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Zeitschrift
Fußball und Politik Zur Faszination eines globalen Phänomens
Heft
1-2006, |
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Fußball ist die bei weitem populärste Sportart. Er ist dabei nicht nur ein Freizeitvergnügen, sondern er hat auch vielfältige gesellschaftliche Bezüge. Er bewegt die Massen auf dem Fußballplatz, im Stadion und vor den Fernsehgeräten. Er ist ein wichtiger Bestandteil der Alltagskultur im Land und Integrationsfaktor quer durch alle sozialen Milieus, ist Spiegel für kulturelle und soziale Entwicklungen und somit ein schillerndes und komplexes Phänomen. Wenn heute allenthalben von kollektiven Faszinationen gesprochen wird, dann trifft dies zweifelsohne auf den Fußball zu. Dies gilt sowohl für die passiven Zuschauer vor den Bildschirmen wie für die aktiven Spieler: Die rund 1,5 Millionen Spieler samt Schiedsrichtern, Trainern, Mannschaftsbetreuern, die allein an einem Spieltag in Deutschland gezählt werden können, sprechen eine deutliche Sprache – ganz zu schweigen von den ungezählten Fußballbegeisterten, die auf der Straße oder auf der einfachen Wiese kicken.
UNTERRICHTSPRAKTISCHE HINWEISE Fußball ist mehr als nur ein Spiel, sondern ein Phänomen mit hoher kultureller Integrationskraft und beinahe religiösen Komponenten. Der Sport ist die »erfolgreichste Zivilreligion Europas« (Süddeutsche Zeitung) und eine Projektionsfläche für Zugehörigkeit und Geborgenheit. Fans feiern hier häufig ihre regionale Identität. Für viele Anhänger geht es im Wesentlichen um die Identifikation mit »ihrem« Verein. Sie sind voll bei der Sache und lassen ihren Gefühlen freien Lauf. Fans stellen somit den wichtigsten, weil zutiefst menschlichen Faktor im »System« Fußball dar. Ihre Emotionen machen aus einem Spiel überhaupt erst ein Ereignis.
A1 zeigt positive und negative Facetten der Faszination Fußball. Mit diesen Fotos können erste Aspekte des Themas gesammelt werden. Die Liste A2 mit populären Aussagen über Fußball kann dazu dienen, ein Stimmungsbild und einen Gesprächsanlass zu schaffen. Anschließend können die gebündelten Meinungen mit Hilfe der Zitate in A3 präzisiert werden. A4 stellt Bilder und Aussagen von Fußballfans vor. Hier kann diskutiert werden, wie weit die Hingabe zu einem Verein gehen und wie weit sie das eigene Leben bestimmen sollte. Auch die Kommerzialisierung des Sports ist mit diesem Material zu problematisieren. Wie weit Fußball in alle gesellschaftlichen Schichten hineinwirkt und selbst das frühere Oberhaupt der katholischen Kirche erfasst hat, zeigt die Anekdote in A5. Dass Fußballfans auch über die rein sportlich geprägte Leidenschaft hinaus gesellschaftlich wirken können, wird in A6 am Beispiel der Karlsruher Initiative »Blau-weiß statt Braun« beschrieben. Worin sich weibliche Fans in ihrer Fußballleidenschaft von ihren männlichen Kollegen unterscheiden, zeigt das Interview in A7. An beiden Materialien wird deutlich, dass Fußball nicht im luftleeren Raum stattfindet, sondern immer auch gesellschaftspolitische Bezüge aufweist. Dass die Faszination Fußball sich nicht nur auf den Spitzensport beziehen muss, zeigt der Bericht über einen kleinen Verein aus der Schweiz in A8. Der Text in A9 thematisiert eine mögliche Funktion des Sports als weltweiter Friedensstifter. Prominente Fußballspieler sollen Vorbilder sein. Ihr Verhalten auf dem Rasen, aber auch jenseits des Platzes wird von der Öffentlichkeit aufmerksam verfolgt. Fußballprofis