Zeitschrift 

 

Fußball und Politik

Zur Faszination eines globalen Phänomens

 

Heft 1-2006, 
Hrsg.: LpB



 

Inhaltsverzeichnis

B11-B15

Das »Wunder von Bern«: Ein Politikum im In- und Ausland


B 11 Und wieder Peinlichkeiten: Der DFB-Präsident Peco Bauwens hält eine Festrede

Während des »Bayerischen Abends« zu Ehren der Nationalmannschaft am 6. Juli im Münchner Löwenbräukeller hielt DFB-Präsident Peco Bauwens eine Festrede, die erhebliches nationales und teilweise auch internationales Aufsehen erregte. Obwohl die Ansprache in großen Teilen im Rundfunk übertragen wurde, ließ sich der genaue Text bis heute nicht ermitteln. Die Tonbandaufnahme des Bayerischen Rundfunks ist weitgehend verloren gegangen, lediglich die letzten Minuten sind vor kurzem wieder aufgetaucht. …

Die wesentlichen Aussagen, die zur Zielscheibe einer breiten und nahezu einhelligen öffentlichen Kritik wurden, sind relativ gut dokumentiert. Demnach dankte Bauwens Wotan, dem alten »Germanengott«, für seine Hilfe. Auf die vereinzelt in der Schweiz geäußerte Kritik, dass deutsche »Schlachtenbummler« mit der Nationalfahne auf das Spielfeld gelaufen waren, entgegnete der DFB-Präsident nach einem Bericht der Abendzeitung, deren Reporter die Rede noch einmal auf Tonband hatte abhören können: »… wenn aber andere Nationen mit ihren Fahnen auf den Platz liefen, dann geht es nicht an, dass unseren Leuten es verboten wird, unsere stolze deutsche Fahne zu führen. Das lassen wir uns nicht gefallen. Unsere Mannschaft hat ihnen die Quittung gegeben!«

Das … Verschwinden der zum Ende des Spiels gehissten deutschen Flagge von einem Mast des Wankdorf-Stadions diente Bauwens zu einem noch heftigeren Ausfall. »… und jetzt kämpftet ihr ohne äußere Flagge, aber im Herzen tragt ihr die deutsche Flagge, und dann haben die Jungen es wirklich gezeigt, was ein gesunder Deutscher, der treu zu seinem Lande steht, vermag.« Schließlich fiel auch noch ein Reizwort aus der NS-Zeit, wobei der Redner offensichtlich einen scherzhaften Ton anschlagen wollte: Als er dem DFB-Vizepräsidenten Hans Huber eine goldene Ehrennadel anheftete, sprach Bauwens davon, nun »vom Führerprinzip – im guten Sinne natürlich – Gebrauch« machen zu wollen. …

Heute hört sich der als Tonbandmitschnitt erhaltene Schluss nicht nur wegen des rheinischen Dialekts fast wie eine Büttenrede an.

Thomas Raithel: Fußballweltmeisterschaft 1954. Sport – Geschichte – Mythos. München 2004 (Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit), S. 87 f.

 

B 12 »Entgleiste Rede«: Kommentar der Süddeutschen Zeitung

Manche unserer Sportführer haben ein besonderes Talent, nach großen Siegen Töne anzuschlagen, die man kaum noch mit dem verständlichen Überschwang der Begeisterung entschuldigen kann. Warum löst denn bei uns eine Fußball-Weltmeisterschaft neben der natürlichen und berechtigten Freude Reaktionen aus, die im Interesse des von politischen Absichten und nationalistischem Eifer freien echten Sportgeistes besser unterbleiben würden!

Den Rahmen zu wahren, lernt man hierzulande wohl sehr schwer, obwohl die sportoffiziellen Festredner leicht auf dem Boden der Wirklichkeit bleiben könnten, sähen sie mehr in die Herzen unserer Sportler und unserer mit Recht begeisterten Jugend als auf Effekthascherei. Schade, dass Fußballverbandspräsident Dr. Peco Bauwens beim leider nicht sehr geglückten Festabend im Münchner Löwenbräukeller ... eifrig Wasser auf die Mühlen jener goss, die uns bei jeder passenden Gelegenheit sagen, wir hätten aus der Vergangenheit nicht viel gelernt.

