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Zeitschrift
Fußball und Politik Zur Faszination eines globalen Phänomens
Heft
1-2006, |
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Alle Fotos: picture-alliance/dpa
Bildet in der Klasse Dreier- oder Vierergruppen und besprecht die aufgelisteten Aussagen über den Fußball. Kreuzt eure Meinung an und begründet kurz, warum ihr euch so entschieden habt.
Manche Leute halten Fußball für eine Sache von Leben und Tod. Ich bin von dieser Einstellung sehr enttäuscht. Ich kann Ihnen versichern, es ist sehr viel wichtiger als das! Bill Shankly (ehemaliger Trainer des FC Liverpool)
Fußball ist ein Spiel der Freiheit, der Visionen und Gefühle. Fußball macht mich glücklich. Wenn ich auf ein Fußballfeld komme und dort liegt ein Ball, dann will ich mit ihm spielen. Das Stadion ist ein Ort der Kreativität. Cesar Luis Menotti (ehemaliger Trainer der argentinischen Nationalmannschaft)
Fußball ist der Leitstern unserer Kultur, wenn Kultur bedeutet, worüber die meisten reden, worauf die meisten fiebern, was die meisten wichtig finden, in welcher sprachlichen Währung die meisten miteinander verkehren. Dirk Schümer (Journalist)
Der Fußball ist einer der am weitesten verbreiteten religiösen Aberglauben unserer Zeit. Er ist das wirkliche Opium des Volkes. Umberto Eco (Schriftsteller)
Sie reisen oft hunderte von Kilometern, um ihren Verein bei Auswärtsspielen anzufeuern. Sie halten auch in schlechten Zeiten zu ihrem Verein, betreiben oder beschleunigen gelegentlich mal eine Trainerabwahl, kleiden sich stets in den Vereinsfarben, trinken Kaffee und Bier nur aus Tassen und Gläsern mit Vereinsemblemen und sind hauptsächlich in der Stehplatzkurve zu finden. Fußball ohne Fans – nicht vorstellbar. »Ich plane meine Woche nach dem Fußball. Man richtet sich einfach alles so ein, dass man zu jedem Heimspiel gehen kann.« Alexander Friebel, Fanclub »Die Almrollies« (Arminia Bielefeld)
»Ein Fußballfan entscheidet sich sehr früh für seinen Verein und dem bleibt er dann treu, das ganze Leben lang – in guten wie in schlechten Zeiten.« Tomas Pantel, Fanclub »Panther Stade« (Werder Bremen)
»Bei der Vorstellung, ein Heimspiel zu verpassen, werde ich krank.« Peter Maul, Fanclub »Supporters-Club« (1. FC Nürnberg)
»Es gab eine Zeit, in der Fußball das Wichtigste in meinem Leben war. Auch heute spielt er noch eine unglaublich wichtige Rolle, trotz Familie und Kindern.« Norbert Heidel, Fanclub »Hermanns treue Riege« (Hamburger SV)
»Einmal Borusse, immer Borusse«
»Oft träume ich von Gladbach, dass ich mitspiele und Tore schieße oder einfach mit meinen Freunden im Stadion sitze und die vielen Fanlieder singe.« Sven Körber, »Fanprojekt MG e. V.« (Borussia Mönchengladbach)
»Jeden Samstag werde ich schon am frühen Morgen unruhig.« Ralf Schindler, Fanclub »VfL-Freunde 97« (VfL Wolfsburg) Aus: Dieter Matz/Jens Meyer Odewald: Geschäft oder Leidenschaft? Fußball in Deutschland, Miko-Edition-Verlag, Hamburg 2003.
