Zeitschrift 

 

Fußball und Politik

Zur Faszination eines globalen Phänomens

 

Heft 1-2006, 
Hrsg.: LpB



 

Inhaltsverzeichnis

B17-B19

Frauenfußball gestern und heute


B 17 Eine kurze Geschichte des Frauenfußballs

 

1894  Nettie Honeyball gründet in London die erste Frauenfußballmannschaft, die »British Ladies«.
1895  Erstes »Ladies Football Match« mit 10.000 Zuschauern.
1902  Der englische Fußballverband verbietet seinen Klubs, Spiele gegen Frauenmannschaften auszutragen.
1917  Im Ersten Weltkrieg werden in England viele Frauenfußballteams im Umfeld der großen Industriebetriebe gegründet. Die berühmteste Mannschaft werden die »Dick Kerr’s Ladies«, ein Team von Arbeiterinnen einer Munitionsfabrik in Preston, das auch nach dem Krieg bestehen bleibt.
1921  Die »English Ladies Football Association« mit 150 Klubs wird gegründet. Die »Dick Kerr’s Ladies« bestreiten in Preston das erste internationale Frauenfußballspiel gegen »Femina Paris«. Ende des Jahres erklärt der englische Fußballverband das Spiel als für Frauen ungeeignet. Der Beschluss kommt einem Verbot gleich, weil die Frauen zumeist auf die Plätze und Stadien der Männer angewiesen sind.
1955  Der DFB verbietet Frauenfußball. Die Spielerinnen sollen damit vor der Teilnahme an dubiosen Schauwettkämpfen geschützt werden.
1970  Der italienische Getränkehersteller Martini & Rossi organisiert eine inoffizielle Frauenfußballweltmeisterschaft. Der DFB hebt das Verbot des Frauenfußballs auf.
1974  Erstmals wird eine deutsche Meisterschaft im »Damenfußball«, wie es damals noch heißt, ausgetragen. Den Titel gewinnt TuS Wörrstadt.
1981  Der erste DFB-Pokalsieger wird gekürt. Die SSG Bergisch-Gladbach gewinnt den Titel und fährt als Vertreter Deutschlands zur inoffiziellen Fußball-WM der Frauen nach Taiwan – und gewinnt dort ebenfalls.
1982  Erstmals tritt eine deutsche Frauennationalmannschaft in einem offiziellen Länderspiel an und schlägt die Schweiz mit 5:1.
1989  Die deutsche Nationalmannschaft wird zum ersten Mal Europameister. Als Siegprämie gibt es vom DFB ein Porzellanservice.
1990  In Deutschland wird die zweigeteilte Bundesliga für Frauenfußball eingeführt. Sie startet im Süden und im Norden mit jeweils zehn Mannschaften.
1991  Die deutsche Nationalmannschaft wird zum zweiten Mal Europameister.
1995 Erneut Europameister!
1997  Deutschland gewinnt wieder die Europameisterschaft. Die Bundesliga der Frauen wird eingleisig. Um das sportliche Niveau zu heben, treten nun zwölf Mannschaften in bundesweiter Konkurrenz an.
2001  Wieder ein EM-Titel für die deutschen Frauen! In den USA startet mit der »Womens’ United Soccer Association« (WUSA) die erste professionelle Frauenfußballliga.
2002  Der 1. FFC Frankfurt gewinnt den UEFA-Pokal der Frauen.
2003  Die deutsche Nationalmannschaft wird Weltmeister. Die Siegprämie pro Spielerin beläuft sich auf 15.000 Euro vom DFB und 6.000 Euro von der Deutschen Sporthilfe, die diesen Betrag für eine Weltmeisterschaft von Amateursportlern festgelegt hat. Die WUSA wird aufgrund finanzieller Probleme aufgelöst.
2005  Die deutsche Mannschaft wird zum sechsten Mal Europameister. Birgit Prinz wird zum dritten Mal in Folge zur Weltfußballerin des Jahres gewählt.

 

 

Frauenfußballmatch um 1930.

picture-alliance/IMAGNO/Austrian Archives


 

Siegprämie des DFB zur Frauen-EM 1989: ein Porzellanservice von Villeroy & Boch, Serie »Mariposa«.

Villeroy & Boch


 

2003: Die deutschen Frauen werden Fußballweltmeister.

picture-alliance/dpa

Zusammengestellt nach Christoph Biermann: Fast alles über Fußball, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005 (aktualisiert von der Redaktion P&U).

 

B 18  »Frauenfußball ist frech und sympathisch«

Das Foto zeigt Nia Künzer und Bettina Wiegmann bei der WM-Feier 2003 in Frankfurt/M. Die frühere Trainerin der deutschen Frauenfußballnationalmannschaft, Tina Theune-Meyer, zum deutschen Frauenfußball:

picture-alliance/dpa

Sie sind seit neun Jahren Bundestrainerin. Wie hat sich der Frauenfußball in dieser Zeit verändert?

