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Zeitschrift
Fußball und Politik Zur Faszination eines globalen Phänomens
Heft
1-2006, |
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Jeder Spieler nimmt in einer Mannschaft eine ganz individuelle Rolle ein, jeder ist in seiner Funktion wichtig. Aufgrund der erbrachten Leistungen kann sich jeder selbst oder auch den anderen im Team etwas beweisen. Nicht ein Gewaltdelikt zählt für das Ansehen, sondern eine gute Flanke, ein Tor, ein gehaltener Elfmeter. Und dieses Ansehen macht sich nicht allein am Abschluss einer guten Aktion fest. Es steigt auch, wenn man nach einem verschossenen Elfmeter dem Schützen Trost spendet, ihn motiviert weiterzukämpfen. Darüber hinaus steigt das Ansehen innerhalb der Gruppe nicht nur durch gute Leistungen, sondern schon allein durch ein regelmäßiges Erscheinen im Training. Ob es der Trost der Mitspieler nach dem Vergeben einer großen Torchance ist oder aber – in der gleichen Spielsituation – der Jubel bei der gegnerischen Mannschaft wegen der tollen Parade des Torwarts: Jeder Akteur erfährt in einer solchen Sportsituation seine ganz individuelle, emotionale Zuwendung. … Aber ... der Sport [bietet] ein weiteres wichtiges Element ... Es sind Normen und Regeln. Ohne die Einhaltung von Spielregeln würde im Sport kein Spiel entstehen. Selbst freie Spiele von Kindern und Jugendlichen haben immer Regeln, die es für die Beteiligten einzuhalten gilt. Im Sport gibt es klare Spielregeln. Jedem Mitspieler, jedem Akteur ist klar, dass die Regeleinhaltung die wichtigste Grundlage ist, um gemeinsam Sport auszuüben. Wenn man Kinder und Jugendliche auf einem Bolzplatz oder bei einem Basketballspiel beobachtet, erkennt man, dass sie Regelverletzungen auch ohne Schiedsrichter selbst anzeigen oder bei der Reklamation durch die gegnerische Mannschaft diese sofort zugestehen. Anders wäre ein vernünftiger Ablauf des Spiels undenkbar. … Spielregeln sind aber keinesfalls starr – und das ist wichtig. Sie müssen vielmehr gelebt werden. Einerseits geben Spielregeln den notwendigen Raum zur Erfassung von Sinn und Zweck des Spiels, andererseits werden die Belange aller Mitwirkenden berücksichtigt. »Verlangt ist nicht nur die formelle Beachtung von Regeln. Nie werden geschriebene Regeln die menschliche Haltung des Fairplay ersetzen können. Der Sportler, der das Fairplay beachtet, handelt nicht nach dem Buchstaben, er handelt nach dem Geist der Regeln.« So hat es Altbundespräsident Richard von Weizsäcker … einmal formuliert. Olympiasieger Dieter Baumann, in: Kulturelle Vielfalt. Baden-Württemberg als Einwanderungsland, Stuttgart 2006, S. 265f.
»Fairplay bezeichnet nicht nur das Einhalten der Spielregeln, Fairplay beschreibt vielmehr eine Haltung des Sportlers: der Respekt vor dem sportlichen Gegner und die Wahrung seiner physischen und psychischen Unversehrtheit. Fair verhält sich derjenige Sportler, der vom anderen her denkt.« Deklaration des Internationalen Fair Play-Komitees (voller Wortlaut unter http://www.sport-unterricht.net/lksport/fairtexte.html#dek/).
