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Zeitschrift Regionen in BAUSTEIN C Großregionen in Baden-Württemberg Heft 1/2001 , Hrsg.: LpB |
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Während die Bausteine A und B den grundlegenden Nachweis
von real existierenden Regionalidentitäten erbringen, geht
es im dritten Schritt um die zahlreichen Probleme, die sich
mit dem Begriff der Region verbinden. Was zunächst anschaulich
und griffig erscheint, zeigt sich bei näherem Hinsehen
als klärungsbedürftig. Eine erste Annäherung
erreicht man über die historischen Großregionen.
Es gehört zu den Besonderheiten von Baden-Württemberg,
dass dieser Regionentyp hier ein großes Gewicht im Bewusstsein
der Bevölkerung hat. Dies gilt nicht nur für den immer
wieder beschworenen Unterschied zwischen Baden und Württemberg.
Geografische und historische Kleinkammrigkeit Um die regionale Vielfalt in Baden-Württemberg deutlich zu machen, werden die historischen Großregionen exemplarisch dargestellt. Eine weitere Differenzierung muss aus Platzgründen unterbleiben. Es fehlen zum Beispiel entsprechende Abschnitte über die ehemalige Markgrafschaft Baden, über Hohenzollern, das Allgäu und die Schwäbische Alb. Insbesondere soll hier die historische Tiefendimension von regionalen Identitäten zu ahnen und zu spüren sein, schließlich sind sie ein wichtiger Bezugsraum in der individuellen, geschichteten räumlichen Identität der Baden-Württemberger. Nicht zuletzt gilt diese deutliche regionale Gliederung Baden-Württembergs für die Mentalität seiner Bevölkerung. Historisch-traditionelle Untergrundströmungen treffen dabei mit modernen Tendenzen zusammen. Für den starken Trend zum Regionalen gibt es in Baden-Württemberg eine Reihe spezieller Gründe. Die folgenden Merkmale begünstigen diesen Trend. Faktoren der regionalen Gliederung in Baden-Württemberg
Eine Landesbildung aus dem Geist des Regionalismus Die Südweststaatsbewegung ist teils explizit, teils implizit immer wieder als Sieg rationaler Großräumigkeit über veralteten Kantönligeist gefeiert worden. Fraglos waren die SPD und die Gewerkschaften bei ihrem Einsatz für den Südweststaat von solchen Einstellungen und Zielvorstellungen geprägt, ebenso die nordwürttembergische CDU und FDP. Ein völlig anderes Bild ergibt sich jedoch, sobald man die südbadische und südwürttembergische CDU betrachtet. Hier gab es entweder starke Kräfte gegen die Neugliederung oder - und das ist in der Literatur lange Zeit gar nicht beachtet worden - ihre Zustimmung zum Südweststaat geschah und geschieht nicht aus dem Verlangen nach einer starken Zentralgewalt, sondern viel eher als faktische Absicherung gegen den immer gefürchteten Stuttgarter Zentralismus. Ohne dass es in der damaligen Diskussion ausdrücklich genannt wurde, bedeutet das nichts anderes als eine organisierte Abwehrfront des Regionalismus gegen das als übermächtig empfundene Stuttgart. Gerade durch die gleichzeitige Eingliederung der starken Regionen Südbaden und Oberschwaben wurden neue Binnenstrukturen geschaffen. Die Neubildung des Landes Baden-Württemberg von 1948
bis 1952 bedeutet deshalb bei Lichte besehen über weite
Strecken nicht eine Verstärkung des Trends zum Zentralismus
hin, sondern ist im Gegenteil unauflöslich mit dem starken
Regionalismus der frühen Nachkriegszeit verknüpft.
Die "flächendeckende Regionalisierung" (Bausinger)3
ist nicht ein neues Produkt, sondern ein Kern- und Erbstück
des Landes Baden-Württemberg von Anfang an. In der 1996 erschienenen Ausgabe des eben erwähnten Bandes sind die Regionen ein wichtiges Element. Die parallele Entwicklung einer Reihe von Bänden der Landeszentrale zu den Regionen (Südbaden, Oberschwaben, Hohenlohe, Hohenzollern und Kurpfalz) ist ebenfalls Ausdruck dieser Entwicklung. Bei der Konzeption der Werbekampagne des Landes (Wir können alles. Außer Hochdeutsch.) wurden die Regionen als unumgehbare Größen vorausgesetzt und produktiv einbezogen - eine Art von offiziellem, zentralstaatlichem Ritterschlag für die Vitalität der regionalen Identitäten in Baden-Württemberg. Württemberg (C 1 bis C 7) Unbestritten ist, dass sich angesichts der territorialen
Zersplitterung des Südwestens das Herzogtum Württemberg
seit dem 16. Jahrhundert eine Sonderstellung erwerben konnte.
