert. Legendär ist in diesem Zusammenhang das Kaffeeservice, das der DFB jeder Spielerin der Nationalmannschaft von 1989 zum Gewinn der Europameisterschaft als Geschenk übergab. Männer konnten bekanntermaßen andere Beträge auf ihre Konten verbuchen.

 

UNTERRICHTSPRAKTISCHE HINWEISE

Welche Spielerinnen und Spieler der WM-Teams sind den Schülerinnen und Schülern, den Lehrenden der Klasse und den Eltern noch bekannt? Nach dieser Befragung werden die Materialien B1 präsentiert, die zudem Aussagen über modischen Geschmack und über Sympathien einiger Spielerinnen und Spieler erlauben. Durch die vergleichende Betrachtung anderer WM-Mannschaften sollen wichtige Elemente von Nationaltrikots (nationale Symbole) herausgearbeitet werden. Dabei wird der vorsichtige und langsame Einzug der Bundesfarben auf die Sportgarnituren deutlich.

 

 

»Aufmüpfige Abiturienten« und »weltgewandte Diven«: Die beiden deutschen Mittelfeldspieler Paul Breitner und Günter Netzer, aufgenommen im Sommer 1974 nach dem WM-Sieg, als beide schon bei Real Madrid spielten.

picture-alliance/dpa

 

B2 und B3 zielen einerseits auf die zeitliche Einordnung und auf den weiteren Gang von Gewinner-Biografien. Die Einordnung der Personen in die einzelnen Teams (B2) gelingt in Kombination mit B1. B3 ist durchaus anspruchsvoll und zieht einen Bogen durch die deutsche Zeitgeschichte. Dabei soll keineswegs ein Automatismus konstruiert werden, wonach die Rahmenbedingungen Menschen und Kollektive formten. Allerdings arbeiten die Schülerinnen und Schüler heraus, dass sich die Lebensbedingungen und die Erfahrungen der Vergangenheit deutlich veränderten.

Die Fußball-WM von 1954 war das erste große Medienspektakel der Bundesrepublik (B4). Obwohl dieses Ereignis den Absatz der Elektronikunternehmen nach oben schnellen ließ, hörte die überwiegende Zahl dem Kommentar von Zimmermann im Radio zu. Der Originalkommentar kann unter www.das-wunder-von-bern.de/kult_radioreportage.htm gehört werden. Einige Passagen daraus sind dringend zu empfehlen. Wichtig erscheint darüber hinaus, dass sich auch der Rahmen des Erlebens in der Folgezeit stark verändern sollte. Während sich die WM-Siegesfeiern 1974 überwiegend in den eigenen vier Wänden abspielten, wurde der Titel von 1990 auf Plätzen und mit Autocorsos ausschweifend bejubelt. Für die WM 2006 haben sich bereits viele Städte mit einer Großbildleinwand ausgestattet, die wiederum auf kollektive Formen des Erlebens verweisen. Das dritte Foto in B4 bringt den Schwenk nach Bern selbst und soll annäherungsweise den Jubel im Wankdorf-Stadion einfangen. Sehr treffend belegt es auch die geringe Präsenz der Deutschlandfahnen im Stadion.

Die Erinnerungen von Fritz Walter (B5) sind quellenkritisch zu betrachten. Hier zeigen sich die Kameradschaft und das kollektive Empfinden des Kapitäns. B6 spielt auf die Peinlichkeit des Singens der ersten Strophe des Deutschlandliedes an, das weltweit wahrgenommenen und entsprechend bewertet wurde. Es verdeutlicht zusammen mit dem Fußballtrikot, dass nach 1945 alte Traditionen mitgeschleppt wurden. Mit B7 wird ein Perspektivenwechsel vollzogen. Die Niederlage hinterließ nicht nur bei den Spielern der Ungarn tiefe Spuren. Die beiden ungarischen Spieler ziehen sogar Entwicklungslinien zum ungarischen Volksaufstand von 1956.

Den triumphalen Empfang der Mannschaft zwischen Singen und München verdeutlichen B8 und B9, die bewusst auch der Erheiterung dienen. Hier wird Andersartigkeit und Kontinuierliches im Bereich des Feierns erkannt und hier kann in der Presse recherchiert werden, wie dieser Erfolg im lokalen Kontext begangen wurde. Lassen sich vielleicht Bilder in Privatarchiven auftreiben? Die Bildmaterialien erlauben insgesamt den Einblick in die ungeteilte Begeisterung über diesen Erfolg. Das Münchener Bild (B10) zeigt darüber hinaus, dass dieser Triumph noch inmitten der Trümmer und des Wiederaufbaus mancher deutscher Städte gefeiert wurde.

