Zeitschrift 

 

Bilderwelten und Weltbilder

Medienkompetenz - Computer - Politische Bildung

 

 

Heft 1/2005, 
Hrsg.: LpB

 

 
 
 

EINLEITUNG

Jugendliche wachsen in immer komplexeren – und zunehmend auch digitalen – Medienwelten auf. Computer und Internet spielen in ihrem Alltag eine zunehmend größere Rolle. Dies betrifft sowohl deren Nutzung selbst als auch die Verfügbarkeit. So haben 96 Prozent aller Jugendlichen zu Hause Zugang zu einem PC; 85 Prozent verfügen über einen Internetzugang (JIM-Studie 2003, S. 17). Die PC-Tätigkeiten sind dabei äußerst vielfältig (siehe unten). Auch auf der subjektiven Bedeutungsebene ist der Computer immer stärker im Bewusstsein von Heranwachsenden verankert.

Bei der Frage nach der Unentbehrlichkeit verschiedener Medien kann sich das Fernsehen nur noch knapp vor dem Computer behaupten. Für männliche Jugendliche ist der Computer mittlerweile sogar wichtiger als das Fernsehgerät. Zeitungen spielen hingegen nur noch eine untergeordnete Rolle. Auch bei der Informationsbeschaffung wird der PC vor allem durch die Nutzung des Internets für Jugendliche immer wichtiger (JIM-Studie 2003, S. 55). Die moderne Informations- und Kommunikationstechnologie hat also mit enormer Geschwindigkeit Einzug in die Lebenswelt jugendlicher Nutzer gehalten. Die Schule steht nun vor der Wahl, diese Entwicklung zu beklagen – etwa im Hinblick auf den Verlust der Lesekultur –, oder aber zu versuchen, sie produktiv zu nutzen, indem die Arbeit mit dem Computer stärker als bisher in Lernprozesse integriert wird.

Medienkompetenz – Computer – politische Bildung
Die politische Bildung hat erst zaghaft damit begonnen, die Bedeutung der digitalen Medienrevolution wahrzunehmen und deren Folgen als Handlungsfeld zu definieren. Allerdings sei hier bereits klargestellt: Der Einsatz des Computers im Unterricht darf kein Selbstzweck sein. Vielmehr sollte er als ein vielfältig einsetzbares Werkzeug im Dienste von Lern-, Arbeits- und Kommunikationsprozessen betrachtet werden. Er ist somit nicht Mittelpunkt des Unterrichts, sondern ein – wenn auch zunehmend wichtiger werdendes – Mittel, das neue Möglichkeiten des Erkenntnisgewinns eröffnet, die bisher nicht oder nur mit großem Aufwand zu realisieren waren.



Die Liste der regelmäßigen Tätigkeiten am Computer – hier gemessen an der Frequenz »mache ich täglich bzw. mehrmals pro Woche« – wird von der Nutzung des Internets angeführt.
Quelle: JIM-Studie 2003, S. 24.

Dabei sollte nicht übersehen werden, dass trotz der rasanten technischen Entwicklung die Nutzung des Computers als Lernmedium noch verhältnismäßig jung ist und erst in den letzten zehn Jahren eine größere schulpraktische Relevanz entfaltet hat. Erst mit der zunehmenden Verfügbarkeit leistungsfähiger und preiswerter Hardware wandelte sich der Computer in den 1990er-Jahren immer stärker zu einer Multimedia-Maschine, die der politischen Bildung im Hinblick auf erweiterte Präsentations- und Interaktionsmöglichkeiten sowie selbst gesteuertem Lernen neue Anwendungsfelder eröffnete. Verstärkt wurde dieser Trend durch den Siegeszug des Internets. Der PC wurde nun auch zu einem bedeutenden Informations- und Kommunikationsmedium.

Die Zeit schien nun reif für eine völlig neue Art von Lernsoftware, die Lernen anschaulicher, schneller, effektiver und unterhaltsamer gestalten sollte. Einige »Technikeuphoriker« prognostizierten bereits das Ende des öffentlichen Bildungssystems. Von dieser Computereuphorie um die Jahrtausendwende ist wenig geblieben. In den meisten Fächern konnte die Entwicklung geeigneter multimedialer Lernprogramme nicht mit der skizzierten Entwicklung mithalten. So ist das Angebot an multimedialen Lernprogrammen für den Bereich der politischen Bildung sowohl quantitativ als auch qualitativ bei weitem noch nicht ausreichend.