Von sich weltläufig gebenden Liberalen wurde bereits im
19. Jahrhundert das Zentrum Stuttgart oft belächelt. Mit
seinen 50.000 Einwohnern entwickelte es seine Mittelpunktfunktion
erst im Zeichen der Industrialisierung. Die hier im Gegensatz
zu Hohenlohe und Oberschwaben praktizierte Realteilung beim
Erbe machte die Anwesen der Bauern immer kleiner und ihren wirtschaftlichen
Ertrag gering. Auch bei der Industrialisierung entstanden viele
kleinste und kleine Betriebe; Großbetriebe waren eher
die Ausnahme. Handwerk und Mittelstand beherrschen so noch heute
die wirtschaftliche Struktur Württembergs. Oberschwaben (C 8 bis C 14) Oberschwaben ist in vielem das Gegenstück zu den altwürttembergischen
Verhältnissen.4 Die unfreiwilligen Neuwürttemberger
waren bis auf ein paar reichsstädtische Einsprengsel wie
Isny eindeutig katholisch geprägt. Ein Drittel des Landes
war bis 1806 unter Klosterherrschaft. Die aufwändige barocke
Um- und Neugestaltung von Kirchen und Klöstern machte den
konfessionellen Unterschied zu Altwürttemberg auch architektonisch
offensichtlich. Hohenlohe (C 15 bis C 23) In gleicher Weise wie Oberschwaben wird 1806 auch Hohenlohe von Napoleons Gnaden in das neue Königreich Württemberg einverleibt. Hohenlohe war zunächst ein dynastischer Begriff (nach den Edelherren von Hohenlohe) und wurde dann ein geografischer - auch wenn die württembergischen Karten von 1810 diese Erinnerung durch die Bezeichnung Württembergisch Franken zu verdrängen gedachten.7 Beispielhaft zeigt sich an der Namengebung, dass diese Region, welche die Landkreise Schwäbisch Hall, Hohenlohekreis und den südlichen Teil des Main-Tauber-Kreises umfasst, mehr an Identifikationskraft entwickelte als man es lange Zeit glauben mochte. Ähnlich wie bei Oberschwaben ist es bei genauer Betrachtung ein Flickenteppich aus Fürstentümern, der aus Erbteilungen und konfessioneller Verschiedenheit hervorging und gleich eine Reihe von kleinen hohenlohischen Residenzstädtchen hervorbrachte: Öhringen, Weikersheim, Kirchberg an der Jagst, Langenburg und Waldenburg, Neuenstein und Bartenstein. Hinzu kamen Mergentheim und sein Umfeld als Besitz des Deutschen Ordens und die Reichsstadt Hall, die sich von nun an Schwäbisch Hall zu nennen hatte, sowie viele kleinere Herrschaften. Auch hier zeigte die neue württembergische Herrschaft mit Nachdruck ihre Macht, gelegentlich sogar blutig. Auch wenn die neuen württembergischen Untertanen im Gegensatz zu den Oberschwaben evangelisch waren, so misstraute man ihnen in Stuttgart gründlich. In Oberschwaben wie in Hohenlohe wurde die Revolution von 1848 als Chance gesehen, die Verhältnisse neu zu gestalten. Auch als Teil des Königreichs Württemberg blieb Hohenlohe ein ausgesprochen agrarisches Gebiet. Erst seit Mitte der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts holte Hohenlohe gegenüber den anderen Regionen auf; insbesondere durch die Anbindung über neue Autobahnen. Das Qualifikationsniveau der industriell Beschäftigten und das Lohnniveau liegen aber bis heute noch unter dem Landesdurchschnitt, bei großen Unterschieden zwischen den Branchen. Der größte Unterschied zu den bisher genannten Regionen liegt darin, dass Hohenlohe bis heute Spannungen zwischen Mergentheimern, Hallern und den übrigen Hohenlohern kennt. Doch Hohenlohe bildet ein einheitliches Dialektgebiet, in dem das Hohenloher Fränkische bis heute, mitunter verstärkt gesprochen wird. Die Mundart unterscheidet sich deutlich vom Schwäbischen. Die Materialien präsentieren deshalb neben den Grundinformationen über Hohenlohe