Mit B11 und B12 wird die sportpolitische Ebene erreicht. Die Schüler reflektieren, dass organisierte Kollektive wie der DFB in die Politik hineinwirken. Im konkreten Fall arbeiten sie heraus, dass sich der DFB-Präsident in seiner Wortwahl vergriffen hat. Wenngleich dort bereits die internationale Perspektive mitbedacht wird, wird diese nun durch den Zeitungsartikel in Le Monde (B13) konkret. Dabei muss klargestellt werden, dass die ausländische Presse den Deutschen im Großen und Ganzen diesen Sieg gönnte. Dieser Beitrag ist jedoch ein gutes Beispiel für das Zusammenspiel von Sport und Politik (Was hat »Papa Sepp« mit der Wehrmacht und Adenauer zu tun?). Allerdings wird der europäische Bezug (Diskussion über eine europäische Verteidigung) nur durch weitere Materialien in Schulbüchern geleistet werden können.

Der Empfang durch und die Rede des Bundespräsidenten (B14) dürfen nicht allein im Kontext der Entgleisungen und der internationalen Rezeption gesehen werden. Trotzdem waren die Wahl des Ortes und die Bilanzen von Theodor Heuss wichtige Signale: Es wurde die bundespolitische Präsenz in West-Berlin unterstrichen, die Feier gewann durch die mitfeiernden Ost-Berliner eine gesamtdeutsche Note und nicht zuletzt konnte der Öffentlichkeit die am Vortage in Berlin vollzogene Neuwahl des Bundespräsidenten angezeigt werden. Fußballsachverstand darf man dem Redner absprechen, seine Worte jedoch und auch der Gang der Feier waren wohlüberlegt. Freilich handelt es sich um eine politische Rede – und diesmal führte der Neugewählte mit dem Vorsprechen der richtigen Strophe des Deutschlandliedes selbst Regie. Mit B15 wird die Bewertung des Erfolges aus der zeitgeschichtlichen Perspektive vorgestellt, womit zugleich der Bezug zum Werteverständnis der frühen Bundesrepublik geleistet wird, ein probates Erklärungsmuster für die Popularität dieser Mannschaft damals wie heute.

Die fotografische »Umschau« zur bundesrepublikanischen Geschichte in B16 eignet sich, um nochmals die Verbindungslinien zwischen den Bereichen Gesellschaft, Kultur, Politik und Sport herauszuarbeiten und zu diskutieren. Der zugehörige Text stellt die beiden WM-Siege von 1974 und 1990 in einen gesellschaftspolitischen Rahmen und gibt Anlass, die These des Soziologen Norbert Seitz von der engen Verbindung von Sport und Politik zu erörtern.

B17B19 sollen die großen Erfolge, die Entwicklungen, das Potenzial, aber auch den ungleichen Stellenwert des Frauenfußballs skizzenhaft aufzeigen. Diese Materialien führen in die ungeschriebenen Gesetze der Sportkommerzialisierung (Titel, Medienpräsenz, Sponsoring) ein und verdeutlichen wiederum die vielfältigen Wirkungen dieser Weltmeisterschaft.

Abgeschlossen werden soll der Baustein durch eine im Materialteil nicht spezifisch ausgewiesene Oral-History-Arbeit. Anregungen für eine solche Befragung finden sich bereits bei den Arbeitsaufträgen zu B1, B3 und B8B10. Dabei müssen Frauen und Männer sowie Zeitzeugen von 1954, aber auch spätere Jahrgänge unbedingt einbezogen werden. Dadurch erfahren die Schüler Konkretes zu diesem Tag, Konkretes zum Alltag, ferner die unterschiedliche Bedeutung, die diesen Ereignissen von Zeitzeugen und anderen geschenkt wird. Abgerundet werden könnte diese Forschungsarbeit durch den Besuch von kompetenten Gesprächspartnern in einer Schulklasse, einer Jahrgangsstufe oder der Schule insgesamt sowie durch die Gestaltung von großen Wandzeitungen im Klassenzimmer oder in der Schule.


 

 


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