Bauwens beschwor mit überflüssigem Pathos den alten Germanengott, der uns bei den sechs Spielen in der Schweiz beigestanden habe, und erzählte, seine elf wackeren »Knaben« (»Ich darf euch doch so nennen?«) hätten beim Spiel gegen Ungarn die deutsche Fahne eben im Herzen getragen, als sie vom Stadiondach gestohlen worden war. In der Tonart ging es treu-teutsch weiter. Gottlob, dass es der großen Öffentlichkeit dank der überschrittenen Sendezeit erspart blieb, über den Rundfunk die peinlich wirkenden Redewendungen des DFB-Präsidenten, mehrfach einem sattsam bekannten Sprachsatz entlehnt, noch weitere 30 Minuten anhören zu müssen.

Welch ein Kapital hätte man doch im guten Sinne aus der von Herzen kommenden, ohne Propagandatrommeln entfachten Begeisterung schlagen können, mit der über 100.000 Münchner ... die 22 Mitglieder der deutschen Nationalmannschaft mitsamt ihrem Trainer Sepp Herberger überschütteten. Noch selten war bei uns die Gelegenheit so günstig, auch Minister und Stadtväter zur Anteilnahme an Sportproblemen – gerechtere Verteilung der Toto-Überschüsse, Bau von dringend notwendigen Sportanlagen – zu gewinnen! Hoffentlich ist diese große Chance jetzt nicht durch eine solche Entgleisung verdorben!

Süddeutsche Zeitung vom 8. Juli 1954.

 

B 13 Die ausländische Presse

»Achtung! Achtung!« Die zehntausenden von Deutschen erstarren zur Unbeweglichkeit. Das Brüllen hört auf. Die Musikkapelle stimmt »Deutschland, Deutschland über alles« an. Die Menge nimmt es im Chor auf. Die Erde zittert. Es regnet. Es regnet, und mir ist kalt. Eben schon, als die 60.000 Deutschen brüllten, überlief mich ein Schauer. Wahrscheinlich infolge des Regens, sage ich mir. ... Diese anderen hier sind zweifellos noch mehr durchnässt als ich, da sie 24 Stunden im strömenden Regen angestanden sind. Aber man sieht das nicht auf ihren Gesichtern. Im Gegenteil. Strahlend, jung, begeistert singen sie kraftvoll, dass die ganze Welt es hören und wissen soll, dass wieder einmal Deutschland »über alles« ist.

Nun ist mir noch kälter und ich sage mir: »Achtung! Achtung!«, und gebeugt verlasse ich die Sieger. ... Es regnet immerzu. Ich mag nicht mehr in Bern bleiben. Ich nehme das Flugzeug nach Paris. Ich kehre heim. Das gleichmäßige Geräusch des Motors beruhigt mich. Aber meine Gedanken schweifen nach Bern zurück. So sind also die Deutschen Weltmeister im Fußball. Niemand hat damit gerechnet. Sie standen so weit unten ... Wie nach Versailles. Wer hätte gedacht, dass das unschuldsvolle Versailles Hitler hervorbringen würde? Aber das hat nichts damit zu tun ...

Indessen hat in Bern einer meiner Nachbarn, ein braver Walliser, erklärt: »Papa Sepp, der deutsche Trainer, hat bei Beginn des Turniers eine zweite Mannschaft aufgestellt, um etwas vorzutäuschen, aber dann für das Endspiel ... hopp!« Wie Adenauer und die EVG ... Er ist ordentlich, der Adenauer, er ist aufrichtig europäisch, frankophil, antirussisch. Man muss ihm folgen. Man muss ihm Vertrauen schenken. Aber »im Endspiel«, wird er da nicht (er oder ein anderer) es ebenso machen wie »Papa Sepp«? EVG oder keine EVG, wird er nicht seine wirkliche Mannschaft zum Vorschein bringen? Die neue Wehrmacht, den deutschen Militarismus ? Ich schweife ab ... Was haben »Papa Sepp« und der Fußball mit Adenauer und der Wehrmacht zu tun? Dennoch stimmt mich die Erinnerung an diese zehntausende von fanatischen Deutschen, die zur Unterstützung ihrer Mannschaft nach Bern gekommen sind, nachdenklich. Sport? Gewiss, aber nicht allein Sport, auch Fanatismus des Stolzes, der Überlegenheit, der Revanche, des »Über alles«. ...

Endlich in Paris. Es regnet auch hier, aber wie wohl es tut, bei sich zu Hause begossen zu werden. Ich nehme nicht die Metro und nicht den Autobus. Ich gehe zu Fuß nach Hause. Keine Rufe mehr, kein Gebrüll mehr, keine Überlegenheit mehr. Jeder ist mit seinen Angelegenheiten beschäftigt, und selbst wenn es nur sein Pernod auf einer Kaffeeterrasse ist. Das ist nicht sehr schön, aber letztlich ist mir das lieber. Ich schaue nach rechts, ich schaue nach links; ich lächle. Traurigkeit ist nicht meine Sache. Zum Teufel mit »Papa Adenauer« und »Papa Sepp«. Sollen sie sehen, wie sie fertig werden! Ich bin bis auf die Knochen durchnässt, aber ich bin zu Hause, und es geht mir gut.