vor allem Beispiele des Hohenloher Dialekts, weil mit der sprachlichen Form etwas von der Hohenloher Mentalität transportiert wird (C 19, C 20). Kurpfalz (C 24 bis C 31) Das Gebiet um Mannheim und Heidelberg ist kurpfälzisches Kernland und wurde seit 1214 von den Wittelsbachern regiert. Schon mit der Nennung dieses Herrscherhauses ist klar, wie gründlich sich diese Region von den anderen bisher vorgestellten unterscheidet. Es war ein "kleines Land mit zu hohem Anspruch seiner Landesherrn".8 Erbfolgekriege im 16. und 17. Jahrhundert ruinierten ein blühendes Land. Friedrich V. ging als "Winterkönig" in Prag in die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges ein. Die Ruine des Heidelberger Schlosses ist ein eindrucksvolles Mahnmal an den Versuch Ludwig XIV., die Pfalz in einem weiteren Erbfolgekrieg nicht nur zu erobern und zu zerstören, sondern nach Frankreich zu inkorporieren. Spannungen zwischen den katholischen Wittelsbachern und ihren reformierten Untertanen begünstigten die Verlegung der Residenz nach Mannheim. 1778 konnte Kurfürst Karl Theodor Bayern und die Kurpfalz nach Jahrhunderten wieder vereinen und verlegte seine Residenz - zum Missvergnügen der Münchner wie der Mannheimer - nach München. Napoleon löste 1806 die alte Kurpfalz auf und schlug die rechtsrheinischen Gebiete dem neu gebildeten Großherzogtum Baden zu. Links- und rechtsrheinische Pfalz sind seither durch Landesgrenzen getrennt. Durch eine liberale Verfassungs- und Verwaltungspraxis gelang es dem neuen badischen Staat jedoch recht rasch, den neuen Untertanen den Verlust der Wittelsbacher Herrschaftstradition schmackhaft zu machen und ihnen die neue Identifikation mit Baden zu erleichtern. Dennoch blieben eine einheitliche Mentalität der Pfälzer hiwwe un driwwe sowie eine gemeinsame politische Kultur erhalten. Eine landschaftliche und dialektmäßige Einheit kommt zu den gemeinsamen Wurzeln hinzu. Auch die Gedankenspiele einer Neugliederung nach 1945 und im Zusammenhang mit der Südweststaatsbildung haben an diesen Grundgegebenheiten von Trennung und Einheit nichts Wesentliches mehr verändert. Südbaden (C 32 bis C 41) Aus der Entstehungsgeschichte wird klar, dass das Großherzogtum und spätere Land Baden ein sehr heterogenes Gebilde ist. Anders als Stuttgart ist Karlsruhe nicht der unangefochtene Mittelpunkt einer Kernlandschaft, sondern steht in deutlicher Konkurrenz zu Freiburg und Mannheim. Dass nach der Teilung des Landes Baden durch die alliierten Siegermächte Leo Wohleb Freiburg als neue Landeshauptstadt nicht nur des provisorischen Landes Südbaden, sondern auch als künftigen Mittelpunkt des wieder herzustellenden Landes Baden propagieren konnte, liegt darin begründet. Baden und Württemberg sind die bis heute nicht nur begrifflich sichtbaren Bestandteile des deutschen Südwestens. Über die mentalitätsmäßigen Gegensätze von Badenern und Württembergern, über die nachweisbaren Differenzen in der politischen Kultur (bis hin zur Theorie des Nächstenhasses bei Theodor Eschenburg), über ihre geografischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wurzeln ist viel geschrieben worden. Die Unterschiede sind immerhin so groß, dass Hermann Bausinger Recht hat, wenn er meint, erst durch die kleinregionale Verzahnung von Württemberg und Baden und die regionale Aufgliederung der beiden ehemaligen Länder sei es möglich geworden, überhaupt eine erfolgreiche Südweststaatsbildung zu vollziehen. Die Materialien wollen demonstrieren, dass entgegen allem forcierten Optimismus der jeweiligen landespolitischen