Etwas positiver stellt sich die Situation für das Internet dar, wo inzwischen eine Vielzahl hochwertiger Informationsangebote vorhanden ist. Allerdings steht man hier sehr schnell vor dem Problem einer zu großen Informationsfülle, die weder für Lehrende noch für Lernende zu bewältigen ist.

Welche Gründe sprechen für den verstärkten Einsatz des Computers im Politikunterricht? Computerbasierte Medien beeinflussen heute schon nicht nur massiv den Alltag der meisten Schülerinnen und Schüler, sondern ebenso deren künftige Arbeits- und Berufswelt. Zudem ist der Computer zu einem wichtigen Instrument der politischen Information geworden. Regierungen, Parlamente, Parteien und Nichtregierungsorganisationen betreiben umfangreiche Internetportale; auch die gesamte politische Publizistik ist im Netz vertreten. Hinzu kommt eine Vielzahl von multimedialen CD-ROMs, die sowohl von staatlichen als auch von nichtstaatlichen Einrichtungen angeboten werden. Diese Recherchemöglichkeiten erweitern das Spektrum an Informationsmöglichkeiten erheblich.

Jenseits dieser Angebote tummeln sich im Netz noch unzählige andere Anbieter, viele davon sind seriös, manche bedenklich, oft sogar gefährlich. Hier ist Aufklärungsarbeit erforderlich, da im Internet strukturell eine Gleichwertigkeit unterschiedlicher Informationsquellen »vorgegaukelt« wird. So kann es bei einer Webrecherche durchaus vorkommen, dass in einer Ergebnisliste ein seriöses Webangebot direkt neben antisemitischen Hetzseiten aufgelistet wird. Hier gilt es, Jugendliche zur Unterscheidung von geeigneten und zweifelhaften Quellen zu befähigen.

Neben der Nutzung des Internets kann der PC auch in anderen unterrichtlichen Kontexten genutzt werden. So lassen sich »traditionelle« Lernprodukte wie Texte, Plakate, Collagen usw. mit dem Computer oftmals besser und flexibler herstellen als bisher. Hinzu treten völlig neue Möglichkeiten, wie zum Beispiel die multimediale Aufbereitung von Präsentationen, Webseiten oder Bildproduktionen mit Hilfe digitaler Bildbearbeitungssoftware. Computer sind also für den Politikunterricht als vielseitige Arbeitswerkzeuge interessant. Die politische Bildung sollte sie deshalb verstärkt in ihr methodisches und mediales Angebot integrieren.

Dabei sollte es primär nicht darum gehen, den technischen Umgang mit Computern und Software zu erlernen. Dies ist zwar wichtig, weil entgegen weit verbreiteter Annahmen die PC-Kenntnisse vieler Jugendlicher bei weitem nicht so gut zu sein scheinen, wie meist angenommen wird. Die PC-Kenntnisse beschränken sich auch bei Jugendlichen, die einen Großteil ihrer Freizeit vor dem Computer verbringen, oftmals auf wenige Grundfunktionen von Standardanwendungen (JIM-Studie 2003, S. 59f.). Wichtiger erscheint es in diesem Zusammenhang, im Politikunterricht einen souveränen und kritisch-reflektierten Umgang mit computerbasierten Medien anzubahnen und so Medienkompetenz zu entwickeln.

Medienkompetenz – eine politische Kategorie?
Was aber bedeutet Medienkompetenz für den Politikunterricht? Obwohl das Wort in aller Munde ist, erweist es sich bei näherer Betrachtung als ein Begriff mit offenen Rändern. Kurz definiert umfasst Medienkompetenz Fähigkeiten und Fertigkeiten, die ein Einzelner benötigt, um selbstbestimmt, kreativ und sozial verantwortlich mit Medien umzugehen und diese zur Gestaltung der eigenen Lebenswelt sowie zur Teilhabe und Mitgestaltung in der Gesellschaft zu nutzen.

Dazu gehören beispielsweise:

  • Kenntnisse über verschiedene Medienangebote und deren Nutzen
    w die Fähigkeit, eine sinnvolle, von eigenen Bedürfnissen geleitete Auswahl zur Information, Bildung und zur Unterhaltung treffen zu können
  • eigene Mediennutzung und Medienwirkungen zu reflektieren
    w über technisches Wissen bezüglich verschiedener Medien zu verfügen, also mit Geräten umgehen zu können
  • die Fähigkeit, die jeweilige »Mediensprache« verstehen und analysieren zu können
  • Produktionsbedingungen von Medien und ihren Bezug zur gesellschaftlichen Wirklichkeit zu kennen und kritisch beurteilen zu können
  • Urteilsfähigkeit gegenüber Medienbotschaften zu entwickeln
  • Medien selbst gestalten und zur Kommunikation einsetzen zu können, um so die eigene Handlungs- und Ausdrucksfähigkeit zu erweitern
  • kritisch über Begriffe wie Realität, Wahrheit, Information, Wissen, Manipulation usw. zu reflektieren.

