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Zeitschrift
Fußball und Politik Zur Faszination eines globalen Phänomens
Heft
1-2006, |
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Mythos: Ausländer machen Nationalmannschaften schwach. Wahrheit: Sie machen sie stark. Es ist eine beliebte Schutzbehauptung erfolgloser Nationaltrainer, dass die vielen Ausländer in der heimischen Liga den eigenen Nachwuchs blockierten. Der Gegenbeweis ist England, das Land mit den meisten und teuersten Ausländern, aber auch dem neben Frankreich besten Nachwuchs in Europa. Außerdem haben sich Nationalteams schon vor fast siebzig Jahren ausländischer Hilfe bedient. So bürgerten die Italiener drei Argentinier ein, um 1934 Weltmeister zu werden. Und auch in Deutschland, wo man sich Ende der 90er die wenig bahnbrechenden Dienste von Sean Dundee, Paolo Rink und Oliver Neuville sicherte, hat die Sache ein Vorspiel. So wurde Ernst Willimowski, der 21 Tore in 22 Spielen für Polen geschossen hatte, im Zweiten Weltkrieg eingebürgert und schoss 13 Tore in acht Länderspielen für Deutschland. Aus: Christian Eichler, Lexikon der Fußballmythen, München (Eichborn Verlag) 2002, S. 432.
… Kolja Afriyie, 20, geboren in Flensburg, Vater Ghanaer, Mutter Deutsche. Und: Kevin Kuranyi, gleichfalls 20, geboren in Brasilien, Vater Deutscher, Mutter Panamaerin. … Es ist alles nicht mehr so einfach wie früher, als Deutschlands Nationalspieler aus Herzogenaurach stammten, aus Hanau oder München-Giesing. … Ein klarer Trend kündigt sich an: Man kann schon jetzt ziemlich sicher sein, dass die Generation 2006 keine Maiermüllerschulze-Generation mehr sein wird. … »So was wie der Fall Bastürk darf nicht mehr passieren«, hatte DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder nach der EM 2000 gefordert. Yildiray Bastürk, 23, ist ein Junge aus Wanne-Eickel, und er hat 19 Länderspiele – für die Türkei. … Es ist also ein Trend, auf den sie einerseits ganz gerne stolz wären beim Deutschen Fußball-Bund (DFB). Andererseits ist es ihnen doch nicht so recht, wenn man den Trend als Trend benennt. »Das ist keine neue Welle«, sagt DFB-Sprecher Harald Stenger. Sie wählen ihre Worte mit Bedacht beim DFB, man muss das verstehen. Einerseits würden sie sich gerne loben lassen für die erhöhte Aufmerksamkeit, die sie seit Bastürk jungen Talenten mit fremdländischen Namen schenken. Aber verständlicherweise wollen sie auch nicht als Menschenjäger gelten, die hinter den Straßenecken lauern und Ausländerkindern einen neuen Pass aufdrängen. … In Wahrheit ist es so, dass der Trend fast wie von selbst übers Land gekommen ist. »Entscheidend ist vor allem, dass die Gesetzgebung seit drei Jahren viel liberaler ist«, sagt Barutta [der Teammanager der U 21]. »Das neue Staatsbürgerschaftsrecht lässt viel mehr Ermessensspielraum. Inzwischen akzeptiert der deutsche Staat ja für einen gewissen Zeitraum die doppelte Staatsbürgerschaft.« … Jetzt ist es so, dass ein junger Angreifer wie … Kuranyi zumindest für ein Weilchen mit drei Staatsbürgerschaften stürmen darf. Erst wenn er für eine Nation unter Wettbewerbsbedingungen Sport getrieben hat, ist er für immer festgelegt. Berliner Zeitung vom 6. September 2004.
Der Trainer steht achselzuckend vor seiner Fußballmannschaft, die sich mal wieder in der Wolle hat. »Acht Ausländer, fünf Deutsche«, seufzt der Mann, »wen soll ich hier eigentlich integrieren?« Ganz so ratlos wie der Fußballlehrer ist der organisierte Sport in Deutschland allerdings nicht. Schon seit Mitte der 70er-Jahre verstehen sich Vereine und Verbände als eine wesentliche integrierende Kraft. Etliche Eingliederungsprojekte funktionieren verblüffend gut, wer aber der weit verbreiteten These glaubt, der Sport sei naturgegeben der soziale Kitt unserer Gesellschaft, der wird der Wirklichkeit nicht gerecht. Mancher Sportverein ist vom Konfliktpotenzial unterschiedlicher ethnischer Gruppen schlicht überfordert. Bisweilen fehlt es den ehrenamtlichen Helfern an der entsprechenden Qualifikation. Andererseits können Sportvereine unbürokratisch und wirksam helfen – etwa bei der Suche nach einer Wohnung oder einer Arbeitsstelle. »Gut und dauerhaft funktionieren Netzwerke«, sagt Jochen Föll, der beim Landessportverband Baden-Württemberg das Projekt »Integration durch Sport« leitet. Was ursprünglich Spätaussiedlern helfen sollte, ihren Weg in die deutsche Gesellschaft zu finden, wurde schrittweise erweitert. Inzwischen richten sich die Angebote auch an sozial benachteiligte Jugendliche oder Ausländer, die mit dem Wohlfühlfaktor eines Sportvereins allein nicht zu erreichen sind. Offene Projekte wie etwa das Streetsoccer-Angebot im Scharnhäuser Park in Ostfildern erreichen auch Jugendliche, die dem organisierten Sport eher skeptisch gegenüberstehen – und was mindestens genauso wichtig ist: Auch Mädchen sind mit von der Partie. In solche Netzwerke sind kommunale Einrichtungen, Vereine und Schulen mit eingebunden, sagt Jochen Föll. … Stuttgarter Nachrichten vom 14. November 2005 (Gunter Barner).
