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Zeitschrift
Fußball und Politik Zur Faszination eines globalen Phänomens
Heft
1-2006, |
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Ein Ereignis im Fernsehen. Schirner Sportfoto
Trotz Fernsehen ein Ereignis im Radio. Schirner Sportfoto
Sieg, Jubel und Begeisterung.
»Und so ertönt wirklich das Deutschlandlied, Tausende auf den Rängen singen mit. Wie viele jetzt wohl in der Heimat mit ihren Gedanken bei uns sind? Unwillkürlich habe ich das Bedürfnis, Tuchfühlung zu nehmen und ich greife nach Toni Tureks Hand. Ganz von selbst finden sich auch die Hände der anderen, und der Kreis, den wir vor unseren Spielen so oft geschlossen haben, ist für uns sichtbar wieder da.« Fritz Walter: 3:2. Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister! Verlag Copress Sport, München 2004 [zuerst 1954], S. 189.
Nach dem Sieg der deutschen Mannschaft wurde zur Ehrung des Weltmeisters die Nationalhymne gespielt. Dazu der Historiker Peter Kasza: Was der DFB in diesen Erzählungen verschweigt und was zu einem ziemlichen Eklat geführt hat, ist die Tatsache, dass die Deutschen im Wankdorf-Stadion sangen: »Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt. Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt.« Die erste Strophe war ihnen noch wohlvertraut, von der dritten wusste die Mehrzahl wahrscheinlich noch nicht einmal, dass sie überhaupt existierte. »Natürlich war das ein Gesang, der ungeheuer vorbelastet war. Und das war das Risiko der neuen deutschen Nationalhymne, dass man die alte genommen hat und nur die erste Strophe weggelassen hat«, sagt Hans-Christian Ströbele* und fährt fort: »Doch was hätten sie singen sollen. Die haben den neuen Text doch gar nicht gekannt.« Angekommen waren sie noch nicht in der neuen Republik mit ihrer neuen Hymne. Und es ist wohl eher Unbedarftheit denn böser Wille. Der DFB meinte entschuldigend: »Diese Anteilnahme war nicht Ausdruck überspitzten Nationalgefühls, in ihr schlug vielmehr das warme Gefühl des Volkes, eine echte Freude, die immer gutartig ist.« Als gutartig hatten die Nachbarn das Herz des deutschen Volkes aber nicht in Erinnerung. Das alte Lied, es riss Wunden auf. ... * Hans-Christian Ströbele, geb. 1939, ist Bundestagsabgeordneter für Bündnis 90/Die Grünen und Neffe von Herbert Zimmermann, dem legendären deutschen Reporter in Bern. Peter Kasza: Fußball spielt Geschichte. Das Wunder von Bern 1954. be.bra Verlag, Berlin 2004, S. 175.
Das Foto zeigt ungarische Spieler nach dem Endspiel 1954. Jahre später wurden der ungarische Torhüter Gyula Grosics und der Verteidiger Jenö Buzanszky interviewt: AGON-Verlag Und dann fiel eben das entscheidende Tor. Buzanszky: Ja, ein Albtraum. Grosics: Ja, ich träume heute noch von Rahns 3:2. Immer wieder dieser Albtraum. Wir waren eine Wundermannschaft, die unsere Heimat, ja die ganze Welt begeistert hat. Aber an diesem Sonntag holte uns der graue Alltag ein. Wie verlief die Busfahrt zurück ins Quartier? Buzanszky: Ich habe geweint, es war das letzte Mal in meinem Leben. Was geschah in Ihrer Heimat nach dem Abpfiff? rosics: Mehrere hunderttausend Ungarn sind auf die Straße gegangen und haben protestiert. Ursprünglich aus Trauer über die Niederlage, aber dann ging es über in eine politische Demonstration. Erst da bekamen wir richtig mit, was wir unseren Landsleuten bedeuteten. Dieses Spiel hat ja in beiden Ländern eine vollkommen gegensätzliche Entwicklung ausgelöst. In Deutschland im positiven Sinn: Wir sind wieder wer. Wirtschaftswunder und so weiter. In Ungarn mündete das direkt in den Aufstand von 1956. Die Fußballweltmeisterschaften. 1954 Schweiz. München 2005 (Süddeutsche Zeitung WM-Bibliothek), S. 105 f.
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