Diese Teilkompetenzen haben alle einen mehr oder minder stark ausgeprägten Bezug zu Zielen und Aufgaben der politischen Bildung. Medienkompetenz ist somit auch eine politische Kategorie (Ulrich Sarcinelli, 2000, S. 43). Allerdings ist politische Bildung nicht deckungsgleich mit Medienpädagogik, auch wenn medienpädagogische Elemente für sie wichtig sind. Medien sind für die politische Bildung deshalb interessant, weil sie die Schlüsselinstanz der Politikvermittlung sind. Darüber hinaus haben sie sich selbst zu einem wichtigen Teil des Politikprozesses entwickelt. Politik ist für die meisten Bürgerinnen und Bürger das, was in den Medien als Politik erscheint und vermittelt wird. Die mediale Inszenierung von Politik steht zum Teil für die Wirklichkeit der politischen Willensbildung. Was in dieser Inszenierung nicht vorkommt, »existiert« politisch nicht.

Die Entwicklung von Medienkompetenz sollte deshalb als eine grundsätzliche Aufgabe politischer Bildung angesehen werden. Die Informationsflut, die tagtäglich im Fernsehen, in den Printmedien und via Internet über den Einzelnen hereinbricht, bedarf der Einordnung, Verarbeitung und kritischen Reflexion. Aufgabe politischer Bildung ist es, hier Unterstützung zu leisten, um Medienkompetenz als »Basisqualifikation des demokratischen Bürgers« (Peter Massing, 2002, S. 43f.) aufzubauen, »um sich selbst politische Sachverhalte, politische Probleme sowie politische Entscheidungen und ihre Folgen erschließen zu können. Dazu gehört auch, sich selbstständig und gezielt über Massenmedien und Neue Medien Informationen zu beschaffen, auszuwählen und kritisch zu bearbeiten« (Peter Massing, 2000, S. 37).

In der didaktischen Diskussion und in der täglichen Unterrichtspraxis wird die Arbeit mit Medien allerdings meist noch zu sehr auf das Leitbild des kritischen Zeitungslesers verengt. Die Vorstellung, das gedruckte Wort sei auch weiterhin das Leitmedium, scheint an der Realität der Mediensozialisation der meisten Jugendlichen vorbeizugehen. Politische Bildung wird Medienkompetenz nur vermitteln und fördern können, wenn sie den aktiven Umgang mit verschiedenen Medien und die Gestaltung von Medienprodukten selbst zum Thema des Unterrichts macht und trainiert. Genau hier liegen die Anknüpfungspunkte zum vorliegenden Heft.

In Zeiten von PISA und der OECD-Studien kommen auf die Lehrkräfte vielfältige neue Aufgaben und Anforderungen zu. Dazu zählen auch der verstärkte Lerneinsatz des Computers und die Vermittlung von Medienkompetenz in der Vielschichtigkeit des Begriffes. Eine Untersuchung des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest hat ergeben, dass Lehrkräfte mit dem Stichwort Medienkompetenz »hauptsächlich das kritische Hinterfragen und die selbst bestimmte Nutzung von Medien« verbinden, weniger aber »medienpraktische Fertigkeiten oder Hintergrundwissen über Produktionsbedingungen«. Übersehen wird hier, so die Studie, »dass medienpraktische Kenntnisse einen wichtigen Teil des Weges hin zur kritischen Reflexion über Medien ausmachen« (Lehrer/-innen und Medien 2003, S. 50).

Neue Bildungspläne
Computergestütztes Lernen entzieht sich den starren Formen herkömmlichen Unterrichts und erfordert zumeist offenere und selbsttätigere Lernformen. Diese Lernformen decken sich mit den neu in Kraft getretenen Bildungsplänen. Diese weisen der Informationstechnischen Grundbildung (ITG) in allen Schularten eine gestärkte und bedeutsame Stellung zu. Die dortigen Bildungsstandards gliedern sich in die drei Kompetenzbereiche

  • selbstständiges Lernen und Arbeiten mit informationstechnischen Werkzeugen
  • Zusammenarbeiten und Kommunizieren
  • Entwickeln, Zusammenhänge verstehen und Reflektieren.