picture-alliance/dpa Bei der Fußball-WM der U-17-Junioren [2005] … verzauberte Nuri Sahin die ganze Welt. »Die türkische WM-Sensation«, schrieb die englische Daily Mail über den Kapitän des WM-Vierten. Der Mittelfeldspieler war mit vier Treffern zweitbester Torschütze und hatte beim Rückflug nach Istanbul den bronzenen Ball des drittbesten Turnierspielers im Gepäck. Arsène Wenger, der Trainer von Arsenal London, nennt Sahin den »interessantesten Spieler im Nachwuchsfußball weltweit«, Chelsea London bietet für den in Lüdenscheid geborenen Türken von Borussia Dortmund angeblich über fünf Millionen Euro Ablöse. Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer des BVB, sagt über den bis 2009 gebundenen Sahin: »Nuri ist unverkäuflich«, und: »Der Junge ist unsere Zukunft.« Nuri Sahin ist gerade 17 Jahre alt geworden – und das größte Versprechen des internationalen Fußballs. Wer von dem schmächtigen Kerlchen spricht, tut dies in Superlativen: bester Spieler der U-16-EM; bester Spieler der U-17-EM, bei der er die Türkei zum Titel führte; mit 16 Jahren und 335 Tagen jüngster Spieler, der je in der Bundesliga eingesetzt wurde. … Und wenn der türkische Nationaltrainer Fatih Terim seine Ankündigung wahrmacht und »das Juwel« (Terim) am Samstag im Spiel gegen Deutschland tatsächlich in der A-Nationalelf einsetzt, dann wird Sahin auch als der jüngste türkische Nationalspieler in die Annalen eingehen. Dass Sahin ausgerechnet gegen Deutschland debütieren soll, hat Symbolcharakter: Seit Jahren streiten der türkische und der deutsche Verband um die besten in Deutschland geborenen, türkischstämmigen Fußballer. Mit einem Einsatz in der A-Elf wäre Sahin für den DFB ein für allemal verloren. Zwar können Talente mit mehreren Staatsbürgerschaften die Nationaltrikots inzwischen wechseln, bis sie 21 Jahre alt sind – mit einem Einsatz im A-Team aber erlischt diese Option. Nuri Sahin hat seine Entscheidung längst getroffen. Vor ein paar Wochen sagte der angehende Abiturient im türkischen Fernsehen: »Ich spiele nur für die Türkei.« ... »Über achtzig Prozent der türkischstämmigen Talente entscheiden sich für das Land ihrer Väter«, sagt Michael Skibbe, der Nachwuchskoordinator des DFB. Dennoch ließ Skibbe bis zuletzt nichts unversucht, um »dieses außergewöhnliche Talent« (Skibbe) für den DFB zu gewinnen. Jüngst erst bildete der ehemalige Trainer des BVB mit Sahin eine Fahrgemeinschaft zu einer Veranstaltung in Münster. »Ein interessantes Gespräch hatten wir da«, behauptet Skibbe. Die Grenzen seiner Argumentation aber waren schnell erreicht: »Auch bei Nuri spielen Gefühle eine große Rolle«, glaubt Skibbe. Aber nicht nur die emotionale Verbundenheit fällt für die Einwandererkinder bei ihrer Entscheidung ins Gewicht. »Wer von den türkischstämmigen Spielern hat langfristig den Sprung in die deutsche A-Nationalelf geschafft?«, fragt Metin Tekin, der Leiter des Kölner Europabüros des türkischen Fußballverbandes. Er wartet die Antwort erst gar nicht ab. »Keiner«, sagt er. »Alibieinsätze« nennt er die zwei Spiele, die der ehemalige Uerdinger Mustafa Dogan Ende der 90er-Jahre unter Erich Ribbeck absolvierte. »Als wir 2002 WM-Dritter wurden, standen drei in Deutschland geborene Türken in der Stammformation: Ilhan Mansiz, Yildiray Bastürk und Ümit Davala«, sagt Tekin. Diese Beispiele sind eine starke Motivationsquelle für die nachwachsende Generation. Am Samstag stehen die in Gelsenkirchen geborenen Altintop-Zwillinge, der in Karlsruhe aufgewachsene Serhat Akin (RSC Anderlecht), Yildiray Bastürk, der Herthaner aus Herne, und eben Sahin im Kader. »Das Potenzial in Deutschland ist riesig«, sagt Tekin. Das nächste Talent, das Fatih Terim berufen will, heißt Tevfik Köse. Der junge Mann stürmt für Bayer Leverkusen und wurde vor 17 Jahren in Düsseldorf geboren. Süddeutsche Zeitung vom 7. Oktober 2005 (Tobias Schächter).
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