sind für viele – vor allem männliche – Jugendliche wichtige Vorbilder, denen nachgeeifert wird. Bei der Wahl eines Vorbildes spielen unter anderem dessen Einstellungen und Ziele, aber auch der wahrgenommene Erfolg des Vorbildes eine wichtige Rolle (A10). In der Öffentlichkeit wird zumeist nicht zwischen der Vorbildfunktion eines Spielers im sportlichen Bereich und dem Verhalten abseits des Rasens differenziert. Am Beispiel Mario Basler lässt sich diese Diskrepanz demonstrieren. Basler stand zu seinen aktiven Zeiten im Ruf eines »schlampigen Genies« und finanziellen Abzockers, dem es häufig an professioneller Einstellung mangelte. A11 zeigt die andere Seite des Ex-Nationalspielers, der sich seit Jahren stark für eine Behindertenschule engagiert. In gewisser Weise verkörpert Oliver Kahn (A12) ein Gegenmodell zu Basler. Sportlich gesehen ist der Weltklassetorwart ein Musterprofi, dessen unbedingter Erfolgswille ihn allerdings immer wieder über das Ziel hinausschießen lässt. Der ebenfalls in A12 dargestellte »Fall« Norbert Meier zeigt, dass an Trainer strengere Maßstäbe als an Spieler angelegt werden. Meier genoss einen guten Ruf als angenehmer und besonnener Profi und Trainer. Ein einziges – allerdings schwerwiegendes – Fehlverhalten am Rande eines Bundesligaspiels kostete ihn seinen Job und wohl auch seine Trainerkarriere. Wer Fußball spielt, möchte in der Regel gewinnen. Das führt natürlich in jedem Spiel vielfach zur Verletzung der Spielregeln. Mannschaften, die die Kunst der kontrollierten und dosierten Regelverletzung beherrschen, werden häufig als besonders »abgezockt« bewundert. Hingegen wird ein attraktives und regelkonformes Spiel einer Mannschaft, das nicht zum Erfolg führt, häufig als »brotlose Kunst« bezeichnet. Ist für den Sieg also jedes Mittel recht? Natürlich ist ein absolut faires Spiel nichts weiter als eine Illusion. Zu viel hängt – gerade im Spitzensport – von dem Ausgang einzelner Spiele ab. Auch würden Dramatik, Attraktivität und Emotionalität des Fußballs vielleicht sogar leiden, hielten sich alle Akteure immer an die Spielregeln. Dennoch sollte Fairplay aber ein zentraler Gedanke sein, ein Ideal, das man leben und an dem man arbeiten sollte, auch wenn man weiß, dass man ihm nicht immer gerecht werden kann, wie es der frühere Stuttgarter Profi Frank Verlaat einmal ausdrückte. Fußball kann ein Weg sein, um Fairness, Toleranz und friedliche Konfliktlösung zu vermitteln. In A13 stellt der Olympiasieger Dieter Baumann dar, welches Erziehungspotenzial in Mannschaftssportarten steckt und worin der Unterschied zwischen Regeln und dem Fairplay-Gedanken besteht. Zusammen mit dem Auszug aus der Fairplay-Charta in A14 dient dies der Annäherung an die Thematik. Drei Beispiele für vom Fairplay-Gedanken geprägte Handlungen dokumentieren A15 und A16. In den beiden in A15 geschilderten Fällen tritt die Diskrepanz zwischen sportlichem Erfolg und fairem Verhalten zutage. In eine ähnliche Richtung geht A16, wenn auch mit dem Unterschied, dass die Initiative hier nicht von einem Trainer, sondern von einem Spieler ausging. Beide Materialien eignen sich dazu, folgende Fragen im – wahrscheinlich kontroversen – Gespräch zu klären: Wie bewerte ich die Handlungen? Wie hätte ich mich in der Situation verhalten? Ist Fairness oder Erfolg wichtiger? Wie schmal dieser Grat zwischen Erfolgsstreben auf der einen und Fairplay auf der anderen Seite ist und welchen objektiv vorhandenen oder vermeintlichen Zwängen Spieler und Trainer oft