Der wohl fairste Fußballlehrer der Welt heißt Benito und betreut die Mannschaft der Kleinstadt Guijuelo in Mittelspanien. Der 35-Jährige forderte seine Elf lauthals auf, ein Eigentor zu schießen. Der Grund: Seine Schützlinge waren im Amateurligaspiel gegen Escuela Navega aus Salamanca durch ein auf unsportliche Weise erzieltes Tor mit 2:1 in Führung gegangen. Ein Stürmer hatte den Ball kurz vor dem Abpfiff unbedrängt ins Tor geschossen, weil sich die Spieler aus Salamanca gerade um einen verletzten Kameraden kümmerten. Übrigens: Auch im hochbezahlten Profifußball gab es einen vergleichbaren Fall. Arsène Wenger, Trainer von Arsenal London, erzwang 1999 die Wiederholung des Pokalspiels zwischen seinem Klub und Sheffield United. Seine Mannschaft hatte 2:1 gesiegt, Wenger gab jedoch zu: »Wir haben nicht auf ehrliche Weise gewonnen, wie wir das sonst immer tun.« Die Unehrlichkeit lag im Verstoß gegen ein ungeschriebenes Gesetz: Sheffield hatte den Ball ins Seitenaus geschlagen, weil einer seiner Spieler verletzt am Boden lag. Arsenal gab den Ball nicht wie üblich zurück. Das Leder kam stattdessen zu Marc Overmars, der unbedrängt das Siegtor schoss. Das verstieß gegen keine Regel, aber gegen das Gebot der Fairness. Wenger hatte die Größe, dem Gegner eine neue Chance zu geben. Das Spiel gewann Arsenal erneut. Wiesbadener Kurier vom 3. Dezember 1998 und Financial Times Deutschland vom 22. Dezember 2005 (Daniel Meuren). http://www.ftd.de
Fair ist mehr – Rücksicht auf den verletzten Gegenspieler 2003 hat der Deutsche Fußball-Bund Fußballspieler und Funktionsträger ausgezeichnet, die während der Saison durch außergewöhnlich faires Verhalten aufgefallen sind. Einer der Preisträger war Wilhelm Holub von der Spvgg Hirschlanden, der für eine Aktion beim Spiel TSV Heimsheim II gegen Spvgg Hirschlanden II am 20. Oktober 2002 ausgezeichnet wurde. In der 85. Spielminute laufen ein Angreifer von Hirschlanden mit Ball und ein Verteidiger von Heimsheim auf den Torhüter von Heimsheim zu. Der Torwart kann den Ball abwehren, doch alle drei Spieler bleiben am Boden liegen und der Torhüter hat sich bei dieser Aktion verletzt. Der Ball springt zur Seite und kommt zum Hirschlander Stürmer Wilhelm Holub. Dieser schiebt den Ball nicht in das leere Tor, sondern spielt ihn ins Seitenaus, damit der verletzte Torwart behandelt werden kann. Zu diesem Zeitpunkt steht es 5:4 für Heimsheim. Es wäre kurz vor Schluss der Partie der Ausgleich gewesen.
»Das Fairplay wird viel zu hoch gehängt. Ich werde bezahlt, um erfolgreich zu sein, und da kann ich keine Rücksichten auf Fairplay-Bemühungen nehmen. Wenn ein Mittelstürmer durchgeht, dann erwarte ich von meinem Libero ..., wenn der andere zu schnell ist, nicht, dass er ihn ummäht, ... aber es wird auch viel geredet vom humanen Foul. Zum Beispiel, dass er sich davorstellt, ihn blockt, das heißt sperrt ohne Ball. Das ist aber immer noch eine vernünftige Sache. Das erwarte ich von einem Spieler, und da zeigt sich sicherlich einerseits eine gewisse Unsportlichkeit, die durch die Regeln auch geahndet wird, aber auf der anderen Seite auch eine gewisse Cleverness. Und wenn das nicht mehr der Fall ist, dann werden wir im Fußball sicherlich viele Einbußen haben.« Ein C-Jugend-Auswahltrainer aus Niedersachsen (www.sportunterricht.de)
»Fairness heißt, fair spielen und wenn es sein muss foulen.« … Das ist die Definition eines 14-jährigen Jugendspielers einer niedersächsischen Bezirksklasse. Wer bisher geglaubt hat, im Fußballverein würden Jugendliche zu fairem Verhalten erzogen, den belehrt jetzt eine Studie eines Besseren: Je länger die Nachwuchskicker im Verein spielen, desto mehr verabschieden sie sich von der Idee des Fairplay. Das Ergebnis überrascht, weil Politiker und Pädagogen Sport in Vereinen und Verbänden seit jeher als Ort preisen, an dem Jugendliche »Toleranz, Streitanstand und Regelakzeptanz« lernen. … Nun zeigt sich: Auch als Erziehungsanstalt zu mehr Fairplay scheint der Fußballverein ein Mythos zu sein. … »Bereits in der B-Jugend lernen die Jugendlichen, dass es im Interesse des Erfolgs wichtig und richtig ist, Regeln zu verletzen«, sagt der Sportwissenschaftler Gunther Pilz. Jugendspieler mit einem klassischen Fairness-Verständnis bleiben in dem rauer werdenden Klima im Laufe einer Karriere im Sportverein offenbar auf der Strecke. … Das verwundert nicht, denn schon 6- bis 10-Jährige müssen sich auf dem Sportplatz Beschimpfungen ihrer Eltern anhören, wenn der Erfolg auszubleiben droht … Die Stimmung überträgt sich auf den Platz – je älter die Spieler und je stärker der Erfolgsdruck in den höheren Ligen, desto mehr. ... Süddeutsche Zeitung Wissen vom 31. August 2005, S. 8 (Marcus Anhäuser).
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