... Am 25. Juni 1988 feierte Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch in Österreich die Heilige Messe in Gurk. Als einer der Besucher diskret einen mitgebrachten Minifernseher anschaltete, um nebenher das EM-Finale Holland gegen Russland verfolgen zu können, ereiferten sich einige Besucher. Der Papst betet! Und dieser Vandale schaut Fußball! Johannes Paul II. hätte diesem Mann sicher die Absolution erteilt. Im Grunde hat er an jenem Tag nämlich dasselbe gemacht wie sein gläubiger Fan. Der Religionswissenschaftler Harald Baloch erinnert sich, dass man nach dem Gottesdienst am Altar im persönlichen Liedheft des Papstes einen handgeschriebenen Zettel gefunden hat, »auf dem zu lesen war, dass Holland 2:0, ›due a zero‹, in Führung liege. Offensichtlich hatte einer der Assistenten des Papstes gewusst, dass sich dieser auch für das Finalspiel interessierte und ihn aktuell informiert. An dieses Detail erinnere ich mich stets als eines der vielen Zeichen von Katholizität, das Johannes Paul II. setzte.« Katholisch, das heißt weltumspannend. Oder, wie es Klaus Augenthaler einmal sagte: »Wir leben alle auf dieser Erde, aber eben auf verschiedenen Spielhälften.« Außerhalb des Fußballs lebt heute keiner mehr, der Fußball ist zur Lingua franca im ansonsten unübersichtlichen Sprachgewirr geworden. ... Süddeutsche Zeitung vom 9. Juni 2005 (Axel Rühle).
»Kreativ – spontan – couragiert«, so übersetzt die Initiative »Blau-weiß statt Braun« die Buchstabenkombination KSC. Die Fans des Fußballvereins haben sich im Jahr 2000 zusammengefunden, als der Club von der Zweiten Bundesliga in die Regionalliga abgestiegen war und sich rechtsradikale Gruppen unter den Fans breitmachen wollten. Dem galt es entgegenzuwirken, wie Marion Jabs und Martin Löffler, Gründer von »Blau-weiß statt Braun«, ... berichteten. Die Gruppe erhielt den Ludwig-Marum-Preis der Karlsruher SPD. Die Sozialdemokraten ehrten damit das beständige und erfolgreiche Engagement des Vereins, die Mehrheit der KSC-Fans nicht nur gegen organisierte Neonazis und deren potenzielle Sympathisanten, sondern gegen jegliche Form von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu aktivieren. ... Sportbürgermeister Harald Denecken ... lobte etwa Unterschriftenaktionen von »Blau-weiß statt Braun« gegen rechtsradikale Umtriebe im Wildparkstadion. Der Verein setze sich außerdem gegen jede Form von Rassismus, Diffamierung und Fremdenfeindlichkeit ein. Die Mitglieder hielten sich stets mitten im Fanblock auf – bei Heim- wie Auswärtsspielen – und bekämen so Entwicklungen stets unmittelbar mit. So entzögen sie radikalen Gruppen die Plattform für ihre Ausbreitung. Fremdenhass und Nationalismus, ob unter Fußballfans oder in anderen gesellschaftlichen Gruppierungen, verursachten unendliches menschliches Leid, unterstützte Oberbürgermeister Heinz Fenrich in seinem Grußwort die integrativen Aktivitäten von »Blau-weiß statt Braun«. ... StadtZeitung Karlsruhe vom 12. November 2004.
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Frau Selmer, ist Fußball mittlerweile Frauensache? Natürlich. Insofern, als es viele Frauen gibt, die sich für Fußball interessieren. Auf die unterschiedlichste Art und Weise. Genauso wenig wie es den männlichen Fan gibt, gibt es den weiblichen. Aber so wie Fußball funktioniert, bleibt es dennoch eine Männersache. … Subjektiv bedeutet Fußball für viele Frauen … das Gleiche wie für Männer. … Trotzdem ist es etwas komplett anderes, wenn eine Frau mit einem Bierbecher in der Hand und einem Schal um den Hals grölend am Zaun hängt. Das sieht einfach anders aus in der Männerdomäne Fußball.