Frauenfußball ist ein Feld, auf das zunehmend Sponsoren aufmerksam werden, in der Bundesliga und in der Nationalmannschaft. Sie identifizieren sich mit all den Attributen, die den Frauenfußball ausmachen: frech, offen, sympathisch. Die Spielerinnen sind durch die vielen Liveübertragungen populär geworden. Viele kennen Birgit Prinz, wenn sie irgendwo aufläuft. Da hat sich viel verändert. Es gibt auch immer mehr Spielerinnen, für die Fußball ein Fulltimejob geworden ist. Das macht jungen Spielerinnen auch Schwierigkeiten, weil sie Ausbildung, Beruf und Training unter einen Hut bringen müssen. So schaffen es viele von ihnen erst ein, zwei Jahre später, als das früher der Fall war.

Wie wichtig war der WM-Titel für diese Entwicklung?

Wir hatten ja über die Jahre immer wieder Erfolge. Angefangen hat das mit der Europameisterschaft 1989, als wir zum ersten Mal zu einer sehr guten Zeit im Fernsehen zu sehen waren. An diesen Erfolg haben wir immer wieder angeknüpft, zuletzt mit der WM 2003, die noch mal einen enormen Schub gebracht hat. Das war wirklich phänomenal, was danach passiert ist.

Wird der deutsche Frauenfußball seine herausragende Position in Zukunft behaupten können?

Man darf nicht erwarten, dass wir jedesmal den Titel holen. Aber oben mitspielen, das können wir. Bei den Frauen ist so gute Nachwuchsarbeit geleistet worden, da ist viel Potenzial da. Bei der »U19«-EM-Qualifikation hatten wir Schweden in der Gruppe, und ich habe einen riesengroßen Unterschied gesehen, was das spielerische Potenzial angeht, die Ausbildung. Da sind unsere Spielerinnen weiter. Ich habe deshalb keine Bedenken für die Zukunft. Es gibt sehr viele Mädchen mit 14, 15 Jahren, die die Chance haben, sich weiterzuentwickeln. Da wird sehr früh sehr gute Arbeit geleistet.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 5. Juni 2005.

 

B 19 Fußballspielerinnen werden für die Werbung aktiv

Im Fernsehwerbespot eines Kaffeerösters wird das gewachsene Selbstbewusstsein des Frauenfußballs unverhohlen dokumentiert. Die Nationalspielerinnen Nia Künzer und Steffi Jones sitzen auf der Polstercouch und schauen gelangweilt ein Spiel ihrer männlichen Kollegen, an denen der Kommentator kein gutes Haar lässt. Kopfschüttelnd sagt Nia Künzer: »Die Jungs spielen immer noch das alte System von früher.« Verächtlich pflichtet ihr darauf Steffi Jones bei, denn es geht ja eigentlich um Kaffee: »Und wahrscheinlich sind sie auch noch Filterkaffee-Trinker.«

Galten früher selbst Nationalspielerinnen als nicht vermittelbar für ein breites Publikum, so entdecken die Marketingstrategen vermehrt die Frauen als Vehikel für ihre Werbebotschaften. Jones, Künzer oder Weltfußballerin Birgit Prinz scheinen dafür mittlerweile zum einen bekannt genug zu sein, profitieren aber im Jahr der Weltmeisterschaft in Deutschland auch extrem von dem Großereignis im eigenen Land. Im Fahrwasser von Klinsmanns Truppe profitieren zumindest die bekanntesten Gesichter der Frauen-Bundesliga und können dank der Erfolge mit dem WM-Titel 2003 und dem jüngsten Triumph bei der Europameisterschaft ... ihre Bekanntheitswerte in nie dagewesene Dimensionen steigern. Motto: Seht her Jungs, so wird das gemacht!

Die Welt vom 13. August 2005.

 

ARBEITSAUFTRÄGE ZU B17–B19
  • Vergleiche die Siegprämien der Frauennationalmannschaft mit denen der Männer von 1954, 1974, 1990 und für 2006. Benutze eine Internetsuchmaschine.
  • Informiere dich über den Frauenfußball in deiner Gemeinde! Mädchenfußball an eurer Schule – ein Thema?
  • Nenne und erläutere günstige und ungünstige Rahmenbedingungen des deutschen Frauenfußballs. Was sind die wesentlichen Unterschiede zum Männerfußball?
  • Wie schätzt du die Perspektiven des Frauenfußballs ein?
  • Informiere dich über die Erfolge des deutschen Frauenteams. Viele meinen, derzeit könne man nur von einer Krise des deutschen Männerfußballs sprechen. Deine Position?

 

 


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