Ich pfeife, während ich die Champs-Elysées hinaufgehe. Dann werde ich in einer kleinen Nebenstraße der Avenue Kléber von einer Gruppe von jungen Leuten aufgehalten. Es sind ihrer elf. Junge Burschen und Mädchen. Blond, groß, muskulös. Mit bis zum Platzen gefüllten Rucksäcken, in kurzen Hosen, Messern, Stiefeln. Sehr höflich fragen sie mich auf Deutsch, wo es zum »Trocadéro«, zur »Atlantischen Kommandantur« gehe. Obwohl der Regen seit meiner Ankunft in Paris nicht ausgesetzt hat, beginne ich ihn erst jetzt so zu fühlen wie in Bern. Ich unterweise nach bestem Wissen unsere Touristen. Die Burschen danken mir und lachen mit ihren schönen weißen Zähnen. Es sind ihrer elf, robust, gesund, wie die elf von »Papa Sepp«. Weimar, Adenauer, EVG, jetzt fängt das wieder an ... Es ist stärker als ich ... Während ich sie in Richtung »Trocadéro« weggehen sehe, höre ich: »Die Kommandantur ... Europa, die Kommandantur ... Europa.« Dann plötzlich: »Deutschland über alles« ...

Obwohl Traurigkeit nicht meine Sache ist, fühle ich mich traurig, weil ich mich jetzt erinnere ... Ich erinnere mich an alles, und gegen meinen Willen, und trotz des Lebens, das hier so ruhig und so frei ist, bin ich beunruhigt ... »Achtung!«

Französischer Originaltext von Pierre Fabert in: Le Monde vom 8. Juli 1954. Deutsche Übersetzung aus: Thomas Raithel: Fußballweltmeisterschaft 1954. Sport – Geschichte – Mythos. München 2004 (Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit), S. 158 ff.

 

ARBEITSAUFTRÄGE ZU B11–B13
  • Addiere die »Peinlichkeiten«, die in B11 genannt werden. Benenne die Gründe, warum hier von Peinlichkeiten gesprochen werden kann.
  • Begründe, warum diese Rede im Ausland ganz anders wahrgenommen wurde als die zahlreichen Reden an den Bahnhöfen zwischen Singen und München.
  • Wäre eine ähnliche Rede im Jahr 2006 immer noch eine Peinlichkeit?
  • Kannst du dem Kommentar der Süddeutschen Zeitung in B12 zustimmen? Begründe.
  • Seltsam oder verständlich? Im Unterschied zu B8 oder B9 nimmt Pierre Fabert in B13 die Ereignisse aus einer anderen Perspektive wahr. Schildere und begründe die Ängste von Monsieur Fabert. Nimm auch Bezug zu B11.
  • Benenne die in B13 angedeuteten Parallelen zwischen »Papa Sepp« und Konrad Adenauer.

 

B 14  Rede des Bundespräsidenten Theodor Heuss im Berliner Olympiastadion (18. Juli 1954)

... Sie erwarten und sie kriegen von mir heute keine politische Rede. Wir sind wegen des Sportes da. Ich glaube, wir sollten ihn außerhalb der Politik halten. Aber wir sind nun auch hier, um die Weltmeister im Fußball zu ehren. Aus ihrem uns alle so erfreuenden Sieg haben manche Leute draußen und drinnen so etwas wie ein Politikum gemacht. Es ist primitiv und töricht, wenn manche Zeitungen und Kommentare den Deutschen es verübeln, dass sie sich freuten. Das wäre nämlich überall so gewesen. Diese Stimmen sollen uns die Freude nicht verderben. Aber wir wollen auch die Werte nicht verschieben lassen. Der Sinn des Sportes und der Sportler ist die Fairness. Diese wurde in all diesen Spielen, an denen die Deutschen beteiligt waren, hochgehalten, auch von den anderen; es gehört im Sport immer auch das Anerkennen auch des anderen dazu. Doch wir wollen die Worte nicht überspannen. Der gute Bauwens, dem ich nachher den Silberlorbeer geben werde, der meint offenbar: Gutes Kicken ist schon gute Politik. Das kann, doch muss aber nicht so sein – schön, wenn es das ist. Und ich habe gelesen, dass Turek ein »Fußballgott« sei. Lieber Turek, werden Sie das nicht. Turek soll ein zuverlässiger und wendiger Spieler sein und soll es bleiben. Wir haben uns gefreut, dass er es für Deutschland gewesen ist.