ausgesetzt sind, zeigen die beiden Texte A17 und A18. Hier kann gezeigt werden, dass öffentlich vorgetragene Idealbilder und gelebte Praxis oftmals nur schwer in Einklang zu bringen sind. »Fußball ist ein Spiel, das alle Völker, alle Rassen, alle Religionen, alle Altersklassen und alle Geschlechter zusammenbringt«, so der FIFA-Präsident Joseph Blatter. Ähnliche Selbstbeschreibungen sind auch in anderen Texten zum Fußball zu finden. So betonen die FIFA-Statuten die völkerverbindende Wirkung und reden von einer »weltweiten Fußballfamilie«, in der kein Platz sei für Diskriminierungen aufgrund von Hautfarbe, Herkunft oder Geschlecht. In der Tat erbringt der Fußball beachtliche Integrationsleistungen, sei es in den Mannschaften von Jugendlichen und Erwachsenen oder auch informell. In dieser Hinsicht hat Fußball eine wichtige gesellschaftspolitische Funktion. A19 zeigt die beiden Nationalspieler Gerald Asamoah und Lukas Podolski. Beide sind nicht in Deutschland geboren: Asamoah kam mit elf Jahren aus Ghana nach Deutschland, Podolski ist das Kind polnischer Spätaussiedler. Während bei Asamoah der Migrationshintergrund aufgrund seiner Hautfarbe nicht zu übersehen ist, dürfte dieser Umstand beim populären »Prinz Poldi« nicht so präsent sein. Dieses Material soll den Anlass schaffen, um über die Begriffe Integration und nationale Zugehörigkeit zu sprechen. Am Beispiel Asamoahs zeigt sich, dass im deutschen Fußball wie in der deutschen Gesellschaft ein Bewusstseinswandel eingesetzt hat. Einwanderern scheint man heute deutlich aufgeschlossener gegenüberzustehen als noch vor einigen Jahren. A20 führt diesen Gedanken fort. Gezeigt wird eine fiktive Aufstellung einer deutschen Nationalelf. Neben bekannten und etablierten Nationalspielern stehen einige prominente Bundesligastars, die zwar in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, jedoch für die Heimatländer ihrer Eltern spielen. Insgesamt haben zehn der 18 Genannten einen Migrationshintergrund. Mit diesem Material kann einerseits verdeutlicht werden, wie sich der Begriff Nationalmannschaft im Vergleich zu früheren WM-Turnieren gewandelt hat, andererseits aber auch, welche Rolle der Fußball bei der Integration von Zuwanderern spielen kann. Hier bietet sich als Fortführung auch ein Vergleich mit der französischen Nationalmannschaft um den Superstar Zidane mit ihren zahlreichen Spielern mit nord- und westafrikanischem, karibischem und armenischem Hintergrund an. Arbeitshilfen dazu finden sich in den Internethinweisen. Dem immer noch weit verbreiteten Vorurteil, zu viele Ausländer schwächten die Nationalmannschaften, tritt A21 entgegen. Die Parallelität zu der ebenfalls weit verbreiteten Aussage, Ausländer nähmen Deutschen die Arbeitsplätze weg, ist augenfällig. Welchen Wandel der DFB bei der Integration von Zuwanderern in der Talentförderung vollzogen hat und welche Rolle dabei das neue Staatsbürgerschaftsrecht spielt, wird in A22 beschrieben. Auch A23 verdeutlicht die Integrationsfunktion des Sports am Beispiel von Fußballvereinen, aber auch die damit verbundenen Probleme. A24 schildert abschließend den Fall Nuri Sahin, einem der größten Fußballtalente Europas. An seinem Fall zeigt sich, wie der türkische und der deutsche Fußballverband inzwischen um in Deutschland geborene Talente konkurrieren. Er zeigt aber auch, wie Einwandererkinder immer noch zwischen ihrer Lebenswelt und der ihrer Eltern hin- und hergerissen sind.
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