Zeitschrift 

 

Fußball und Politik

Zur Faszination eines globalen Phänomens

 

Heft 1-2006, 
Hrsg.: LpB



 

Inhaltsverzeichnis

B4-B7

Das »Wunder von Bern«: Ein Ereignis für Deutsche und Ungarn


B 4  Ein Spiel – ein Sieg – ein Fest

 

Ein Ereignis im Fernsehen.

Schirner Sportfoto


Trotz Fernsehen ein Ereignis im Radio.

Schirner Sportfoto


Sieg, Jubel und Begeisterung.

 

ARBEITSAUFTRÄGE ZU B4
  • Datiert die Bilder in B4! Nennt Begründungen und Auffälligkeiten.
  • Sucht nach anderen Bildern, die unmittelbar nach den Endspielen der anderen Weltmeisterschaften aufgenommen wurden und die jubelnde Massen zeigen. Schaut besonders auf die Zuschauerränge. Was fällt euch im Vergleich zu diesem Foto auf?

 

B 5  1954 in Bern: Fritz Walter erinnert sich

»Und so ertönt wirklich das Deutschlandlied, Tausende auf den Rängen singen mit. Wie viele jetzt wohl in der Heimat mit ihren Gedanken bei uns sind? Unwillkürlich habe ich das Bedürfnis, Tuchfühlung zu nehmen und ich greife nach Toni Tureks Hand. Ganz von selbst finden sich auch die Hände der anderen, und der Kreis, den wir vor unseren Spielen so oft geschlossen haben, ist für uns sichtbar wieder da.«

Fritz Walter: 3:2. Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister! Verlag Copress Sport, München 2004 [zuerst 1954], S. 189.

 

B 6  1954 in Bern: Die Peinlichkeit

Nach dem Sieg der deutschen Mannschaft wurde zur Ehrung des Weltmeisters die Nationalhymne gespielt. Dazu der Historiker Peter Kasza:

Was der DFB in diesen Erzählungen verschweigt und was zu einem ziemlichen Eklat geführt hat, ist die Tatsache, dass die Deutschen im Wankdorf-Stadion sangen: »Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt. Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt.« Die erste Strophe war ihnen noch wohlvertraut, von der dritten wusste die Mehrzahl wahrscheinlich noch nicht einmal, dass sie überhaupt existierte. »Natürlich war das ein Gesang, der ungeheuer vorbelastet war. Und das war das Risiko der neuen deutschen Nationalhymne, dass man die alte genommen hat und nur die erste Strophe weggelassen hat«, sagt Hans-Christian Ströbele* und fährt fort: »Doch was hätten sie singen sollen. Die haben den neuen Text doch gar nicht gekannt.« Angekommen waren sie noch nicht in der neuen Republik mit ihrer neuen Hymne. Und es ist wohl eher Unbedarftheit denn böser Wille. Der DFB meinte entschuldigend: »Diese Anteilnahme war nicht Ausdruck überspitzten Nationalgefühls, in ihr schlug vielmehr das warme Gefühl des Volkes, eine echte Freude, die immer gutartig ist.« Als gutartig hatten die Nachbarn das Herz des deutschen Volkes aber nicht in Erinnerung. Das alte Lied, es riss Wunden auf. ...

* Hans-Christian Ströbele, geb. 1939, ist Bundestagsabgeordneter für Bündnis 90/Die Grünen und Neffe von Herbert Zimmermann, dem legendären deutschen Reporter in Bern.

Peter Kasza: Fußball spielt Geschichte. Das Wunder von Bern 1954. be.bra Verlag, Berlin 2004, S. 175.

 

B 7 »Immer wieder dieser Albtraum«: Eine andere Perspektive

Das Foto zeigt ungarische Spieler nach dem Endspiel 1954. Jahre später wurden der ungarische Torhüter Gyula Grosics und der Verteidiger Jenö Buzanszky interviewt:

AGON-Verlag

Und dann fiel eben das entscheidende Tor.

Buzanszky: Ja, ein Albtraum.

Grosics: Ja, ich träume heute noch von Rahns 3:2. Immer wieder dieser Albtraum. Wir waren eine Wundermannschaft, die unsere Heimat, ja die ganze Welt begeistert hat. Aber an diesem Sonntag holte uns der graue Alltag ein.

Wie verlief die Busfahrt zurück ins Quartier?

Buzanszky: Ich habe geweint, es war das letzte Mal in meinem Leben.

Was geschah in Ihrer Heimat nach dem Abpfiff?

rosics: Mehrere hunderttausend Ungarn sind auf die Straße gegangen und haben protestiert. Ursprünglich aus Trauer über die Niederlage, aber dann ging es über in eine politische Demonstration. Erst da bekamen wir richtig mit, was wir unseren Landsleuten bedeuteten. Dieses Spiel hat ja in beiden Ländern eine vollkommen gegensätzliche Entwicklung ausgelöst. In Deutschland im positiven Sinn: Wir sind wieder wer. Wirtschaftswunder und so weiter. In Ungarn mündete das direkt in den Aufstand von 1956.

Die Fußballweltmeisterschaften. 1954 Schweiz. München 2005 (Süddeutsche Zeitung WM-Bibliothek), S. 105 f.

 

ARBEITSAUFTRÄGE ZU B5–B7
  • Überlegt euch, warum die Spieler in B5 vor dem Spiel einen Kreis bildeten. Kennt ihr ähnliche bekannte Beispiele?
  • Die Wunden, die in B6 angesprochen werden, sind ...?
  • Warum war das Lied, das die deutsche Mannschaft nach dem Sieg gesungen hat, vorbelastet? Vergleicht die Aussagen der gesungenen Strophe mit der heute als Nationalhymne geltenden dritten Strophe des Deutschlandliedes.
  • Der Schweizer Rundfunk hat, als das Lied gesungen wurde, den Ton abgedreht. Gut so, oder eine bodenlose Frechheit?
  • Eine Nationalhymne ist mehr als nur ein Lied ... Diskutiert in der Klasse!
  • Zum Weiterdenken: Wenn die Deutschen in Bern die falsche Strophe sangen, belegt dies, dass ...
  • Beschreibt, wie ungarische Spieler in B7 das Resultat erlebt und verarbeitet haben. Sammmelt Informationen über die gegensätzliche Entwicklung in Ungarn und in Deutschland nach dem WM-Finale von Bern!

 


 

 


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