... Berliner und Berlinerinnen! ... Wir wissen: In dieser Stadt Berlin, in dem Schnittpunkt der deutschen Entwicklungen, in dieser alten und dieser kommenden Hauptstadt Deutschlands sehen wir alles, müssen wir alles sehen unter dem großen vaterländischen Aspekt. Die Zerrissenheit dieser Stadt und die Zerrissenheit unseres Vaterlandes kann unser Bewusstsein auch in dieser Stunde nicht verlassen, und wir werden diese wunderbare Kundgebung einheitlich schließen: [Es folgt der gemeinsame Gesang der dritten Strophe des Deutschlandliedes].

Bundesarchiv Koblenz, Nachlass Heuss, N 1221 Bd. 12.

 

B 15  Die Wertelandschaft der 1950er-Jahre

Die Fußballberichterstattung spiegelte gesellschaftliche und kulturelle Werte der frühen 1950er-Jahre wider. Das Bild eines hart erarbeiteten Sieges entsprach jener Leistungs- und Arbeitsauffassung, die den wirtschaftlichen Wiederaufbau trug. Das Loblied der Kameradschaft stand in einer alten deutschen Tradition der Verklärung von »Gemeinschaft«, die nach 1945 keineswegs abgebrochen war. In vielfacher Hinsicht wurde eine unbelastete und »heile« Gemeinschaft, eine »Heimat« gesucht, gewissermaßen als Rückzugsraum vor den Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit und vor den bedrohlich erscheinenden Kräften der Massengesellschaft.

Leicht konnten sich die Deutschen mit den Spielern identifizieren. Sie erschienen als Menschen »wie du und ich«, keine materialistischen Profis, sondern fest verankert in der bundesdeutschen Arbeitswelt. Nach dem Erfolg versuchte die Presse teilweise, ihren Lesern die beruflichen und privaten Seiten der elf Weltmeister nahezubringen. Die Gleichsetzung mit der eigenen Lebenswelt wurde durch das nach außen hin disziplinierte und auch im Erfolg zurückhaltende Auftreten der Spieler begünstigt. Nach dem 3:2-Sieg gab es keine triumphierenden Gesten der Spieler, vielmehr wurde der »Chef« auf den Schultern in die Kabine getragen. Kaum etwas störte so den Eindruck, dass sich die Leistung der deutschen Elf nicht prinzipiell von den eigenen beruflichen Anstrengungen unterschied.

Das Bild eines klug planenden, unbeirrt handelnden und gleichermaßen Autorität wie Sanftmut ausstrahlenden Herberger passte ebenso gut in die damaligen Denkweisen. »Vater Seppl«, der »sanfteste Tyrann«, kam dem verbreiteten Bedürfnis nach einer väterlichen Autorität nach, die in einer schwierigen Lage Sicherheit bot und die richtigen Entscheidungen traf. Der »Bundessepp«, wie Herberger nun immer öfter in Presse und Bevölkerung genannt wurde, rückte so trotz seines deutlich jüngeren Alters (57) bereits zeitgenössisch in eine gewisse Nähe zu Bundeskanzler Konrad Adenauer (78) und dessen politischem Führungsstil. Das deutsche »Fußballwunder« spiegelte so den Sieg des vermeintlich Schwächeren gegen eine als unbezwingbar dargestellte ungarische Mannschaft wider. Es stand aber auch im Zusammenhang mit jener deutschen »Wiedergeburt«, die sich in wirtschaftlicher Hinsicht zu vollziehen schien.

Zusammengefasst nach: Thomas Raithel: Fußballweltmeisterschaft 1954. Sport – Geschichte – Mythos. München 2004 (Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit), S. 72 ff.

 

ARBEITSAUFTRÄGE ZU B14–B15

  • Theodor Heuss (B14) wählte einen bedeutungsträchtigen Ort für seine Rede. Welches Großereignis fand vor 1954 im Berliner Olympiastadion letztmals statt? Informiere dich darüber.

  • Die Rede von Heuss: Eine unpolitische Rede?

  • Sport und Politik: Zwei zu trennende Bereiche, 1954 und auch in der nachfolgenden Zeit?

  • Begründe nochmals und aufgrund neuen Wissens, warum die Mannschaft von 1954 bei den Deutschen so beliebt war. Und bei manchen Franzosen ... (siehe B13)?

 

 


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