Auf so viel Exotik halten dann auch die Kameras gern drauf. Wenn ich Sportschau gucke oder Fußballübertragungen, sehe ich vor allem Frauen. Aber bei Leverkusen gegen Real war zu sehen, wie ein Mädchen mit Handtäschchen über der Schulter nach dem Abpfiff auf dem Zaun hing. Das passte überhaupt nicht, diese totale Fanpose mit Mädchenoutfit. Zur Exotik: Ich glaube, dass Frauen im Stadion total untergehen, es sei denn, das sind Sambatänzerinnen bei Spielen von Brasilien. …
Ist es weniger respektabel, der knackigen Kerle wegen Fan zu sein? Nein. Aber die Abgrenzung ist da sehr stark. Ich habe viele Frauen interviewt, die Groupies furchtbar finden und sagen, wir gehen wegen des Fußballs hin, auch wenn sie vielleicht mal auf die Beine schauen. Es gibt einen Fankodex, der voll auf männliche Fans zugeschnitten ist. Aber wenn man genau hinschaut: Ultras, die mit dem Rücken zum Spielfeld ins Megafon brüllen, kommen auch nicht nur wegen des Spiels. …
Seit wann sind Sie Fußballfan? Es war die WM 1982, da war ich zwölf und fand Kalle Rummenigge unheimlich süß. Die WM hat mich ein wenig angefixt, denn danach hab ich auch UEFA-Cup geguckt. Sogar allein.
Hängen Erfolg und Frauenanteil miteinander zusammen? Erfolg schafft Aufmerksamkeit. Für Männer sind die Wege zum Fußball breiter. Frauen brauchen andere Zugänge, als Groupies wie gesagt, aber auch durch Präsenz, wenn man die Spieler oft im Fernsehen sieht.
Außerdem sehen Fußballer mittlerweile besser aus und arbeiten am Image. Klar, aber da gibt es auch ganz viele Frauen, die das blöd finden, schnöselig. Der soll Fußball spielen.
Wie ist es bei Ihnen? Auf Beckham lass‘ ich nix kommen.
Nur sportlich? Na ja, seine Freistöße ... Er kann nicht alles, und Elfmeter kann er nicht [lacht]. …
Werden Männer und Frauen im Stadion irgendwann gleichberechtigt sein? Vielleicht gehen mal so viele Frauen wie Männer hin, aber nicht gleichberechtigt. Dafür ist die Geschichte dieses Sports zu männlich. Frankfurter Rundschau vom 5. November 2004 (Interview: Jan Freitag).
Nur noch wenige Minuten, dann wird der Schiedsrichter die Partie abpfeifen. Das Team in den blauen Trikots macht noch einmal Druck. Der Verteidiger mit der Rückennummer 8 ist aufgerückt, haut mit rechts drauf: Tor! Tor!! Tor!!! Doch statt 10.000 Fans jubeln nur einige wenige Familienangehörige. Denn der Torschütze ist erst zehn Jahre alt. Er heißt Michael Kern und ist Mitglied des FC Maur. »Ich spiele Fußball, weil es lässig ist, mit Kollegen zusammenzusein«, sagt Michi. »Und auch, weil ich ein GC-Fan bin.« Bei den Grasshoppers zu kicken – das ist sein Traum. Vor sechs Jahren kamen sechs Freunde in Maur (Schweiz) auf die Idee, einen Fußballklub zu gründen. Das Besondere: Es sollte ein Klub sein, der ausschließlich aus Jugendmannschaften besteht. »Wir ... glauben an die positiven Seiten des Fußballs«, sagt Sebastian Frei, Präsident des Klubs. »Fußball vereint junge und alte Menschen, Menschen verschiedener Herkunft und Religionen, egal ob reich oder arm.« Max Kern (43), der Vater von Michael, hat auch bodenständige Gründe für die Unterstützung seines Sohnes beim Hobby. »Erstens tun die Kids etwas für ihre Fitness«, sagt Kern. »Ich denke, es ist wichtig, dass sich Kinder neben Schule und Hausaufgaben auch körperlich betätigen.« Zweitens schätzt Papa Max, der selber Fußball gespielt hat, die soziale Komponente des Mannschaftssports. »Die Kinder lernen, dass man miteinander etwas erreichen kann, wenn man als Gruppe auftritt und funktioniert.« Schon jetzt ist die Familie Kern mit ihrem FC eng verbunden. Ein Elternteil ist immer beim Match dabei. … In einem festgelegten Turnus wäscht jede Familie die Spielertrikots, und für die Mütter der jungen Fußballer ist es Ehrensache, den selbstgebackenen Kuchen an dem von ihnen geführten Kiosk am Sportplatz … gleich auch selber zu verkaufen. »So sind unter den Familien viele Freundschaften entstanden«, erzählt Max Kern. Wie sagte doch Präsident Frei? »Fußball vereint Menschen.« Der Brückenbauer. Wochenblatt des Migros-Genossenschaftsbundes, Heft 25/2003, 17. Juni 2003, S. 30–33.