Prominenz kräftige Meinungsunterschiede bis heute erhalten geblieben sind. Zum Weiteren sollen sie zeigen, dass hier bis heute andere Traditionslinien als in Altwürttemberg betont und gefeiert werden. Die Materialien sollen im Falle Südbaden vor allem zeigen, dass hier eine deutlich andere politische Kultur herrscht, die sich bei der Auseinandersetzung um das geplante Atomkraftwerk in Wyhl auch mit Dialekt bewusst in Szene setzt. Dass der Gedenkstein (C 39) dies auch zeigt, ist ein besonderer Glücksfall. Unterrichtspraktische Hinweise Insgesamt werden die Großregionen nach einem einheitlichen Grundmuster präsentiert, zugleich wird aber versucht, den Schülern durch diese Seiten das spezielle Profil von Land und Leuten nahe zu bringen. Die Prominentenfrage soll auflockern und zugleich historisches Regionalkolorit vermitteln. Der gesamte Bereich der Großregionen kann damit begonnen werden, dass die Schüler zunächst ihre eigene historische Großregion definieren. Je nach Wohnort kann dies trivial oder - etwa in Grenzregionen - bereits recht schwierig sein. Durch die entsprechenden Karten wird die Zugehörigkeit zum Dialektbereich und zum Wirtschaftszentrum ausfindig gemacht. Die Bedeutung und die Produktpalette der aufgeführten Firmen lassen sich herausfinden. Der Schüler kann hier eine Fülle von Informationen selbst beschaffen. Damit erschließt sich für die Schüler das Wirtschaftspotenzial ihres erfahrbaren Nahbereichs und macht die oft gerühmte Wirtschaftskraft Baden-Württembergs zu einer für sie greifbaren Größe. Gefragt werden sollte ferner nach dem Bild, das hier von "Land und Leuten" entworfen wird und nach der Stimmigkeit des Steckbriefs der Region, wie ihn der entsprechende Abschnitt zeichnet. Besonders lohnend dürfte es sein, von der dargebotenen Grobskizze aus ein verfeinertes Bild der Großregion etwa in Form einer selbst erstellten Collage mit Bildern und Texten anfertigen zu lassen. Hier sind Unterrichtsmöglichkeiten bis hin zum Projekt denkbar. Die eigenständige Materialsuche durch Schüler, die Verwendung von Bildmaterial und die Präsentation ermöglichen Freiarbeit und handlungsorientierten Unterricht. Mögliche Aufgaben Was erfährt man aus dem jeweiligen Abschnitt über
Land und Leute? Was unterscheidet diese Region von anderen?
Formuliere einen Steckbrief der Region. Was verbindet diese
Region? Was produzieren die aufgeführten Firmen? Wofür
sind sie bekannt? Beschaffe dir Material über die Firmen
aus den gelben Seiten, aus dem Wirtschaftsteil von Zeitungen
und aus dem Internet. Falls du in dieser Region wohnst: Welche
Firmen fehlen deiner Meinung nach? Welche weiteren Informationen
hältst du bei deiner Region noch für wichtig? Wie
könnte man sie in Bild und Text darstellen? 1 Hermann Bausinger: op. cit., S. 18 2 Hermann Bausinger: op. cit., S. 19f 3 Hermann Bausinger im Vorwort zum zitierten Buch 4 Dieses Bild zeichnen plastisch und materialreich die Aufsätze von Hans-Georg Wehling zum Thema Oberschwaben (siehe Literaturverzeichnis). Ebenso verfährt Elmar L. Kuhn: Oberschwaben - Politische Landschaft, Bewusstseinslandschaft, Geschichtslandschaft. In: Allmende Nr. 54/55 17. Jg. (1997); S. 177-202 5 Heinz Pfefferle: Politische Identitätsbildung in Württemberg-Hohenzollern (1945-1952). Die Renaissance oberschwäbischen Regionalbewusstseins, Weinheim 1997, insbes. S. 260ff. 6 Elmar L. Kuhn: op. cit., S. 197ff. 7 Otto Bauschert (Hrsg.) Hohenlohe, Stuttgart 1993, S. 13 8 Alexander Schweickert (Hrsg.): Kurpfalz, Stuttgart 1997, S. 35
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