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Zeitschrift
Fußball und Politik Zur Faszination eines globalen Phänomens
Heft
1-2006, |
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Singen 1954: Menschenmassen erwarten die Einfahrt des Sonderzuges mit der Siegermannschaft. Erich Polkowski
Großen Erfolg auf dem Bahnsteig hatte eine Delegation der Maggi-Werke, eine Gruppe von »Mädchen ... in ihren blütenweißen Arbeitskleidern« (Südkurier, 6. Juli 1954). Sie brachten den Spielern besondere Geschenke: Gemeinsam mit dem damaligen Personalchef Spindler und Werksdirektor Dr. Hefti überreichten sie den Spielern eine Palette der neuesten Maggi-Produkte. Eintöpfe und Suppenwürfel sollten den Spielern schmecken, wer Leistungen erbracht hat, soll auch gut und »modern« essen können – und ein bisschen Reklame machen dürfen. TRANSIT Buchverlag Alfred Georg Frei: Finale Grande. Die Rückkehr der Fußballweltmeister, TRANSIT Buchverlag Berlin 1994, S. 54 f.
Der ganze Bahnhof ist schwarz von Menschen. Hier sollen die Berner Helden zum ersten Mal deutschen Boden betreten. An den Brücken hängen die Leute wie Trauben, an den Bogenlampen wie Fliegen am Fliegenfänger. Die ganze Stadt ist auf den Beinen, die Kapelle der freiwilligen Feuerwehr trägt Galauniform, die Herren der Stadtverwaltung Cuts. So haben sie schon Kaiser Wilhelm empfangen. ... Die Polizei hat den Sturmriemen unter dem Kinn. ... Scheinwerfer stehen auf dem Bahnsteig. Fürwahr die richtige Kulisse für den Film, der in den nächsten zehn Minuten hier ablaufen soll. ... Nach fünf Minuten nähert sich der Sonderzug der Nationalmannschaft. Ein roter Triebwagen mit Riesenlettern an der Längsseite: »Weltmeisterschaft 1954«. Ein Geschrei setzt ein, dass sich die Signale von selbst zu bewegen, die Schienen zu biegen scheinen. ... Langsam fährt der Sonderzug ein. Polizei und Beamte fluchen, die Feuerwehrkapelle spielt irgendeinen Marsch. Die Menge sieht und hört nichts mehr, sie durchbricht jede Absperrung, die Fetzen fliegen. Männer stehen plötzlich ohne Jacke, Mütter ohne Kinder da, alles stürmt den Bahnsteig. Ein Run beginnt, gegen den das Stürmen der Kohlenzüge in der Not vor der Währungsreform ein harmloses Kaffeekränzchen war. ... ... Ein Mann drängt sich vor. »He, Fritz!« ... Der Mann ist Hans Graf, der ehemals so berühmte Jagdflieger, mit dem Fritz Walter während des Krieges bei den »Roten Teufeln« Fußball spielte. Fritz muss in Deckung, ganze Blumenfelder fliegen in sein Abteilfenster. Graf schreit: »Fritz, wann kommst du, wir laden euch alle ein!« Der winkt ab: »Was meinst du, wer uns nicht alles eingeladen hat. Wir müssten schon ein ganzes Jahr frei haben!« Alles Weitere geht unter in [dem] Ruf: »Herberger! Herberger!« Der Seppel kommt ans Fenster, Tausende geraten in ein Delirium der Freude. Mein Ohr blutet. Ich stehe neben einem Bahnbeamten, dem sie die Mütze vom Kopf geschlagen haben. ... Und dann spielt die Kapelle: »Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus!« Polizei macht mit Gewalt die Gleise frei. Die Leute werden brutal zurückgerissen, rohe Gewalt trifft auf rohe Gewalt. Blut fließt, aber sie lachen, sie winken, sie jubeln. Der Triebwagen fährt ab, ohne mich. Die Spieler winken, dann entschwinden sie unseren Blicken. Ein Vater schlägt seinem kleinen Jungen etwas hinter die Ohren, weil er weint. »Du wolltest ja unbedingt mit, jetzt heul nicht!« Aus: Alfred Georg Frei: Finale Grande. Die Rückkehr der Fußballweltmeister, TRANSIT Buchverlag Berlin 1994, S. 55–65.
Stadtarchiv München (Foto: Meyer)
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