picture-alliance/dpa Unter dem Motto »Global Players – Fußball, Globalisierung und Außenpolitik« beschäftigten sich im Auswärtigen Amt Experten mit der Bedeutung des Fußballs für die Außen-, Entwicklungs- und Wirtschaftspolitik. ... [Auf] den ersten Blick [ist das] recht ungewöhnlich, leuchtet auf den zweiten indessen durchaus ein. Fußball ist wie keine andere Sportart global und hat mit Politik und speziell mit Außenpolitik mehr zu tun, als viele glauben ... Der ... Beauftragte der UNO für das Jahr des Sports, ... Adolf Ogi, wurde geradezu euphorisch: »Sport ist die beste Lebensschule. Im Fußball lerne ich zu gewinnen, ohne überheblich zu werden, ich lerne zu verlieren, ohne in Weltuntergangsstimmung zu machen, ich lerne den Gegner zu respektieren.«
Man muss diese überschäumende Begeisterung nicht teilen. Aber dass Fußball gerade in Ländern der Dritten Welt durchaus segensreiche Wirkungen entfalten kann, das zeigen viele Beispiele aus Afrika, Lateinamerika und Asien. ... [Die ehemalige] Staatsministerin Müller: »Positiv angewandt kann man mit Fußballförderung in zerrütteten Regionen und Ländern, wie zum Beispiel Afghanistan, zu einem gemeinsamen Kämpfen für etwas auf unbelastete Art und Weise beitragen.« In diesem erzkonservativen Land spielen auch Mädchen Fußball. Ein Projekt, das dem Außenministerium besonders wichtig ist, denn es legt Wert darauf, so Kerstin Müller: »… dass sich Toleranz und Gleichberechtigung nicht nur auf die Einbeziehung von verschiedenen Volksgruppen beziehen, sondern auch und gerade auf die Integration von Frauen und Mädchen in soziale Prozesse.» Das Auswärtige Amt trägt dem unter anderem durch die Finanzierung seines Fußballprojekts in Afghanistan Rechnung, denn hierzu gehören Turniere der privaten Mädchenfußballvereine, ebenso wie ein viertägiges Seminar für Fußballtrainerinnen.« Afghanistan ist ein Beispiel von vielen, Sri Lanka nach dem Tsunami ein anderes ... Schon 1952 hat das Auswärtige Amt Geld für die Sportförderung in Afrika, Lateinamerika und Asien bereitgestellt. Sie ist seit Jahrzehnten Bestandteil deutscher Entwicklungspolitik, aber lange hat man die Möglichkeiten im sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Bereich unterschätzt. Inzwischen gibt es erfolgreiche Fußballprogramme in den Slums Brasiliens und in Peru, in Südafrika und in Kalkutta. Im Norden Ugandas, wo einer der grausamsten Bürgerkriege herrscht und Kinder entführt und als Soldaten missbraucht werden, ist Fußball eines der Mittel, um die traumatisierten Jugendlichen wieder in die Gesellschaft zu integrieren. ... Deutschlandradio Kultur, 19. April 2005 (Margarete Limberg).
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