Die Vermittlung der Informationstechnischen Grundbildung soll dabei handlungsorientiert und immer in Zusammenhang mit fachlichen Inhalten erfolgen. Offene Lernformen, Gruppenunterricht und Projektarbeit stehen im Vordergrund. Umgekehrt sollen diese Unterrichtsformen durch den Einsatz der Informations- und Kommunikationstechnologie gefördert und unterstützt werden.

Da die Informationstechnische Grundbildung nun im Zusammenhang mit den »klassischen« Schulfächern stattfindet, ergeben sich für die politische Bildung interessante Möglichkeiten. Weil auch in den Fächerverbünden, in die die Gemeinschaftskunde als Kernfach politischer Bildung in der Haupt- und Realschule sowie im Gymnasium integriert wurde, dem Aufbau von Medienkompetenz ein zentraler Stellenwert zugewiesen wird, sind hier vielfältige Verknüpfungen mit der Informationstechnischen Grundbildung denkbar. Einige dieser Möglichkeiten sollen exemplarisch in den Bausteinen beschrieben werden. Dabei wurde auch auf Fächer verbindende Elemente – z. B. mit den Fächern Geschichte, Deutsch, Bildende Kunst, Englisch und Religion bzw. Ethik – Wert gelegt.

Zur Konzeption dieses Heftes
Das vorliegende Heft ist in drei Bausteine und einen Informationsteil für Lehrerinnen und Lehrer aufgeteilt, der im Internet @ angeboten wird (www.politikundunterricht.de/1_05/bilderwelten.htm).

Die drei Bausteine präsentieren jeweils ein zentrales digitales Werkzeug des Politikunterrichts: digitale Bildbearbeitung, grafische Darstellung von Daten sowie das Internet. Zur Bearbeitung und intensiven Auseinandersetzung mit den Bausteinen ist lediglich die an praktisch allen Schulen vorhandene Standardsoftware notwendig. Die Bausteine sind so konzipiert, dass auch Lehrerinnen und Lehrer mit weniger PC-Erfahrung erste Wege zur Integration dieser digitalen Werkzeuge in den Unterricht gehen können. Die Verknüpfung »klassischer« und »neuer« Unterrichtsmedien zu so genannten hybriden Lehr-Lern-Arrangements steht dabei im Vordergrund. Sie sollen ganz bewusst keine spektakulären »Leuchtturmprojekte« sein, sondern wollen aufzeigen, wie im alltäglichen Unterricht mit dem PC gearbeitet werden kann.

Baustein A beschäftigt sich mit den Möglichkeiten digitaler Bildbearbeitung, wie sie in den Medien inzwischen tagtäglich praktiziert werden. Dieser Teil stellt etwas höhere Anforderungen an das technische Know-how sowohl von Lehrerinnen und Lehrern als auch von Schülerinnen und Schülern, eröffnet aber dem Politikunterricht faszinierende Möglichkeiten des Erkenntnisgewinns, die ohne den Computer überhaupt nicht realisierbar wären.

Baustein B zeigt Möglichkeiten auf, wie die ansonsten vor allem im Mathematikunterricht eingesetzten Tabellenkalkulationsprogramme für die politische Bildung nutzbar gemacht werden können. Hier geht es vor allem um die grafischen Darstellungs- und Präsentationsmöglichkeiten von Inhalten und Daten, nicht zuletzt auch um »Tricks« bei der Präsentation von Datenmaterial. Die Schülerinnen und Schüler lernen hier, grafisch aufbereitete Darstellungen selbst anzufertigen bzw. kritisch zu hinterfragen.

Baustein C thematisiert die Einsatzmöglichkeiten des Internets zur Bearbeitung komplexer Frage- und Aufgabenstellungen am Beispiel von Verschwörungstheorien, die im Internet große Verbreitung finden.

Einen besonderen Service bieten die zum Heft gehörenden Materialien im Internet @. Sie enthalten:
w die zur Vertiefung der Arbeit mit den einzelnen Bausteinen benötigten Arbeitsmaterialien
w sowie einen zusätzlichen, nicht in der Printversion des Heftes enthaltenen Informationsteil für Lehrerinnen und Lehrer, der technische und didaktische Hilfestellungen bei der Entwicklung internetunterstützter Unterrichtsangebote wie z. B. so genannter WebQuests gibt.

Diese zusätzlichen Teile und Materialien sind – wie das gesamte Heft auch – im Internet (www.politikundunterricht.de/1_05/bilderwelten.htm) abrufbar.
 


 


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